Unna – Der Bundesminister der Verteidigung, Boris Pistorius, besuchte am Dienstag, den 21. Juli 2026, das Versorgungsbataillon 7 in Unna. Der Besuch stand im Zeichen der Landes- und Bündnisverteidigung sowie der wachsenden Bedeutung leistungsfähiger militärischer Logistik. Bei dem rund 1.000 Soldatinnen und Soldaten starken Verband informierte sich der Minister über Fähigkeiten, Herausforderungen und Zukunftsperspektiven des Bataillons.
Das Versorgungsbataillon 7 bildet das logistische Rückgrat der Panzerbrigade 21 „Lipperland“, der ersten Brigade des Heeres, die vollständig den Mittleren Kräften zugeordnet ist. Diese verbinden die hohe taktische Beweglichkeit radbeweglicher Kräfte mit ausreichender Kampfkraft und strategischer Verlegefähigkeit innerhalb des NATO-Bündnisgebietes. Ohne eine leistungsfähige Logistik wären diese Fähigkeiten nicht dauerhaft einsatzbereit.
Zu den Kernaufgaben des Bataillons gehören Nachschub, Transport, Materialbewirtschaftung, Instandsetzung sowie die Versorgung der Truppe mit Munition, Betriebsstoffen, Ersatzteilen, Wasser und Verpflegung. Darüber hinaus werden beschädigte Fahrzeuge geborgen, instandgesetzt oder für die weitere Instandsetzung vorbereitet. Mobile Instandsetzungstrupps können Schäden möglichst nahe am Einsatzort beheben und dadurch die Einsatzbereitschaft wesentlich erhöhen.
Für diese Aufgaben nutzt der Verband moderne geschützte und ungeschützte Transportfahrzeuge, Wechselladersysteme, Schwerlasttransportkapazitäten, Werkstattcontainer sowie spezialisierte Berge- und Instandsetzungssysteme. Dadurch können sowohl einzelne Fahrzeuge als auch komplette Gefechtsverbände versorgt und unterstützt werden.
Der Verteidigungsminister im Gespräch mit Soldaten des Versorgungsbataillons 7
Während des Truppenbesuchs erhielt der Bundesminister Einblicke in die Versorgungskette des Heeres – von der Materialannahme über Transport und Nachschub bis hin zur Instandsetzung komplexer Waffensysteme. Dynamische Vorführungen zeigten die Instandsetzung von Großgerät sowie logistische Abläufe unter möglichst realitätsnahen Bedingungen. Ergänzt wurde das Programm durch Gespräche mit Soldatinnen und Soldaten sowie die Begleitung eines Ausbildungsabschnittes der Basisausbildung.
Vor Ort besuchte der Minister auch die Rekruten der Basisausbildung
Die militärische Logistik hat durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die stärkere Ausrichtung der Bundeswehr auf die Landes- und Bündnisverteidigung erheblich an Bedeutung gewonnen. Hohe Einsatzbereitschaft setzt eine belastbare Versorgungskette voraus. Das Versorgungsbataillon 7 leistet hierzu einen wesentlichen Beitrag und stellt sicher, dass Kampftruppen auch bei längeren Operationen durchhaltefähig bleiben.
Autor: Pressestelle der 1. Panzerdivision, 22.07.2026
Die systematische „Auswertung Kriege Dritter“ – das heißt Kriege ohne eigene Beteiligung – begleitet Streitkräfte seit Jahrhunderten. Sie schafft Verständnis für die Dynamik bewaffneter Konflikte und ermöglicht die Weiterentwicklung eigener Fähigkeiten.
Carl von Clausewitz beschreibt diesen Zusammenhang eindringlich: „Im Kriege ist alles sehr einfach, aber das Einfachste ist schwierig.“ (Clausewitz, Vom Kriege. Hinterlassenes Werk des Generals Carl von Clausewitz, hg. von Marie von Clausewitz, 1832-34) Seine Aussage verdeutlicht, wie schnell grundlegende Abläufe unter realen Bedingungen an Grenzen stoßen und warum moderne Streitkräfte Krisen und Kriege aufmerksam beobachten müssen.
Lange war die Einsatzauswertung der Bundeswehr auf internationales Krisenmanagement, Einsätze im Inland und Übungen ausgerichtet. Missionen wie KFOR (NATO-Mission im Kosovo), ISAF (NATO-Mission in Afghanistan) oder MINUSMA (UN-Mission in Mali) sowie die Hilfeleistungen z.B. im Kontext des Starkregenereignisses im Ahrtal prägten Methodik und Fokus. Mit dem völkerrechtswidrigen russischen Angriff auf die Ukraine änderte sich diese Grundlage. Das Bundesministerium der Verteidigung erweiterte den Auftrag der Einsatzauswertung um ein neues Handlungsfeld – die Auswertung Kriege Dritter – und führte dafür die operationelle Auswertung ein. Gemäß Osnabrücker Erlass liegt die Verantwortung für die fachliche Auswertung und Weiterentwicklung der Fähigkeiten in den Bereichen Logistik, ABC-Abwehr, Feldjägerwesen und Zivil-Militärische Zusammenarbeit bei den jeweiligen Fähigkeitskommandos.
Für den Bereich Sanitätsdienst trägt das Unterstützungskommando der Bundeswehr (UstgKdoBw) diese Verantwortung in enger Zusammenarbeit mit dem Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr (KdoGesVersBw). Das UstgKdoBw nimmt hierbei eine besondere Rolle ein. Es sichtet und bewertet kontinuierlich rund 250 offene Quellen, analysiert Entwicklungen und leitet fähigkeitsbezogene Beobachtungen unmittelbar an die zuständigen Kommandos weiter. Querschnittliche Beobachtungen sowie alle sanitätsdienstlichen Aspekte werden im UstgKdoBw, im engen Zusammenwirken mit dem KdoGesVersBw, selbst ausgewertet und anschließend in konzeptionelle Prozesse überführt.
Ergänzt wird diese Arbeit durch die Einbindung in multinationale Auswertenetzwerke, die Teilnahme an internationalen Lessons-Learned-Konferenzen und den kontinuierlichen Austausch mit Partnern in NATO und EU. Auf diese Weise entsteht ein integriertes Lagebild, das Entwicklungen sowie internationale Erfahrungen verbindet und diese für die Weiterentwicklung der Bundeswehr nutzbar macht.
Drohnen – der neue Akteur im Gefechts- und Informationsraum
Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und die Kämpfe im Nahen Osten zeigen, wie stark Drohnen das Gefechtsfeld verändert haben. Sie ermöglichen mit lückenloser Aufklärung die Erzeugung eines nahezu gläsernen Gefechtsfeldes mit permanenter Bedrohung durch präzise Waffenwirkung. Bewegungen, Materialströme und Verwundetenversorgung werden schneller erkannt und gezielt bekämpft. Besonders betroffen ist der Sanitätsdienst. Mehrfach wurde dokumentiert, dass kriegsvölkerrechtliche Schutzzeichen, wie z.B. das rote Kreuz, keinen Schutz bieten, sondern gegnerischen Kräften inzwischen eher als Orientierung dienen. Weiterhin ist zu verzeichnen, dass Drohnen gezielt zur Terrorisierung der ukrainischen Zivilbevölkerung genutzt werden.
Der Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr hat deshalb auf die bestehende Regelungslage explizit hingewiesen: Truppenführer ab Brigadeebene können – nach Beratung mit dem Leitenden Sanitätsoffizier und dem Rechtsberater – das Abtarnen oder Nichtführen des Schutzzeichens anordnen, wenn dies aus militärischen Gründen erforderlich ist. Der völkerrechtliche Schutz bleibt bestehen, doch die Truppe erhält zusätzliche Handlungsspielräume für die Versorgung unter Bedrohung.
Parallel dazu zeigt die Auswertung, dass die Abwehr von Klein(st)drohnen weiterentwickelt werden muss. Drohnen wirken nicht nur an der Front, sondern prägen Logistik, militärpolizeiliche Einsätze, ABC-Abwehr und Sanitätsdienst im rückwärtigen Raum – ein zentrales Lernfeld der operationellen Auswertung. Erste Erprobungen im Unterstützungsbereich liefern Hinweise auf mögliche Verfahren und Mittel, ohne bereits konzeptionelle Festlegungen zu treffen. Auf operativer Ebene wird ein übergreifender Ansatz zur Drohnenabwehr entwickelt.
Der Krieg in der Ukraine zeigt, dass neben logistischen Knotenpunkten und Verkehrsinfrastruktur sowie insbesondere Energieanlagen auch Krankenhäuser gezielt angegriffen werden. Für das Bundesgebiet gilt:
• Die Rolle Deutschlands als Drehscheibe eines strategischen Aufmarschs von NATO-Kräften rückt in den Fokus des gegnerischen Interesses.
