Wie kämpft das Heer in der Zukunft? Wie stellt es sich dem Gefecht, um zu gewinnen? Das zeigt die Lehr- und Versuchsübung in der „Hauptstadt des Heeres“. In Munster führen Soldatinnen und Soldaten verschiedener Verbände vor, wie das Gefecht zukünftig aussehen wird und wie sie kämpfen, um zu gewinnen.

Das Gefecht auf der Schießbahn 3 in Munster beginnt mit einem Surren. Dieses unverkennbare Geräusch ist ein bestimmendes Merkmal der „neuen“ Art zu kämpfen. Drohnen sind dabei längst nicht mehr nur Aufklärungsmittel, auch findet der Erstkontakt zum Gegner zukünftig meist unbemannt statt.
Eine Stimme aus dem Off erklärt zu Beginn der Übung die Phasen der Operationsführung.
„Erstens: Aufbau und dauerhafter Erhalt des eigenen Schutzschirmes durch vernetzte Sensorik, weitreichendes Feuer, Flugabwehr, Elektromagnetischen Kampf sowie KI-gestützte Datenverarbeitung.
Zweitens: Stören, Sättigen oder zeitweises Niederhalten des gegnerischen Schutzschirmes durch koordinierte Effekte aus allen Dimensionen.
Drittens: Die bewegliche Operationsführung, geprägt durch Feuer und Bewegung. In dieser Phase entscheiden Mobilität, Abstandsfähigkeit Duellfähigkeit und präzise Wirkung über den Erfolg des Gefechtes.“
Diese Anmoderation benennt das neue Strukturmerkmal auf dem Gefechtsfeld, den Schutzschirm und die sich überlagernden Schutzschirme der Konfliktparteien.
Neues Kriegsbild
Die Lehr- und Versuchsübung in Munster verfolgen an mehreren Tagen der Bundeskanzler, der Verteidigungsminister und der Generalinspekteur, die Mitglieder des Verteidigungsausschusses, die Heeresführung und Schulkommandeure. Angereist sind auch Vertreter verschiedener Organisationsbereiche, forschender und testender Einheiten, des Cyber Innovation Hub und der Rüstungsindustrie.
Um die Sicherheit der NATO, Europas und somit auch Deutschlands stand es noch nie so ernst. Russland ist die Hauptbedrohung für den euro-atlantischen Raum. Es rüstet auf, in einem Tempo, das es so, noch nie gab. Mit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine wurden die russischen Streitkräfte massiv ausgebaut. Damit sind ebenfalls neue Militärstrukturen entstanden, die strikt gegen den Westen ausgerichtet sind. Zahlen wie 1,5 Millionen aktive russische Soldaten oder etwa 400.000 zum Einsatz gebrachte Drohnen im letzten Jahr in der Ukraine kennzeichnen diese Entwicklung.
Der Krieg in der Ukraine hat ein Kriegsbild gezeigt, auf das sich die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr einstellen. Es wurden Technologiesprünge und folgend Entwicklungen sichtbar, denen das Heer folgt und die es vorantreibt. Zukünftig entscheidet in Kriegen die Beherrschung sehr großer Datenmengen auch über Sieg oder Niederlage. Künstliche Intelligenz nimmt dabei einen immer größer werdenden Raum ein.
Der Auftrag bleibt, der Kampf ändert sich

Raum halten und Raum nehmen, auch gegen feindlichen Widerstand ist der unveränderte Kernauftrag der Streitkräfte. Doch wie dies geschieht, unterliegt einem strikten Wandel. Das Gefechtsfeld wird transparent. Lückenlos erfassen Aufklärungsmittel und Sensoren Bewegungen. Diese Informationen werden nahezu in Echtzeit verarbeitet. Somit erfolgt unmittelbar nach der Aufklärung der Waffeneinsatz. Die Zeit zwischen Erkennen und Bekämpfen schrumpft auf ein Minimum. Auch der massenweise Einsatz kostengünstiger vernetzter und häufig unbemannter Systeme verändert die Gefährdung der Soldatinnen und Soldaten signifikant. Zudem wirken Drohnen nicht mehr isoliert, sondern im Verbund. Mit dem Ergebnis, dass Sichtbarkeit zur Verwundbarkeit wird.
Der Schutzschirm ist zentral für die Operationsführung und vernetzt alle Ebenen, Aufklärung und Wirkung, vom Einzelsystem bis zum großen Gefechtsverbund. Er wird gespeist aus einer Vielzahl von Sensoren und arbeitet KI-gestützt. Aus allen Richtungen entsteht ein nahezu lückenloses Echtzeit-Lagebild. Bedrohungen werden sofort erkannt und die Soldaten reagieren. Allerdings hängt seine Schutzwirkung davon ab, wie schnell und korrekt riesige Datenmengen gewonnen und verarbeitet werden können. Es gilt der Grundsatz: Wer Informationen schneller gewinnt, verarbeitet und präzise in Wirkung umsetzt, gewinnt.
Der Schutzschirm wird Voraussetzung für das Gefecht

