Loitering Munition: Truppe testet Kamikazedrohnen

Vier Kampfpanzer im Gelände finden und während der Fahrt mit Kamikazedrohnen angreifen: Diese Aufgabe galt es, beim zweiten Praxistest des Aufklärungs- und Wirkverbundes im April 2026 zu erfüllen. Eingesetzt wurden auch Soldatinnen und Soldaten, die ab 2027 mit der neuen Technik Teil der Brigade Litauen sein werden.

Fünf Monate nach dem ersten Test des Aufklärungs- und Wirkverbunds (AWV) im Dezember 2025 hat das Planungsamt der Bundeswehr das zweite Schießen auf dem Übungsplatz im thüringischen Ohrdruf durchgeführt. Der AWV ist ein System, bei dem Aufklärungsdrohnen und Systeme zur Bekämpfung intelligent zusammenarbeiten. Das Ziel dieser Vernetzung: den Gegner auf große Distanz mit den Aufklärungsdrohnen finden und umgehend mit der Loitering Munition (LM) bekämpfen. Mehr dazu finden Sie im Beitrag zu Loitering Munition.

Senkrecht in den Himmel geht es für eine der getesteten Varianten. So kann die Drohne auch auf engen Waldlichtungen oder in Häuserschluchten starten. ©Bundeswehr/Jana Neumann

Damit der Aufklärungs- und Wirkverbund funktioniert, müssen nicht nur die einzelnen Aufklärungsdrohnen und Loitering Munition jeweils für sich funktionieren, sondern auch als Gesamtsystem und unter Gefechtsbedingungen. Verbindendes Element der einzelnen Teilsysteme, die von unterschiedlichen Herstellern kommen und damit jeweils die hauseigene Software mitbringen, ist die bundeswehreigene Führungssoftware mit dem Namen Unmanned Management System (UMS).

Um die notwendige Einsatzreife dieses Gesamtsystems möglichst schnell zu erreichen, sei es notwendig, Praxistests wie in Ohrdruf gemeinsam mit den Herstellern durchzuführen, erläutert Tobias T., Leiter des Projekts im Planungsamt der Bundeswehr. Nur so sei eine zügige Fortentwicklung möglich, um den Aufklärungs- und Wirkverbund einsatzbereit in Litauen stationieren zu können. Dabei betont T.: „Dieses System wird nie fertig sein. Durch die rasante Entwicklung wird es ständig Updates geben, um die Teilsysteme zu verbessern und anzupassen. Entsprechend wurden die Kaufverträge auch gestaltet.“

Per Katapult wird eine weitere der getesteten Drohnen in die Luft befördert. Da dieser Start kaum Energie verbraucht, ist das System deutlich kompakter. ©Bundeswehr/Jana Neumann

Ohne Datenverbindung kein Treffer

Verglichen mit der ersten Testung waren die Ansprüche an das gesamte System in Ohrdruf erheblich höher. Die Bediener kamen nicht von den Herstellerfirmen, sondern aus der Truppe. Dabei kannten einige der Soldatinnen und Soldaten das System erst wenige Tage und führten dennoch mehreren LMS gleichzeitig in der Luft. Erschwerend kam in der Übung hinzu, dass die Leopard-2-Panzer nicht standen, sondern in Fahrt getroffen werden sollten – natürlich ohne scharfen Gefechtskopf.

Ob Nebelkerzen oder Ausweichmanöver – die Panzerbesatzungen versuchen, kein leichtes Ziel zu bieten. ©Bundeswehr

Die Stellungen, aus denen die Drohnen auf dem hügeligen Gelände des Übungsplatzes in Ohrdruf gestartet wurden, waren nicht vorbereitet. Der Grund: Im Einsatzfall würden die Soldatinnen und Soldaten regelmäßig ihren Ort wechseln, um nicht selbst entdeckt zu werden. Das bedeutet, dass die gesamte Infrastruktur zur Sicherstellung der Datenverbindung im Gelände aufgebaut und betrieben werden musste. „Wir ziehen in Baumreihen, Scheunen und hinter Hügeln unter – ohne direkte Sicht auf das Zielgebiet. Das ist natürlich eine Herausforderung für die Datenlinks, die essenziell für das System sind. Entsprechend müssen wir lernen, wie wir damit umgehen, sowohl technisch als auch taktisch“, erklärt der Fachmann aus dem Planungsamt.