• Hubs, logistische Korridore und Patiententransportachsen benötigen erhöhten Schutz.
• Landes- und Bündnisverteidigung beginnt nicht erst an der Grenze, sondern bereits im Inland.
Die Übung BRAVE BLUE hat in den Jahren 2024 und 2025 diese Entwicklung praktisch bestätigt. Sie zeigte, wie anspruchsvoll es ist, logistische Systeme in einem potenziellen Einsatzland unter Nutzung begrenzt vorhandener Infrastruktur aufzubauen sowie gleichzeitig den Schutz gegen Drohnen und hybride Bedrohungen zu gewährleisten. Die dort gewonnenen Erkenntnisse fließen in nationale Logistikplanungen ein und werden durch die Prozesse sowie Methoden der operationellen Auswertung weiter begleitet.
Die Rettungskette unter Kriegsbedingungen – was sich ändert
Bilder aus der Ukraine und aus urbanen Lagen im Nahen Osten verdeutlichen, dass die Rettungskette ein empfindliches, aber entscheidendes System ist. Hohe Verwundetenzahlen, zeitkritische Versorgung und ständige Bedrohung erfordern robuste, durchhaltefähige Strukturen. Drei Kernpunkte prägen in diesem Zusammenhang die Weiterentwicklung:
• Massenanfälle an Verwundeten: Szenare, in denen Deutschland im Rahmen der NATO-Patientensteuerung durchschnittlich um die 1.000 Patientinnen und Patienten pro Tag aus dem Einsatzraum übernimmt, sind realistisch. Die Bewältigung eines solchen Patientenaufkommens ist eine gesamtstaatliche Aufgabe und kann nur im Zusammenspiel von zivilen und militärischen Akteuren gelingen.
• Schutz und Struktur: Sanitätseinrichtungen werden zunehmend unterirdisch angelegt – in Kellerräumen, Schutzbauten oder improvisierten Deckungsräumen. Diese Praxis wird bereits in Ausbildungen, wenn möglich, abgebildet.
• Ausbildung und Verfahren: Die sanitätsdienstliche Ausbildung wird umfangreich erweitert. Ab 2026 erhöht sich die Anzahl der Stundenzahlen und Ausbildungsthemen der Ersthelfer- und Combat-Medic-Ausbildung deutlich. Um die Erstversorgung unter Bedrohung zu stärken, werden z.B. vermehrt Ausbildungsanteile aus der Tactical Combat Casualty Care (TCCC) vermittelt oder die Anwendung gewisser Medikamente zur Schmerzstillung schon im Bereich der Einsatz-Ersthelfer trainiert und verortet.
Aus diesen Erkenntnissen entstehen Konzepte beziehungsweise werden bestehende weiterentwickelt, wie beispielsweise für das Medical Component Command (MedCC) und die Patientensteuerungs-, Transport- und Behandlungsorganisation (PaSTBO) in der Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV), welche die gesamte Rettungskette von der Erstversorgung bis zur Rehabilitation als Verbundsystem betrachten.
Logistik unter Bedrohung – Verlagerung in geschützte Räume
First Person View (FPV)-Drohnen, Artilleriewirkung und hybride Angriffe führen dazu, dass logistische Elemente in der Ukraine zunehmend in geschützte Bereiche verlagert werden: Tunnel, Tiefgaragen, verstärkte Unterstände und improvisierte Deckungsräume
Sie dienen nicht nur der Lagerung, sondern auch dem Aufenthalt von Personal und der geschützten Durchführung logistischer Abläufe. Der Unterstützungsbereich leitet daraus ab, dass geschützte logistische „Enklaven“ künftig in Hub-, Cluster- und Drehscheibenkonzepte integriert werden sollten.
Digitalisierung, verteilte Gefechtsstände und KI
Zeitgleich gewinnen verteilte, vernetzte Gefechtsstände an Bedeutung. Bei der Testreihe MULTIPLE HIGHLANDER wurden Clusterkonzepte erprobt, die Gefechtsstände bestehender Infrastruktur räumlich trennen, technisch härten und digital vernetzen. Diese Strukturen erschweren die Aufklärung und erhöhen die Führungsfähigkeit. Erste Anwendungen künstlicher Intelligenz für Lagebilder, Analyse und Planung wurden getestet. Sie zeigen Potenzial, erfordern aber weitere Erprobungen in größeren Übungsszenarien.
Zivile Partner als tragende Säulen der Gesamtstaatlichen Verteidigung
Die Erkenntnisse aus der Ukraine und dem Nahen Osten machen deutlich, dass die Bundeswehr allein die hierfür notwendigen militärischen Unterstützungskapazitäten im Inland bei einem LV/BV-Szenario nicht vorhalten kann. Das Einbringen erheblicher ziviler Ressourcen ist dringend erforderlich. Die Bundeswehr wird zum „supported command“. Die anerkannten Hilfsorganisationen (HiOrg), das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), die Medizinischen Taskforces und das zivile Gesundheitswesen bilden tragende Säulen im Verbundsystem aus:
• Transport- und Behandlungskapazitäten,
• Katastrophenhilfs- und Zivilschutzstrukturen,
• Betreuungs- und Unterstützungsleistungen,
• Schnittstellen zu kommunalen und staatlichen Behörden.
Ohne diese zivilen Partner und deren angemessene Finanzierung im Frieden ist eine durchhaltefähige Rettungskette im Bündnisfall nicht realisierbar. Der Unterstützungsbereich bildet hierbei die Schnittstelle zwischen militärischen und zivilen Akteuren.
MEDIC QUADRIGA – Umsetzung der Lehren in der Praxis
Die Übung MEDIC QUADRIGA im ersten Quartal 2026 zeigt exemplarisch, wie Erkenntnisse aus der Auswertung Kriege Dritter praktisch umgesetzt werden. Sie bildet die gesamte Rettungskette eines LV/BV-Szenarios realitätsnah ab – von der Erstversorgung über Stabilisierung und Transport bis zur Behandlung in deutschen Traumazentren. Im Mittelpunkt stehen:
• das Medical Component Command des UstgKdoBw,
• die Patientensteuerungs-, Transport- und Behandlungsorganisation (PaSTBO),
• die enge Zusammenarbeit mit HiOrg, BBK, Ländern, Kommunen und Kliniken.
MEDIC QUADRIGA verknüpft Erkenntnisse, konzeptionelle Weiterentwicklung und zivil-militärische Zusammenarbeit und zeigt, wie gesamtstaatliche Verteidigung in der Praxis funktionieren kann. Die Übung wird damit zum Blick in die Zukunft – nicht als theoretische Absicht, sondern als geübte Realität.
Trotz der sichtbaren Fortschritte zeigt die Auswertung ein wiederkehrendes strukturelles Muster: Erkenntnisse werden schnell gewonnen, doch ihre Umsetzung verlangt in vielen Bereichen mehr Zeit, als es die sicherheitspolitische Dynamik eigentlich erfordern würde. Dies wird insbesondere dort deutlich, wo einsatznahe Erfahrungen bereits belastbare Lösungen aufzeigen. So belegen internationale Fallstudien die Wirksamkeit transfusionsmedizinischer Verfahren wie der Vollblutspende oder innovativer Produkte wie Spray Dried Plasma, deren Einführung jedoch an umfangreiche Studienlagen, notwendige Zulassungsverfahren und ressortübergreifende Abstimmungsprozesse gebunden ist. Auch bei unbemannten Systemen sind operative Vorteile und Ausbildungsbedarfe klar erkennbar.
Die zeitgerechte Umsetzung wird jedoch durch geltende zivile Zulassungsbestimmungen, ausbildungsrechtliche Anforderungen und komplexe Beschaffungswege herausgefordert. In ähnlicher Weise zeigt sich, dass die politisch intendierte Beschleunigung im Rahmen der Zeitenwende zwar Orientierung gibt, die praktische Wirksamkeit jedoch maßgeblich von strukturellen, rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen abhängt. Unverändert wird zudem deutlich, dass das Handlungsfeld „Auswertung Kriege Dritter“ trotz der inzwischen gewonnenen Erkenntnisse noch nicht strukturell und personell hinterlegt ist. Die erforderlichen Analysekapazitäten werden weiterhin aus dem laufenden Betrieb abgedeckt, was fachlich gelingt, jedoch die Grenzen einer dauerhaften und systemisch verankerten Bearbeitung deutlich macht.
