Im Jahr 1968 herrschte zwischen NATO und Warschauer Pakt der Kalte Krieg. Der sowjetischen Aufklärung war nicht verborgen geblieben, dass die Flugplätze in Nordnorwegen eine viel größere Kapazität hatten, als für die Luftwaffe des Landes erforderlich war.
Um die Basen ihrer Atom-U-Boote im Murmansk-Fjord und die Flugplätze der strategischen Bomber auf der Kola-Halbinsel vor Luftangriffen der NATO zu schützen, würde daher die Sowjetunion zu Beginn eines Krieges oder präemptiv versuchen, die norwegische Atlantikküste und die norwegischen Flugplätze in eigene Hände zu bekommen. Die realen damaligen sowjetischen Planungen kennen wir auch heute nicht. Aber wir haben heute Zugang zu den nach Ende des (ersten) Ost-West-Konflikts veröffentlichten Feindlagebeurteilungen der NATO darüber. Die hier abgebildete Karte zeigt die Annahme des Allied Command Europe Mobile Force Anfang 1968.
Die Allied Mobile Force (AMF) war ein 1960 in Dienst gestellter multinationaler mobiler Eingreifverband der NATO. Dessen Analysten entwarfen auf einer Karte mögliche Angriffsoptionen der Sowjets auf Nordnorwegen, in Varianten mit und ohne dabei Gebiete der neutralen Staaten Finnland und Schweden zu besetzen.
Der angenommene Vormarsch der Sowjets
Die Karte zeigt zu Lande vier angenommene Vormärsche der Sowjets durch zwei Divisionen. Eine sowjetische Mot. Schützendivision (MSD) ist zu diesem Zeitpunkt ungefähr 14.500 Mann stark. Der von der 341. MSD auszuführende Hauptstoß im Süden (A) zielte über das finnische Rovaniemi und das schwedische Kiruna auf den norwegischen Hafen Narvik und sollte damit den Raum nördlich davon abschneiden. Den wiederum sollten weitere Angriffe (B, C und D) dieser Division und der 45. MSD fächerartig besetzen. Die Optionen B, C und D hätten ohne Verletzung der Neutralität Schwedens realisiert werden können, D auch ohne Finnlands Gebiet zu queren. Das Besetzen dieses weiten Raumes war keine einfache Aufgabe, denn abgesehen von der gut ausgebauten Straße zwischen Kiruna und Narvik und der an der Grenze bei Kirkenes beginnenden Europastraße E6 hemmte die von Seen und deren Zuflüssen geprägte Landschaft die Bewegungsmöglichkeiten der Angreifer, wie die Wehrmacht schon 1941 bis 1944 hatte erfahren müssen. Aufgrund der brettflachen Landschaft in der Finnmark und Lappland war Luftherrschaft eine zwingende Voraussetzung für die sowjetischen Angriffsbewegungen. Luft- und Seeanlandungen sollten die genannten Angriffsziele schon in den ersten Stunden des Krieges nehmen – und bis zum Eintreffen der Hauptkräfte zu Lande halten. Sollten Luftlandungen auf norwegischen und ggf. auch schwedischen Flugplätze nicht erfolgreich sein, hatten die Sowjets deren Verminung aus der Luft vorgesehen.
Eine weitere, amerikanische Analyse aus den früheren 1980er Jahren ähnelt grundsätzlich der aus dem Jahr 1968, zeigt aber Änderungen in Details, auch in den weiterhin angenommenen vier taktischen Angriffskeilen der Sowjets: Der nördlichste Vormarsch war über die Europastraße E6 von der Grenze bei Kirkenes bis Lakselv und bis zu dem nahen großen Flugplatz Banak geplant. Die südlich anschließende Vormarschachse verlief durch Finnisch-Lappland über Inari zur norwegischen Stadt Karasjok. Der dritte Angriffskeil sollte über das finnische Sodankylä und das norwegische Skibotn-Tal Tromsø erreichen. Der südlichste taktische Stoß sollte wie 1968 angenommen über Kemijärvi, Rovaniemi und Kiruna auf Narvik zielen. Die von amerikanischen Analysten befürchtete Überquerung des im Winter zugefrorenen Bottnischen Meerbusens durch sowjetische Panzerkolonnen verwiesen die mit dem Gelände und den Wetterbedingungen vertrauten Skandinavier ins Reich der Fantasie.
„Gibraltar des Nordens“
Die Eroberung der Hauptstädte Finnlands, Schwedens und Norwegens waren laut amerikanischer Bewertung Anfang der 1980er Jahre nicht Ziel der Angriffe. Wichtiger waren die Åland-Inseln. Das „Gibraltar des Nordens“ hätte den Sowjets als ideales Sprungbrett zur Landung an der schwedischen Küste gedient. Das neutrale Schweden sahen sowjetische Operationsplaner nicht nur als Durchmarschgebiet, sondernmaßen vor allem dessen Luftwaffe eine hohe Schlagkraft bei, die es auszuschalten galt. NATO-Analysten nahmen daher an, dass noch vor der eigentlichen sowjetischen Offensive so genannte Speznaz-Teams mit U-Booten an Schwedens Küste angelandet werden, die nicht nur die Flugplätze angreifen, sondern den Überraschungseffekt nutzend Piloten in ihren Wohnungen töten sollten.
Erstveröffentlichung im Intranet der Bundeswehr (YNSIDE), 10.03.2026
Autor: Oberstleutnant Dr. Klaus Storkmann, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr
Scipio Appia ist eine digitale Mittelschicht zwischen ERP, NATO-Systemen und Gefechtsfeld, die logistische Ebenen 1 und 2 in ein durchgängiges Lagebild integriert.
Die Fähigkeit moderner Streitkräfte, Operationen erfolgreich durchzuführen, hängt unmittelbar von der Leistungsfähigkeit ihrer Logistik ab. Im Szenario der Landes- und Bündnisverteidigung
entscheidet nicht allein die Verfügbarkeit von Waffensystemen über die Einsatzbereitschaft, sondern vor allem die Fähigkeit, Munition, Ersatzteile, Treibstoff und Instandsetzung rechtzeitig
zur kämpfenden Truppe zu bringen.
Das logistische System der Bundeswehr bildet hierfür den strukturellen Rahmen. Während auf strategischer Ebene zentrale, nationale IT Systeme wie SASPF oder NATO-Systeme wie LOGFAS die Planung und Verwaltung logistischer Ressourcen unterstützen, entsteht auf den taktischen Ebenen der Logistik, insbesondere logistische Ebenen (LogE) 1 und 2, eine strukturelle Fähigkeitslücke.
Die LogE 1 und 2 sind geprägt durch hohe Dynamik, kurze Entscheidungszyklen und häufig wechselnde Organisationsstrukturen der (Groß-) Verbände im Einsatz. In Verbänden, etwa auf
Brigade- oder Bataillonsebene, müssen logistische Bedarfe, verfügbare Bestände und Transportkapazitäten kontinuierlich abgestimmt werden. Gleichzeitig bleiben die eingesetzten
IT-Systeme primär auf strategische Prozesse ausgelegt und sind für die operative Realität auf Gefechtsfeldebene nicht geeignet.
Das Resultat ist ein fragmentiertes Lagebild. Informationen über Bedarfe, Bestände oder Transportbewegungen werden über heterogene Kanäle wie Funk, Excel Tabellen, Sitaware Chat oder mündliche Abstimmung kommuniziert. Ein durchgängiges logistisches Lagebild (RLP) über alle Ebenen hinweg existiert nicht. In der Folge muss händisch und über Drehstuhl-Schnittstellen Information zusammengeführt und ausgewertet werden. Dadurch geht wertvolle Zeit verloren und der Prozess ist nur bedingt bis nicht kriegstauglich.
Logistische Kräfte sind heute selbst Teil des Gefechtsfelds und müssen ihre Operationen schneller, verteilter und resilienter durchführen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die digitale Unterstützung logistischer Prozesse entscheidend an Bedeutung. Hier setzt Scipio Appia an. Appia ist ein logistisches Entscheidungs- und Führungssystem für die LogE 1 und 2 mit der
Brigade als Endnutzer im Schwerpunkt. Sie wurde speziell für den Zweck entwickelt, die bestehende Fähigkeitslücke zwischen SASPF, LOGFAS auf strategischer Ebene und der operativen Realität auf Brigadeebene komplementär zu schließen.
Technisch fungiert Appia als digitale Integrations- und Abstraktionsschicht zwischen bestehenden Systemen. Daten aus ERP-Systemen (bspw. SASPF), LOGFAS oder C2/C4I können über Schnittstellen bi-direktional integriert und in einem RLP zusammengeführt werden. Das System ermöglicht dadurch erstmals eine kontinuierliche, taktisch nutzbare Darstellung logistischer Informationen: Bedarfe von Einheiten, verfügbare Bestände, Prioritäten, Transportmittel und Versorgungskorridore & -routen können in Echtzeit zusammengeführt und für Planungs- und Führungsentscheidungen genutzt werden.
Appia ist spezifisch für die Anforderungen der Umgebung LogE 1 und 2 entwickelt. Das System kann auf einem Feldserver im Brigadegefechtsstand gehostet und via gehärtete Tablets/Laptops
bedient werden. Dabei sind die Funktionen unabhängig der Netzverbindung nutzbar, damit die Brigade offline in “congested” als auch “contested” Umgebungen handlungsfähig ist.
Mithilfe von KI ermöglicht Appia eine dynamische Planung und Steuerung von Nachschubbewegungen sowie die Optimierung logistischer Transportketten zwischen Depots, Versorgungspunkten im Einsatzgebiet und den versorgten Truppenteilen. Dadurch können Versorgungszeiten verkürzt, Transportkapazitäten effizienter eingesetzt und logistische Entscheidungen frühzeitig in den militärischen Führungsprozess eingebunden werden.
Appia ist seit Beginn der Entwicklung als multinationale, interoperable Plattform konzipiert. In multinationalen Operationen können unterschiedliche nationale Appia-Instanzen über eine
gemeinsame Daten- und Entscheidungsstruktur miteinander verbunden werden. Damit unterstützt Appia nicht nur nationale logistische Prozesse, sondern auch die Interoperabilität innerhalb von NATO-Verbänden, komplementär zu LOGFAS.
Im Kontext der digitalen Transformation der Streitkräfte und der zunehmenden Vernetzung militärischer Systeme stellt Appia somit einen neuen Ansatz für logistische Führung dar: ein durchgängiges Recognized Logistics Picture, das strategische Planungssysteme mit der operativen Realität des Gefechtsfelds verbindet.
Damit adressiert Appia eine zentrale Voraussetzung moderner Operationsführung: die Fähigkeit, logistische Informationen effizient, verlässlich und entscheidungsrelevant verfügbar zu machen und damit die Einsatzbereitschaft der Truppe zu erhöhen.
Scipio Networks GmbH | Julie-Wolfthorn-Straße 1 | 10115 Berlin
Das Forum Ersatzteillogistik (FEL) 2026 ist der zentrale Treffpunkt für Fach- und Führungskräfte, die das Ersatzteilmanagement zukunftsfähig gestalten wollen. Am 22. und 23. Juni 2026 bringt die Veranstaltung im PARKS in Nürnberg Expertinnen und Experten aus Industrie, Handel und Dienstleistung zusammen und fördert den branchenübergreifenden Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe. Hochkarätige Fachvorträge zu vielfältig relevanten Themen, praxisnahe Einblicke und engagierte Diskussionen beleuchten aktuelle Herausforderungen und Lösungsansätze entlang der Ersatzteillogistik. Begleitend dazu bietet die Fachausstellung Raum für persönliche Gespräche mit kompetenten Ansprechpartnern und neue Impulse für die Umsetzung innovativer Ideen. Bereits am Vorabend lädt ein Networking-Abend im PARKS im Nürnberger Stadtpark zum Austausch in entspannter Atmosphäre ein.
