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Schnelle und lebensrettende Verwundetenversorgung: Bundeswehr beschafft weitere mobile Rettungsstationen

Die medizinische Versorgung verwundeter Soldatinnen und Soldaten ist der Kernauftrag des Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Die Präsidentin des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw), Annette Lehnigk-Emden, beauftragte dazu am 13.07.2026 den Lieferanten Rheinmetall Project Solutions GmbH (RhPS) mit der Lieferung von 149 zusätzlichen mobilen Rettungsstationen.

Bei den Rettungsstationen handelt es sich um ein Teilprojekt des Großvorhabens Modulare Sanitätseinrichtungen (MSE). Bei den MSE handelt es sich um containerbasierte, mobile Behandlungseinrichtungen. Sie werden maßgeblich dazu beitragen, dass verwundete Soldaten und Soldatinnen über die gesamte Rettungskette hinweg die medizinische Versorgung bekommen, die sie benötigen.

Die neu bestellten Rettungsstationen sind ein Teil der MSE und bilden die NATO-Behandlungsebene 1 ab. Diese Ebene folgt direkt auf die Selbst- und Kameradenhilfe und hat ihren Schwerpunkt in der notfallmedizinischen Versorgung. Konkret bedeutet das Aufrechterhaltung und Sicherung der Vitalfunktionen sowie die Vorbereitung bzw. Stabilisierung für den Weitertransport. Zudem besteht die Möglichkeit, erste notfallchirurgische Eingriffe (z.B. chirurgische Wundbehandlung) vorzunehmen. Somit werden die neuen Stationen die erste Anlaufstelle für verwundete Soldatinnen und Soldaten. Die dort vorgenommene Akutversorgung ist für die Rettung von Menschenleben von entscheidender Bedeutung, wie der aktuelle Krieg in der Ukraine zeigt.

Jede mobile Rettungsstation besteht aus zwei Containern, einem Verbindungselement sowie der dafür erforderlichen Transportkomponente. Sämtliche notwendigen medizinischen Geräte werden in der Rettungsstation mitgeführt. Daher kann die Rettungsstation mitsamt ihrem Personal innerhalb kürzester Zeit transportiert, aufgebaut, betrieben, wieder abgebaut und an den nächsten Einsatzort verbracht werden. Somit kann der Sanitätsdienst den kämpfenden Truppen unmittelbar folgen.

Bei der neuen Bestellung handelt es sich um einen Abruf aus dem 2024 geschlossenen Rahmenvertrag zwischen dem BAAINBw und der Firma RhPS. Mit Vertragsschluss wurden bereits 16 Rettungsstationen fest beauftragt. Nun wurde der Abruf von weiteren 149 Rettungsstationen gebilligt. 112 dieser Stationen sind ballistisch – also gegen den Beschuss aus Handwaffen und gegen Splitterwirkung – geschützt.

Der neue Abruf ist ein Meilenstein der Regeneration der Rettungsstationen der Bundeswehr. Die jetzt im Einsatz befindlichen Stationen wurden Anfang der 2000er Jahre beschafft. Sie werden nun bis zum Ende des Jahres 2029 nach und nach durch die neuen Stationen ersetzt. Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags hatte den Rahmenvertragsabruf am 08. Juli 2026 gebilligt.

Quelle: PIZ BAAINBW Bildrechte: Rheinmetall AG | RH-Internal

Neue Ausgabe: Militärgeschichte. Zeitschrift für historische Bildung 3/2026

30 Jahre Kommando Spezialkräfte: In der neuen Ausgabe der „Militärgeschichte“ geht es um die Aufstellung des KSK 1996. Nur wenige Jahre später wurde der Afghanistaneinsatz beschlossen – dieser Einsatz, der vor beinahe 25 Jahren begann, ist ebenfalls Thema der Ausgabe. Weitere Beiträge widmen sich dem Boxerkrieg in China, der Schlacht um Kiew von 1941 und der „Starfighter“-Krise.