In der Gesamtschau wird damit deutlich, dass die Bundeswehr wesentliche Erkenntnisse frühzeitig generiert, ihre Überführung in Fähigkeiten jedoch an systemische Rahmenbedingungen geknüpft bleibt. Diese müssen perspektivisch weiterentwickelt werden, um Erkenntnisgewinn, Fähigkeitsentwicklung und Einsatzrealität langfristig wirksam zu verzahnen.
Fazit: Wer überleben will, muss den Himmel beherrschen
Die Auswertung Kriege Dritter hat sich zu einem zentralen und unverzichtbaren Instrument der Weiterentwicklung der Bundeswehr entwickelt. Sie zeigt, wie moderne Konflikte geführt werden, welche Fähigkeiten entscheidend sind und welche Strukturen widerstandsfähig sein müssen. Übungen wie MEDIC QUADRIGA machen sichtbar, wie diese Erkenntnisse bereits heute mit militärischen und zivilen Partnern umgesetzt werden. Der Ukrainekrieg verdeutlicht, dass Drohnen das Gefechtsfeld prägen, dass der rückwärtige Raum durch den technischen Fortschritt noch verwundbarer geworden und zusätzlich in den feindlichen Fokus gerückt ist.
Die Rettungskette muss als integriertes System gedacht werden. Logistik, ABC-Abwehr, Feldjägerwesen und Sanitätsdienst stehen in diesem Zusammenhang gleichermaßen vor großen Herausforderungen. Für die Bundeswehr bedeutet das, Schutz, Führung, Versorgung und medizinische Behandlung konsequent im gesamtstaatlichen und gesamtgesellschaftlichen Verbund weiterzuentwickeln.
Die zentrale Lehre lässt sich klar formulieren: Wer im modernen Gefecht überleben will, muss den Himmel beherrschen. Entscheidend ist die Fähigkeit, Luftüberlegenheit herzustellen und damit die Grundlage zu schaffen, um dimensionsübergreifende – letale wie nicht letale – Effekte wirksam einzusetzen. Erst diese Kontrolle ermöglicht es, eigene Kräfte zur Operationsführung zu befähigen. Dies schließt die Rettungskette vom Gefechtsfeld bis in das Heimatland ausdrücklich ein. Beide Faktoren prägen Durchhaltefähigkeit, Wehrfähigkeit und die Zukunft der Gesamtverteidigung Deutschlands.
Erstveröffentlichung auf der Internetseite des Hardthöhen-Kurier, 28.05.2026, www.hardthoehenkurier.de
Autor: Autorenteam Unterstützungskommando der Bundeswehr
BLG LOGISTICS ist der Logistik-Architekt für maßgeschneiderte Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Mit Erfahrung und Expertise, globaler Präsenz und modernster Technologie bewegen die BLG-Experten Güter aller Art effizient, nachhaltig und zuverlässig – von der Produktions- und Distributions- bis hin zur Seehafenlogistik und der einsatzkritischen Versorgung von Streitkräften.
Als Seehafen- und Logistikdienstleister mit einem internationalen Netzwerk profitiert das Unternehmen von einer fast 150-jährigen Unternehmensgeschichte. Mehr als 11.000 Mitarbeitende übernehmen täglich die Verantwortung für die reibungslose Logistik hochwertiger Produkte. Für die Kunden aus Industrie, Militär, der SVI und dem Handel gestalten die BLG-Experten die Logistik, indem sie mit hoher Fachkompetenz innovative, hochkomplexe und zukunftsfähige Lösungen entwickeln und umsetzen.
Publicly owned – privatly managed
Und das aus Tradition: Im Februar 1877 gründeten 65 Kaufleute BLG LOGISTICS als „BREMER LAGERHAUS-GESELLSCHAFT –Aktiengesellschaft von 1877-„. Heute ist die BLG Gruppe mit fast 100 Standorten und Niederlassungen in Europa, Amerika, Afrika und
Asien präsent. Dabei ist die BLG immer noch eng verbunden mit dem Anteilseigner, der Stadt Bremen. Geführt wird das Unternehmen nach privatwirtschaftlichen Kennzahlen und hanseatischen Werten.
„Wir machen Logistik einfach – und machen mehr als nur unseren Job: Wir denken immer einen Schritt weiter und entwickeln innovative Logistiklösungen dort, wo sie gebraucht werden. Innovation ist seit jeher die Triebfeder unserer Entwicklung. Dabei blicken wir stolz auf langjährige Partnerschaften und neue Leuchtturmprojekte. Kein Weg ist zu weit, keine Ladung zu schwer, keine Aufgabe zu komplex”, erklärt Thomas Leiber, Geschäftsführer der BLG Project Logistics GmbH.
In drei operativen Geschäftsbereichen bietet das Unternehmen seinen Kunden aus Industrie und Handel umfangreiche logistische Dienstleistungen an – vom routinierten Entladen bis zur hochkomplexen Greenfield-Entwicklung. Die BLG-Geschäftsbereiche AUTOMOBILE und CONTAINER sind führend in Europa. Der Geschäftsbereich CONTRACT gehört zu den wichtigsten deutschen Anbietern.
Der Geschäftsbereich CONTRACT macht aus komplexen Projekten verlässliche Logistiklösungen für nationale und internationale Unternehmen aus den Branchen Automotive, Industrie, Handel und Energie.
Zu diesen Lösungen zählt ein breites Spektrum kundenspezifischer Dienstleistungen in der Beschaffungs-, Produktions- und Distributionslogistik sowie in der Retouren- und Ersatzteillogistik. Dies können hochautomatisierte Logistikzentren oder manuelle Inhouse
Abwicklungen sein.
Die EUROGATE-Gruppe, an der BLG LOGISTICS zu 50 Prozent beteiligt ist, ist Europas
führender, reedereiunabhängiger Containerterminal-Betreiber. Das Unternehmen betreibt im Netzwerk Seeterminals an der Nordsee, im Mittelmeerraum und am Atlantik mit hervorragenden Verbindungen ins europäische Hinterland.
Der BLG-Geschäftsbereich AUTOMOBILE ist der führende Technik- und Logistikdienstleister für die internationale Automobilindustrie. Im gesamten AUTOMOBILE-Netzwerk hat BLG LOGISTICS 2024 etwa 4,4 Millionen Fahrzeuge umgeschlagen, transportiert oder technisch bearbeitet.
Der Autoterminal Bremerhaven gehört mit über 1,3 Mio. umgeschlagenen Fahrzeugen pro Jahr zu den größten Autohäfen der Welt. Alle namhaften Autoreeder bedienen Bremerhaven regelmäßig und jedes Jahr laufen mehr als 1.000 CarCarrier das Terminal an. Bremerhaven ist aber auch ein Knotenpunkt für High & Heavy Güter. Alles, was groß und schwer ist, wird hier professionell auf den Weg gebracht.
Die Zeitenwende an der Kaje – Fähigkeitsaufbau für Einsatz- und Bündnisfähigkeit
Die sicherheitspolitische Zeitenwende macht den BLG AutoTerminal Bremerhaven zu einer logistischen Drehscheibe von strategischer Bedeutung. Der BLG AutoTerminal in Bremerhaven und die Containerterminals an der Stromkaje gelten europaweit als führend im Umschlag von rollender Ladung und Containern. Mit einem Umschlagsvolumen von rund 1 Mio. Tonnen High und Heavy Gütern und 4,4 Mio. Standardcontainern (TEU) pro Jahr gehören die Terminals zu den größten ihrer Art in Europa. Neben PKW sowie weiteren selbstfahrenden oder rollbaren Einheiten wie Traktoren, Lkw, Baumaschinen, Schwergütern und Breakbulk werden auf dem RoRo-Terminal Bremerhaven seit vielen Jahrzehnten auch militärische Landfahrzeuge, Großgeräte und komplette Zugsysteme umgeschlagen.Die Abläufe sind auf präzise Taktung, hohe Verfügbarkeit und robuste Redundanzen ausgelegt. Seit Jahrzehnten ist Bremerhaven ein verlässlicher Partner der US-Streitkräfte und der NATO, insbesondere bei strategischen Verlegungen, Übungsrotationen und Host Nation Support-Aufgaben.
In den kommenden sechs Jahren wird in Bremerhaven die bereits etablierte und leistungsfähige Hafeninfrastruktur gezielt modernisiert und zu einem modernen Militärhafen mit ausgeprägtem Dual-Use-Profil weiterentwickelt, um die Bündnispartner auch zukünftig wirksam unterstützen zu können. Der Bund investiert in den kommenden Jahren rund 1,35 Milliarden Euro in den Hafen von Bremerhaven, wodurch der Standort zu einem strategischen Hub militärischer Logistik ausgebaut wird. Diese Investitionen stärken Bremerhaven als zentralen Dreh- und Angelpunkt eines tief ins Binnenland reichenden multimodalen Transportnetzes, das schnelle Kräfteverlegungen ebenso ermöglicht wie die Unterstützung nationaler Alarmierungs- und Verstärkungsmaßnahmen.