Mit den natürlichen Herausforderungen durch Gelände, Wetter und Entfernung war es aber nicht getan beim Schießen in Ohrdruf. Denn am Ende wird der Gegner alles dran setzen, sich vor den Angriffen der Kamikazedrohnen zu schützen. Ausweichmanöver der Panzerbesatzungen, Nebelkerzen und elektronische Gegenmaßnahmen stellten die Bediener und die Zielerfassungssoftware der LMS vor zusätzliche Herausforderungen.

Die Artilleristen, die mit dem AWV 2027 nach Litauen gehen, werden bereits jetzt eng mit eingebunden. Bis zu vier LMS führt ein Bediener an seiner Bodenkontrollstation gleichzeitig ins Ziel. ©Bundeswehr/Jana Neumann

Arbeiten wie beim Schießen in Ohrdruf nachgewiesen mehrere unbemannte Systeme zusammen, könne man von einer Schwarmfähigkeit sprechen, die mit der weiteren Entwicklung des Aufklärungs- und Wirkverbunds immer stärker zum Tragen komme, so Oberstleutnant T. Am Ende sei hier die verfügbare Bandbreite der Datenverbindung der entscheidende Faktor.

Erste LMS-Batterie für Litauen

„Im Gegensatz zur klassischen Rohr- und Raketenartillerie können wir mit diesem Aufklärungs- und Wirkverbund über eine größere Entfernung schießen und auch fahrende Ziele bekämpfen“, erklärt Major Fabian S., Chef der ersten LMS-Batterie in der Geschichte der deutschen Artillerie. In dieser Funktion wird Major S. im kommenden Jahr mit seinen Männern und Frauen als 5. Batterie des Artilleriebataillons 455 der Panzerbrigade 45 in Litauen unterstellt werden. „Für uns ist es von großem Wert, so früh in die Entwicklung des AWVs eingebunden zu werden. Zum einen fließen unsere Rückmeldung direkt in die Weiterentwicklung ein. Zum anderen haben wir das Privileg, die taktischen Einsatzverfahren für das System mit zu entwickeln“, so der Batteriechef.

Vor dem Hintergrund der absehbaren Stationierung in Litauen sind die Erwartungen der Truppe auch entsprechend hoch. Eine große Reichweite, um den Feind möglichst tief im Raum zu bekämpfen sowie eine hohe Trefferquote seien unabdingbar, so Major S. Zudem müsse das System natürlich bei jedem Wetter funktionieren und auch unter hoher Belastung von den Soldatinnen und Soldaten sicher bedient werden können.

Neben der Batterie von Major S. wird das Artilleriebataillon 215 aus Augustdorf als zweiter Verband mit dem Aufklärungs- und Wirkverbund ausgestattet werden. Beide Batterien werden in ihren jeweiligen Bataillonen die klassische Rohrartillerie, bestehend aus Panzerhaubitzen 2000, ergänzen.

Bundeswehr nutzt Erfahrung der Ukraine

Dass die ukrainischen Streitkräfte in ihrem Verteidigungskampf auch die Aufklärungs- und „Kamikazedrohnen“ nutzen, die für den Aufklärungs- und Wirkverbund vorgesehen sind, sei ein großer Vorteil, erklärt Oberstleutnant Tobias T. „Wir bekommen Einsatzberichte sowohl von den Unternehmen als auch von den ukrainischen Streitkräften. Das hilft uns natürlich sehr, wobei wir bei der Auswertung auch vorsichtig sein müssen, denn nicht immer sind alle Rahmenbedingungen wie Wetter oder Ausbildungsdauer der Bediener bekannt. Zudem unterscheiden sich die Systeme der Ukrainer in manchen Bauteilen zu denen, die wir kaufen.“

Eine Aufklärungsdrohne ist das Auge des AWVs. Ist ein Ziel gefunden, liefert sie Zieldaten und Bilder für die angreifenden Kamikazedrohnen. ©Bundeswehr/Jana Neumann