Das Kommando Spezialkräfte

Die Geschichte des Kommandos Spezialkräfte begann vor 30 Jahren, oder? Offiziell in Dienst gestellt wurde es am 20. September 1996. Doch erste Überlegungen, dass die Bundeswehr eigene Spezialkräfte benötigt und wie diese aussehen sollten, gab es bereits wesentlich früher, wie Martin Rink in seinem Beitrag aufzeigt. Diese Vorgeschichte reicht sogar über das Jahr 1994 hinaus, das allgemein als Startschuss für den Aufbau des KSK gilt. Damals gelang es aufgrund fehlender Kräfte nicht, deutsche Staatsbürger aus dem von Bürgerkrieg zerrissenen Ruanda zu evakuieren. Es war deutlich geworden, dass die Bundeswehr ein neues Aufgabenspektrum abdecken musste. Zugleich stellte sich die Frage, wie denn der Soldat, der diesem neuen Kommando angehörte, aussehen sollte: Wollte man einen Kämpfer à la John J. Rambo, einen smarten Offizier im Stil eines James Bond oder war ein völlig anderer Typ gefordert und erwünscht?

25 Jahre Afghanistaneinsatz

Angehörige des KSK waren dann auch unter den ersten Kräften, die nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 in Afghanistan zum Einsatz kamen – ein Einsatz, der wohl zu den prägendsten der bisherigen Bundeswehrgeschichte gehört. Über 20 Jahre waren dort Tausende Soldatinnen und Soldaten im Einsatz – sie machten Erfahrungen mit Kampf und Verlust und mussten am Ende mit ansehen, wie das Land nach dem Abzug wieder in die Hände der Taliban fiel. Wie konnte es dazu kommen und was war überhaupt das ursprüngliche Ziel dieses Einsatzes gewesen?Warum die Bundesregierung im Dezember 2001 entschied, sich an dem Kampfeinsatz zu beteiligen, untersucht Philipp Münch in seinem Beitrag. Dabei macht er deutlich, dass politische Überlegungen zur außenpolitischen Stellung Deutschlands eine tragende Rolle spielten.

Der „Starfighter“ – eine gefährliche Affäre?

Pannen, Pech und praktische Fehler führten zu einer der tragischsten Unfallserien der Bundeswehrgeschichte. Der „Starfighter“ war für die Bundeswehr in den 1960er-Jahren beschafft worden, um unter anderem die deutsche nukleare Teilhabe im NATO-Bündnis abzusichern. Doch alsbald entwickelte er sich zum „Witwenmacher“. Zwischen 1964 und 1966 kam es zu mehr als 40 Totalausfällen. Dass den im „Starfighter“ verbauten Schleudersitzen daher eine besondere Bedeutung zufiel, zeichnet Heiner Möllers in seinem Beitrag für unsere Rubrik „Militärgeschichte im Bild“ nach.

Das Boxerprotokoll

Einem bislang in der Forschung eher unterbelichteten Thema widmet sich der Beitrag von Martin Schulz, der sich mit dem Boxerprotokoll von 1901 befasst. Das um die Jahrhundertwende politisch schwache China stand unter dem Druck ausländischer westlicher Mächte, die sich Einflusszonen im Fernen Osten sichern wollten. Dagegen formierte sich in China die sogenannte Boxerbewegung; der Widerstand weitete sich zu einem Krieg aus. Doch die nur rudimentär bewaffneten Boxer hatten keine Chance gegen die modern ausgerüsteten internationalen Truppen. Als Ergebnis der militärischen Auseinandersetzung musste die chinesische Seite dem Boxerprotokoll zustimmen, das eine politische Demütigung war und harte wirtschaftliche Sanktionen beinhaltete.

Die Schlacht um Kiew

Kiew war in der Geschichte schon mehrfach Schauplatz entscheidender militärischer Kämpfe. Zuletzt versuchten die russischen Truppen bei ihrem Überfall auf die Ukraine im Februar 2022, die ukrainische Hauptstadt mit einem schnellen Vorstoß einzunehmen – und scheiterten. Auch im Zweiten Weltkrieg spielte Kiew eine zentrale Rolle, wie Chris Helmecke aufzeigt: Die Stadt war zentraler Streitpunkt zwischen Adolf Hitler und der militärischen Führung darüber, wie der Krieg im Osten weitergeführt werden sollte. Sollte es gen Moskau gehen, um das politische Zentrum der Sowjetunion einzunehmen, oder war die südliche Region mit ihren kriegswichtigen Ressourcen das strategisch sinnvollere Ziel? Im Spätsommer 1941 wurde die ukrainische Metropole schließlich zum Schauplatz einer der größten Kesselschlachten der Geschichte und auch zum Tatort der wohl bekanntesten einzelnen Massenerschießung von Jüdinnen und Juden in Babyn Jar. Damit gehört sie zu den zentralen Orten nationalsozialistischer Vernichtungspolitik.