Über Bremerhaven hinaus verfügt BLG LOGISTICS über ein Terminal-Netzwerk an mehr als 20 europaweiten Standorten. Die Terminals befinden sich an der See, an Flüssen und im Binnenland. Über intermodale Verkehrsanbindungen per LKW, Bahn oder Binnenschiff sind die Terminals miteinander vernetzt. Damit können sowohl industrielle Großprojekte als auch militärische Verlege- und Versorgungsvorhaben mit hoher Verlässlichkeit, Flexibilität und Durchhaltefähigkeit unterstützt werden.
Kampfkraft entsteht nicht allein an der Front. Versorgung, Verwundetentransport und Instandsetzung sichern maßgeblich die Beweglichkeit und die Durchhaltefähigkeit der Kampftruppe im Einsatz. Die multinationale Übung Freedom Shield in Litauen mit rund 2.900 Soldatinnen und Soldaten zeigt, wie Logistik und Sanität die Truppe nachhaltig unterstützen.
Ein SAR-Hubschrauber landet zur Aufnahme eines verletzten Soldaten. Bei der Übung wird trainiert, Verwundete nach der Erstversorgung direkt weiter zu transportieren.
Der Blick in die Ukraine beweist, dass sich Einsatzbereitschaft nicht nur daran zeigt, ob Kräfte kämpfen können, sondern auch, ob sie über längere Zeit handlungsfähig bleiben. Unterstützungskräfte schaffen dafür die Voraussetzungen. Sie sorgen dafür, dass ausgefallenes Material wieder verfügbar wird, Verwundete versorgt werden und Abläufe auch unter Belastung weiter funktionieren.
Die multinationale Übung Freedom Shield macht sichtbar, welche Bedeutung diese Fähigkeiten für einen einsatzbereiten Großverband haben. Soldatinnen und Soldaten aus acht NATO-Staaten trainieren im litauischen Pabradė das Zusammenwirken vieler Fähigkeiten: Führung, Schutz, Beweglichkeit, logistische Prozesse, Instandsetzung und sanitätsdienstliche Versorgung. Die Übung zeigt, dass beispielsweise Logistik und Sanität nicht nachgelagerte Bereiche sind, sondern von Beginn an mitgedacht werden und in einem Szenario der Landes- und Bündnisverteidigung einen wesentlichen Beitrag zur Durchhaltefähigkeit der Panzerbrigade 45 „Litauen“ leisten.
Logistik hält die Truppen beweglich
Wenn ein Fahrzeug während der Übung ausfällt, ermöglicht nicht nur die Reparatur selbst die weitere Einsatzfähigkeit. Entscheidend ist auch, ob der Schaden richtig bewertet und das Fahrzeug bei Bedarf an die passende Instandsetzung übergeben wird. Kleinere Schäden können häufig durch die Truppe selbst behoben werden. Wo jedoch die eigenen Möglichkeiten an Grenzen stoßen, kommt die logistische Fachexpertise des Unterstützungsbereichs ins Spiel.
Ein Instandsetzungssoldat bereitet ein gerade eingetroffenes Ersatzteil für den Einbau vor. Mit einem Hebegeschirr wird das Bauteil aufgenommen, bevor es verbaut wird.
Bei Freedom Shield übernimmt das schwere Logistikbataillon 467 diese weiterführende Instandsetzung. Die Soldatinnen und Soldaten kümmern sich um Schadmaterial, welches nicht mehr unmittelbar durch die Truppe instandgesetzt werden kann. Dazu gehören insbesondere die Hauptwaffensysteme der Panzerbrigade 45, also Kampfpanzer Leopard 2 und Schützenpanzer Puma. Aber auch weitere Systeme landen bei den Logistikprofis: gepanzerte Pioniermaschinen, Hydraulikanlagen, Kommunikationstechnik, Stromerzeugeraggregate oder gepanzerte und ungepanzerte Radfahrzeuge. Für die Instandsetzung wird auf gelagerte oder gelieferte Ersatzteile zurückgegriffen. Zusätzlich können mit einem 3D-Drucker vor Ort kleine Ersatz- oder Hilfsteile kurzfristig und direkt hergestellt werden.
Bei Freedom Shield wird einmal mehr sichtbar, dass Logistik nicht neben dem Gefecht herläuft, sondern ein aktiver Teil dessen ist. Die eingesetzten Logistikkräfte sorgen dafür, dass ausgefallenes Material nicht dauerhaft aus dem Betrieb herausfällt. Gerade in modernen Gefechten ist diese Fähigkeit entscheidend, da Beweglichkeit und Durchhaltefähigkeit der Truppe auch davon abhängen, dass Schäden nicht nur schnell festgestellt, sondern auch schnellstmöglich behoben werden können.
Zwei Instandsetzungssoldaten arbeiten an der Kette eines Panzers. Technische Unterstützung vor Ort ist unverzichtbar, um schweres Gerät nach Schäden schnell wieder nutzbar zu machen.
Die Rettungskette von Beginn an
Auch die sanitätsdienstliche Unterstützung ist bei Freedom Shield von Beginn an Teil der Übung. Unter realistischen Bedingungen wird trainiert, wie Verwundete erstversorgt, gesammelt und für den Weitertransport vorbereitet werden. Dabei geht es nicht allein um Sanitätsfachpersonal – die Rettungskette beginnt schon früher. Denn die Rettungskette beginnt nicht erst mit der Übernahme durch den Sanitätsdienst, sondern unmittelbar nach der Verwundung und muss somit von Beginn an mitgeplant und ausgebildet werden.
Auch Soldatinnen und Soldaten der Truppe müssen wissen, wie sie in den ersten Minuten nach einer Verwundung handeln müssen. In einem Gefecht mit einer großen Anzahl Verwundeter können Sanitätskräfte nicht überall gleichzeitig sein. Deshalb werden werden auch die kämpfenden Kräfte darin ausgebildet, erste lebensrettende Maßnahmen einzuleiten, Blutungen zu stoppen, Verwundete zu stabilisieren und Zeit zu gewinnen, bis das Sanitätsfachpersonal übernimmt.
Mit der Ausbildung ist die Arbeit des Sanitätspersonals jedoch nicht abgeschlossen. Die Expertinnen und Experten begleiten die Truppe auch im weiteren Übungsgeschehen, geben Rückmeldungen, machen Verbesserungsvorschläge und wirken als Schiedsrichter mit. Damit trägt die Sanitätsausbildung nicht nur zur medizinischen Versorgung bei, sondern auch zur nachhaltigen Handlungsfähigkeit der Kampftruppe: Wer weiß, was in den ersten Minuten nach einer Verwundung zu tun ist, kann Kameradinnen und Kameraden helfen, bis die professionelle Versorgung übernimmt. Durch die weitere Begleitung des Sanitätsdienstes wird die Truppe Schritt für Schritt handlungssicherer und kann das Gelernte mit in den eigenen Verband nehmen.
Ein Verwundeter trifft am Sammelpunkt ein und wird für die weitere Versorgung vorbereitet. Der Schiedsrichter (l.) begleitet die Situation und bewertet, wie die Kräfte den Übergang zur Role 1 umsetzen.
Freedom Shield macht sichtbar, dass moderne Gefechte nicht allein durch Feuerkraft, Beweglichkeit und Führung getragen werden. Eine Brigade braucht ebenso Kräfte, die Material wieder verfügbar machen, Verwundete versorgen, Abläufe absichern und Ausfälle ausgleichen. Logistik und Sanitätsdienst stehen beispielhaft für Unterstützungsleistungen, ohne die ein Verband nicht über längere Zeit durchhaltefähig bliebe. Unterstützung wirkt oft im Hintergrund, entscheidet aber unmittelbar darüber, ob ein Gefecht fortgeführt werden kann.
Wenn Fahrzeuge ausfallen, müssen sie zurück in die Nutzung gebracht werden. Wenn Menschen verwundet werden, muss Hilfe sofort beginnen. Erst das Zusammenspiel von Kampftruppe, Führung und Unterstützung macht aus einzelnen Fähigkeiten ein durchhaltefähiges Gesamtsystem.
Oder kurz gesagt: Ohne Unterstützung kein modernes Gefecht.