Und auch mit Blick auf die Trefferquoten ist das tatsächliche Bild bei unbemannten Systemen trüber, als viele annehmen, die lediglich das Videomaterial aus der Ukraine von erfolgreichen Drohnenangriffen sehen. Das betreffe alle Systeme: sowohl billige FPV- Drohnen mit kurzer Reichweite als auch größere Systeme, betont der Fachmann vom Planungsamt. „Im Schnitt, über alle Systeme hinweg, können wir eine deutlich niedrigere Erfolgsquote erkennen. Umwelteinflüsse, elektronische Gegenmaßnahmen oder einfache Verbindungsabrisse sind an der Tagesordnung. Wenn der Aufklärungs- und Wirkverbund unter Gefechtsbedingungen mindestens eine Quote von eins zu vier erreiche – also eine von vier LMS ihr Ziel erreicht und auch tatsächlich zerstört – sei das gut, so die Einschätzung des Experten.

Aus dem mobilen Feuerleitstand heraus koordiniert die Führung der Batterie mithilfe des Unmanned Management Systems das Gefecht mit den Drohnen. ©Bundeswehr/Jana Neumann

Der erste Verbund von vielen

Die Entwicklung dieses Aufklärungs- und Wirkverbundes ist für die Bundeswehr allerdings nur ein erster Schritt hin zu einer ganzen Reihe von AWVs auf verschiedenen Ebenen in der Verbandsstruktur des Heeres. So ist der AWV, der für die Panzerbrigade 45 in Litauen geplant ist, auch dezidiert für den Einsatz auf Brigadeebene vorgesehen. Daraus leiten sich beispielsweise die Anforderung der Reichweite ab oder auch die Kampfaufträge für die Batterie.

Daneben gibt es bereits Projekte für einen AWV auf Divisionsebene mit entsprechend höherer Reichweite sowie einen AWV für kurze Reichweite auf Bataillonsebene, wo auch eine neuartige Software zum Tragen kommt. Bei letzterem würden die Stückkosten pro LMS auch deutlich sinken, erklärt Oberstleutnant T. „Insbesondere die geforderte Reichweite und die Fähigkeiten sind es, die ein System teuer macht. Darüber hinaus zahlt auch die Produktionsmenge auf die Reduzierung der Stückkosten ein. Ein System wird dann günstig, wenn die notwendige Stückzahl erreicht ist, sodass die Produktion industrialisiert werden kann.“

Unterm Strich ist der Projektleiter aus dem Planungsamt zufrieden mit dem Schießen in Ohrdruf. „Wir haben große Fortschritte gemacht. Einige Probleme, die wir zuvor erwartet haben, sind allerdings auch so eingetreten. Daher haben wir bereits die kommenden Tests in diesem Jahr schon darauf ausgerichtet, diese zu beheben.“

Erstveröffentlichung auf der Internetseite der Bundeswehr, 20.05.2026, www.bundeswehr.de

Autor: Ole Henckel

Anforderungen an den Einsatz von Drohnen und Loitering Munition im Heer

Aktuelle Konflikte und Kriege werden zunehmend durch Unbemannte Systeme (UxS) sowie Loitering Munition (LM) geprägt (UxS ist eine übergreifende Bezeichnung für unbemannte Plattformen in allen Dimensionen: Land, Luft oder Wasser). Dies zeigt sich vor allem im Krieg Russlands gegen die Ukraine, bei der eine Mehrheit der Ausfälle und aller verwundeten und gefallenen Soldaten durch eben jene Systeme verursacht und taktische Erfolge auf beiden Seiten erzielt werden.

Mit der Operation „Spider Web“, bei der bewaffnete small Unmanned Aircraft Systems (sUAS, ≤ 25kg) durch bemannte Kräfte tief ins russische Hinterland verbracht wurden, errangen die ukrainischen Streitkräfte einen spektakulären Erfolg. Diese spezielle Taktik ist so alt wie das Trojanische Pferd – die hierfür eingesetzten Sensoren und Effektoren sind es jedoch nicht. In den vergangenen zehn Jahren haben unbemannte Dual-use-Produkte eine enorme technologische Entwicklung vollzogen. Hierdurch können beispielsweise einfache wie günstige bewaffnete sUAS mittlerweile strategische Langstreckenbomber mit einem erheblichen finanziellen Wert und langen Entwicklungs- wie Bauzeiten zerstören, noch bevor diese zum Einsatz kommen.

