Freedom Shield 2026 – Warum moderne Gefechte Unterstützung brauchen

Kampfkraft entsteht nicht allein an der Front. Versorgung, Verwundetentransport und Instandsetzung sichern maßgeblich die Beweglichkeit und die Durchhaltefähigkeit der Kampftruppe im Einsatz. Die multinationale Übung Freedom Shield in Litauen mit rund 2.900 Soldatinnen und Soldaten zeigt, wie Logistik und Sanität die Truppe nachhaltig unterstützen.

Ein SAR-Hubschrauber landet zur Aufnahme eines verletzten Soldaten. Bei der Übung wird trainiert, Verwundete nach der Erstversorgung direkt weiter zu transportieren.

Der Blick in die Ukraine beweist, dass sich Einsatzbereitschaft nicht nur daran zeigt, ob Kräfte kämpfen können, sondern auch, ob sie über längere Zeit handlungsfähig bleiben. Unterstützungskräfte schaffen dafür die Voraussetzungen. Sie sorgen dafür, dass ausgefallenes Material wieder verfügbar wird, Verwundete versorgt werden und Abläufe auch unter Belastung weiter funktionieren.

Die multinationale Übung Freedom Shield macht sichtbar, welche Bedeutung diese Fähigkeiten für einen einsatzbereiten Großverband haben. Soldatinnen und Soldaten aus acht NATO-Staaten trainieren im litauischen Pabradė das Zusammenwirken vieler Fähigkeiten: Führung, Schutz, Beweglichkeit, logistische Prozesse, Instandsetzung und sanitätsdienstliche Versorgung. Die Übung zeigt, dass beispielsweise Logistik und Sanität nicht nachgelagerte Bereiche sind, sondern von Beginn an mitgedacht werden und in einem Szenario der Landes- und Bündnisverteidigung einen wesentlichen Beitrag zur Durchhaltefähigkeit der Panzerbrigade 45 „Litauen“ leisten.

Logistik hält die Truppen beweglich

Wenn ein Fahrzeug während der Übung ausfällt, ermöglicht nicht nur die Reparatur selbst die weitere Einsatzfähigkeit. Entscheidend ist auch, ob der Schaden richtig bewertet und das Fahrzeug bei Bedarf an die passende Instandsetzung übergeben wird. Kleinere Schäden können häufig durch die Truppe selbst behoben werden. Wo jedoch die eigenen Möglichkeiten an Grenzen stoßen, kommt die logistische Fachexpertise des Unterstützungsbereichs ins Spiel.

Ein Instandsetzungssoldat bereitet ein gerade eingetroffenes Ersatzteil für den Einbau vor. Mit einem Hebegeschirr wird das Bauteil aufgenommen, bevor es verbaut wird.

Bei Freedom Shield übernimmt das schwere Logistikbataillon 467 diese weiterführende Instandsetzung. Die Soldatinnen und Soldaten kümmern sich um Schadmaterial, welches nicht mehr unmittelbar durch die Truppe instandgesetzt werden kann. Dazu gehören insbesondere die Hauptwaffensysteme der Panzerbrigade 45, also Kampfpanzer Leopard 2 und Schützenpanzer Puma. Aber auch weitere Systeme landen bei den Logistikprofis: gepanzerte Pioniermaschinen, Hydraulikanlagen, Kommunikationstechnik, Stromerzeugeraggregate oder gepanzerte und ungepanzerte Radfahrzeuge. Für die Instandsetzung wird auf gelagerte oder gelieferte Ersatzteile zurückgegriffen. Zusätzlich können mit einem 3D-Drucker vor Ort kleine Ersatz- oder Hilfsteile kurzfristig und direkt hergestellt werden.

Bei Freedom Shield wird einmal mehr sichtbar, dass Logistik nicht neben dem Gefecht herläuft, sondern ein aktiver Teil dessen ist. Die eingesetzten Logistikkräfte sorgen dafür, dass ausgefallenes Material nicht dauerhaft aus dem Betrieb herausfällt. Gerade in modernen Gefechten ist diese Fähigkeit entscheidend, da Beweglichkeit und Durchhaltefähigkeit der Truppe auch davon abhängen, dass Schäden nicht nur schnell festgestellt, sondern auch schnellstmöglich behoben werden können.

Zwei Instandsetzungssoldaten arbeiten an der Kette eines Panzers. Technische Unterstützung vor Ort ist unverzichtbar, um schweres Gerät nach Schäden schnell wieder nutzbar zu machen.

Die Rettungskette von Beginn an

Auch die sanitätsdienstliche Unterstützung ist bei Freedom Shield von Beginn an Teil der Übung. Unter realistischen Bedingungen wird trainiert, wie Verwundete erstversorgt, gesammelt und für den Weitertransport vorbereitet werden. Dabei geht es nicht allein um Sanitätsfachpersonal – die Rettungskette beginnt schon früher. Denn die Rettungskette beginnt nicht erst mit der Übernahme durch den Sanitätsdienst, sondern unmittelbar nach der Verwundung und muss somit von Beginn an mitgeplant und ausgebildet werden.