Die Ausgabe finden Sie kostenlos zum Download auf unserer Website.

Quelle: Pressestelle ZMSBw/Bildrechte: SKA/IMZBw

Truppenbesuch des Bundesministers der Verteidigung – Boris Pistorius zu Gast beim Versorgungsbataillon in Unna

Unna – Der Bundesminister der Verteidigung, Boris Pistorius, besuchte am Dienstag, den 21. Juli 2026, das Versorgungsbataillon 7 in Unna. Der Besuch stand im Zeichen der Landes- und Bündnisverteidigung sowie der wachsenden Bedeutung leistungsfähiger militärischer Logistik. Bei dem rund 1.000 Soldatinnen und Soldaten starken Verband informierte sich der Minister über Fähigkeiten, Herausforderungen und Zukunftsperspektiven des Bataillons.

Das Versorgungsbataillon 7 bildet das logistische Rückgrat der Panzerbrigade 21 „Lipperland“, der ersten Brigade des Heeres, die vollständig den Mittleren Kräften zugeordnet ist. Diese verbinden die hohe taktische Beweglichkeit radbeweglicher Kräfte mit ausreichender Kampfkraft und strategischer Verlegefähigkeit innerhalb des NATO-Bündnisgebietes. Ohne eine leistungsfähige Logistik wären diese Fähigkeiten nicht dauerhaft einsatzbereit.

Zu den Kernaufgaben des Bataillons gehören Nachschub, Transport, Materialbewirtschaftung, Instandsetzung sowie die Versorgung der Truppe mit Munition, Betriebsstoffen, Ersatzteilen, Wasser und Verpflegung. Darüber hinaus werden beschädigte Fahrzeuge geborgen, instandgesetzt oder für die weitere Instandsetzung vorbereitet. Mobile Instandsetzungstrupps können Schäden möglichst nahe am Einsatzort beheben und dadurch die Einsatzbereitschaft wesentlich erhöhen.

Für diese Aufgaben nutzt der Verband moderne geschützte und ungeschützte Transportfahrzeuge, Wechselladersysteme, Schwerlasttransportkapazitäten, Werkstattcontainer sowie spezialisierte Berge- und Instandsetzungssysteme. Dadurch können sowohl einzelne Fahrzeuge als auch komplette Gefechtsverbände versorgt und unterstützt werden.

Der Verteidigungsminister im Gespräch mit Soldaten des Versorgungsbataillons 7

Während des Truppenbesuchs erhielt der Bundesminister Einblicke in die Versorgungskette des Heeres – von der Materialannahme über Transport und Nachschub bis hin zur Instandsetzung komplexer Waffensysteme. Dynamische Vorführungen zeigten die Instandsetzung von Großgerät sowie logistische Abläufe unter möglichst realitätsnahen Bedingungen. Ergänzt wurde das Programm durch Gespräche mit Soldatinnen und Soldaten sowie die Begleitung eines Ausbildungsabschnittes der Basisausbildung.

Vor Ort besuchte der Minister auch die Rekruten der Basisausbildung

Die militärische Logistik hat durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die stärkere Ausrichtung der Bundeswehr auf die Landes- und Bündnisverteidigung erheblich an Bedeutung gewonnen. Hohe Einsatzbereitschaft setzt eine belastbare Versorgungskette voraus. Das Versorgungsbataillon 7 leistet hierzu einen wesentlichen Beitrag und stellt sicher, dass Kampftruppen auch bei längeren Operationen durchhaltefähig bleiben.