Details zum Programm, zu Speakern und zu den Schwerpunktthemen folgen zeitnah. Hier gibt es alle weiteren Informationen – von der Anfahrtsskizze bis zur Teilnahmeoption: https://www.bvl.de/fel
Eingebunden in den Übungscluster QUADRIGA 2026 führte das Unterstützungskommando der Bundeswehr vom 16. Februar bis 20. März mit MEDIC QUADRIGA 2026 die größte und komplexeste Übung des Sanitätsdienstes seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine durch. Ziel der Übung war es, die Einsatzbereitschaft und Reaktionsfähigkeit der Bundeswehr im Rahmen der Bündnisverteidigung weiter zu stärken und gleichzeitig die enge Zusammenarbeit mit zivilen Akteuren im Gesundheitswesen zu erproben und zu vertiefen.
Neben der schnellen Verlegefähigkeit der Sanitätskräfte an die NATO-Ostflanke nach Litauen wurde die Funktionsfähigkeit der gesamten medizinischen Rettungskette von der Erstversorgung Verwundeter im Einsatzgebiet bis zur weiterführenden Behandlung in Deutschland trainiert. Schwerpunkt der Übung war der erstmalige Betrieb einer zivil-militärischen medizinischen Taskforce für Steuerung, Transport und Behandlung von Patienten. Rund 1.000 Soldatinnen und Soldaten nahmen an MEDIC QUADRIGA 2026 teil.
Dem Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr in Koblenz kam die Aufgabe zu, ein Sanitätsbataillon als Übungsverband zusammenzuziehen und nach Litauen zu verlegen. Mit Straßenmärschen und Fähre wurden binnen weniger Tage ein Luftlanderettungszentrum, ein Forward Surgical Element und diverse geschützte Rettungsfahrzeuge nach Litauen gebracht. Mit diesen Mitteln ist der Sanitätsdienst in der Lage, dem dynamischen Frontgeschehen der Kampftruppe zu folgen und die Rettungskette jederzeit aufrecht zu erhalten.
„Nur was man in ruhigen Zeiten übt und trainiert, beherrscht man auch im Spannungs- und Verteidigungsfall“, betonte Verteidigungsminister Boris Pistorius am 6. März 2026 bei seinem Besuch der Übung in Berlin. Die medizinische Versorgung Verwundeter im Kriegsfall sei ein Beitrag zur Gesundheitsversorgung als gesamtstaatliche Verantwortung. Dazu gehöre auch die Rehabilitation von Soldatinnen und Soldaten, die in den Einsätzen verwundet werden. „Zurück in den Dienst“ laute das Motto, das zugleich ein Signal an die eingesetzten Kräfte sei.
Medical Task Force übt am Flughafen Berlin Brandenburg
Im Mittelpunkt der Übung stand ein Verteilerpunkt im ExpoCenterAirport am Flughafen Berlin Brandenburg (BER): der Übungshub Berlin. Hier wurden die Aufnahme, die medizinische Priorisierung und die Weiterverteilung von Patientinnen und Patienten in geeignete zivile Behandlungseinrichtungen geübt. Die Verwundeten, dargestellt von rund 200 Soldatinnen und Soldaten, kamen am Übungsgelände neben dem Flughafen BER an. In einem Ernstfall der Landes- und Bündnisverteidigung könnten es bis zu 1.000 Verwundete täglich sein. Neben Lufttransport würden in der Krise auch Busse, Züge und Schiffe nach Deutschland eingesetzt. Am Hub hatten 250 zivile Unterstützerinnen und Unterstützer mit der Bundeswehr eine Medical Task Force (MTF) eingerichtet.
Diese bestand aus ehrenamtlichen Einsatzkräften und Fahrzeugen aus Brandenburg, mit der Unterstützung von Hilfsorganisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz, dem Arbeiter-Samariter-Bund, den Maltesern und den Johannitern. Koordiniert wurde die MTF durch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), das den Zivilschutz in der Bundesrepublik organisiert.
Trainiert wurden vor allem die Abläufe zwischen den verschiedenen Akteuren: Nach Sichtung der Verwundeten übergab das MTF-Personal diese an die Kolleginnen und Kollegen der Hilfsorganisationen, die in langen Kolonnen vor dem Übungshub bereitstanden. Auch Hubschrauber der deutschen Luftrettung DRF und der ADAC-Luftrettung waren für schwerstverletzte Verwundete im Einsatz. Die letzte Station der Übung war der Transport mit Blaulicht in zivile Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen in Berlin und Brandenburg. Hierfür waren neun Kliniken in das Übungsgeschehen integriert und auf die militärischen Patientinnen und Patienten vorbereitet.
„Gesundheitsversorgung nur gesamtstaatlich“
„Menschen“, sagt der Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes, Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann, „sind das Wertvollste, was wir haben, die wichtigste Ressource der Streitkräfte. Ihre Gesundheit zu sichern, ist im Hinblick auf die Durchhaltefähigkeit Deutschlands in Krise und Krieg unabdingbar.“ Bei MEDIC QUADRIGA 2026 werde zugleich unter Beweis gestellt, dass die Gesundheitsversorgung der Bundeswehr nur gesamtstaatlich bewältigt werden könne. „Wir haben während der Übung festgestellt, wie außergewöhnlich gut das funktioniert“, betont Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann und fährt fort: „Wir haben in dieser Übung bewiesen, wir können es!“
Um die gute Zusammenarbeit weiter zu vertiefen, unterzeichnete er gemeinsam mit dem Bundesvorstand der Johanniter-Unfall-Hilfe, Oliver Meermann, und dem Vizepräsidenten des Malteser Hilfsdienstes, Albrecht Prinz von Croy, eine Kooperationsvereinbarung zur „Privilegierten Partnerschaft“ mit den Johannitern und Maltesern. Ziel dieser Partnerschaft ist es, die mitwirkende Unterstützung der Johanniter und Malteser für den Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr in öffentlich-rechtlichen Verträgen zukünftig konkret auszuformulieren.
Die Übung MEDIC QUADRIGA 2026 wird wichtige Erkenntnisse liefern, um die Schnittstellen der Rettungskette der Bundeswehr zur zivilen Seite für die Landes- und Bündnisverteidigung weiter zu optimieren. Doch auch jetzt schon haben die entscheidenden Prozesse gut funktioniert. Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann ist überzeugt: „Bei einer Verschlechterung der sicherheitspolitischen Lage im Nahen und Mittleren Osten hätten wir sofort vom Übungs- in den Einsatzmodus wechseln können. Wir sind für den scharfen sanitätsdienstlichen Einsatz gerüstet.“
Erstveröffentlichung im Presseportal, 20.03.2026, www.presseportal.de
Autor: Unterstützungskommando der Bundeswehr, Presse- und Informationszentrum
Mit den Einsatzsystemen Luftlandeplattformen reagiert das Heer auf die gewachsene Bedeutung der leichten Kräfte. Das neue Luftlandefahrzeug soll Wolf, Mungo und Wiesel ablösen, logistische Vielfalt reduzieren und zugleich Mobilität, Schutz und Feuerkraft der Truppe steigern.
Moderne Luftlandekräfte müssen ihre Aufträge in unterschiedlichsten Operationsarten und taktischen Szenarien erfüllen. Von militärischen Evakuierungsoperationen über Einsätze im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung bis hin zu Spezialkräfteoperationen. Dafür benötigen sie lufttransportfähige, hochgeländegängige Fahrzeuge, die alle wesentlichen Fähigkeiten bereitstellen und die Durchhaltefähigkeit der Kräfte erhöhen.
Von der Fahrzeugvielfalt zur einheitlichen Plattform
Derzeit stehen in diesem Bereich sehr unterschiedliche Systeme im Dienst: vom „Luftlande-Wolf“ über den Mungo Einsatz Spezialisierte Kräfte (ESK) und Mungo Mehrzweck (MZ) bis hin zu Wiesel 1 und Wiesel 2. Die Vielfalt an Plattformen bringt erhebliche logistische Herausforderungen mit sich, erzeugt einen hohen Ausbildungsaufwand und bindet personelle Ressourcen. Folglich ist größtmögliche logistische Gleichheit ein wesentlicher Treiber im Projekt „Luftlandeplattform“.
Nachts im Versteck: Ein getarntes Einsatzsystem Luftlandeplattform bezieht Stellung im anspruchsvollen Gelände, die Besatzung beobachtet den Raum
Zwei Systeme – ein gemeinsames Konzept
Nach zwei intensiven Studien wurde deutlich, welche Forderungen sich mit einem gemeinsamen System abbilden lassen und wo unterschiedliche Lösungen erforderlich sind. Eine Konsequenz war die Aufteilung des Projektes Luftlandeplattformen in zwei Teile.
Der luftbewegliche Waffenträger wird die Fähigkeiten der bisherigen Wiesel-1-Varianten Maschinenkanone und Panzerabwehr ablösen und weiter steigern. Die Einsatzsysteme Luftlandeplattformen decken, ergänzen und verbessern zugleich die Fähigkeiten der übrigen Mobilitätsträger, etwa des „LL-Wolf“, der Mungo-Varianten oder der beweglichen Befehlsstelle auf Basis des Wiesel 2.
Die uneingeschränkte Lufttransportfähigkeit ist dabei eine nicht verhandelbare Grundforderung; alle weiteren Fähigkeiten ordnen sich diesem Primat unter. Der in den vergangenen Jahren stetig gestiegene Schutzbedarf wird berücksichtigt, ohne sich allein auf passive Schutzmaßnahmen zu stützen. Vielmehr soll im Verbund von Mobilität und Wirkung ein adäquates Schutzniveau erreicht werden.
Für die Einsatzsysteme Luftlandeplattformen bedeutet das: Alle Fahrzeuge verfügen über einen grundlegenden, fest verbauten Schutz, auf dem die übrige Struktur aufbaut. Das Schutzniveau kann durch adaptive, modulare Schutzelemente erhöht werden, erreicht jedoch keinen ganzheitlichen rundumgeschützten Zustand. Zunächst werden nur Fahrzeuge für die nationale Krisenvorsorge mit solchen Modulen ausgestattet.
Dies reduziert Infrastrukturbedarf und Bewirtschaftungsaufwand, senkt Beschaffungskosten und erhöht zugleich die Anpassungsfähigkeit an konkrete Einsatzbedingungen. Einheiten und Verbände können ihre Fahrzeuge materiell vergleichsweise einfach an wechselnde Aufträge anpassen.
Heckansicht des Einsatzsystems Luftlandeplattform in der Konfiguration Long Range Reconnaissance Patrol mit aufgenommenem E-Krad
Wenige Varianten, viele Rollen
Dieser Ansatz spiegelt den Grundgedanken des Projektes wider: Es soll nur wenige Fahrzeugvarianten geben, die durch unterschiedliche Rollen viele Fähigkeiten abdecken. Ziel ist, flexibel auf wechselnde Aufträge reagieren zu können, ohne die Truppe durch eine Vielzahl unterschiedlicher Systeme zu belasten. Künftige Fähigkeiten lassen sich so schneller integrieren, bestehende anpassen und entfallene Funktionen entfernen, ohne jedes Mal die komplette Flotte umrüsten zu müssen.
Das Prinzip ist nicht völlig neu. Bereits beim Boxer wurde die Idee eines Grundfahrzeugs mit aufgesetzten Missionsmodulen umgesetzt. Für die Einsatzsysteme Luftlandeplattformen wurde das Konzept allerdings weiter detailliert und auf die spezifischen Bedürfnisse der Luftlandekräfte zugeschnitten. Einheitliche Versorgungspakete mit weitgehend gleichen Ersatzteilen sind ein Beispiel für diese Ausrichtung; die Interoperabilität mit den niederländischen Luftlandekräften ist ein weiteres.