Auch Soldatinnen und Soldaten der Truppe müssen wissen, wie sie in den ersten Minuten nach einer Verwundung handeln müssen. In einem Gefecht mit einer großen Anzahl Verwundeter können Sanitätskräfte nicht überall gleichzeitig sein. Deshalb werden werden auch die kämpfenden Kräfte darin ausgebildet, erste lebensrettende Maßnahmen einzuleiten, Blutungen zu stoppen, Verwundete zu stabilisieren und Zeit zu gewinnen, bis das Sanitätsfachpersonal übernimmt.

Mit der Ausbildung ist die Arbeit des Sanitätspersonals jedoch nicht abgeschlossen. Die Expertinnen und Experten begleiten die Truppe auch im weiteren Übungsgeschehen, geben Rückmeldungen, machen Verbesserungsvorschläge und wirken als Schiedsrichter mit. Damit trägt die Sanitätsausbildung nicht nur zur medizinischen Versorgung bei, sondern auch zur nachhaltigen Handlungsfähigkeit der Kampftruppe: Wer weiß, was in den ersten Minuten nach einer Verwundung zu tun ist, kann Kameradinnen und Kameraden helfen, bis die professionelle Versorgung übernimmt. Durch die weitere Begleitung des Sanitätsdienstes wird die Truppe Schritt für Schritt handlungssicherer und kann das Gelernte mit in den eigenen Verband nehmen.

Ein Verwundeter trifft am Sammelpunkt ein und wird für die weitere Versorgung vorbereitet. Der Schiedsrichter (l.) begleitet die Situation und bewertet, wie die Kräfte den Übergang zur Role 1 umsetzen.

Freedom Shield macht sichtbar, dass moderne Gefechte nicht allein durch Feuerkraft, Beweglichkeit und Führung getragen werden. Eine Brigade braucht ebenso Kräfte, die Material wieder verfügbar machen, Verwundete versorgen, Abläufe absichern und Ausfälle ausgleichen. Logistik und Sanitätsdienst stehen beispielhaft für Unterstützungsleistungen, ohne die ein Verband nicht über längere Zeit durchhaltefähig bliebe. Unterstützung wirkt oft im Hintergrund, entscheidet aber unmittelbar darüber, ob ein Gefecht fortgeführt werden kann.

Wenn Fahrzeuge ausfallen, müssen sie zurück in die Nutzung gebracht werden. Wenn Menschen verwundet werden, muss Hilfe sofort beginnen. Erst das Zusammenspiel von Kampftruppe, Führung und Unterstützung macht aus einzelnen Fähigkeiten ein durchhaltefähiges Gesamtsystem.

Oder kurz gesagt: Ohne Unterstützung kein modernes Gefecht.

Erstveröffentlichung auf der Internetseite der Bundeswehr, 18.06.2026, www.bundeswehr.de

Autor: Tobias Gerlach

Bilder: ©Bundeswehr/Katharina Waier

Loitering Munition: Truppe testet Kamikazedrohnen

Vier Kampfpanzer im Gelände finden und während der Fahrt mit Kamikazedrohnen angreifen: Diese Aufgabe galt es, beim zweiten Praxistest des Aufklärungs- und Wirkverbundes im April 2026 zu erfüllen. Eingesetzt wurden auch Soldatinnen und Soldaten, die ab 2027 mit der neuen Technik Teil der Brigade Litauen sein werden.

Fünf Monate nach dem ersten Test des Aufklärungs- und Wirkverbunds (AWV) im Dezember 2025 hat das Planungsamt der Bundeswehr das zweite Schießen auf dem Übungsplatz im thüringischen Ohrdruf durchgeführt. Der AWV ist ein System, bei dem Aufklärungsdrohnen und Systeme zur Bekämpfung intelligent zusammenarbeiten. Das Ziel dieser Vernetzung: den Gegner auf große Distanz mit den Aufklärungsdrohnen finden und umgehend mit der Loitering Munition (LM) bekämpfen. Mehr dazu finden Sie im Beitrag zu Loitering Munition.

Senkrecht in den Himmel geht es für eine der getesteten Varianten. So kann die Drohne auch auf engen Waldlichtungen oder in Häuserschluchten starten. ©Bundeswehr/Jana Neumann

Damit der Aufklärungs- und Wirkverbund funktioniert, müssen nicht nur die einzelnen Aufklärungsdrohnen und Loitering Munition jeweils für sich funktionieren, sondern auch als Gesamtsystem und unter Gefechtsbedingungen. Verbindendes Element der einzelnen Teilsysteme, die von unterschiedlichen Herstellern kommen und damit jeweils die hauseigene Software mitbringen, ist die bundeswehreigene Führungssoftware mit dem Namen Unmanned Management System (UMS).