Autor: Pressestelle der 1. Panzerdivision, 22.07.2026

Bilder: ©Bundeswehr/Jens Hartet

Offizierbriefübergabe und Beförderung zum Fahnenjunker im Krönungssaal des Aachener Rathauses: Verantwortung übernehmen in schwierigen Zeiten

Nach fünfzehn fordernden Lehrgangswochen haben die rund 29 Offizieranwärterinnen und Offizieranwärter der Hörsäle 15b und 16b am 1. Juli 2026 durch Brigadegeneral Stephan Kurjahn ihren Offizierbrief im feierlichen Rahmen des Krönungssaals des Aachener Rathauses verliehen bekommen. Auch für die Soldatinnen und Soldaten des achtwöchigen Grundpraktikums war es ein ereignisreicher Tag. Es wurden insgesamt 46 Soldatinnen und Soldaten zum Fahnenjunker befördert.

Neben dem Schulkommandeur Brigadegeneral Stephan Kurjahn, welcher in seiner Rede die Verflechtungen von Bundeswehr, Gesellschaft und Politik herstellte, begrüßten und beglückwünschten direkt mehrere Ehrengäste aus der Politik die jungen Soldatinnen und Soldaten an ihrem besonderen Tag und richteten ebenfalls das Wort an die Anwesenden.

„Verantwortung, Pflichterfüllung und Führungswille“

„Die Zurückstellung individueller Interessen, das Tragen von Entbehrungen bis hin zum Einsatz des Lebens gehören zu den Herausforderungen, denen Sie sich als Offizier jederzeit stellen müssen bzw. Sie sich darauf einstellen sich diesen zu stellen“, appelliert Brigadegeneral Stephan Kurjahn an den jungen Führungsnachwuchs.

Brigadegeneral Stephan Kurjahn begrüßt den jungen Führungsnachwuchs sowohl mit aufbauenden, als auch mit ernsten Worten für ihren weiteren Werdegang. ©Bundeswehr/Aleksej Evert

Vor diesem Hintergrund wurden zusätzlich zu der Offizierbriefvergabe und den Beförderungen der OG (OA) Bode aus dem Hörsaal 15b zum Lehrgangsbesten und der OG (OA) Borm zum Hörsaalbesten seines Hörsaals durch die Ehrengäste Frau Abgeordnete des Bundestages Claudia Moll, Frau Abgeordnete des Bundestages dos Santos-Wintz, den Städteregierungsrat Herrn Dr. Grüttemeyer und den Oberbürgermeister Herrn Dr. Michael Ziemons ausgezeichnet. Hier zeigte sich neben der hohen Wertschätzung der Leistung der beiden jungen Soldaten ebenso die Wertschätzung, welche die Bundeswehr, und damit besonders auch die Technische Schule des Heeres, in Aachen genießt.
Im Anschluss an die Beförderung und die Vergabe lud die Technische Schule des Heeres die Soldatinnen und Soldaten sowie deren Angehörige, Familie und Freunde zu einem Standing Lunch ein, um auf die frisch ausgezeichneten und beförderten Kameradinnen und Kameraden anzustoßen und zu feiern.

Impressionen:

Erstveröffentlichung im Intranet der TSH, 01.07.2026

Autor: OLt Viktoria Overhage

Bilder: ©Bundeswehr/Aleksej Evert

Auswertung Kriege Dritter: Lernen für die Bundeswehr

Die systematische „Auswertung Kriege Dritter“ – das heißt Kriege ohne eigene Beteiligung – begleitet Streitkräfte seit Jahrhunderten. Sie schafft Verständnis für die Dynamik bewaffneter Konflikte und ermöglicht die Weiterentwicklung eigener Fähigkeiten.

Carl von Clausewitz beschreibt diesen Zusammenhang eindringlich: „Im Kriege ist alles sehr einfach, aber das Einfachste ist schwierig.“ (Clausewitz, Vom Kriege. Hinterlassenes Werk des Generals Carl von Clausewitz, hg. von Marie von Clausewitz, 1832-34) Seine Aussage verdeutlicht, wie schnell grundlegende Abläufe unter realen Bedingungen an Grenzen stoßen und warum moderne Streitkräfte Krisen und Kriege aufmerksam beobachten müssen.