Ein wichtiger Treiber für Modularität und vielseitige Nutzungsmöglichkeiten ist der Kernauftrag der Luftlandekräfte: die Durchführung von Luftlandeoperationen. In einem solchen Einsatz ist selten sichergestellt, dass alle Fahrzeuge zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar sind. Deshalb muss es zwingend möglich sein, die vorhandenen Varianten je nach Prioritätenlage für unterschiedliche Fähigkeiten einzusetzen.
Führungsmittel im „Rucksack“
Der Gedanke der Modularität setzt sich auch im Führungsmittelkonzept fort. Fest im Fahrzeug verbaute Funkgeräte ließen sich bei einem Rollenwechsel nur mit erheblichem administrativen und technischen Aufwand anpassen; verloren gegangene Führungsmittel müssten aufwendig nachverfolgt werden.
Deshalb wird eine ohnehin benötigte „Rucksacklösung“ genutzt. Im abgesessenen Einsatz verwendete Führungsmittel können über einfache Schnittstellen an das Fahrzeug angebunden werden. Dadurch steigt die Reichweite, die Spannungsversorgung ist gesichert und die vernetzte Anbindung bleibt erhalten. Zugleich wurde darauf geachtet, dass jedes Besatzungsmitglied auf die Führungsmittel zugreifen und diese bedienen kann.
Offenes Fahrzeug, flexible Bewaffnung
Frühzeitig stand fest und wurde von den Hauptnutzerbereichen deutlich eingefordert, dass es sich um ein offenes Fahrzeug handeln muss. Die Besatzung soll sich verteidigen können und aufgesessen Aufträge erfüllen. Auf Dachelemente wird deshalb verzichtet, um das Anbringen von Drehringen zu ermöglichen. Ausführungen mit entsprechenden Lafetten sind vorgesehen; zusätzliche Bewaffnungen wurden frühzeitig beantragt.
Jedes Fahrzeug ist grundsätzlich mit einer Beifahrerlafette nutzbar und überwiegend auch so ausgestattet. Die Hauptbewaffnung kann in einem Drehring aufgenommen werden. Dafür stehen Oberlafetten für unterschiedliche schwere Waffen zur Verfügung. Über eine NATO-einheitliche Schnittstelle lassen sich zudem Waffensysteme von Partnernationen integrieren. Zusätzlich kann in einem Winkel von 120 Grad versetzt eine weitere Oberlafette, etwa für ein Lenkflugkörpersystem wie Eurospike, aufgesetzt werden.
Die Beifahrerbewaffnung basiert auf einem ähnlichen Prinzip, ist aber auf zwei Waffenarten begrenzt. Ihr Wirkbereich kann auf- wie abgesessen genutzt werden. Ein vollumfänglicher Witterungsschutz lässt sich unter diesen Rahmenbedingungen kaum realisieren und wird von den Nutzern auch nicht priorisiert. Für die auf das Tragen von Schutzwesten optimierten ergonomischen Sitze steht allerdings eine Sitzheizung zur Verfügung.
Der Beifahrer kann darüber hinaus zusätzliche Aufgaben übernehmen. Über ein Beifahrerhandgas ist er in der Lage, das Fahrzeug zu beschleunigen oder abzubremsen. So kann die Besatzung Gefahrenzonen rasch verlassen und weitere Ausfälle vermeiden.
Ein Soldat nutzt ein E-Krad zur beweglichen Aufklärung, während im Hintergrund ein Einsatzsystem Luftlandeplattform den Vorstoß in schwierigem Gelände unterstützt
Mobilität, Durchhaltefähigkeit und Ausblick
Das Fahrzeug kann mit Flugkraftstoff F-34 (Kerosin) betrieben werden. Fällt eine Komponente aus, lässt sich ein herstellerseitig programmierter Notlauf umgehen, sodass der Fahrbetrieb fortgesetzt werden kann. Die Mobilität soll damit möglichst jederzeit sichergestellt bleiben. Alle Fahrzeuge sind für den Betrieb mit Nachtsichtgeräten optimiert; auch Störungen oder Betriebszustände der Achssperren können unter eingeschränkten Sichtbedingungen angezeigt werden.
Zur Erhöhung der Durchhaltefähigkeit kann eine hohe Nutzlast mitgeführt werden, die auf erweiterbaren, hoch belastbaren Ladeflächen verstaut wird. Auf der Heckklappe lassen sich beispielsweise ein Krad oder andere sperrige Güter transportieren. Neben der Option, Anhänger anzukuppeln, kann eine Seilwinde am Heck und an der Front angebracht werden. In Verbindung mit weiterem Zubehör wird die Fähigkeit zur Selbstbergung deutlich verbessert.
Traktionshilfen, Reservekanister, variable Zurrpunkte und zusätzliche Staumöglichkeiten, Anschlüsse für verschiedene elektrische Verbraucher und Erzeuger, multispektrale Tarnausstattung sowie moderne Wirkmittelwerfer runden das System ab und erweitern die Einsatzmöglichkeiten. Die Forderungslage misst der Mobilität insgesamt einen hohen Stellenwert bei; abgebildet in hohem Beschleunigungsvermögen, gut kontrollierbarer Manövrierfähigkeit bei hohem Gesamtgewicht abseits fester Wege und einer gesteigerten Reichweite.
Darüber hinaus erscheinen weitere Entlastungen und Fähigkeitsanpassungen realistisch: etwa die Einbindung elektrischer Kräder, die Adaption nivellierbarer Systeme zur Sensorikanbindung, die Integration neuer Wirkmittel oder die Aufnahme zukünftiger Führungsmittel.
Mit den Einsatzsystemen Luftlandeplattformen werden die Luftlandekräfte künftig über Fahrzeuge verfügen, die ihre Auftragserfüllung durchhaltefähig, wehrhaft und effizient unterstützen ohne die Truppe zusätzlich durch aufwendige Logistik oder eine Vielzahl unterschiedlicher Ausbildungsgänge zu belasten.
Erstveröffentlichung in Europäische Sicherheit & Technik, 19.02.2026, www.esut.de
Autor: Oberstabsfeldwebel René Medici, Amt für Heeresentwicklung
Vom 11. bis 13. November 2025 fand nun zum fünften Mal das Symposium „Zuverlässigkeit und Materialerhaltbarkeit von Landsystemen“ am BiZBw (Bildungszentrum der Bundeswehr) in Mannheim statt. Schirmherr der Veranstaltung war wie in den vorherigen Jahren der Abteilungsleiter Kampf im BAAINBw (Bundesamt für Ausrüstung, Infrastruktur und Nutzung der Bundeswehr).
Die Veranstaltung war auch dieses Mal mit 112 Teilnehmern und Vortragenden aus verschiedenen Bereichen der Bundeswehr, den Ämtern, Bundeswehr-Dienststellen und der Truppe, aber auch relevanten Unternehmen und wissenschaftlichen Instituten, wieder gut besucht.
Ein Gruppenfoto der Teilnehmer des Symposiums in Mannheim
Brigadegeneral Wind wies in seiner Eröffnungsrede auf die zukünftigen Herausforderungen, vor denen das Heer steht, hin. Sowohl die Anzahl der Vorhaben als auch die Komplexität der Systeme nimmt zu. Er zeigte dies an zahlreichen Beispielen.
Standardisierung sei eine Möglichkeit, wie diesen Herausforderungen begegnet werden kann. Die NGVA (NATO Generic Vehicle Architecture) ist eine Standardisierung für die NATO, um zukünftige militärische Fahrzeuge besser vernetzen zu können und bietet Datenmodelle für über 30 Subsysteme (z. B. Navigation, Automatic Weapon, Laser Range Finder u. a.).
Digitalisierung war ein, wenn nicht das bestimmende Thema des Symposiums. Sie ermöglicht in unterschiedlichen technischen Bereichen präzises Zustandsmonitoring z. B. durch Digitale Zwillinge, die auf physikbasierten Modellen oder KI-gestützten datenbasierten Ansätzen fußen. Sowohl Systemveränderungen als auch virtuelle Sensorgrößen werden mithilfe daten- und modellbasierter Methoden abgeleitet, wodurch zusätzliche Einblicke ohne Hardware-Nachrüstung geschaffen werden. Durch solche Methoden ist eine frühzeitige Fehlererkennung, eine optimierte Wartung und verlässliche Lebensdauerprognose, aber auch die Erfassung und Bewertung sich ändernder Rahmenbedingungen, z. B. im Einsatzszenarien, möglich. Herausforderungen bestehen in der Datenqualität und -zugänglichkeit, der Parametrierung und Validierung der Modelle, der Echtzeitfähigkeit, der Integration in bestehende Fahrzeug- und IT-Architekturen sowie einer möglichst weitgehenden Automatisierung dieser Prozesse.
Daten und Informationen sind das neue Gold für den Aufbau, die Nutzung und den Betrieb moderner Landsysteme und für einen Digitalen Zwilling entscheidend. Aspekte zu Nutzungsrechten, zu Datenmodellen, zur Datenerfassung, -übertragung und -speicherung u.a. in der pCloud sowie der Analyse und Darstellung müssen bewältigt werden. Der Vortrag der IABG gab einen Einblick in die aktuelle Umsetzung eines Digitalen Zwillings im Rahmen einer Studie für das Systemzentrum Digitalisierung Dimension Land mit dem Bezugsobjekt Flugabwehr-Panzer (Skyranger 30). Er zeigte die Möglichkeiten, Mehrwerte und Herausforderungen für die Nutzung von Digitalen Zwillingen über alle Phasen des PBN (Projektbezogene Bedarfsdeckung und Nutzung), besonders der Nutzung auf.
Gefechtsfahrzeuge werden zukünftig ohnehin vermehrt auf softwarebasierte Fähigkeiten setzen. Dabei bietet die Unterstützung durch virtuelle Besatzungsmitglieder große Chancen zur Effizienzsteigerung, aber insbesondere auch um Missionen zukünftig zuverlässiger und materialschonender durchführen zu können. Das virtuelle Besatzungsmitglied übernimmt hierbei die Beobachtung sämtlicher im Fahrzeug eingerüsteter Sensoren und überträgt Bedrohungshinweise automatisiert an die Anzeigegeräte, orchestriert Algorithmen und Sensoren, um querschnittlich über die gesamte Missionsausstattung Fähigkeiten gesichert abzubilden und somit die Besatzung zu entlasten. Auch im Sinne der Materialerhaltung lassen sich drohende kritische Systemausfälle frühzeitig prädizieren und durch automatisierte Assistenzen gegebenenfalls vermeiden. Die permanente Systemüberwachung mit Informationsspeicherung liefert hierbei die Grundlage, um auch zukünftig u. a. KI-unterstützt Wartungsprozesse zu optimieren und so Zuverlässigkeit und Materialerhalt zu gewährleisten.
Die Sammlung von Felddaten kann hierbei sehr nützlich sein. Die Universität der Bundeswehr München führt zu diesem Zweck zusammen mit der Firma monalysis Kempten das Forschungsprojekt „Datenraum Nutzung“ durch. In diesem wird die Nutzung solcher Felddaten zur Berechnung der Restnutzungsdauer von Fahrzeugen – in diesem Fall am Beispiel des GTK BOXER – untersucht. Ziel ist es, auf diesem Wege zu einer zuverlässigkeitsorientierten Instandhaltung Funktionalitäten für HUMS (Health and Usage Monitoring Systems) zu erarbeiten und eine „Instandhaltung-by-stress“ zu ermöglichen. Hierfür kommt das Durability Transfer (DT) Verfahren zum Einsatz. Mit diesem Verfahren ist es möglich, Langzeitmessungen mit stark reduziertem Applikationsaufwand unter Verwendung autarker Messtechnik an Fahrzeugflotten vorzunehmen. Das DT-Verfahren leitet Beanspruchungs- und Lastzeitfolgen zuverlässig und kostengünstig ab, indem es einfach zu messende Referenzgrößen wie Beschleunigungen und CAN-Größen verwendet, um Zielgrößen wie Fahrwerkskräfte, mechanische Spannungen, Drehmomente, Drücke oder Temperaturen zu berechnen. Deep Learning Ansätze helfen dabei, den Zusammenhang zwischen den Lastgeschehen der Referenz- und Zielgrößen zu ermitteln. Das DT-Verfahren dient als Prognosewerkzeug und liefert die Restlebensdauer sowie die Ausfallwahrscheinlichkeit. Durch die Anwendung in der Flotte kann fahrzeugspezifisch das tatsächlich in jedes einzelne Fahrzeug eingebrachte Last-, Beanspruchungs- und Nutzungsgeschehen dargestellt und bewertet werden, was Konstruktion, Wartung und Instandhaltung unterstützt. Die Validierung des Modells erfolgt durch Gegenüberstellung der berechneten Schädigungswerte mit denen aus Messungen ermittelten Werten sowie durch Verifikationen auf Bauteilebene, beispielsweise am Stoßdämpfer.