Diese nicht mehr ganz so neuen unbemannten Mittel der Kriegsführung haben also eine deutliche Relevanz. Jedoch haben weder UxS noch LM die Kriegsführung von Landstreitkräften revolutioniert. Vielmehr wird diese vor allem technologisch getriebene Entwicklung als Evolution verstanden, bei der UxS/LM als ein unterstützendes Mittel einen zusätzlichen Baustein in der Operation verbundener (bemannter) Kräfte darstellen.

Für die Beantwortung der zentralen Frage dieses Artikels – Welche Anforderungen werden an den Einsatz von UxS/LM im Heer gestellt? – ist es wichtig, einen begrenzenden Rahmen aufzustellen. Auch wenn die technologische Innovation bei UxS/LM rasant ist, wird für die Beantwortung der zentralen Frage davon ausgegangen, dass UxS/LM weder heute, noch in den kommenden 15 Jahren in der Lage sein werden, ganz ohne bemannte Kräfte vor Ort Raum zu nehmen und zu halten und damit die Kernkompetenz von Landstreitkräften abzubilden.

Bevor die Anforderungen an UxS/LM dargestellt werden, wird zunächst der Gefechtsraum der Zukunft (bis 2040) umschrieben. Dies soll dem Leser einen Eindruck vermitteln wie Landstreitkräfte in den kommenden 15 Jahren kämpfen werden und welche Rolle UxS/LM hierbei einnehmen. Diesem Gefechtsbild folgend werden anschließend entlang der Trends der Heeresentwicklung die Anforderungen für den Einsatz von UxS/LM hergeleitet. Abschließend werden hieraus wesentliche Folgerungen in einem Fazit zusammengefasst.

Gefechtsraum der Zukunft (bis 2040)

Bereits heute werden Operationen von Landstreitkräften durch Fähigkeiten dominiert, welche eine hohe Abstandsfähigkeit als gemeinsames Element aufweisen. Dies sind in der Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) vor allem Sensoren und Effektoren der Luftverteidigung, des elektromagnetischen Kampfes sowie Aufklärungs- und Wirkungsverbünde (AWV) großer Reichweite, wie sie durch die Heeresaufklärungstruppe, die Artillerietruppe oder die Heeresflieger auf Divisions- und Korpsebene abgebildet werden.

Zusammenfassend tragen diese Fähigkeiten unter dem Begriff Anti-Access/Area-Denial (A2AD) zu einem operativen Effekt bei, der dem Gegner den Zugang zu einem Raum verwehrt beziehungsweise erschwert, indem eine Konzentration von Kräften ohne frühzeitige Aufklärung und Bekämpfung nicht mehr möglich ist. Der Gefechtsraum der Zukunft wird demzufolge nahezu transparent. Zukünftig wird das Ringen um diesen operativen Effekt die Operationen von Landstreitkräften bestimmen. Wer als erstes die A2AD-Fähigkeiten des jeweils anderen anhaltend niederringen kann, wird erfolgreich die Voraussetzungen für eine hochbewegliche Operation verbundener Kräfte auf der Ebene von Großverbänden schaffen.

Bild 1: Der Gefechtsraum der Zukunft ist nahezu transparent. © Bundeswehr/Terberger

Landstreitkräfte bringen hierbei ihre oben genannten Fähigkeiten auf der Divisions- und Korpsebene mittels des Targeting Prozesses auf der operativen und damit multidimensionalen Ebene ein. Zukünftig wird der AWV auf Divisions- und Korpsebene durch neue unbemannte Sensoren und Effektoren deutlich mehr Fähigkeiten in den Targeting-Prozess einbringen können und die Geometrie des Gefechtsfeldes auf allen taktischen Führungsebenen verändern, indem sie zu einer deutlich erweiterten Abstandsfähigkeit beitragen.

Auch auf der Ebene der Kampfbrigaden und darunter werden UxS/LM künftig dazu beitragen, einen gleichwertigen Gegner bereits auf Abstand und ohne Sichtkontakt abzunutzen, um das direkte Duell weitestgehend zu vermeiden bzw. hinauszuzögern. Zusammenfassend kann hieraus abgeleitet werden, dass der Erstkontakt mit einem gleichwertigen Gegner zukünftig weitestgehend unbemannt erfolgen wird.