Um die notwendige Einsatzreife dieses Gesamtsystems möglichst schnell zu erreichen, sei es notwendig, Praxistests wie in Ohrdruf gemeinsam mit den Herstellern durchzuführen, erläutert Tobias T., Leiter des Projekts im Planungsamt der Bundeswehr. Nur so sei eine zügige Fortentwicklung möglich, um den Aufklärungs- und Wirkverbund einsatzbereit in Litauen stationieren zu können. Dabei betont T.: „Dieses System wird nie fertig sein. Durch die rasante Entwicklung wird es ständig Updates geben, um die Teilsysteme zu verbessern und anzupassen. Entsprechend wurden die Kaufverträge auch gestaltet.“

Per Katapult wird eine weitere der getesteten Drohnen in die Luft befördert. Da dieser Start kaum Energie verbraucht, ist das System deutlich kompakter. ©Bundeswehr/Jana Neumann

Ohne Datenverbindung kein Treffer

Verglichen mit der ersten Testung waren die Ansprüche an das gesamte System in Ohrdruf erheblich höher. Die Bediener kamen nicht von den Herstellerfirmen, sondern aus der Truppe. Dabei kannten einige der Soldatinnen und Soldaten das System erst wenige Tage und führten dennoch mehreren LMS gleichzeitig in der Luft. Erschwerend kam in der Übung hinzu, dass die Leopard-2-Panzer nicht standen, sondern in Fahrt getroffen werden sollten – natürlich ohne scharfen Gefechtskopf.

Ob Nebelkerzen oder Ausweichmanöver – die Panzerbesatzungen versuchen, kein leichtes Ziel zu bieten. ©Bundeswehr

Die Stellungen, aus denen die Drohnen auf dem hügeligen Gelände des Übungsplatzes in Ohrdruf gestartet wurden, waren nicht vorbereitet. Der Grund: Im Einsatzfall würden die Soldatinnen und Soldaten regelmäßig ihren Ort wechseln, um nicht selbst entdeckt zu werden. Das bedeutet, dass die gesamte Infrastruktur zur Sicherstellung der Datenverbindung im Gelände aufgebaut und betrieben werden musste. „Wir ziehen in Baumreihen, Scheunen und hinter Hügeln unter – ohne direkte Sicht auf das Zielgebiet. Das ist natürlich eine Herausforderung für die Datenlinks, die essenziell für das System sind. Entsprechend müssen wir lernen, wie wir damit umgehen, sowohl technisch als auch taktisch“, erklärt der Fachmann aus dem Planungsamt.

Mit den natürlichen Herausforderungen durch Gelände, Wetter und Entfernung war es aber nicht getan beim Schießen in Ohrdruf. Denn am Ende wird der Gegner alles dran setzen, sich vor den Angriffen der Kamikazedrohnen zu schützen. Ausweichmanöver der Panzerbesatzungen, Nebelkerzen und elektronische Gegenmaßnahmen stellten die Bediener und die Zielerfassungssoftware der LMS vor zusätzliche Herausforderungen.

Die Artilleristen, die mit dem AWV 2027 nach Litauen gehen, werden bereits jetzt eng mit eingebunden. Bis zu vier LMS führt ein Bediener an seiner Bodenkontrollstation gleichzeitig ins Ziel. ©Bundeswehr/Jana Neumann

Arbeiten wie beim Schießen in Ohrdruf nachgewiesen mehrere unbemannte Systeme zusammen, könne man von einer Schwarmfähigkeit sprechen, die mit der weiteren Entwicklung des Aufklärungs- und Wirkverbunds immer stärker zum Tragen komme, so Oberstleutnant T. Am Ende sei hier die verfügbare Bandbreite der Datenverbindung der entscheidende Faktor.

Erste LMS-Batterie für Litauen

„Im Gegensatz zur klassischen Rohr- und Raketenartillerie können wir mit diesem Aufklärungs- und Wirkverbund über eine größere Entfernung schießen und auch fahrende Ziele bekämpfen“, erklärt Major Fabian S., Chef der ersten LMS-Batterie in der Geschichte der deutschen Artillerie. In dieser Funktion wird Major S. im kommenden Jahr mit seinen Männern und Frauen als 5. Batterie des Artilleriebataillons 455 der Panzerbrigade 45 in Litauen unterstellt werden. „Für uns ist es von großem Wert, so früh in die Entwicklung des AWVs eingebunden zu werden. Zum einen fließen unsere Rückmeldung direkt in die Weiterentwicklung ein. Zum anderen haben wir das Privileg, die taktischen Einsatzverfahren für das System mit zu entwickeln“, so der Batteriechef.