Am Beispiel des Schützenpanzers PUMA wurde auf das Thema Digitalisierung am Beispiel ausgewählter Bau- und Bedienteile eingegangen. Die zunehmende Digitalisierung fordert höhere Datenübertragungsraten. Lichtwellenleiter sind deshalb robust auszulegen. Die Software muss zwingend schon beim Hersteller „zu Ende“ programmiert werden. Einschränkungen bei der Produkthaftung, bei Nutzungs- und Urheberrechten müssen bestmöglich ausgeräumt werden. Der Software-Updateprozess muss frühzeitig in der Leistungsbeschreibung aufgenommen werden. Die abgeleitete Komplexität der technischen Platzstruktur und damit verbundenen Konfigurationsstanderfassung unter SASPF wurde veranschaulicht. Software-Stände aktualisieren sich teilweise in Windeseile. Software-Anpassungen finden bei gleicher Hardware, aber verschiedenen Varianten statt. Software auf Baugruppen oder jedweder Hardware in einem Waffensystem muss zukünftig als Ersatzteil verstanden werden.
Grundsätzlich gilt jedoch für sämtliche Fahrzeugsysteme, dass qualifizierte Subsysteme, z. B. IT-Gerät, zwar geeignet sein können, jedoch bei der Integration in ein Gesamtsystem neuen Herausforderungen unterliegen und diese zum Teil in Kombination überlagernd zum Tragen kommen. Es gilt, dies bei der Systemintegration zu berücksichtigen und geeignete Lösungen zu finden.
Das Kommando Heer stellte dar, unter welchen Rahmenbedingungen die militärische Instandhaltung gelingen muss und welcher Einfluss eine große Typen- und Variantenvielfalt hat. Neue Herausforderungen stellen sich bereits bei einer Diagnose und einer qualifizierten Eingangsprüfung dar, wenn vernetzte Systeme analysiert werden müssen, und setzen sich bei der Instandsetzung und der Wiederinbetriebnahme der Systeme fort. Im Ergebnis wurde festgehalten, dass sich die Materialerhaltung von mechanischen Tätigkeiten hin zu IT-Maßnahmen verlagert, was nicht nur den Werkzeugkasten des Instandsetzungssoldaten, sondern auch dessen Qualifikation zukünftig beeinflussen wird.
Gelegenheit zum persönlichen Austausch bot neben Gesprächen bei Kaffee und Tee in den Pausen wieder ein gemeinsames Essen am Mittwochabend.
Das Symposium endete am letzten Tag u. a. mit einer Live-Schaltung nach Australien, wo die Fertigung des Schweren Waffenträgers Infanterie bzw. Heavy Weapon Carrier von der deutschen amtlichen Qualitätssicherung des BAAINBw begleitet wird. Über einen G2G-Contract (Government to Government Vertrag) wird dieser als marktverfügbares Produkt für die Bundesrepublik Deutschland beschafft. Die Beweggründe sind neben der Marktverfügbarkeit die Nutzung bestehender Ressourcen im Management- sowie Produktionsbereich. Aufgrund der hohen Auftragslage in Deutschland werden die Kapazitäten und Kompetenzen in Australien genutzt, um zeitgerecht das Material der Truppe zur Verfügung zu stellen.
Programm des Symposiums „Zuverlässigkeit und Materialerhaltbarkeit von Landsystemen“ im November 2025
Das nächste Symposium wird vom 10.-12. November 2026 an der Artillerieschule in Idar-Oberstein stattfinden. Die Teilnehmer der letzten Jahre werden mit einem Hinweis per E-Mail informiert, sobald das Programm entworfen und die Anmeldung möglich ist. Das wird voraussichtlich Ende Sommer 2026 sein. Interessierte, die bisher nicht an dem Symposium teilgenommen haben und auch informiert werden möchten, senden bitte eine E-Mail an BiZBwSymposiumLand@bundeswehr.org.
Autor: Jörg Biemann, Bildungszentrum Bundeswehr in Mannheim
Aktuelle Konflikte und Kriege werden zunehmend durch Unbemannte Systeme (UxS) sowie Loitering Munition (LM) geprägt (UxS ist eine übergreifende Bezeichnung für unbemannte Plattformen in allen Dimensionen: Land, Luft oder Wasser). Dies zeigt sich vor allem im Krieg Russlands gegen die Ukraine, bei der eine Mehrheit der Ausfälle und aller verwundeten und gefallenen Soldaten durch eben jene Systeme verursacht und taktische Erfolge auf beiden Seiten erzielt werden.
Mit der Operation „Spider Web“, bei der bewaffnete small Unmanned Aircraft Systems (sUAS, ≤ 25kg) durch bemannte Kräfte tief ins russische Hinterland verbracht wurden, errangen die ukrainischen Streitkräfte einen spektakulären Erfolg. Diese spezielle Taktik ist so alt wie das Trojanische Pferd – die hierfür eingesetzten Sensoren und Effektoren sind es jedoch nicht. In den vergangenen zehn Jahren haben unbemannte Dual-use-Produkte eine enorme technologische Entwicklung vollzogen. Hierdurch können beispielsweise einfache wie günstige bewaffnete sUAS mittlerweile strategische Langstreckenbomber mit einem erheblichen finanziellen Wert und langen Entwicklungs- wie Bauzeiten zerstören, noch bevor diese zum Einsatz kommen.
Diese nicht mehr ganz so neuen unbemannten Mittel der Kriegsführung haben also eine deutliche Relevanz. Jedoch haben weder UxS noch LM die Kriegsführung von Landstreitkräften revolutioniert. Vielmehr wird diese vor allem technologisch getriebene Entwicklung als Evolution verstanden, bei der UxS/LM als ein unterstützendes Mittel einen zusätzlichen Baustein in der Operation verbundener (bemannter) Kräfte darstellen.
Für die Beantwortung der zentralen Frage dieses Artikels – Welche Anforderungen werden an den Einsatz von UxS/LM im Heer gestellt? – ist es wichtig, einen begrenzenden Rahmen aufzustellen. Auch wenn die technologische Innovation bei UxS/LM rasant ist, wird für die Beantwortung der zentralen Frage davon ausgegangen, dass UxS/LM weder heute, noch in den kommenden 15 Jahren in der Lage sein werden, ganz ohne bemannte Kräfte vor Ort Raum zu nehmen und zu halten und damit die Kernkompetenz von Landstreitkräften abzubilden.
Bevor die Anforderungen an UxS/LM dargestellt werden, wird zunächst der Gefechtsraum der Zukunft (bis 2040) umschrieben. Dies soll dem Leser einen Eindruck vermitteln wie Landstreitkräfte in den kommenden 15 Jahren kämpfen werden und welche Rolle UxS/LM hierbei einnehmen. Diesem Gefechtsbild folgend werden anschließend entlang der Trends der Heeresentwicklung die Anforderungen für den Einsatz von UxS/LM hergeleitet. Abschließend werden hieraus wesentliche Folgerungen in einem Fazit zusammengefasst.
Gefechtsraum der Zukunft (bis 2040)
Bereits heute werden Operationen von Landstreitkräften durch Fähigkeiten dominiert, welche eine hohe Abstandsfähigkeit als gemeinsames Element aufweisen. Dies sind in der Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) vor allem Sensoren und Effektoren der Luftverteidigung, des elektromagnetischen Kampfes sowie Aufklärungs- und Wirkungsverbünde (AWV) großer Reichweite, wie sie durch die Heeresaufklärungstruppe, die Artillerietruppe oder die Heeresflieger auf Divisions- und Korpsebene abgebildet werden.
Zusammenfassend tragen diese Fähigkeiten unter dem Begriff Anti-Access/Area-Denial (A2AD) zu einem operativen Effekt bei, der dem Gegner den Zugang zu einem Raum verwehrt beziehungsweise erschwert, indem eine Konzentration von Kräften ohne frühzeitige Aufklärung und Bekämpfung nicht mehr möglich ist. Der Gefechtsraum der Zukunft wird demzufolge nahezu transparent. Zukünftig wird das Ringen um diesen operativen Effekt die Operationen von Landstreitkräften bestimmen. Wer als erstes die A2AD-Fähigkeiten des jeweils anderen anhaltend niederringen kann, wird erfolgreich die Voraussetzungen für eine hochbewegliche Operation verbundener Kräfte auf der Ebene von Großverbänden schaffen.
Landstreitkräfte bringen hierbei ihre oben genannten Fähigkeiten auf der Divisions- und Korpsebene mittels des Targeting Prozesses auf der operativen und damit multidimensionalen Ebene ein. Zukünftig wird der AWV auf Divisions- und Korpsebene durch neue unbemannte Sensoren und Effektoren deutlich mehr Fähigkeiten in den Targeting-Prozess einbringen können und die Geometrie des Gefechtsfeldes auf allen taktischen Führungsebenen verändern, indem sie zu einer deutlich erweiterten Abstandsfähigkeit beitragen.
Auch auf der Ebene der Kampfbrigaden und darunter werden UxS/LM künftig dazu beitragen, einen gleichwertigen Gegner bereits auf Abstand und ohne Sichtkontakt abzunutzen, um das direkte Duell weitestgehend zu vermeiden bzw. hinauszuzögern. Zusammenfassend kann hieraus abgeleitet werden, dass der Erstkontakt mit einem gleichwertigen Gegner zukünftig weitestgehend unbemannt erfolgen wird.
Die eingesetzten bemannten Kräfte sollen von der Ausführung einfacher, monotoner und gefährlicher Aufträge („dull, dirty and dangerous jobs“) durch den Einsatz von Unmanned Ground Systems (UGS) und UAS entlastet werden. Darüber hinaus sollen sie bei der Versorgung mit Gütern (Munition, Betriebsstoff, Verpflegung und Materialtransport) sowie beim Transport von Verwundeten auf dem Gefechtsfeld eingesetzt werden.
Anforderungen von UxS und LM
Im folgenden Abschnitt werden entlang der Trends der Heeresentwicklung die Anforderungen an UxS/LM hergeleitet.
Robustheit: Durch den Einsatz von Mitteln des elektromagnetischen Kampfes durch gegnerische Kräfte kann die Verbindung zwischen Bediener und UxS/LM gestört oder unterbrochen werden. In Abhängigkeit von der Fähigkeit des Gegners, das elektromagnetische Umfeld (EMU) zu seinen Gunsten zu formen und damit eigenen Kräften die Nutzung des EMU zu verwehren oder einzuschränken, steigt der Bedarf an hochautomatisierten Funktionalitäten der UxS/LM.
Die Erhöhung des Schutzes bedeutet eine Erhöhung der Durchsetzungsfähigkeit eigener Systeme, gerade im Hinblick auf gegnerische A2/AD Maßnahmen. UxS/LM müssen in Abhängigkeit zum Auftrag bzw. zur Größe des Systems skalierbar geschützt sowie gegen einen elektromagnetischen Puls (EMP) gehärtet, die Navigations-Systeme resilient sowie GNSS (Global Navigation Satellite System) unabhängig ausgelegt, die Führungsanbindung verschlüsselt und störungsresilient ausgeplant sein.