Lange war die Einsatzauswertung der Bundeswehr auf internationales Krisenmanagement, Einsätze im Inland und Übungen ausgerichtet. Missionen wie KFOR (NATO-Mission im Kosovo), ISAF (NATO-Mission in Afghanistan) oder MINUSMA (UN-Mission in Mali) sowie die Hilfeleistungen z.B. im Kontext des Starkregenereignisses im Ahrtal prägten Methodik und Fokus. Mit dem völkerrechtswidrigen russischen Angriff auf die Ukraine änderte sich diese Grundlage. Das Bundesministerium der Verteidigung erweiterte den Auftrag der Einsatzauswertung um ein neues Handlungsfeld – die Auswertung Kriege Dritter – und führte dafür die operationelle Auswertung ein. Gemäß Osnabrücker Erlass liegt die Verantwortung für die fachliche Auswertung und Weiterentwicklung der Fähigkeiten in den Bereichen Logistik, ABC-Abwehr, Feldjägerwesen und Zivil-Militärische Zusammenarbeit bei den jeweiligen Fähigkeitskommandos.

Für den Bereich Sanitätsdienst trägt das Unterstützungskommando der Bundeswehr (UstgKdoBw) diese Verantwortung in enger Zusammenarbeit mit dem Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr (KdoGesVersBw). Das UstgKdoBw nimmt hierbei eine besondere Rolle ein. Es sichtet und bewertet kontinuierlich rund 250 offene Quellen, analysiert Entwicklungen und leitet fähigkeitsbezogene Beobachtungen unmittelbar an die zuständigen Kommandos weiter. Querschnittliche Beobachtungen sowie alle sanitätsdienstlichen Aspekte werden im UstgKdoBw, im engen Zusammenwirken mit dem KdoGesVersBw, selbst ausgewertet und anschließend in konzeptionelle Prozesse überführt.

Ergänzt wird diese Arbeit durch die Einbindung in multinationale Auswertenetzwerke, die Teilnahme an internationalen Lessons-Learned-Konferenzen und den kontinuierlichen Austausch mit Partnern in NATO und EU. Auf diese Weise entsteht ein integriertes Lagebild, das Entwicklungen sowie internationale Erfahrungen verbindet und diese für die Weiterentwicklung der Bundeswehr nutzbar macht.

Drohnen – der neue Akteur im Gefechts- und Informationsraum

Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und die Kämpfe im Nahen Osten zeigen, wie stark Drohnen das Gefechtsfeld verändert haben. Sie ermöglichen mit lückenloser Aufklärung die Erzeugung eines nahezu gläsernen Gefechtsfeldes mit permanenter Bedrohung durch präzise Waffenwirkung. Bewegungen, Materialströme und Verwundetenversorgung werden schneller erkannt und gezielt bekämpft. Besonders betroffen ist der Sanitätsdienst. Mehrfach wurde dokumentiert, dass kriegsvölkerrechtliche Schutzzeichen, wie z.B. das rote Kreuz, keinen Schutz bieten, sondern gegnerischen Kräften inzwischen eher als Orientierung dienen. Weiterhin ist zu verzeichnen, dass Drohnen gezielt zur Terrorisierung der ukrainischen Zivilbevölkerung genutzt werden.

Der Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr hat deshalb auf die bestehende Regelungslage explizit hingewiesen: Truppenführer ab Brigadeebene können – nach Beratung mit dem Leitenden Sanitätsoffizier und dem Rechtsberater – das Abtarnen oder Nichtführen des Schutzzeichens anordnen, wenn dies aus militärischen Gründen erforderlich ist. Der völkerrechtliche Schutz bleibt bestehen, doch die Truppe erhält zusätzliche Handlungsspielräume für die Versorgung unter Bedrohung.

Parallel dazu zeigt die Auswertung, dass die Abwehr von Klein(st)drohnen weiterentwickelt werden muss. Drohnen wirken nicht nur an der Front, sondern prägen Logistik, militärpolizeiliche Einsätze, ABC-Abwehr und Sanitätsdienst im rückwärtigen Raum – ein zentrales Lernfeld der operationellen Auswertung. Erste Erprobungen im Unterstützungsbereich liefern Hinweise auf mögliche Verfahren und Mittel, ohne bereits konzeptionelle Festlegungen zu treffen. Auf operativer Ebene wird ein übergreifender Ansatz zur Drohnenabwehr entwickelt.