Dieser Grundsatz gilt aber auch für den Gegner, sodass ohne einen eigenen Schutzschirm auf dem Gefechtsfeld kaum Bewegungen oder Durchhaltefähigkeit möglich sind. Erst wenn der eigene Schutzschirm steht und der gegnerische Schutzschirm gestört oder zerstört ist, entsteht die Möglichkeit dem Gegner ernsthafte Verluste zuzuführen.
Das kleine Heidedorf inmitten der Schießbahn ist das strategische Ziel der Operation. Zum Aufbau des Schutzschirmes sind das Luftverteidigungssystem IRIS-T SLM sowie das Flugabwehrsystem Skyranger 30 in Stellung gegangen. Die Uranos KI-Ausstattung nutzt Drohnen, Bodenkontrollstationen und Künstliche Intelligenz. Sie sammelt Daten, die in der Luft und am Boden aufgezeichnet werden und erstellt ein Echtzeit-Lagebild. Die Aufklärungssysteme FALKE und Twister, die bodengebundene Drohne Gereon oder das unbemannte Kettenfahrzeug Themis tragen mit ihren Daten zum Schutzschirm bei. Parallel geht in Heidedorf der Roboter Ziesel mit dem adaptiertem Mehrrollenfähigen Leichten Lenkflugkörpersystem MELLS in Stellung und bekämpft unbemannt die ersten gegnerischen Ziele.
Es gelten selbstverständlich die bisherigen Einsatzgrundsätze. So tragen auch weit vor Operationsbeginn eingesetzte Fernspähkräfte nach wie vor mit ihren Informationen dazu bei, den Schutzschirm des Gegners zu schwächen oder gar zu stören.
Feuer und Bewegung zur Entscheidung


Die Entscheidung bringt nach wie vor der Kampf: Doch es gilt, den eigenen Schutzschirm aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Dieser Schutz wird zur Voraussetzung jeder Operation. Zusätzlich muss der gegnerische Schutzschirm gestört, niedergehalten, abgenutzt und schließlich durchdrungen werden. Aus „die letzten 100 Meter gehören dem Heer“ wird „die letzten 5.000 Meter gehören dem Heer“. Die gegnerischen Sensorsysteme sind gesättigt und der Schutzschirm des Gegners wird geschwächt – gute Voraussetzungen, um die Entscheidung im Kampf zu suchen.
In Munster gehen Geschütze der Artillerie in Stellung. Raketenwerfer MARS, Radhaubitze RC 155, Panzerhaubitze 2000 und der Mehrfachraketenwerfer PULS bereiten mit ihrem weitreichenden Feuer den Einsatz der Panzertruppen sowie der schweren Infanterie vor. Die abstandsfähigen Systeme schwächen den gegnerischen Schutzschirm aus sehr großer Distanz. Auch hier kommen neue Systeme zum Einsatz. Über Heidedorf fliegt die Loitering Munition, umgangssprachlich Kamikazedrohne mithilfe eines eigenen Antriebs in den Einsatzraum und kreist dort eine gewisse Zeit in der Luft. Eigene Sensoren und eine intelligente Software erkennen selbstständig Ziele und identifizieren einen feindlichen Kampfpanzer oder Gefechtsstand. Der Bediener entscheidet schließlich, das Flugobjekt samt Sprengladung gegen das Ziel einzusetzen. Auch ganze Drohnenschwärme werden zukünftig eingesetzt, um die Sensorik des Gegners zu stören, zu überlasten oder sogar zu bekämpfen. Der Vorteil liegt klar auf der Hand, eine schnelle Reaktionsfähigkeit sowie eine präzise Bekämpfung mit einer meist höheren Reichweite als Artilleriegranaten.
Mittlere und Schwere Kräfte mit Angriffsschwung

Die Ausweitung und Überlagerung der Schutzschirme folgen den Grundsätzen des Verzögerungsgefechtes, mal in Feind- oder die eigene Richtung mit fortwährendem Einsatz von Drohnen zur Aufklärung oder zum Kampf. Die Entscheidung über Sieg oder Niederlage sucht der militärische Führer jedoch im direkten Kampf, dazu werden Mittlere und Schwere Kräfte massiert mit Angriffsschwung und dem Willen zum Sieg eingesetzt: Feuer und Bewegung mit Aufklärung voraus.
Kampfpanzer Leopard und Schützenpanzer Puma stehen für Präzision und Schlagkraft. Panzergrenadiere wechseln in der Ortschaft ihre Kampfweise und bekämpfen den Gegner im urbanen Gelände. Die Leoparden kämpfen darüber hinaus auf große Entfernungen und sichern die Flanken. Weitreichende Feuerunterstützung aus einem gemischten Schwarm Kampfhubschrauber Tiger und dem leichten Kampfhubschrauber H145M zerschlagen auf große Entfernung den feindlichen Gegenstoß.
Das Gefecht um Heidedorf hat vielfältige Waffensysteme gezeigt, solche, die das Heer schon hat und solche, die in den kommenden Jahren in die Truppe kommen sollen. Systeme, die zusammen operieren, mit dem Ziel einen eigenen Schutzschirm aufzubauen, den gegnerischen zu durchdringen und im dynamischen Gefecht die Entscheidung herbeizuführen.
Wie das Heer künftig kämpfen wird, um gewinnen zu können, ist Ausgangspunkt und Triebfeder für den Weg, den es eingeschlagen hat. Mit dem Ziel das Heer neu aufzustellen. „Wir wissen, was wir dazu brauchen, wie wir uns dazu organisieren müssen und was wir dazu ausbilden müssen. Der Campaign Plan Heer 2035+ ist dafür der operative Handlungsrahmen“, so der Inspekteur.
Dynamische Schau neuer Aufklärungs- und Waffensysteme












Erstveröffentlichung in YNSIDE, 30.04.2026
Bilder: ©Bundeswehr/Marco Dorow

