Erstveröffentlichung auf der Internetseite der Bundeswehr, 18.06.2026, www.bundeswehr.de
Moderne Kriegsführung verändert sich rasant. Drohnen, digitale Aufklärung und hochbewegliche Gefechtsführung erhöhen den Druck auf militärische Logistik. Ohne funktionierende Logistik hat der militärische Gegner bereits gewonnen. Für die Panzerbrigade 21 „Lipperland“ ist deshalb klar: Einsatzbereitschaft endet nicht beim Kampfpanzer oder im Schützenloch – sie beginnt bei funktionierenden Versorgungssystemen. Genau dafür hat die Brigade gemeinsam mit dem Cyber Innovation Hub der Bundeswehr eine neue digitale Lösung entwickelt: „Uber Munition“, eine App-basierte Anwendung zur schnellen und nachvollziehbaren Munitionsversorgung im Gefecht.
„Wir sind es heute gewohnt, über Apps jederzeit verfolgen zu können, wo sich Paket oder Pizza gerade in der Zustellung befindet. Dieser technologische Fortschritt muss auch dem Militär Orientierung geben“, erklärt Oberst Tobias Aust, Kommandeur der Panzerbrigade 21, während der Abschlusserprobung des Innovationsprojekts. Dahinter stehe jedoch kein Komfortgedanke, sondern eine operative Notwendigkeit: „Aktuelle Kriegsbilder zeigen deutlich, dass schnelle und belastbare Logistik kriegsentscheidend ist. Wenn die Versorgung das Tempo der Kampftruppe nicht halten kann, steht vorne irgendwann die Waffe still.“
Innovation einfordern: Oberst Tobias Aust, Kommandeur der Panzerbrigade 21, erklärt in seinem Impulsvortrag, dass alle Abschnitte des Gefechts von aktuellen Kriegsbildern lernen müssen.
Die Brigade hatte Probleme mit dem Management von Versorgungsprozessen in eigenen Übungen wiederholt festgestellt. Prozesse, die im normalen Dienstbetrieb mit stationärer Infrastruktur und komplexer Verwaltungssoftware funktionieren, stoßen unter Gefechtsbedingungen schnell an ihre Grenzen. Auch das derzeitige Battle-Management-System für logistische Prozesse auf unterster Ebene ist bei den mittleren Kräften nicht adäquat nutzbar. Gerade bei beweglicher Gefechtsführung müsse Versorgung einfach, robust und schnell funktionieren – auch unter Zeitdruck, kurzer Ausbildung und laufenden Operationen.
Munition auf Fingertipp
„Mehr als einmal haben wir gezeigt, dass Logistik im Gefecht anders funktionieren muss als im Friedensbetrieb“, erklärt Aust. Die Logistik der Panzerbrigade 21 übt unter realitätsnahen Bedingungen, zuletzt auf dem Brigadeausbildungsplatz in Bergen, und erkennt dadurch auch entscheidende Probleme. Deshalb suche die Brigade gezielt nach eigenen Lösungen: „Wir üben realistisch, erkennen Probleme frühzeitig und arbeiten aktiv an Verbesserungen.“
Eine Lösung entstand direkt aus der Truppe. Die Logistikabteilung der Brigade entwickelte die Idee einer App-basierten Munitionsversorgung, stellte dem Cyber Innovation Hub der Bundeswehr die Idee vor. Zusammen mit allen Jägerbataillonen der Brigade wurde daraus eine App entwickelt – Uber Munition. Mehr als ein Jahr lang wurde die Anwendung gemeinsam getestet, angepasst und in Übungen erprobt.
Das Prinzip ist bewusst einfach gehalten: Werden beispielsweise Panzerabwehrraketen vom Typ MELLS verschossen, kann der Verbrauch direkt digital durch den Führer des Gefechtsfahrzeuges erfasst werden. Mit einem Fingertippen erstellt die Führung der kämpfenden Einheit eine Anforderung über alle benötigten Versorgungsgüter und die zuständigen Logistiker können sofort neue Munition zuweisen Lieferung, Bearbeitungsstand und Übergabe bleiben dabei für alle Beteiligten nachvollziehbar. Ziel von Uber Munition ist ein schnell erlernbares und krisenfestes Werkzeug für die taktische Ebene im Gefecht, die ihren Fokus auf das Kämpfen legen soll – keine komplexe Verwaltungssoftware.
Logistiker der Panzerbrigade 21 erläutert dem Plenum mit dem Tablet in der Hand die Funktionen der App UberMun.
Panzerbrigade 21 ist zentraler Pfeiler der Landes- und Bündnisverteidigung
Die Abschlusserprobung des Projekts war erfolgreich. Zahlreichen Logistikexperten des Heeres wurde die App in einer Live-Vorführung vorgestellt und gemeinsam wichtige Meilensteine zur Weiterentwicklung erarbeitet. Bereits bei der nächsten Großübung der Brigade im Gefechtsübungszentrum Heer soll die Anwendung erneut eingesetzt werden. „Unser Ziel ist klar: Uber Munition wird genutzt um Lösungen für bestehende Herausforderungen zu finden“, so Aust.
Die Panzerbrigade 21 ist die erste Brigade des Deutschen Heeres, die der neuen Kräftekategorie Mittlere Kräfte zugeordnet ist. Mit ihren radbeweglichen, hochmobilen Verbänden ist sie in der Lage, schnell und flexibel im gesamten NATO-Einsatzraum zu verlegen. Hohe Mobilität, starke Feuerkraft und robuster Schutz machen den Großverband zu einem zentralen Pfeiler der Landes- und Bündnisverteidigung.
Pressemitteilung der Panzerbrigade 21
Erstveröffentlichung auf der Internetseite von Soldat & Technik, 09.06.2026, www.soldat-und-technik.de
Im Einsatz und bei Übungen sind Logistiker häufig abseits fester Infrastruktur eingesetzt. Für den Zugriff auf digitale Services wie SAP werden dezentrale Arbeitsplätze benötigt, die die Bundeswehr gemeinsam mit dem IT-Dienstleister conet realisiert hat. Bei dem conet innovation day informierten Projektbeteiligte über das Vorhaben.
IT-Kabinen im Auslandseinsatz
Die mobilen IT-Kabinen basieren auf handelsüblichen Fernmeldekabinen FM 2, die bereits seit 1998 – damals im Kosovo-Einsatz mit Altverfahren und extrem geringen Datenraten von 7,6 Kilobit – für die Materialbewirtschaftung und Instandhaltung genutzt werden. Sie waren seither weltweit in zahlreichen Auslandseinsätzen der Bundeswehr wie in Afghanistan, Bosnien, im Kongo und bei Übungen der NATO beziehungsweise EU Battle Groups im Einsatz.
Regeneration 28 SAP-Kabinen
Mit der schrittweisen Digitalisierung und der Ablösung der Altverfahren durch SAP ab dem Jahr 1999 entstand die Notwendigkeit, die Kabinen zu regenerieren. Der Übergang zu SAP begann zunächst als Improvisation der Truppe im Feld unter Nutzung einer alten Datenanlage mit 2 Mbit Übertragungsrate. Seit 2014 ist conet mit der Bereitstellung der Hard- und Software sowie der Instandhaltung beauftragt.
Derzeit verfügt die Bundeswehr über 28 voll einsatzfähige, auf SAP umgerüstete Kabinen sowie acht weitere im Zulauf. Der tatsächliche Bedarf in der Zielstruktur liegt bei rund 60 Einheiten. Um Leerstände zu vermeiden, werden die Kabinen zentral gepoolt und den Verbänden bedarfsgerecht für Übungen und Einsätze bereitgestellt. Da keine neuen Gehäuse produziert werden, greift man auf die Instandsetzung und Umrüstung alter, vorhandener Kabinenhüllen zurück.
Die SAP-Kabine wird mit einem 6×6 Logistik-Lkw an den Einsatzort gebracht und aufgesessen betrieben.
Merkmale der mobilen Kabinen
Technisch fungieren die Einheiten als dezentraler IT-Service für die Logistik im Feld. Sie sind hochgradig mobil, mit einem Standard-10-Tonnen-Kran verladbar und für den Land-, Bahn-, See- und Lufttransport geeignet. Eine Kabine kann zwischen 10 und 15 Arbeitsplätze über abgesetzte Leitungen in einem Radius von bis zu acht Kilometern anbinden. Die Kabinen sind vollklimatisiert, stoßgedämpft, gegen ABC-Bedrohungen geschützt und mit eigener Stromversorgung (Netzersatzanlagen) ausgestattet.