Soldatinnen und Soldaten werden immer wieder von Klein- und Kleinstdrohnen überrascht, hier soll das Projekt „Drohnenabwehr aller Truppen“ vom Cyber Innovation Hub der Bundeswehr Abhilfe schaffen. ©Bundeswehr/Denise Czaja

Der rückwärtige Raum als Teil des Operationsraums

Der Krieg in der Ukraine zeigt, dass neben logistischen Knotenpunkten und Verkehrsinfrastruktur sowie insbesondere Energieanlagen auch Krankenhäuser gezielt angegriffen werden. Für das Bundesgebiet gilt:

• Die Rolle Deutschlands als Drehscheibe eines strategischen Aufmarschs von NATO-Kräften rückt in den Fokus des gegnerischen Interesses.
• Hubs, logistische Korridore und Patiententransportachsen benötigen erhöhten Schutz.
• Landes- und Bündnisverteidigung beginnt nicht erst an der Grenze, sondern bereits im Inland.

Die Übung BRAVE BLUE hat in den Jahren 2024 und 2025 diese Entwicklung praktisch bestätigt. Sie zeigte, wie anspruchsvoll es ist, logistische Systeme in einem potenziellen Einsatzland unter Nutzung begrenzt vorhandener Infrastruktur aufzubauen sowie gleichzeitig den Schutz gegen Drohnen und hybride Bedrohungen zu gewährleisten. Die dort gewonnenen Erkenntnisse fließen in nationale Logistikplanungen ein und werden durch die Prozesse sowie Methoden der operationellen Auswertung weiter begleitet.

Übung BRAVE BLUE, Erkenntnisse fließen in nationale Logistikplanungen ein. ©Bundeswehr/Susanne Hähnel

Die Rettungskette unter Kriegsbedingungen – was sich ändert

Bilder aus der Ukraine und aus urbanen Lagen im Nahen Osten verdeutlichen, dass die Rettungskette ein empfindliches, aber entscheidendes System ist. Hohe Verwundetenzahlen, zeitkritische Versorgung und ständige Bedrohung erfordern robuste, durchhaltefähige Strukturen. Drei Kernpunkte prägen in diesem Zusammenhang die Weiterentwicklung:

• Massenanfälle an Verwundeten: Szenare, in denen Deutschland im Rahmen der NATO-Patientensteuerung durchschnittlich um die 1.000 Patientinnen und Patienten pro Tag aus dem Einsatzraum übernimmt, sind realistisch. Die Bewältigung eines solchen Patientenaufkommens ist eine gesamtstaatliche Aufgabe und kann nur im Zusammenspiel von zivilen und militärischen Akteuren gelingen.
• Schutz und Struktur: Sanitätseinrichtungen werden zunehmend unterirdisch angelegt – in Kellerräumen, Schutzbauten oder improvisierten Deckungsräumen. Diese Praxis wird bereits in Ausbildungen, wenn möglich, abgebildet.
• Ausbildung und Verfahren: Die sanitätsdienstliche Ausbildung wird umfangreich erweitert. Ab 2026 erhöht sich die Anzahl der Stundenzahlen und Ausbildungsthemen der Ersthelfer- und Combat-Medic-Ausbildung deutlich. Um die Erstversorgung unter Bedrohung zu stärken, werden z.B. vermehrt Ausbildungsanteile aus der Tactical Combat Casualty Care (TCCC) vermittelt oder die Anwendung gewisser Medikamente zur Schmerzstillung schon im Bereich der Einsatz-Ersthelfer trainiert und verortet.

Aus diesen Erkenntnissen entstehen Konzepte beziehungsweise werden bestehende weiterentwickelt, wie beispielsweise für das Medical Component Command (MedCC) und die Patientensteuerungs-, Transport- und Behandlungsorganisation (PaSTBO) in der Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV), welche die gesamte Rettungskette von der Erstversorgung bis zur Rehabilitation als Verbundsystem betrachten.