Die eingesetzten bemannten Kräfte sollen von der Ausführung einfacher, monotoner und gefährlicher Aufträge („dull, dirty and dangerous jobs“) durch den Einsatz von Unmanned Ground Systems (UGS) und UAS entlastet werden. Darüber hinaus sollen sie bei der Versorgung mit Gütern (Munition, Betriebsstoff, Verpflegung und Materialtransport) sowie beim Transport von Verwundeten auf dem Gefechtsfeld eingesetzt werden.

Anforderungen von UxS und LM

Im folgenden Abschnitt werden entlang der Trends der Heeresentwicklung die Anforderungen an UxS/LM hergeleitet.

Robustheit: Durch den Einsatz von Mitteln des elektromagnetischen Kampfes durch gegnerische Kräfte kann die Verbindung zwischen Bediener und UxS/LM gestört oder unterbrochen werden. In Abhängigkeit von der Fähigkeit des Gegners, das elektromagnetische Umfeld (EMU) zu seinen Gunsten zu formen und damit eigenen Kräften die Nutzung des EMU zu verwehren oder einzuschränken, steigt der Bedarf an hochautomatisierten Funktionalitäten der UxS/LM.

Die Erhöhung des Schutzes bedeutet eine Erhöhung der Durchsetzungsfähigkeit eigener Systeme, gerade im Hinblick auf gegnerische A2/AD Maßnahmen. UxS/LM müssen in Abhängigkeit zum Auftrag bzw. zur Größe des Systems skalierbar geschützt sowie gegen einen elektromagnetischen Puls (EMP) gehärtet, die Navigations-Systeme resilient sowie GNSS (Global Navigation Satellite System) unabhängig ausgelegt, die Führungsanbindung verschlüsselt und störungsresilient ausgeplant sein.

Einfachheit (Betrieb, Wartung und Instandsetzung): In Bezug auf die Bedienung von UxS/LM muss auf die Standardisierung einer einheitlichen Ergonomie sowie der Benutzeroberfläche der Bodenkontrollstation hingewirkt werden. Die Bedienung muss intuitiv sein, um den Ausbildungsaufwand so gering wie möglich zu halten. Umfangreiche Nachschulungen bei Systemupdates oder separate Lehrgänge für die Erstausbildung an verschiedenen Systemen sind möglichst zu vermeiden. Vielmehr muss eine Typeneinweisung möglichst dezentral im Verband erfolgen.

Um die logistischen Anforderungen möglichst gering zu halten, gilt es, die Bandbreite der in die Streitkräfte eingeführten Plattformen möglichst gering zu halten, um so eine zu große Vielfalt und Komplexität an instand zuhaltenden UxS zu verhindern und die Versorgbarkeit einzelner Module bzw. Instandhaltung auch unter Gefechtsbedingungen sicher gewährleisten zu können. Nur so kann gewährleistet werden, dass bereits beschaffte Systeme den Innovationszyklen im Gefechtsraum folgen können und damit effektiv und für Truppe verfügbar bleiben.

Autarkie: Die Bundeswehr muss Eigentümer der Systeme sein. Bei Innovation von Hard- sowie Software und in Bezug auf die anfallenden Daten muss die Bundeswehr unabhängig von den ursprünglichen Herstellern den Weiterentwicklungszyklen schnell folgen können. Hierfür bedarf es maximaler Flexibilität und der Vermeidung von herstellergebundenen Insellösungen. Die Bundeswehr muss bspw. selbst bestimmen dürfen, welche Anwendungen im Rahmen einer offenen Systemarchitektur auf UxS/LM aufgespielt werden oder welche Gefechtsköpfe samt Zünder verwendet werden, ohne dafür gleich ein komplett neues System beschaffen zu müssen.

Abstandsfähigkeit: Wie bereits bei der Umschreibung des Gefechtsfelds der Zukunft dargestellt, kommt der Abstandsfähigkeit zukünftig eine Schlüsselrolle zu. Mit dem Einsatz von UxS/LM im Rahmen eines AWV muss es grundsätzlich möglich sein, die Aufklärungsreichweiten und -dichten zu vergrößern und die Präzision und Wirkungsreichweite, insbesondere gegen bewegliche Ziele, zu erhöhen, um den Kampf auf Abstand zu führen und damit Wirkung in der Tiefe (WidT) zu ermöglichen.