Einfachheit (Betrieb, Wartung und Instandsetzung): In Bezug auf die Bedienung von UxS/LM muss auf die Standardisierung einer einheitlichen Ergonomie sowie der Benutzeroberfläche der Bodenkontrollstation hingewirkt werden. Die Bedienung muss intuitiv sein, um den Ausbildungsaufwand so gering wie möglich zu halten. Umfangreiche Nachschulungen bei Systemupdates oder separate Lehrgänge für die Erstausbildung an verschiedenen Systemen sind möglichst zu vermeiden. Vielmehr muss eine Typeneinweisung möglichst dezentral im Verband erfolgen.
Um die logistischen Anforderungen möglichst gering zu halten, gilt es, die Bandbreite der in die Streitkräfte eingeführten Plattformen möglichst gering zu halten, um so eine zu große Vielfalt und Komplexität an instand zuhaltenden UxS zu verhindern und die Versorgbarkeit einzelner Module bzw. Instandhaltung auch unter Gefechtsbedingungen sicher gewährleisten zu können. Nur so kann gewährleistet werden, dass bereits beschaffte Systeme den Innovationszyklen im Gefechtsraum folgen können und damit effektiv und für Truppe verfügbar bleiben.
Autarkie: Die Bundeswehr muss Eigentümer der Systeme sein. Bei Innovation von Hard- sowie Software und in Bezug auf die anfallenden Daten muss die Bundeswehr unabhängig von den ursprünglichen Herstellern den Weiterentwicklungszyklen schnell folgen können. Hierfür bedarf es maximaler Flexibilität und der Vermeidung von herstellergebundenen Insellösungen. Die Bundeswehr muss bspw. selbst bestimmen dürfen, welche Anwendungen im Rahmen einer offenen Systemarchitektur auf UxS/LM aufgespielt werden oder welche Gefechtsköpfe samt Zünder verwendet werden, ohne dafür gleich ein komplett neues System beschaffen zu müssen.
Abstandsfähigkeit: Wie bereits bei der Umschreibung des Gefechtsfelds der Zukunft dargestellt, kommt der Abstandsfähigkeit zukünftig eine Schlüsselrolle zu. Mit dem Einsatz von UxS/LM im Rahmen eines AWV muss es grundsätzlich möglich sein, die Aufklärungsreichweiten und -dichten zu vergrößern und die Präzision und Wirkungsreichweite, insbesondere gegen bewegliche Ziele, zu erhöhen, um den Kampf auf Abstand zu führen und damit Wirkung in der Tiefe (WidT) zu ermöglichen.
Hierbei entstehen auf den unterschiedlichen taktischen Führungsebenen in Bezug auf zu erzielende Reichweiten (Siehe Grafik 1) ungleiche Anforderungen für Sicht- und Datenverbindungen. Je größer die Reichweite, desto häufiger wird es keine direkte Sicht- oder Datenverbindung (Line of Sight (LOS)) geben können. Teilweise kann die Sicht- und Datenverbindung durch Hindernisse temporär unterbrochen werden (Non-Line-of-Sight, NLOS). Hier müssen UxS/LM durch Automatisierung einsatzfähig bleiben. Bei großen Reichweiten außerhalb einer dauerhaften direkten Sicht- und Datenverbindung wird indirekte Funkkommunikation mittels Repeater, Satellit oder ähnlichem sichergestellt (Beyond Line of Sight, BLOS).
Automatisierung: Der Einsatz von UxS/LM bedingt sowohl in der Steuerung der Systeme als auch in der Verarbeitung der Sensordaten den vermehrten Einsatz spezialisierter und effizienter Softwareunterstützung zur Automatisierung. Ob die Automatisierung durch den Einsatz von klassischen Algorithmen und Verfahren der Datenanalyse erfolgt oder durch die Implementierung von Künstlicher Intelligenz (KI), deren Modell zum Beispiel durch maschinelles Lernen erstellt wurde, ist in Abhängigkeit von den Eingangsdaten und den benötigten Ausgangsdaten zu entscheiden.
Um dem erhöhten Datenaufkommen Rechnung tragen zu können und den Einsatz von UxS/LM auch in einem umkämpften EMU zu gewährleisten, muss die Datenreduktion bzw. Auswertung/Klassifizierung von Sensordatensätzen bereits auf dem UxS/LM, also nah an der Datenquelle, erfolgen (Edge-Computing). Es sind nur Daten oder Informationen zu übertragen, die für die Weiterverarbeitung beziehungsweise für die Bewertung des Lagebildes zwingend erforderlich sind (zum Beispiel vorausgewertetes Standbild/Videosequenz).
Gleiches gilt für die Steuerung und Überwachung der UxS/LM. Hier sind soweit möglich standardisierte Schnittstellen und Datenformate zu nutzen. Um zukünftig mehrere UxS/LM durch einen Bediener gleichzeitig im Schwarmeinsatz bedienen beziehungsweise kontrollieren zu lassen, um beispielsweise die A2AD-Fähigkeiten eines gleichwertigen Gegners zu übersättigen, bedarf es insgesamt hochautomatisierter Systeme. Jedoch bleibt der Mensch auch zukünftig verantwortlich, einzelne Systeme oder einen Schwarm von UxS/LM in bestimmten rechtlichen sowie operativen Grenzen zum Einsatz zu bringen.
Virtualisierung: Um den Einsatz von Algorithmen oder KI verantworten zu können, bedarf es einer digitalen Simulation. Eingesetzte KI-Software muss den Anforderungen an Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Erklärbarkeit genügen sowie für den Einsatz zertifiziert und freigegeben sein. Ein selbstständiges Weiterlernen auf dem UxS/LM ist somit ausgeschlossen und aufgrund der beschränkten Rechenleistung sowie der verfügbaren Energie nicht effizient. Entwicklung, Anlernen, Überprüfung und Zertifizierung von KI-Software sind zeit-, daten- und rechenintensiv. Daher ist ein möglichst breiter Einsatz einer KI-Software auf den genutzten UxS/LM anzustreben. Zudem sollten umfangreiche Teile der praktischen Ausbildung der Bediener von UxS/LM digital simuliert werden.
Vernetzung: Jedes UxS/LM muss in der Lage sein, sich aufwandsarm und „on demand“ in den Informations- und Kommunikationsverbund Land (IuKVbuLa) zu integrieren. UxS tragen als Relais dazu bei, den IuKVbuLa flächendeckender und resilienter auszubringen (Netzverdichtung und Reichweitenerhöhung).
Agilität: UxS müssen mit der operativen Geschwindigkeit der Truppengattungen, die sie zum Einsatz bringen, schritthalten können. Daher werden bisher vorwiegend UAS und LM im bodennahen Luftraum zum Einsatz gebracht. UGS zur unmittelbaren Kampfunterstützung müssen so konzipiert sein, dass sie bspw. den Panzertruppen selbstständig in der geforderten Geschwindigkeit und Geländegängigkeit folgen können.
Interoperabilität: Bereits bei Beschaffung von UxS/LM ist auf eine internationale Standardisierung zu achten, um den Einsatz dieser Systeme im Rahmen von LV/BV aber auch im Internationalen Krisenmanagement (IKM) zusammen mit Bündnispartnern handhabbar zu machen. Eine isolierte Integration in ein nationales Mesh-Netzwerk führt schnell zu einer unklaren Lage und ggf. zum Abschuss durch bspw. Counter-UAS/Counter-LM Systeme verbündeter Partner. Standardisierte Schnittstellen und Datenformate sind international abzustimmen.
Kaltstartfähigkeit: Die Ukraine setzt derzeit weit mehr als 1.000 UAS/LM verschiedener Kategorien pro Tag ein. Nicht alle Systeme sind Hightech-Systeme zur Durchführung komplexer Missionen, die Wirkung in der Tiefe des Gegners erzielen. Quantität und damit Masse wird vor allem durch Lowtech und damit auch Lowcost Systeme erzielt. Hieraus lässt sich ableiten, dass es einer Mischung aus High- und Lowtech-Systemen bedarf.
Nimmt man den täglichen Verbrauch der ukrainischen Streitkräfte als Maß, wird schnell klar, dass selbst bei einem Vorrat für nur 30 Gefechtstage eine niedrige fünfstellige Anzahl an sUAS/LM ständig in den Beständen der Bundeswehr allein für das Heer vorgehalten werden muss. Darüber hinaus muss die Industrie in der Lage sein, die Produktion im Sinne einer Kaltstartfähigkeit ebenso schnell auszuweiten.
Da im Verteidigungsfall zu erwarten ist, dass es zu Engpässen bei dem Zukauf von zum Beispiel Batterien oder Motoren für LMS seitens der Industrie kommt, müssen diese über entsprechende Vorräte im Vorhinein verfügen. Hierfür bedarf es entsprechender Vorhalteverträge mit der Bundeswehr, um Sicherheiten für die Industrie zu schaffen. Fest verbunden mit der Forderung zu Quantität ist eine Grundbefähigung zum Fliegen von sUAS/LM aller Soldaten des Feldheeres. Andernfalls kann das Feldheer die Masse der Systeme in einem Verteidigungsfall gar nicht zum Einsatz bringen.
Fazit
Die Rolle von UxS/LM auf dem Gefechtsfeld der Zukunft und die daran geknüpften Anforderungen zeigen ein vielfältiges und komplexes Bild. Um diesem umfangreichen wie auch vielfältigen Bedarf Herr zu werden, bedarf es einer Familie verschiedener UxS/LM für unterschiedliche Zwecke in allen Dimensionen. Hierbei ist dem modularen Plattformgedanken verstärkt Rechnung zu tragen, vergleichbar mit dem MOSA (Modular Open System Approach) Prinzip der U.S. Army. Zwar gilt es nun schnell zu sein und markverfügbares Material zu beschaffen.
Jedoch ist im gleichen Maße auch darauf zu achten, dass das Feldheer nicht mit einer Vielzahl unterschiedlicher Systeme überlastet wird: Ausbildung, Betrieb, Wartung und Instandhaltung sowie Integration in den IuKVbuLa sind an Standards auszurichten. Wesentlich für das Erreichen dieses übergeordneten Ziels ist die Definition von Schnittstellen und Datenformaten im Rahmen einer offenen Architektur, um eine modulare Konzeption von UxS/LM entlang einzelner Subsysteme des UxS/LM zu entwickeln (Bild 3).
Erstveröffentlichung im Hardthöhenkurier, 13.01.2026, www.hardthoehenkurier.de
Taktische Beweglichkeit im militärischen Kontext bezieht sich auf die Fähigkeit der Truppe, sich schnell, flexibel und effektiv zu bewegen und zu operieren, um sich im Sinne des Eigenschutzes gegnerischen Bedrohungen zu entziehen oder selbst vorteilhafte Positionen einzunehmen. Dies umfasst sowohl die individuelle Beweglichkeit des Einzelschützen als auch die der Trupps, Gruppen oder Einheiten.
Die taktische Beweglichkeit wird durch eine Kombination aus (Kraftfahr-)Ausbildung, taktischer Planung sowie Ausrüstung – hier vor allem durch wendige und noch bemannte Fahrzeuge – sichergestellt. Für bestimmte Einheiten weisen diese Fahrzeuge neben der Wendigkeit auch eine entsprechende Schnelligkeit und/oder Luftverladbarkeit/Luftverlastbarkeit auf. Bei der taktischen Beweglichkeit wird zwischen der leichten Infanterie/Spezialkräften, den Mittleren Kräften sowie den Schweren Kräften unterschieden.