Die Patientensteuerungs-, Transport- und Behandlungsorganisation (PaSTBO) in der Landes- und Bündnisverteidigung. ©Bundeswehr

Logistik unter Bedrohung – Verlagerung in geschützte Räume

First Person View (FPV)-Drohnen, Artilleriewirkung und hybride Angriffe führen dazu, dass logistische Elemente in der Ukraine zunehmend in geschützte Bereiche verlagert werden: Tunnel, Tiefgaragen, verstärkte Unterstände und improvisierte Deckungsräume
Sie dienen nicht nur der Lagerung, sondern auch dem Aufenthalt von Personal und der geschützten Durchführung logistischer Abläufe. Der Unterstützungsbereich leitet daraus ab, dass geschützte logistische „Enklaven“ künftig in Hub-, Cluster- und Drehscheibenkonzepte integriert werden sollten.

Digitalisierung, verteilte Gefechtsstände und KI

Zeitgleich gewinnen verteilte, vernetzte Gefechtsstände an Bedeutung. Bei der Testreihe MULTIPLE HIGHLANDER wurden Clusterkonzepte erprobt, die Gefechtsstände bestehender Infrastruktur räumlich trennen, technisch härten und digital vernetzen. Diese Strukturen erschweren die Aufklärung und erhöhen die Führungsfähigkeit. Erste Anwendungen künstlicher Intelligenz für Lagebilder, Analyse und Planung wurden getestet. Sie zeigen Potenzial, erfordern aber weitere Erprobungen in größeren Übungsszenarien.

Zivile Partner als tragende Säulen der Gesamtstaatlichen Verteidigung

Die Erkenntnisse aus der Ukraine und dem Nahen Osten machen deutlich, dass die Bundeswehr allein die hierfür notwendigen militärischen Unterstützungskapazitäten im Inland bei einem LV/BV-Szenario nicht vorhalten kann. Das Einbringen erheblicher ziviler Ressourcen ist dringend erforderlich. Die Bundeswehr wird zum „supported command“. Die anerkannten Hilfsorganisationen (HiOrg), das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), die Medizinischen Taskforces und das zivile Gesundheitswesen bilden tragende Säulen im Verbundsystem aus:

• Transport- und Behandlungskapazitäten,
• Katastrophenhilfs- und Zivilschutzstrukturen,
• Betreuungs- und Unterstützungsleistungen,
• Schnittstellen zu kommunalen und staatlichen Behörden.

Ohne diese zivilen Partner und deren angemessene Finanzierung im Frieden ist eine durchhaltefähige Rettungskette im Bündnisfall nicht realisierbar. Der Unterstützungsbereich bildet hierbei die Schnittstelle zwischen militärischen und zivilen Akteuren.

MEDIC QUADRIGA – Umsetzung der Lehren in der Praxis

Die Übung MEDIC QUADRIGA im ersten Quartal 2026 zeigt exemplarisch, wie Erkenntnisse aus der Auswertung Kriege Dritter praktisch umgesetzt werden. Sie bildet die gesamte Rettungskette eines LV/BV-Szenarios realitätsnah ab – von der Erstversorgung über Stabilisierung und Transport bis zur Behandlung in deutschen Traumazentren. Im Mittelpunkt stehen:

• das Medical Component Command des UstgKdoBw,
• die Patientensteuerungs-, Transport- und Behandlungsorganisation (PaSTBO),
• die enge Zusammenarbeit mit HiOrg, BBK, Ländern, Kommunen und Kliniken.

MEDIC QUADRIGA verknüpft Erkenntnisse, konzeptionelle Weiterentwicklung und zivil-militärische Zusammenarbeit und zeigt, wie gesamtstaatliche Verteidigung in der Praxis funktionieren kann. Die Übung wird damit zum Blick in die Zukunft – nicht als theoretische Absicht, sondern als geübte Realität.