Bild 2: Gesamtsystem PD-100 Black Hornet: zwei UAS, eine Bodenkontrollstation sowie ein Auswertemonitor. © Bundeswehr/Neumann

Hierbei entstehen auf den unterschiedlichen taktischen Führungsebenen in Bezug auf zu erzielende Reichweiten (Siehe Grafik 1) ungleiche Anforderungen für Sicht- und Datenverbindungen. Je größer die Reichweite, desto häufiger wird es keine direkte Sicht- oder Datenverbindung (Line of Sight (LOS)) geben können. Teilweise kann die Sicht- und Datenverbindung durch Hindernisse temporär unterbrochen werden (Non-Line-of-Sight, NLOS). Hier müssen UxS/LM durch Automatisierung einsatzfähig bleiben. Bei großen Reichweiten außerhalb einer dauerhaften direkten Sicht- und Datenverbindung wird indirekte Funkkommunikation mittels Repeater, Satellit oder ähnlichem sichergestellt (Beyond Line of Sight, BLOS).

Automatisierung: Der Einsatz von UxS/LM bedingt sowohl in der Steuerung der Systeme als auch in der Verarbeitung der Sensordaten den vermehrten Einsatz spezialisierter und effizienter Softwareunterstützung zur Automatisierung. Ob die Automatisierung durch den Einsatz von klassischen Algorithmen und Verfahren der Datenanalyse erfolgt oder durch die Implementierung von Künstlicher Intelligenz (KI), deren Modell zum Beispiel durch maschinelles Lernen erstellt wurde, ist in Abhängigkeit von den Eingangsdaten und den benötigten Ausgangsdaten zu entscheiden.

Um dem erhöhten Datenaufkommen Rechnung tragen zu können und den Einsatz von UxS/LM auch in einem umkämpften EMU zu gewährleisten, muss die Datenreduktion bzw. Auswertung/Klassifizierung von Sensordatensätzen bereits auf dem UxS/LM, also nah an der Datenquelle, erfolgen (Edge-Computing). Es sind nur Daten oder Informationen zu übertragen, die für die Weiterverarbeitung beziehungsweise für die Bewertung des Lagebildes zwingend erforderlich sind (zum Beispiel vorausgewertetes Standbild/Videosequenz).

Gleiches gilt für die Steuerung und Überwachung der UxS/LM. Hier sind soweit möglich standardisierte Schnittstellen und Datenformate zu nutzen. Um zukünftig mehrere UxS/LM durch einen Bediener gleichzeitig im Schwarmeinsatz bedienen beziehungsweise kontrollieren zu lassen, um beispielsweise die A2AD-Fähigkeiten eines gleichwertigen Gegners zu übersättigen, bedarf es insgesamt hochautomatisierter Systeme. Jedoch bleibt der Mensch auch zukünftig verantwortlich, einzelne Systeme oder einen Schwarm von UxS/LM in bestimmten rechtlichen sowie operativen Grenzen zum Einsatz zu bringen.

Virtualisierung: Um den Einsatz von Algorithmen oder KI verantworten zu können, bedarf es einer digitalen Simulation. Eingesetzte KI-Software muss den Anforderungen an Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Erklärbarkeit genügen sowie für den Einsatz zertifiziert und freigegeben sein. Ein selbstständiges Weiterlernen auf dem UxS/LM ist somit ausgeschlossen und aufgrund der beschränkten Rechenleistung sowie der verfügbaren Energie nicht effizient. Entwicklung, Anlernen, Überprüfung und Zertifizierung von KI-Software sind zeit-, daten- und rechenintensiv. Daher ist ein möglichst breiter Einsatz einer KI-Software auf den genutzten UxS/LM anzustreben. Zudem sollten umfangreiche Teile der praktischen Ausbildung der Bediener von UxS/LM digital simuliert werden.

Vernetzung: Jedes UxS/LM muss in der Lage sein, sich aufwandsarm und „on demand“ in den Informations- und Kommunikationsverbund Land (IuKVbuLa) zu integrieren. UxS tragen als Relais dazu bei, den IuKVbuLa flächendeckender und resilienter auszubringen (Netzverdichtung und Reichweitenerhöhung).