Jede Kabine stellt eine eigene Unterdomäne dar, benötigt für den vollen SAP-Betrieb jedoch zwingend eine Netzanbindung an das zentrale Rechenzentrum der Bundeswehr. Eine vollkommen autarke SAP-Lösung ohne Serververbindung existiert trotz langjähriger Planungen noch nicht. Die Konnektivität wird flexibel über Satellitenkommunikation (wie Bundeswehr-Frequenzen über geostationäre Intel-Satelliten) oder zunehmend über zivile Internetverbindungen wie LTE-Netze im jeweiligen Einsatzland realisiert.
Erstveröffentlichung auf der Internetseite von Europäische Sicherheit und Technik, 01.06.2026, www.esut.de
Die Ukraine strebt an, die gesamte Logistik an der Front im Krieg gegen die russische Invasion von unbemannten Systemen übernehmen zu lassen. Das ist eine Folge der durch die zunehmende Drohnenkriegführung entlang der Frontlinien entstandenen „Kill Zone“ mit ständiger Bedrohung aller Truppenbewegungen und des ohnehin bestehenden Personalmangels der ukrainischen Streitkräfte. Wie Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow Mitte April erklärte, würden dazu im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 25.000 unbemannte Bodenfahrzeuge (UGV) bestellt, mehr als doppelt so viele wie im gesamten Vorjahr.
Allein im März hätten die Streitkräfte über 9.000 UGV-Einsätze zu Logistik- und Evakuierungszwecken durchgeführt, so Fedorow. Kurz zuvor hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj die Zahl unbemannter Mission in den vergangenen drei Monaten mit über 22.000 angegeben. Besonders hatte er auf den ersten Fall hingewiesen, in dem eine befestigte russische Stellung in der Oblast Charkow nur durch unbemannte Luft- und Bodensysteme eingenommen worden sei. Russische Soldaten hätten dabei ein Pappschild mit der Aufschrift „Wir wollen uns ergeben“ gezeigt und seien von Drohnen in Gefangenschaft geleitet worden.
Ukraine nutzt gezielt gegnerische Truppenstärke ab
Obwohl sicherlich ein Einzelfall, stellt dies auch den Grundsatz in Frage, dass Gelände letztlich immer noch nur von menschlichen Soldaten besetzt und gehalten werden kann. Deutlich wird mittlerweile, dass selbst Russland bei seinen personellen Ressourcen für Offensivoperationen an Grenzen stößt. Im März hatte es netto sogar etwas Gelände verloren. Russischen Militärbloggern zufolge ist die Ukraine von einer Strategie der Geländeverteidigung zur gezielten Abnutzung der gegnerischen Truppenstärke übergegangen, wobei teilweise bis zu 70 Drohnen gegen einen einzelnen Soldaten eingesetzt würden.
Ein bewaffnetes unbemanntes Bodenfahrzeug (UGV) in der Ukraine
Diese Situation trägt auch zu einer Erklärung dafür bei, dass Russland im vergangenen Monat zum wiederholten Mal seine Rekrutierungsziele für den Ukrainekrieg nicht erreicht hat. Militärblogger beklagen zudem weiterhin, dass selbst wertvolle Spezialisten an der Front für Sturmangriffe „verheizt“ würden. Insgesamt könne man die jetzige Kriegführung nur noch anderthalb bis zwei Jahre ohne eine zumindest teilweise allgemeine Mobilmachung durchhalten. Auch hinter der Front müsse man die vorhandenen Ressourcen auf die Abwehr von Langstrecken-Drohnenangriffen konzentrieren, die mittlerweile ernsthafte Auswirkungen auf die Wirtschaft des Landes haben.
Dagegen setzt die Ukraine konsequent weiter auf die Automatisierung des Krieges und hat im vergangenen Jahr sogar Männern im Alter von 18 bis 22 Jahren wieder die Ausreise erlaubt. Umgekehrt haben Fronteinheiten seit Beginn des Jahres laut Verteidigungsminister Fedorow durch ein elektronisches Beschaffungssystem über 181.000 Drohnen, UGV und Systeme zur elektronischen Kampfführung im Wert von mehr als 14 Milliarden Hryvnia (266 Millionen Euro) direkt von den Herstellern erhalten. Sein Ministerium habe zudem bereits begonnen, UGV-Aufträge für 2027 zu erteilen, um die langfristige Versorgung sicherzustellen.
Erstveröffentlichung in Soldat&Technik, 29. April 2026, www.soldat-und-technik.de
Scipio Appia ist eine digitale Mittelschicht zwischen ERP, NATO-Systemen und Gefechtsfeld, die logistische Ebenen 1 und 2 in ein durchgängiges Lagebild integriert.
Die Fähigkeit moderner Streitkräfte, Operationen erfolgreich durchzuführen, hängt unmittelbar von der Leistungsfähigkeit ihrer Logistik ab. Im Szenario der Landes- und Bündnisverteidigung
entscheidet nicht allein die Verfügbarkeit von Waffensystemen über die Einsatzbereitschaft, sondern vor allem die Fähigkeit, Munition, Ersatzteile, Treibstoff und Instandsetzung rechtzeitig
zur kämpfenden Truppe zu bringen.
Das logistische System der Bundeswehr bildet hierfür den strukturellen Rahmen. Während auf strategischer Ebene zentrale, nationale IT Systeme wie SASPF oder NATO-Systeme wie LOGFAS die Planung und Verwaltung logistischer Ressourcen unterstützen, entsteht auf den taktischen Ebenen der Logistik, insbesondere logistische Ebenen (LogE) 1 und 2, eine strukturelle Fähigkeitslücke.
Die LogE 1 und 2 sind geprägt durch hohe Dynamik, kurze Entscheidungszyklen und häufig wechselnde Organisationsstrukturen der (Groß-) Verbände im Einsatz. In Verbänden, etwa auf
Brigade- oder Bataillonsebene, müssen logistische Bedarfe, verfügbare Bestände und Transportkapazitäten kontinuierlich abgestimmt werden. Gleichzeitig bleiben die eingesetzten
IT-Systeme primär auf strategische Prozesse ausgelegt und sind für die operative Realität auf Gefechtsfeldebene nicht geeignet.
Das Resultat ist ein fragmentiertes Lagebild. Informationen über Bedarfe, Bestände oder Transportbewegungen werden über heterogene Kanäle wie Funk, Excel Tabellen, Sitaware Chat oder mündliche Abstimmung kommuniziert. Ein durchgängiges logistisches Lagebild (RLP) über alle Ebenen hinweg existiert nicht. In der Folge muss händisch und über Drehstuhl-Schnittstellen Information zusammengeführt und ausgewertet werden. Dadurch geht wertvolle Zeit verloren und der Prozess ist nur bedingt bis nicht kriegstauglich.
Logistische Kräfte sind heute selbst Teil des Gefechtsfelds und müssen ihre Operationen schneller, verteilter und resilienter durchführen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die digitale Unterstützung logistischer Prozesse entscheidend an Bedeutung. Hier setzt Scipio Appia an. Appia ist ein logistisches Entscheidungs- und Führungssystem für die LogE 1 und 2 mit der
Brigade als Endnutzer im Schwerpunkt. Sie wurde speziell für den Zweck entwickelt, die bestehende Fähigkeitslücke zwischen SASPF, LOGFAS auf strategischer Ebene und der operativen Realität auf Brigadeebene komplementär zu schließen.
Technisch fungiert Appia als digitale Integrations- und Abstraktionsschicht zwischen bestehenden Systemen. Daten aus ERP-Systemen (bspw. SASPF), LOGFAS oder C2/C4I können über Schnittstellen bi-direktional integriert und in einem RLP zusammengeführt werden. Das System ermöglicht dadurch erstmals eine kontinuierliche, taktisch nutzbare Darstellung logistischer Informationen: Bedarfe von Einheiten, verfügbare Bestände, Prioritäten, Transportmittel und Versorgungskorridore & -routen können in Echtzeit zusammengeführt und für Planungs- und Führungsentscheidungen genutzt werden.
Appia ist spezifisch für die Anforderungen der Umgebung LogE 1 und 2 entwickelt. Das System kann auf einem Feldserver im Brigadegefechtsstand gehostet und via gehärtete Tablets/Laptops
bedient werden. Dabei sind die Funktionen unabhängig der Netzverbindung nutzbar, damit die Brigade offline in “congested” als auch “contested” Umgebungen handlungsfähig ist.
Mithilfe von KI ermöglicht Appia eine dynamische Planung und Steuerung von Nachschubbewegungen sowie die Optimierung logistischer Transportketten zwischen Depots, Versorgungspunkten im Einsatzgebiet und den versorgten Truppenteilen. Dadurch können Versorgungszeiten verkürzt, Transportkapazitäten effizienter eingesetzt und logistische Entscheidungen frühzeitig in den militärischen Führungsprozess eingebunden werden.