Trotz der sichtbaren Fortschritte zeigt die Auswertung ein wiederkehrendes strukturelles Muster: Erkenntnisse werden schnell gewonnen, doch ihre Umsetzung verlangt in vielen Bereichen mehr Zeit, als es die sicherheitspolitische Dynamik eigentlich erfordern würde. Dies wird insbesondere dort deutlich, wo einsatznahe Erfahrungen bereits belastbare Lösungen aufzeigen. So belegen internationale Fallstudien die Wirksamkeit transfusionsmedizinischer Verfahren wie der Vollblutspende oder innovativer Produkte wie Spray Dried Plasma, deren Einführung jedoch an umfangreiche Studienlagen, notwendige Zulassungsverfahren und ressortübergreifende Abstimmungsprozesse gebunden ist. Auch bei unbemannten Systemen sind operative Vorteile und Ausbildungsbedarfe klar erkennbar.

Die zeitgerechte Umsetzung wird jedoch durch geltende zivile Zulassungsbestimmungen, ausbildungsrechtliche Anforderungen und komplexe Beschaffungswege herausgefordert. In ähnlicher Weise zeigt sich, dass die politisch intendierte Beschleunigung im Rahmen der Zeitenwende zwar Orientierung gibt, die praktische Wirksamkeit jedoch maßgeblich von strukturellen, rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen abhängt. Unverändert wird zudem deutlich, dass das Handlungsfeld „Auswertung Kriege Dritter“ trotz der inzwischen gewonnenen Erkenntnisse noch nicht strukturell und personell hinterlegt ist. Die erforderlichen Analysekapazitäten werden weiterhin aus dem laufenden Betrieb abgedeckt, was fachlich gelingt, jedoch die Grenzen einer dauerhaften und systemisch verankerten Bearbeitung deutlich macht.

In der Gesamtschau wird damit deutlich, dass die Bundeswehr wesentliche Erkenntnisse frühzeitig generiert, ihre Überführung in Fähigkeiten jedoch an systemische Rahmenbedingungen geknüpft bleibt. Diese müssen perspektivisch weiterentwickelt werden, um Erkenntnisgewinn, Fähigkeitsentwicklung und Einsatzrealität langfristig wirksam zu verzahnen.

Fazit: Wer überleben will, muss den Himmel beherrschen

Die Auswertung Kriege Dritter hat sich zu einem zentralen und unverzichtbaren Instrument der Weiterentwicklung der Bundeswehr entwickelt. Sie zeigt, wie moderne Konflikte geführt werden, welche Fähigkeiten entscheidend sind und welche Strukturen widerstandsfähig sein müssen. Übungen wie MEDIC QUADRIGA machen sichtbar, wie diese Erkenntnisse bereits heute mit militärischen und zivilen Partnern umgesetzt werden. Der Ukrainekrieg verdeutlicht, dass Drohnen das Gefechtsfeld prägen, dass der rückwärtige Raum durch den technischen Fortschritt noch verwundbarer geworden und zusätzlich in den feindlichen Fokus gerückt ist.
Die Rettungskette muss als integriertes System gedacht werden. Logistik, ABC-Abwehr, Feldjägerwesen und Sanitätsdienst stehen in diesem Zusammenhang gleichermaßen vor großen Herausforderungen. Für die Bundeswehr bedeutet das, Schutz, Führung, Versorgung und medizinische Behandlung konsequent im gesamtstaatlichen und gesamtgesellschaftlichen Verbund weiterzuentwickeln.
Die zentrale Lehre lässt sich klar formulieren: Wer im modernen Gefecht überleben will, muss den Himmel beherrschen. Entscheidend ist die Fähigkeit, Luftüberlegenheit herzustellen und damit die Grundlage zu schaffen, um dimensionsübergreifende – letale wie nicht letale – Effekte wirksam einzusetzen. Erst diese Kontrolle ermöglicht es, eigene Kräfte zur Operationsführung zu befähigen. Dies schließt die Rettungskette vom Gefechtsfeld bis in das Heimatland ausdrücklich ein. Beide Faktoren prägen Durchhaltefähigkeit, Wehrfähigkeit und die Zukunft der Gesamtverteidigung Deutschlands.

Erstveröffentlichung auf der Internetseite des Hardthöhen-Kurier, 28.05.2026, www.hardthoehenkurier.de

Autor: Autorenteam Unterstützungskommando der Bundeswehr