Eine Rolle bei den Fahrzeugen spielen neben der Geländegängigkeit und Geschwindigkeit auch die Fähigkeitsforderungen nach Schutz, Nutzlast, Größe und Gewicht. Diese stehen oft in Konkurrenz zueinander. Über allem steht die Forderung der Auftragserfüllung: Sie ermöglicht es der Truppe, ihre taktischen Aufgaben effektiv zu erfüllen, indem sie sich schnell anpassen und reagieren kann. Dazu sollen die Plattformen eine möglichst hohe Flexibilität bieten.
Taktische Landbeweglichkeit
Die deutschen Spezialkräfte, hier vor allem das Kommando Spezialkräfte, warten auf den Zulauf des Aufklärungs- und Gefechtsfahrzeuges 2 (AGF2). Hersteller ist der niederländische Off-Road- und Spezialkräftefahrzeughersteller Defenture. Im April 2024 erfolgte die Übergabe der vier Nachweismuster zur sogenannten integrierten Nachweisführung (Erprobung). Das AGF2 basiert auf dem Mammoth von Defenture. Es wird das AGF Serval von Rheinmetall ersetzen und die zukünftige Mobilitäts- und Feuerunterstützungsplattform für die Kommandosoldaten sein. Mit dem Unterstützungsfahrzeug Kommando Spezialkräfte (UFK) wird es eine Unterstützungsvariante geben.
Laut dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) bietet die Neun-Tonnen-Plattform des AGF2 eine Nutzlast von 3,5 Tonnen. Bis zu 80 Fahrzeuge sind angedacht. Laut BAAINBw handelt es sich um ein „offen gestaltetes Fahrzeugsystem mit integriertem Minenschutz, welches je nach Bedrohungslage mit ballistischen Schutzkomponenten ergänzt werden kann“.
Mitte 2025 gab es eine durch Defenture auf dem Truppenübungsplatz Wildflecken durchgeführte Veranstaltung zur abschließenden Integration der Ausstattung. Dazu gehören unter anderem eine multifunktionale Tarnbeleuchtung von Diederich Engineering Systems (DES). Neben IR-Scheinwerfern umfasst diese auch die Tarn-Brems- und Schlussleuchten. Die motorisierte Drehringlafette von Sima Innovation kann unterschiedlichste Maschinengewehre (bis Kaliber .50 BMG) sowie Granatmaschinenwaffen aufnehmen. Angedacht ist zudem die Nutzung der Maschinenkanone P20 (M621) im Kaliber 20 x 102 mm von KNDS France. Neben dieser Hauptbewaffnung verfügt das Fahrzeug über eine Kommandanten- und Hecklafette, die MG5s aufnehmen können.
Zum Eigenschutz verfügt das AGF2 über das Schnellnebelsystem ROSY (Rapid Obscuring System) 40 mm von Rheinmetall. Es nutzt drei einreihige Werfer, die in Richtung drei, sechs und neun Uhr zeigen sowie kleinere Varianten mit Frontausrichtung. Dieses wird ergänzt durch das akustische Schützendetektionssystem PILAR V von Metravib Defence. Zuletzt gab es eine Anpassung beim modularen Mastsystem. Der bisher vorgesehene Zippermast ZM_10-060 der Zippermast GmbH soll durch einen etwas schwereren, größeren, aber auch stabileren Mast der Firma Will-Burt ersetzt werden. Dieser kann sowohl die leichten als auch schweren Sensorlasten sicher tragen.
Das Mastsystem soll ein breites Portfolio an Aufklärungs- und Beobachtungssensoren, Effektoren und anderen Nutzlasten aufnehmen können. So wurde in der Vergangenheit die Nutzung des Wirkmittels 90 von Dynamit Nobel Defence (DND) vom Mast aus in Betracht gezogen. Zur Kommunikation werden neben einer Intercom-Anlage diverse Funkgeräte eingerüstet. Die auf Fotos zu erkennende UHF-Tacsat-Antenne AV2091 Egg Beater lässt das L3Harris AN/PRC-117G vermuten. Ein weiteres Funkgerät an Bord dürfte das AN/PRC-160 sein, ebenfalls von L3Harris.
Neben dem AGF2 werden die Spezialkräfte die Fahrzeugfamilie leichter, luftlandefähiger Einsatz-/Gefechtsfahrzeuge (le LL EGF) sowie luftlandefähiger Unterstützungsfahrzeuge (le LL UstgFzg) erhalten. Diese wurden im Oktober 2025 durch den Haushaltsausschuss gebilligt, und Ende Oktober wurde ein mehrjähriger Rahmenvertrag für bis zu 200 Fahrzeuge unterschrieben. In der Bundeswehr werden die Fahrzeuge den Namen Tahr tragen. Dieser bezieht sich auf den Himalaya-Tahr, ein ziegenartiges Tier aus dem Himalaya. Bei den Fahrzeugen handelt es sich um hochmobile, geländegängige, ungeschützte 4×4-Fahrzeuge in der 3,2-Tonnen-Klasse mit offenem Aufbau. Der Tahr stellt eine neu eingeführte Fahrzeugklasse innerhalb der Bundeswehr dar.
Das EGF soll drei Soldaten Platz bieten und per Lafette Waffen bis zum Kaliber .50 BMG nutzen können, unter anderem das bereits auf dem AGF Serval und Airbus H145M LUH SOF genutzte Maschinengewehr hohe Kadenz MG6 (Dillon Aero M134D Minigun). Das UstgFzg ist vor allem für den Materialtransport vorgesehen und bietet nur zwei Sitzplätze. Außerdem wird es leichter bewaffnet sein. Über einen Rahmenvertrag mit einer Laufzeit von sieben Jahren können bis zu 150 EGF und 50 UstgFzg abgerufen werden. Lieferant ist die FTS Flensburg Technology Systems GmbH (FTS). Dabei handelt es sich um ein Joint Venture zwischen Israel Aerospace Industries (IAI) und der Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft mbH (FFG).
Als Basis der Fahrzeuge dient die IAI ELTA All-Terrain-Fahrzeug-Z-Familie – genauer die ZD-Version mit einer entsprechenden neuen Käfig-Variante. Die Nutzlast soll bei 1,5 Tonnen liegen. Entwickelt, um den spezifischen operativen Anforderungen des Kommandos Spezialkräfte (KSK) gerecht zu werden, ist der Tahr eine leichte 4×4-Plattform, die extreme Geländegängigkeit, schnelle Beschleunigung und außergewöhnliche Stabilität vereint, so FTS bei der Vorstellung. Das Fahrzeugsystem habe sich bereits im Einsatz bei der IDF (Israel Defense Forces) bewährt und biete überlegene Mobilität und Vielseitigkeit für unterschiedliche Einsatzprofile.
Im Rahmen dieses strategischen Projekts wird FTS vom Standort Flensburg aus die langfristige logistische Versorgung sicherstellen und so ein Höchstmaß an Einsatzbereitschaft gewährleisten. Über Deutschland hinaus wird der Tahr auch weiteren internationalen Partnern angeboten, die ein robustes, kampferprobtes Spezialfahrzeug suchen. Die kompletten Fahrzeuge werden im neuen Werk 3 von FFG in Flensburg hergestellt. Erstmals in Deutschland wurde das Konzept auf dem NATO MilEng (Military Engineering) Industry Day 2025 an der Pionierschule in Ingolstadt der Öffentlichkeit gezeigt. Auch auf der Enforce Tac 2026 wird es durch FTS ausgestellt.
Für die Luftlandekräfte sowie anteilig auch für die Spezialkräfte ist der offene Caracal 4×4 von Rheinmetall im Zulauf. Das Fahrzeug basiert auf dem Mercedes-Benz G-Modell mit einem modularen Aufbausystem von Armoured Car Systems (ACS), das nach dem Lego-Prinzip funktioniert, um eine hohe Flexibilität zu ermöglichen und die Anwendbarkeit des Fahrzeugs zu maximieren. Diese Modularität erlaubt den schnellen Austausch von Aufbauten und die Anpassung an unterschiedliche Rollen wie Transport, Sanitätsdienst oder Führungsunterstützung. Der Aufbau basiert auf einem Gitterrohrrahmen aus Aluminium.
Offen ist noch die Nachfolgeregelung für den Waffenträger Wiesel. Mit dem potenziellen Nachfolger beschäftigen sich die zuständigen Stellen mittlerweile bereits zehn Jahre. Mit dem Abbruch oder der Unterbrechung des Programms Luftbeweglicher Waffenträger (LuWa) auf der Zielgerade scheint der Ausgang offen. Es war beabsichtigt, 89 Fahrzeuge zu beschaffen. Diese teilten sich in 56 LuWa Maschinenkanone, 24 LuWa Panzerabwehr sowie neun LuWa Fahrschule auf. Hinzu kamen die Vorserienfahrzeuge. Die Maschinenkanone sollte ursprünglich das Kaliber 25 mm haben und die Version Panzerabwehr mit MELLS (Mehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörpersystem) ausgestattet sein. Später wurde die Bordkanone Mauser BK 27 mm vorgegeben.
Zunächst wurde ein Gesamtsystemdemonstrator Luftbeweglicher Waffenträger (GSD LuWa) durch die IABG entwickelt. Maßgeblich an der Entwicklung beteiligt waren die Firmen ACS sowie Valhalla Turrets aus Slowenien. Am Ende sollte eine abgespeckte Version, ohne geteiltes Kettenlaufwerk, Hybridantrieb etc. beschafft werden. Doch das Angebot der Rheinmetall Electronics GmbH (RME) als Original Equipment Manufacturer (OEM) lag wohl deutlich über dem, was das Heer bereit war zu zahlen. Es wurde vom Abbruch des Projektes berichtet.
Ein Sprecher des BAAINBw stellt jedoch klar, dass das Projekt LuWa nicht abgebrochen wurde und es sich um ein laufendes Vergabeverfahren handele. Aus dem Amt für Heeresentwicklung ist zu hören, man würde das Projekt aufgrund der zu hohen Kosten gerne abrechen, liegt hier aber nicht auf einer Linie mit dem BAAINBw. Wie es letztendlich ausgeht, ist völlig offen, da nach dem Sondervermögen in einigen Bereichen die Kosten ja kein Hindernis mehr darzustellen scheinen. Aber es gäbe auch Alternativen.
So zeichnete sich die Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft mbH bereits bei der letzten Nutzungsdauerverlängerung (NDV) des Wiesel 1 bis 2030 aus. Die Studie von FFG hat weitaus umfassender in den bestehenden Konstruktionsstand eingegriffen, als die aktuelle NDV umfasst. So wurde zum Beispiel das Laufwerk auf fünf Laufrollen verlängert und das Schutzniveau gesteigert. Auch Länge und Dach wurden erhöht und ein neuer Motor geplant. Aber dies war damals nur ein Konzept, nicht bis zu Ende entwickelt und getestet. Zudem ist die Bewaffnung, zumindest beim Wiesel 1 MK, nicht mehr zeitgemäß.
Dennoch wäre wohl die naheliegendste Lösung, dieses FFG-Konzept wieder aufzunehmen und mit dem entwickelten LuWa-Turm zu verbinden. Eine andere Alternative wäre eine Radlösung, zum Beispiel auf Basis des ACS Enok oder Rheinmetall Serval als 4×4 oder 6×6-Plattform. Die Integration der Panzerabwehrbewaffnung MELLS ist bereits mehrfach auf leichten 4×4-Fahrzeugen realisiert und gezeigt worden. Der unbemannte Valhalla-Turm benötigt sicherlich eher ein 6×6-Fahrzeug, aber auch hier gibt es entsprechende Optionen.
Auch ein völlig unbemanntes System – Umnanned Ground Vehicle (UGV) – wäre denkbar. Damit könnte zudem die Größe reduziert und den ohnehin bestehenden Nachwuchs- und Personalproblemen der Streitkräfte Rechnung getragen werden. Optionen unterschiedlichster Natur gibt es auf dem Weltmarkt ausreichend, man muss nur einmal ergebnisoffen nach rechts und links schauen. Oder bereit sein, einfach mehr Geld auszugeben.