Appia ist seit Beginn der Entwicklung als multinationale, interoperable Plattform konzipiert. In multinationalen Operationen können unterschiedliche nationale Appia-Instanzen über eine
gemeinsame Daten- und Entscheidungsstruktur miteinander verbunden werden. Damit unterstützt Appia nicht nur nationale logistische Prozesse, sondern auch die Interoperabilität innerhalb von NATO-Verbänden, komplementär zu LOGFAS.
Im Kontext der digitalen Transformation der Streitkräfte und der zunehmenden Vernetzung militärischer Systeme stellt Appia somit einen neuen Ansatz für logistische Führung dar: ein durchgängiges Recognized Logistics Picture, das strategische Planungssysteme mit der operativen Realität des Gefechtsfelds verbindet.
Damit adressiert Appia eine zentrale Voraussetzung moderner Operationsführung: die Fähigkeit, logistische Informationen effizient, verlässlich und entscheidungsrelevant verfügbar zu machen und damit die Einsatzbereitschaft der Truppe zu erhöhen.
Scipio Networks GmbH | Julie-Wolfthorn-Straße 1 | 10115 Berlin
Bei der nunmehr omnipräsenten Debatte um unsere Verteidigungsfähigkeit liegt der Fokus oft allein auf der Ausstattung: Über wie viele Panzer, Fregatten, Kampfjets und welche Munitionsbestände verfügen wir?
Militärhistoriker kennen jedoch unzählige Zitate führender Generäle, welche die herausgehobene Bedeutung der Logistik in Konflikten verdeutlichen. „In war, amateurs talk strategy; professionals talk logistics“ (auf Deutsch: „Im Krieg sprechen Amateure über Strategie, Profis über Logistik.“) ist wohl eines der bekanntesten. Insbesondere in Deutschland müssen wir uns immer wieder vor Augen halten, dass unsere Rolle in den Verteidigungsplänen der NATO deutlich über die eines bloßen Truppenstellers hinausgeht.
Vom Appell zur Umsetzung
Deutschland ist die „Drehscheibe“ der NATO im Herzen Europas – und somit der Knotenpunkt, durch den der Großteil der NATO-Truppen im Falle einer Konfrontation an der Ostflanke verlegt und versorgt werden muss. Während die mediale Aufmerksamkeit bereits auf dem logistischen Kraftakt der Verlegung liegt, wird die Komplexität der darauffolgenden Dauerversorgung noch immer weitgehend ausgeblendet.
Das ist fatal, denn die härteste Währung der Abschreckung ist nicht allein der einsatzbereite Großverband an der richtigen Stelle zum richtigen Zeitpunkt, sondern die Fähigkeit, diese einzelnen Verbände über Wochen und Monate hinweg zu versorgen, Verwundete und Gefallene zurückzuführen, ausgefallenes Material abzuschieben, sowie personelle und materielle Ausfälle aufzufüllen.
Der Operationsplan Deutschland ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Was jetzt zu tun ist
Während die Logistik zu Zeiten des Internationalen Krisenmanagements (IKM) größtenteils planbar war und zyklisch verlief, haben wir diesen Luxus im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung nicht mehr. Hier zählen Masse, Geschwindigkeit und die unerbittliche Logik der Geografie.
Deutschland muss in die Lage versetzt werden, auch dieser logistischen Schlüsselrolle gerecht zu werden. Und dies nicht nur im formellen „Friedenszustand“, sondern auch im Spannungs-, Krisen- und Verteidigungsfall. Angesichts der offensichtlichen Bedeutung Deutschlands für die NATO sind wir bereits jetzt Ziel hybrider Angriffe auf kritische Infrastruktur, Rüstungsindustrie und Schienenwege. Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass im Ernstfall die gesamte logistische Kette „Factory to Foxhole“ Ziel intensivierter hybrider sowie kinetischer Angriffe sein wird – obwohl Deutschland Hunderte Kilometer vom potenziellen Frontverlauf entfernt liegt.
Arbeitsagenda für die Allianz
Genau diese „Tyrannei der Entfernung“ erfordert für die Bundeswehr neue Ansätze: nämlich die Skalierung und vollumfassende Integration der zivilgewerblichen Leistungserbringung in den militärlogistischen Wirkverbund bis in das Einsatzgebiet hinein. Dies ist zwingend, da die verfügbaren logistischen Kräfte der Bundeswehr auf den letzten 100 Kilometern bis zur Front konzentriert sein werden, um die Versorgung im direkten Einsatzgebiet zu gewährleisten.
Der Operationsplan Deutschland (OPLAN DE) sieht explizit einen integrierten logistischen Wirkverbund aus fünf Säulen vor: den eigenen Fähigkeiten der Bundeswehr, gesamtstaatlichen Leistungen, gewerblichen Leistungen, multinationaler Kooperation (NATO) und den Vorsorge- und Arbeitssicherstellungsgesetzen.
Säulen des logistischen Wirkverbunds
Der Weg hin zur zwingend notwendigen zivilgewerblichen Leistungserbringung bereitet mir derzeit am meisten Sorgen.
Es ist mitnichten so, als hätte die Bundeswehr keine Erfahrung in der Integration zivilgewerblicher Partner. Jedoch sind die Größenordnungen, für die wir nun planen müssen, gänzlich andere. Es wäre geboten, von einer neuen Dimension der zivil-militärischen Lastenteilung zu sprechen, die es zu finanzieren, zu etablieren und – zu guter Letzt – zu beüben gilt. Hier gibt es eine Vielzahl von Problemfeldern:
Erstens hat die Bundeswehr in den vergangenen Jahrzehnten der „Friedensdividende“ aus Kostengründen davon abgesehen, Verträge für haushaltsmittelbindende Leistungen zu schließen, die „nur eventuell“ abgerufen werden müssten. Spätestens 2026 müssen wir hier eine fundamentale Kehrtwende vollziehen. Alles, was wir nicht vertraglich festgehalten und umfassend geübt haben, wird am „Tag X“ entweder nicht verfügbar sein oder nicht funktionieren.
Zweitens sind die derzeitigen vertragsrechtlichen Voraussetzungen für „Vorhalteleistungen“ in einem wettbewerbsorientierten Markt unternehmerisch unattraktiv. Das geltende Vergaberecht erweist sich oft als Hindernis, da es primär den niedrigsten Preis belohnt. Hinzu kommt das Zögern der öffentlichen Hand, marktübliche Gegebenheiten wie Leerfahrten auch tatsächlich zu vergüten. Sie wirken sich negativ auf die Attraktivität der Bundeswehr als Vertragspartner für zivile Speditionen aus – und damit auf deren Verlässlichkeit im Ernstfall. Da Planbarkeit und die verlässliche Leistungserbringung oberste Priorität für den Erfolg der „Drehscheibe Deutschland“ darstellen, sollten diese Faktoren bei Ausschreibungsausgestaltung entsprechend gewichtet werden.
Drittens fand in den letzten Jahrzehnten eine erhebliche Verlagerung von Kapazitäten ins europäische Ausland statt – sowohl als Folge als auch zur Kompensation des innerdeutschen Fahrermangels. Bereits 2022 waren rund ein Viertel der in Deutschland tätigen Berufskraftfahrer Ausländer ohne deutschen Pass. Im Bündnisfall bedeutet dies, dass potenziell 25 Prozent unserer logistischen Kapazitäten wegfallen könnten, da diese Fahrer in ihren Heimatländern (oft NATO-Staaten wie Polen, Bulgarien und Rumänien) der dortigen Wehrpflicht unterliegen.
Diese Probleme sind zwar erkannt, nun aber müssen sie zwingend adressiert werden. Das BMVg sowie das Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr (BAIUDBW) stehen vor einer kulturellen und kommunikativen Herkulesaufgabe. Die deutsche Logistikbranche ist bereit, ihren Beitrag zu leisten, fordert aber verständlicherweise ein Entgegenkommen der Amtsseite sowie verbindliche Vorgaben und finanzielle Planungssicherheit.
Uns muss klar sein: Die Ausweitung der zivilgewerblichen-militärischen Lastenteilung im Bereich der Logistik ist alternativlos. Wir können nicht erst in der Krise an die Tür der Transportunternehmen klopfen. Vorhalteverträge sind derzeit der einzige Weg, den Drahtseilakt zwischen finanzieller Sicherheit für die Unternehmen, Verlässlichkeit für die Streitkräfte und der Möglichkeit des gemeinsamen Übens zu meistern.
Dies erfordert eine neue Art von Pragmatismus aller Beteiligten – um sicherzustellen, dass Deutschland seiner wohl wichtigsten Verpflichtung in der Verteidigungsplanung der NATO, nämlich der, als logistische Drehscheibe im Herzen Europas auch vollumfänglich nachkommen kann.
