Die Ukraine strebt an, die gesamte Logistik an der Front im Krieg gegen die russische Invasion von unbemannten Systemen übernehmen zu lassen. Das ist eine Folge der durch die zunehmende Drohnenkriegführung entlang der Frontlinien entstandenen „Kill Zone“ mit ständiger Bedrohung aller Truppenbewegungen und des ohnehin bestehenden Personalmangels der ukrainischen Streitkräfte. Wie Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow Mitte April erklärte, würden dazu im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 25.000 unbemannte Bodenfahrzeuge (UGV) bestellt, mehr als doppelt so viele wie im gesamten Vorjahr.
Allein im März hätten die Streitkräfte über 9.000 UGV-Einsätze zu Logistik- und Evakuierungszwecken durchgeführt, so Fedorow. Kurz zuvor hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj die Zahl unbemannter Mission in den vergangenen drei Monaten mit über 22.000 angegeben. Besonders hatte er auf den ersten Fall hingewiesen, in dem eine befestigte russische Stellung in der Oblast Charkow nur durch unbemannte Luft- und Bodensysteme eingenommen worden sei. Russische Soldaten hätten dabei ein Pappschild mit der Aufschrift „Wir wollen uns ergeben“ gezeigt und seien von Drohnen in Gefangenschaft geleitet worden.
Ukraine nutzt gezielt gegnerische Truppenstärke ab
Obwohl sicherlich ein Einzelfall, stellt dies auch den Grundsatz in Frage, dass Gelände letztlich immer noch nur von menschlichen Soldaten besetzt und gehalten werden kann. Deutlich wird mittlerweile, dass selbst Russland bei seinen personellen Ressourcen für Offensivoperationen an Grenzen stößt. Im März hatte es netto sogar etwas Gelände verloren. Russischen Militärbloggern zufolge ist die Ukraine von einer Strategie der Geländeverteidigung zur gezielten Abnutzung der gegnerischen Truppenstärke übergegangen, wobei teilweise bis zu 70 Drohnen gegen einen einzelnen Soldaten eingesetzt würden.

Diese Situation trägt auch zu einer Erklärung dafür bei, dass Russland im vergangenen Monat zum wiederholten Mal seine Rekrutierungsziele für den Ukrainekrieg nicht erreicht hat. Militärblogger beklagen zudem weiterhin, dass selbst wertvolle Spezialisten an der Front für Sturmangriffe „verheizt“ würden. Insgesamt könne man die jetzige Kriegführung nur noch anderthalb bis zwei Jahre ohne eine zumindest teilweise allgemeine Mobilmachung durchhalten. Auch hinter der Front müsse man die vorhandenen Ressourcen auf die Abwehr von Langstrecken-Drohnenangriffen konzentrieren, die mittlerweile ernsthafte Auswirkungen auf die Wirtschaft des Landes haben.
Dagegen setzt die Ukraine konsequent weiter auf die Automatisierung des Krieges und hat im vergangenen Jahr sogar Männern im Alter von 18 bis 22 Jahren wieder die Ausreise erlaubt. Umgekehrt haben Fronteinheiten seit Beginn des Jahres laut Verteidigungsminister Fedorow durch ein elektronisches Beschaffungssystem über 181.000 Drohnen, UGV und Systeme zur elektronischen Kampfführung im Wert von mehr als 14 Milliarden Hryvnia (266 Millionen Euro) direkt von den Herstellern erhalten. Sein Ministerium habe zudem bereits begonnen, UGV-Aufträge für 2027 zu erteilen, um die langfristige Versorgung sicherzustellen.
Erstveröffentlichung in Soldat&Technik, 29. April 2026, www.soldat-und-technik.de
Autor: Stefan Axel Boes
Bild: Ukrainische Armee