Für die Fortbewegung auf oder über Wasser laufen derzeit parallel eine ganze Reihe an Projekten. Dazu gehören die neuen Schlauch- oder Einsatzboote mittlerer Reichweite – auch RHIB (Rigid Hull Inflatable Boat) genannt – für das Kommando Spezialkräfte Marine (KSM), die sogenannten Combat Boats für KSM und Seebataillon, die Einsatzboote für die neuen Fregatten F126, der Wunsch nach River-Rhine-Booten und weitere Vorhaben. Ebenfalls Mitte Oktober 2025 billigte der Haushaltsausschuss die Beschaffung der Einsatzboote mittlerer Reichweite. Es werden zunächst neun Boote als Festbestellung sowie zwei Optionen mit insgesamt 17 Boote beauftragt.
Die Auslieferung soll 2027 beginnen. Lieferant wird die Yachtwerft Meyer GmbH beziehungsweise deren Mutterfirma sein, der französische Spezialist Zodiac. Damit werden die bisherigen RHIB 1010 ersetzt, die 2026 ihr Nutzungsende erreichen. Um die entstehende Lücke zu schließen, werden zudem vier Elf-Meter-NSWRIB-Boote des US-amerikanischen Herstellers United States Marine Inc. als Übergangslösung beschafft. Diese Boote werden vollständig über Foreign Military Sales (FMS) erworben und entsprechen exakt den Booten, die auch bei den U.S. Navy SEALs im Einsatz sind.
Sowohl für das KSM als auch für das Seebataillon sollen sogenannte Combat Boats beschafft werden. Offiziell gibt es mit Saab aus Schweden und Marine Alutech Oy aus Finnland zwei Anbieter. Saab bietet das Combat Boat 90 (CB90; schwedische Bezeichnung Stridsbåt 90 H) an, Marine Alutech das Watercat M18 AMC. Über beide Boote wurde bereits viel berichtet. Zuletzt hatte 2025 die litauische Marine zwei Watercat-M18-Boote beschafft, und Schweden bestellte in den Jahren 2024 und 2025 insgesamt 23 CB90 Next Generation.
Eine Entscheidung wird in der ersten Jahreshälfte 2026 erwartet. Unklar ist noch, ob es ein gemeinsames Projekt für KSM und Seebataillon geben wird oder jeweils ein eigenes. Sollten es zwei getrennte Projekte werden, wäre es ein Unding, zwei unterschiedliche Bootstypen zu beschaffen – auch wenn die Anforderungen der beiden Nutzergruppen sicherlich nicht zu 100 Prozent identisch sind.
Ein weiteres Projekt sind die Einsatzboote für die neuen Fregatten F126 (Niedersachsen-Klasse). Im Raum stehen sechs Schiffe mit einer entsprechenden Anzahl an Einsatzbooten. Diese dienen allen Missionen, die von den Fregatten aus durchgeführt werden – einschließlich der Einsätze eingeschiffter Spezial- und spezialisierter Kräfte. Auch hier bestehen derzeit einige Unsicherheiten.
Die Fregatten weisen bereits erhebliche Projektverzögerungen auf. Auftragnehmer ist (noch) die niederländische Damen Shipyards Group, die bislang auch für das Projekt der Einsatzboote verantwortlich zeichnet. Im Herbst 2025 wurde jedoch erstmals bekannt, dass der Auftraggeber unzufrieden ist und das Fregattenprogramm von Damen an Naval Vessels Lürssen (NVL) – demnächst wohl Teil von Rheinmetall – übertragen werden soll.
Schon länger besteht zudem ein Bedarf an sogenannten River-Rhine-Booten. Auch hier dienen die Boote der Special Warfare Crews (SWC) als Vorbild. Diese sind die Unterstützungskräfte der U.S. Navy SEALs. Kein deutsches Programm, aber dennoch von Interesse, sind die neuen niederländischen Next Generation Landing Crafts (Landungsboote) für das Korps Mariniers, die spezialisierten Kräfte der niederländischen Marine. Diese Boote werden auch als Littoral Assault Craft (LAC) bezeichnet und ersetzen die bisherigen Landing Craft Vehicle Personnel (LCVPs). Die Indienststellung ist zwischen 2026 und 2028 vorgesehen.
Das LAC wurde von Marine Alutech Oy entwickelt, um die neue Doktrin des Marinekorps – bekannt als Force Design – zu unterstützen. Dieses Konzept konzentriert sich auf die gleichzeitige Landung von Marinesoldaten und deren Ausrüstung von amphibischen Transportschiffen, die weiter vor der Küste positioniert sind. Das neue Boot bietet Schutz in feindlichen Umgebungen, ist schneller, kann größere Entfernungen zurücklegen und länger auf See operieren als die derzeitigen Boote, so das Korps Mariniers. Der Lieferant Marine Alutech Oy steht auch im Rennen um die deutschen Combat Boats.
Zur der taktischen Luftfortbewegung stehen den deutschen Kräften die Transportflugzeuge Airbus A400M, Lockheed Martin C-130J-30 Super Hercules, die Transporthubschrauber NH90 (NH90 TTH für das Heer und NH90 Sea Lion für die Marine), die CH-53 sowie der H145M LUH SOF (Light Utility Helicopter Special Operations Forces) zur Verfügung. Zukünftig wird die CH-53 durch die Boeing CH-47 Chinook Block II ersetzt. Diese wird das neue Arbeitstier sein und von der Luftwaffe betrieben, wobei das Heer als Hauptnutzer gilt — dabei vor allem die Spezialkräfte.
Die taktische Feuerunterstützung erfolgt derzeit durch den Kampfhubschrauber Tiger, zukünftig durch den H145M LKH (Leichter Kampfhubschrauber) beziehungsweise bereits jetzt den H145M LUH SOF mit dem MG6 als Bewaffnung. Der H145M LKH soll den auslaufenden Kampfhubschrauber Tiger als Übergangslösung unterstützen beziehungsweise ersetzen. Es sollen bis zu 82 Exemplare geliefert werden. Diese Brückenlösung soll dem Heer mehr Zeit verschaffen, um eine vollwertige Ersatzlösung für den Tiger zu finden. Ob diese dann künftig bemannt oder unbemannt sein wird, ist ein anderes Thema. Auf jeden Fall hat sich die Bundeswehr gegen den Tiger Mk3 ausgesprochen.
Der H145M LKH ist kein vollwertiger Kampfhubschrauber und damit nicht mit einem Tiger oder dem Boeing AH-64 Apache zu vergleichen. Er wird jedoch eine hochmobile taktische Feuerunterstützung bieten, mit den logischen Einschränkungen bei Reichweite, (Waffen)-Nutzlast und Durchsetzungsfähigkeit. Alle bestellten Hubschrauber werden mit dem Waffen-Managementsystem HForce von Airbus ausgestattet. Dies ermöglicht eine flexible und schnelle Einbindung von Sensoren und Effektoren. HForce ist auf dem H145M bereits in anderen Ländern im Einsatz.
Als mögliche Bewaffnung nennt die Bundeswehr 70-mm-Raketen (gelenkt/ungelenkt), Spike-Panzerabwehrlenkflugkörper, Maschinengewehre und Kanonen. Zukünftig sollen auch Luft-Luft-Lenkflugkörper integriert werden. Der H145M LKH soll in unterschiedlichsten Rollen einsetzbar sein, unter anderem als Kampfhubschrauber, zur Ausbildung sowie für Spezialkräfte (SOF). Der Hubschrauber wird sowohl beim Heer als auch bei der Luftwaffe zum Einsatz kommen. Das Abfluggewicht beträgt etwa 3,8 Tonnen, die Einsatzdauer wird mit 3:54 Stunden angegeben, und der H145M LKH kann zwei plus acht Personen aufnehmen.
Acht Passagiere sind jedoch nur realisierbar, wenn keine weiteren Waffen oder Sensoren integriert sind. Zum Vergleich: Der H145M LUH SOF kann maximal vier vollständig ausgerüstete Kommandosoldaten aufnehmen, zusätzlich zur Zweimannbesatzung. Wird ein MG6 zur Feuerunterstützung eingebaut, reduziert sich die Anzahl der Passagiere im „hinteren Kampfraum“ auf einen Doorgunner. Bei der Vorstellung wurde der Hubschrauber mit den Worten gepriesen: „Seine Vorzüge sind eine größere Waffenwirkung, verbesserte Optronik und vor allem eine hochtechnisierte Digitalisierung sowie die Fähigkeit zur Vernetzung mit Drohnen (Manned-Unmanned Teaming).“ Der Zulauf soll bereits 2026 beginnen.
Neben dem H145M LKH zur taktischen Feuerunterstützung haben mehrere europäische Spezialkräfte unbestätigten Informationen zufolge großes Interesse an einem leichten Kampfflugzeug, auch in Deutschland. Schaut man sich innerhalb der NATO um, stechen vor allem zwei Kandidaten hervor. So wird die portugiesische Luftwaffe (FAP) Erstkunde für die Embraer A-29N Super Tucano nach NATO-Standard. Die erste Auslieferung des leichten Kampfflugzeugs ist ab Ende 2025 geplant. Das auf der Paris Air Show 2025 gezeigte Flugzeug erregt auch bei europäischen Streitkräften großes Interesse.
Die Embraer EMB 314 Super Tucano – auch als ALX oder A-29 bezeichnet – ist ein leichtes Aufstandsbekämpfungsflugzeug (Counterinsurgency, COIN) und Luftnahunterstützungsflugzeug (Close Air Support, CAS) des brasilianischen Herstellers Embraer. Es gibt mittlerweile zahlreiche Varianten und Nutzerstaaten. Unter anderem wird die A-29 bei US-amerikanischen Spezialkräften genutzt. Neben dem Kampfeinsatz kann sie auch als Ausbildungs- und Trainingsflugzeug eingesetzt werden. Sie ist als Ein- und Zweisitzer verfügbar.
Als Zweisitzer kann die Arbeitsbelastung des Piloten verringert werden, indem der hintere Sitz einen Waffenoffizier aufnimmt. Dieser bedient dann den EO/IR-Aufklärungspod sowie Laser-Entfernungsmesser und -Designator. Die A-29 hat eine Länge von 11,38 und eine Spannweite von 11,14 Metern. In der bewaffneten Variante sind zwei Maschinengewehre Kaliber .50 BMG fest in den Flügeln verbaut. Hinzu kommen insgesamt fünf Hardpoints zur Aufnahme weiterer Pods oder Waffen.
Laut Hersteller sind in die Super Tucano bereits folgende Systeme/Waffen integriert: SUU-25-Flare-Launcher, ein Siebenfach-Werfer für 70-mm-Raketen, die 500-lb-Bombe Mk 82, die 250-lb-Bombe Mk 81 und die lasergelenkte Bombe GBU-58, 750-lb-Bombe M117, konventionelle und lasergelenkte APKWS-Raketen (Advanced Precision Kill Weapon System), 500-lb-INS/GPS-Bomben GBU-12/Griffin/Lizard IV, SUU-20 Übungsbomben-Dispenser, ein 320-Liter-Zusatztank, ein logistischer Pod zum Nachversorgen der Truppe am Boden sowie unter der Nase ein EO/IR-HD-Sensor und Designator (zum Beispel MX-10/15 von L3Harris Wescam).
Ein Konkurrent ist die OA-1K Skyraider II, auch Sky Warden genannt — ein ISR/Strike-Flugzeug. Es wird unter anderem vom U.S. Air Force Special Operations Command (AFSOC) und vom U.S. Special Operations Command (USSOCOM) eingesetzt. Dort wird es als sehr kosteneffizientes, bemanntes Flugzeug mit zuverlässiger Leistung, unabhängig vom Einsatzort, bezeichnet. Lieferant ist L3Harris. Zudem passen L3Harris und Israel Aerospace Industries (IAI) die Plattform an israelische Anforderungen an. Das Flugzeug wird dann als Blue Sky Warden bezeichnet. IAI wird das Missionssystem und weitere Software beisteuern und zudem als Sensorintegrator fungieren.