Vor dem Hintergrund der absehbaren Stationierung in Litauen sind die Erwartungen der Truppe auch entsprechend hoch. Eine große Reichweite, um den Feind möglichst tief im Raum zu bekämpfen sowie eine hohe Trefferquote seien unabdingbar, so Major S. Zudem müsse das System natürlich bei jedem Wetter funktionieren und auch unter hoher Belastung von den Soldatinnen und Soldaten sicher bedient werden können.

Neben der Batterie von Major S. wird das Artilleriebataillon 215 aus Augustdorf als zweiter Verband mit dem Aufklärungs- und Wirkverbund ausgestattet werden. Beide Batterien werden in ihren jeweiligen Bataillonen die klassische Rohrartillerie, bestehend aus Panzerhaubitzen 2000, ergänzen.

Bundeswehr nutzt Erfahrung der Ukraine

Dass die ukrainischen Streitkräfte in ihrem Verteidigungskampf auch die Aufklärungs- und „Kamikazedrohnen“ nutzen, die für den Aufklärungs- und Wirkverbund vorgesehen sind, sei ein großer Vorteil, erklärt Oberstleutnant Tobias T. „Wir bekommen Einsatzberichte sowohl von den Unternehmen als auch von den ukrainischen Streitkräften. Das hilft uns natürlich sehr, wobei wir bei der Auswertung auch vorsichtig sein müssen, denn nicht immer sind alle Rahmenbedingungen wie Wetter oder Ausbildungsdauer der Bediener bekannt. Zudem unterscheiden sich die Systeme der Ukrainer in manchen Bauteilen zu denen, die wir kaufen.“

Eine Aufklärungsdrohne ist das Auge des AWVs. Ist ein Ziel gefunden, liefert sie Zieldaten und Bilder für die angreifenden Kamikazedrohnen. ©Bundeswehr/Jana Neumann

Und auch mit Blick auf die Trefferquoten ist das tatsächliche Bild bei unbemannten Systemen trüber, als viele annehmen, die lediglich das Videomaterial aus der Ukraine von erfolgreichen Drohnenangriffen sehen. Das betreffe alle Systeme: sowohl billige FPV- Drohnen mit kurzer Reichweite als auch größere Systeme, betont der Fachmann vom Planungsamt. „Im Schnitt, über alle Systeme hinweg, können wir eine deutlich niedrigere Erfolgsquote erkennen. Umwelteinflüsse, elektronische Gegenmaßnahmen oder einfache Verbindungsabrisse sind an der Tagesordnung. Wenn der Aufklärungs- und Wirkverbund unter Gefechtsbedingungen mindestens eine Quote von eins zu vier erreiche – also eine von vier LMS ihr Ziel erreicht und auch tatsächlich zerstört – sei das gut, so die Einschätzung des Experten.

Aus dem mobilen Feuerleitstand heraus koordiniert die Führung der Batterie mithilfe des Unmanned Management Systems das Gefecht mit den Drohnen. ©Bundeswehr/Jana Neumann

Der erste Verbund von vielen

Die Entwicklung dieses Aufklärungs- und Wirkverbundes ist für die Bundeswehr allerdings nur ein erster Schritt hin zu einer ganzen Reihe von AWVs auf verschiedenen Ebenen in der Verbandsstruktur des Heeres. So ist der AWV, der für die Panzerbrigade 45 in Litauen geplant ist, auch dezidiert für den Einsatz auf Brigadeebene vorgesehen. Daraus leiten sich beispielsweise die Anforderung der Reichweite ab oder auch die Kampfaufträge für die Batterie.

Daneben gibt es bereits Projekte für einen AWV auf Divisionsebene mit entsprechend höherer Reichweite sowie einen AWV für kurze Reichweite auf Bataillonsebene, wo auch eine neuartige Software zum Tragen kommt. Bei letzterem würden die Stückkosten pro LMS auch deutlich sinken, erklärt Oberstleutnant T. „Insbesondere die geforderte Reichweite und die Fähigkeiten sind es, die ein System teuer macht. Darüber hinaus zahlt auch die Produktionsmenge auf die Reduzierung der Stückkosten ein. Ein System wird dann günstig, wenn die notwendige Stückzahl erreicht ist, sodass die Produktion industrialisiert werden kann.“

Unterm Strich ist der Projektleiter aus dem Planungsamt zufrieden mit dem Schießen in Ohrdruf. „Wir haben große Fortschritte gemacht. Einige Probleme, die wir zuvor erwartet haben, sind allerdings auch so eingetreten. Daher haben wir bereits die kommenden Tests in diesem Jahr schon darauf ausgerichtet, diese zu beheben.“

Erstveröffentlichung auf der Internetseite der Bundeswehr, 20.05.2026, www.bundeswehr.de

Autor: Ole Henckel