Bild 3: Subsysteme einer Loitering Munition. © AMDC/Seitschek

Agilität: UxS müssen mit der operativen Geschwindigkeit der Truppengattungen, die sie zum Einsatz bringen, schritthalten können. Daher werden bisher vorwiegend UAS und LM im bodennahen Luftraum zum Einsatz gebracht. UGS zur unmittelbaren Kampfunterstützung müssen so konzipiert sein, dass sie bspw. den Panzertruppen selbstständig in der geforderten Geschwindigkeit und Geländegängigkeit folgen können.

Interoperabilität: Bereits bei Beschaffung von UxS/LM ist auf eine internationale Standardisierung zu achten, um den Einsatz dieser Systeme im Rahmen von LV/BV aber auch im Internationalen Krisenmanagement (IKM) zusammen mit Bündnispartnern handhabbar zu machen. Eine isolierte Integration in ein nationales Mesh-Netzwerk führt schnell zu einer unklaren Lage und ggf. zum Abschuss durch bspw. Counter-UAS/Counter-LM Systeme verbündeter Partner. Standardisierte Schnittstellen und Datenformate sind international abzustimmen.

Kaltstartfähigkeit: Die Ukraine setzt derzeit weit mehr als 1.000 UAS/LM verschiedener Kategorien pro Tag ein. Nicht alle Systeme sind Hightech-Systeme zur Durchführung komplexer Missionen, die Wirkung in der Tiefe des Gegners erzielen. Quantität und damit Masse wird vor allem durch Lowtech und damit auch Lowcost Systeme erzielt. Hieraus lässt sich ableiten, dass es einer Mischung aus High- und Lowtech-Systemen bedarf.

Nimmt man den täglichen Verbrauch der ukrainischen Streitkräfte als Maß, wird schnell klar, dass selbst bei einem Vorrat für nur 30 Gefechtstage eine niedrige fünfstellige Anzahl an sUAS/LM ständig in den Beständen der Bundeswehr allein für das Heer vorgehalten werden muss. Darüber hinaus muss die Industrie in der Lage sein, die Produktion im Sinne einer Kaltstartfähigkeit ebenso schnell auszuweiten.

Da im Verteidigungsfall zu erwarten ist, dass es zu Engpässen bei dem Zukauf von zum Beispiel Batterien oder Motoren für LMS seitens der Industrie kommt, müssen diese über entsprechende Vorräte im Vorhinein verfügen. Hierfür bedarf es entsprechender Vorhalteverträge mit der Bundeswehr, um Sicherheiten für die Industrie zu schaffen. Fest verbunden mit der Forderung zu Quantität ist eine Grundbefähigung zum Fliegen von sUAS/LM aller Soldaten des Feldheeres. Andernfalls kann das Feldheer die Masse der Systeme in einem Verteidigungsfall gar nicht zum Einsatz bringen.

Fazit

Die Rolle von UxS/LM auf dem Gefechtsfeld der Zukunft und die daran geknüpften Anforderungen zeigen ein vielfältiges und komplexes Bild. Um diesem umfangreichen wie auch vielfältigen Bedarf Herr zu werden, bedarf es einer Familie verschiedener UxS/LM für unterschiedliche Zwecke in allen Dimensionen. Hierbei ist dem modularen Plattformgedanken verstärkt Rechnung zu tragen, vergleichbar mit dem MOSA (Modular Open System Approach) Prinzip der U.S. Army. Zwar gilt es nun schnell zu sein und markverfügbares Material zu beschaffen.

Jedoch ist im gleichen Maße auch darauf zu achten, dass das Feldheer nicht mit einer Vielzahl unterschiedlicher Systeme überlastet wird: Ausbildung, Betrieb, Wartung und Instandhaltung sowie Integration in den IuKVbuLa sind an Standards auszurichten. Wesentlich für das Erreichen dieses übergeordneten Ziels ist die Definition von Schnittstellen und Datenformaten im Rahmen einer offenen Architektur, um eine modulare Konzeption von UxS/LM entlang einzelner Subsysteme des UxS/LM zu entwickeln (Bild 3).

Erstveröffentlichung im Hardthöhenkurier, 13.01.2026, www.hardthoehenkurier.de

Autor: Oberstleutnant Bernd Terberger