Vom Appell zur Umsetzung
Damit diese Allianz mehr ist als ein Appell, braucht sie eine klare Arbeitsagenda: standardisierte Vorhalteverträge, wiederkehrende Übungen in realistischen Größenordnungen und vor allem belastbare Schnittstellen zwischen militärischer Planung und ziviler Disposition. Ein gemeinsames Lagebild über verfügbare Transportmittel, kritische Engpässe und Prioritäten – digital, aktuell und krisenfest – ist dabei kein „nice to have“, sondern die Voraussetzung, um Geschwindigkeit und Masse im Ernstfall überhaupt organisieren zu können.
Abschreckung wirkt nur, wenn sie glaubwürdig durchgehalten werden kann. Genau daran entscheidet sich die „Drehscheibe Deutschland“: nicht am ersten Tag der Verlegung, sondern an Tag 30, Tag 60 und Tag 120 der Dauerversorgung. Wer diese Durchhaltefähigkeit vertraglich vorbereitet, praktisch beübt und politisch absichert, stärkt nicht nur die Bundeswehr, sondern die Handlungsfähigkeit des gesamten Bündnisses. Logistik ist damit keine Unterstützungsfunktion – sie ist ein zentraler Teil der Abschreckung.
Natürlich lässt sich die Komplexität dieses Systems nicht auf wenigen Seiten erschöpfend behandeln. Doch dieser Text soll ein Weckruf sein: Amtsseite und Industrie müssen aufeinander zugehen. Nur durch eine pragmatische Allianz zwischen Bundeswehr und Logistikwirtschaft erreichen wir die nötige Kriegstauglichkeit und Aufwuchsfähigkeit. Sie ist die Basis, um unsere Freiheit und Demokratie im Ernstfall erfolgreich zu verteidigen.
Erstveröffentlichung in Europäische Sicherheit und Technik, 06.02.2026, www.esut.de
Autor: Kerstin Vieregge, MdB, Vizepräsidentin GSP und Obfrau der CDU/CSU Fraktion im Verteidigungsausschuss und Berichterstatterin für das Operative Führungskommando & OPLAN Deutschland
Die europäische Rüstungsindustrie erlebt gerade einen historischen Boom. Milliarden fließen in neue Systeme, Fertigungslinien und Programme – die Auftragsbücher sind prall gefüllt. Doch während überall über Kapazitäten, Technologien und Fachkräfte gesprochen wird, bleibt ein kritischer Erfolgsfaktor erstaunlich leise: die Lieferkette.
Wer heute über Produktionssteigerung redet, sollte nicht nur auf Maschinenparks und die eigenen Kapazitäten schauen. Sondern auf Fähigkeiten der Lieferanten. Denn Geschwindigkeit entsteht nicht nur an der eigenen Werkbank – sondern in der Art, wie Unternehmen in der Lieferkette zusammenarbeiten.
Der Engpass sitzt tiefer, als viele denken. Nicht OEMs oder die großen Systemhäuser bremsen den Hochlauf. Sie haben oft ausreichende Ressourcen, stabile Prozesse und das notwendige Wissen. Der Flaschenhals liegt tiefer – bei den hochspezialisierten Betrieben in den unteren Lieferstufen.
Diese kleinen, oft familiengeführten Betriebe sind das Rückgrat der Industrie. Sie fertigen Anbauteile wie Halterungen, Verbindungselemente oder hochpräzise optische Komponenten – unersetzlich, aber oft unsichtbar. Was früher unkritisch war – bspw. eine Dichtung für den Antrieb – wird plötzlich zum Engpass. Hinzu kommt, dass viele dieser kleinen Betriebe über Jahrzehnte gewachsenes Spezialwissen und individuelle Fertigungsprozesse besitzen, die sich nicht kurzfristig replizieren lassen. Der Aufbau einer „Second Source“ – also eines alternativen Lieferanten – ist oft weder technisch noch wirtschaftlich kurzfristig möglich. Die Kombination aus Abhängigkeit, Know-how-Monopol und fehlender Skalierbarkeit macht diese Unternehmen zu kritischen, aber schwer ersetzbaren Gliedern der industriellen Kette. Wenn ein einziges dieser Betriebe seine Kapazität nicht erweitern kann oder an Qualitätsgrenzen stößt, steht die Fertigung still.
Das ist kein Vorwurf, sondern Realität. Jahrzehntelang waren diese Strukturen auf Kleinserien und Prototypen ausgelegt. Niemand musste an Skalierung oder Massenproduktion denken. Doch jetzt steht die Branche an einem Wendepunkt – und genau diese Unternehmen entscheiden, ob aus Tempoansagen auch tatsächlich Lieferung wird.
Kooperation statt Kettenreaktion. Noch immer wird Lieferanten-Management vielerorts als reine Einkaufsdisziplin verstanden. Dabei geht es längst um etwas anderes, um Transparenz und um klare Führung in komplexen Netzwerken.
Die entscheidende Frage lautet: Arbeiten wir mit unseren Partnern – oder nur über sie?
Damit wird deutlich, das eigentliche Problem liegt weniger in der industriellen Leistungsbereitschaft, sondern in der fehlenden systematischen Steuerung und Entwicklung der Lieferantenstrukturen – insbesondere in den unteren Ebenen der Wertschöpfungskette.
Wer seine Lieferkette nur verwaltet, verliert Geschwindigkeit. Wer sie aktiv gestaltet, gewinnt Handlungsfreiheit.
Denn Lieferfähigkeit entsteht nicht durch Druck, sondern durch Kooperation – durch gemeinsames Denken in Kapazitäten, Prozessen und Innovationen.
Modernes Lieferanten-Management ist kein bürokratisches Kontrollsystem, sondern ein Wachstums- und Befähigungsprogramm der gesamten Lieferkette. Fünf Handlungsfelder zeigen, wie das gelingen kann:
Kapazitätsaufbau und Redundanzmanagement: Ausbau zusätzlicher Produktionskapazitäten gemeinsam mit Schlüsselzulieferern über alle Stufen hinweg. Gleichzeitig müssen Redundanzen geschaffen werden, um Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten zu verringern.
Qualifizierung und Entwicklungsprogramme: Besonders die unteren Lieferstufen benötigen gezielte Unterstützung. Technische Schulungen, Reifegradmodelle, Co-Investitionen und langfristige Entwicklungsvereinbarungen helfen, hochspezialisierte Kleinstunternehmen auf das notwendige Qualitäts- und Prozessniveau zu heben. Die Automobilindustrie hat mit ähnlichen Programmen beim Übergang zur Elektromobilität entscheidende Erfolge erzielt.
Transparenz und Echtzeitsteuerung: Aufbau digitaler Plattformen zur Erfassung und Überwachung von Lieferständen, Risiken, Qualitätskennzahlen und Kapazitäten entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Nur wer seine Lieferantenlandschaft datenbasiert kennt, kann sie effektiv steuern.
Kooperative Wertschöpfung und Anreizsysteme: Entwicklung langfristiger Partnerschaften durch gemeinsame Entwicklungsinitiativen, Technologie-Partnerschaften und leistungsorientierte Anreizmodelle (z. B. Bonus-Malus-Systeme). Kooperation ersetzt kurzfristiges Einkaufsdenken.
Institutionalisierte Governance: Verankerung des Lieferanten-Managements, nicht nur in der Einkaufsstrategie, sondern auch in der strategischen Unternehmensführung – mit klaren Rollen, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten, regelmäßigen Audits und Berichtspflichten über alle Hierarchien hinweg.
Die Rüstungsindustrie steht an einem entscheidenden Punkt. Sie kann weiter im Modus der Einzeloptimierung verharren – oder sie nutzt die Zeitenwende, um ihre industrielle Basis gemeinsam neu zu gestalten. Das bedeutet: weniger Silodenken, mehr Zusammenarbeit. Weniger Absicherung, mehr Transparenz und Klarheit.
Die größten Potenziale liegen nicht in neuen Technologien, sondern in neuen Verbindungen.
Wer Kooperation als strategische Fähigkeit versteht, wird Tempo, Qualität und Zuverlässigkeit dauerhaft sichern.
Denn am Ende entscheidet sich die Wettbewerbsfähigkeit nicht an der Spitze der Lieferkette – sondern an ihrem Fundament. Lieferfähigkeit ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis von Transparenz und gemeinsamem Gestaltungswillen.
Erstveröffentlichung in hartpunkt – Monitor für Defence und Sicherheitspolitik, 16. Oktober 2025, www.hartpunkt.de