Die Maschine basiert auf der robusten und zuverlässigen Air Tractor AT-802U-Plattform, einem Agrarflugzeug. Diese Plattform ermöglicht kurze Start- und Landestrecken sowie einen äußerst geringen Platzbedarf. Der Air Tractor AT-802U wurde für den Einsatz unter rauen Bedingungen entwickelt und gebaut. Sky Warden wurde für ISR-Einsätze konzipiert. Die einsatzerprobte, offene Systemarchitektur sorgt für hohe Flexibilität. Laut Anbieter überzeugt es zudem mit hoher Ausdauer und Nutzlast: sechs Stunden Verweildauer bei einem Kampfradius von 200 nautischen Meilen und einer flexiblen Kampfbeladung von 6.000 Pfund.
Eine entsprechende nationalisierte und NATO-übergreifende, robuste Suite von Funkgeräten und Datenverbindungen bietet eine flexible und sichere Kommunikation innerhalb (LOS) und außerhalb der Sichtlinie (BLOS). Dank der Einbindung unterschiedlicher EO/IR-, ISR- und weiterer Sensoren hat die Crew stets ein umfassendes Situationsbewusstsein über die Umgebung und das Gefechtsgeschehen. Aufgrund der Basis einer Agrarplattform ist diese Lösung laut Herstellerangaben erschwinglich und nachhaltig; sie bietet niedrige Produktions- und Betriebskosten, unterstützt durch ein etabliertes globales Wartungsnetzwerk.
Laut USSOCOM hat das System bereits mehr als 1,3 Millionen Stunden ISR- und Strike-Unterstützung für Spezialkräfte erbracht. Sky Warden kann in weniger als sechs Stunden zerlegt und innerhalb von zwölf Stunden wieder einsatzbereit gemacht werden, was einen schnellen Transport für Kriseneinsätze und andere Missionen ermöglicht. Das Bodenpersonal kann an abgelegenen Orten die benötigte Unterstützung zu einem Bruchteil der Kosten und mit geringerem logistischem Aufwand als bei anderen Plattformen anbieten. Auch der Material- und Personalaufwand für den Betrieb ist deutlich geringer als bei anderen Flugzeugen oder Hubschraubern.
Verglichen mit der Embraer EMB 314 Super Tucano bietet Sky Warden bis zu zehn Hardpoints zur Aufnahme von Pods, Sensoren oder Waffen: zwei unter der Rumpfunterseite und je vier unter den Flügeln. Zum Waffenarsenal gehören unter anderem AGM-114 Hellfire-Raketen, GBU-12 Paveway II-Bomben, AGM-176 Griffin-Standoff-Raketen, GBU-39 Small Diameter Bombs sowie gelenkte AGR-20-70-mm-Raketen und APKWS-Varianten. Neben APKWS können auch Hydra-70-Raketen und eine Vielzahl weiterer gelenkter und ungelenkter 70-mm-Raketen eingesetzt werden.
Beide zuvor beschriebenen Flugzeuge bieten eine kostengünstige Feuerunterstützung aus der Luft. Gerade auch an geografisch isolierten Orten, bei denen die Spezialeinheiten an schwierigen Einsatzorten ansonsten auf sich gestellt sind. Hinzu kommen die langen Verweildauern von bis zu acht Stunden. Hubschrauber und Kampfflugzeuge müssen schneller und häufiger zum Tanken das Einsatzgebiet verlassen und stehen dann nicht mehr zur Verfügung. Zudem können die Plattformen mit einem sehr geringen Fußabdruck an Material und Personal betrieben werden, benötigen weniger technische und raumtechnische Voraussetzungen. Gerade im Vergleich zu einem Kampfhubschrauber Tiger, NH90 oder sogar Eurofighter.
Erstveröffentlichung in Soldat & Technik, 24.01.2026, www.soldat-und-technik.de
Seltene Erden, Halbleiter, Hightech-Komponenten: Militärische Leistungsfähigkeit hängt heute stärker denn je von internationalen Lieferketten ab. Ein Ausfall oder politisch motivierter Lieferstopp kann die Einsatzfähigkeit massiv gefährden. Welche Strategien zur Absicherung, Diversifizierung und Lokalisierung von Lieferketten sind zu identifizieren, trifft genau den Nerv der aktuellen geopolitischen Debatte.
Noch vor zwei Jahrzehnten galt die Globalisierung als Garant für Effizienz, niedrige Preise und vor allem für eine stabile Versorgung. Heute hat sich das Bild grundlegend gewandelt.
Lieferketten als Sicherheitsrisiko
In globalen Lieferketten treten zunehmend strategische Abhängigkeiten zutage, die selbst starke Volkswirtschaften verletzlich erscheinen lassen. Der Ukraine-Krieg, Spannungen in der Taiwanstraße, Embargos gegen Hightech-Exporte und die wachsende Rivalität zwischen China und dem Westen zeigen, wie schnell zivile und militärische Lieferketten politisiert werden können.
Für die Verteidigungsindustrie hat diese Entwicklung dramatische Folgen. Moderne Waffensysteme basieren auf Komponenten, deren Wertschöpfung über zahlreiche Länder verteilt ist: Mikroelektronik aus Taiwan, Spezialmetalle aus China, optische Präzisionsteile aus Japan, Hochleistungssoftware aus den USA. Die Liste ist lang. Fällt nur ein Glied dieser Kette aus, drohen Produktionsstopps, Verzögerungen oder teure Neuentwicklungen. Und anders als in zivilen Branchen ist der Schaden nicht nur wirtschaftlicher, sondern vor allem auch sicherheitspolitischer Art.
Kaum ein Bereich zeigt beispielsweise die Verwundbarkeit der Verteidigungsindustrie so deutlich wie der Markt für „Seltene Erden“. Rund 90 Prozent der weltweiten Raffinierungskapazitäten liegen in China. Ohne diese Stoffe funktionieren keine Hochleistungsmagnete in Radar- oder Antriebssystemen, keine Sensoren, keine präzisen Steuerungseinheiten. Halbleiter sind ein weiterer neuralgischer Punkt. Ein Großteil der modernsten Chips kommt aus Taiwan, einer Region, die geopolitisch im Zentrum globaler Spannungen steht.
Besonders kritisch ist, dass viele militärische Hightech-Komponenten aus Nischenmärkten stammen, in denen nur wenige Unternehmen weltweit über entsprechende Expertise verfügen. Dadurch genügt oft ein einzelnes Ereignis – eine Naturkatastrophe, ein Brand oder eine politische Krise –, um die komplette Versorgung lahmzulegen. Solche Engpässe führen dazu, dass Streitkräfte ihre Einsatzfähigkeit nur eingeschränkt oder verzögert herstellen können, weil sie auf die Lieferung von Ersatzteilen, Modernisierungskomponenten oder neuen Systemen warten müssen.
Regeln militärischer Lieferketten
Während zivile Märkte in Engpässen häufig auf Alternativen ausweichen können, ist diese Option im militärischen Umfeld stark begrenzt. Die Zertifizierung neuer Lieferanten dauert oft Monate bis Jahre. Spezielle Bauteile lassen sich nicht einfach substituieren, da Sicherheit, Zuverlässigkeit und Interoperabilität höchste Priorität haben. Zudem müssen Produktionskapazitäten im Ernstfall schnell skalierbar sein.
Dies ist ein Anspruch, der in globalen, Just-in-Time-orientierten Lieferketten häufig nicht erfüllt wird. Militärische Versorgungsketten benötigen deshalb ein anderes Sicherheitsniveau: Redundanzen statt Minimalbestände, strategische Vorräte statt Lean-Logistik, langfristige Verträge statt kurzfristiger Ausschreibungen. Die Erkenntnis setzt sich zunehmend durch, dass Resilienz kein Kostenfaktor ist, sondern eine Voraussetzung für Verteidigungsfähigkeit. Dafür bieten sich folgende Strategien an:
Strategische Diversifizierung
Eine zentrale Maßnahme zur Erhöhung der Lieferkettenresilienz ist die Diversifizierung von Bezugsquellen. Gerade bei kritischen Rohstoffen bedeutet das, alternative Partner auch außerhalb geopolitischer Risikozonen zu erschließen. Staaten wie Australien, Kanada oder skandinavische Länder investieren massiv in den Ausbau ihrer Förder- und Raffineriekapazitäten für „Seltene Erden“ und andere strategische Materialien.
Diversifizierung bedeutet jedoch nicht nur geografische Streuung. Sie umfasst auch technologische Alternativen. So arbeiten Industrie, Hochschulen und außeruniversitäre Institute intensiv an Ersatzmaterialien oder daran, den Einsatz seltener Rohstoffe zu minimieren. Halbleiterindustrie, Wehrtechnik und Maschinenbau arbeiten gemeinsam an neuen Designs, die weniger anfällig für einzelne Lieferantenengpässe sind.
Lokalisierung und Re-Shoring
Ein entscheidender Trend der letzten Jahre ist die Rückverlagerung kritischer Produktion in die eigenen Wirtschaftsblöcke. Beispielsweise investieren die USA Milliarden in lokale Chipfabriken, Europa folgt mit ambitionierten Programmen wie dem „EU Chips Act“. Ziel ist es, Hochtechnologie wieder kontrollierbar zu machen und Fähigkeiten aufzubauen, die bisher global verteilt waren.
Auch in der Verteidigungsindustrie steigt der Druck, zentrale Komponenten national oder zumindest im Verbund mit verlässlichen Partnern zu produzieren. Lokalisierung ermöglicht nicht nur kürzere Lieferwege und bessere Qualitätskontrolle, sondern reduziert auch die Gefahr politischer Erpressbarkeit. Für Unternehmen bedeutet das massive Investitionen, aber auch langfristige Planungssicherheit und technologische Souveränität.
Zu den größten Herausforderungen bei der Etablierung moderner Lieferketten gehört der Mangel an Transparenz. Viele Unternehmen wissen zwar, von wem sie ihre Waren beziehen, aber nicht, wo deren Zulieferer einkaufen. Spätestens auf der dritten oder vierten Wertschöpfungsstufe endet die Sichtbarkeit. Genau dort verstecken sich jedoch häufig die größten Risiken.
Digitale Tools wie Supply-Chain-Monitoring, blockchain-gestützte Dokumentation und automatisierte Risikoanalysen schaffen erstmals die Möglichkeit, Lieferketten bis in die tiefste Ebene zu verfolgen. Diese Transparenz ist entscheidend, um Schwachstellen zu erkennen, bevor sie sich in kritische Ausfälle verwandeln. Echtzeitdaten ermöglichen Prognosen, Szenarien und schnelle Gegenmaßnahmen – ein Vorteil, der im militärischen Kontext über Einsatzfähigkeit oder Stillstand entscheidet.
Lagerhaltung neu gedacht
Die jahrzehntelange Fixierung auf Just-in-Time-Produktion hat zwar Kosten eingespart, aber gleichzeitig die Verwundbarkeit erhöht. Für sicherheitsrelevante Bereiche ist dieser Ansatz überholt. Viele Staaten kehren deshalb zu strategischen Vorräten zurück. Dies betrifft nicht nur Rohstoffe, sondern auch Elektronikkomponenten, Ersatzteile und Softwarelizenzen.
Moderne Lagerhaltung ist jedoch nicht mit ineffizienter Überbevorratung zu verwechseln. Intelligente Bestandsplanung nutzt Modelle, die politische Risiken, Nachfragevolatilität und Lieferzeiten integrieren. Dadurch entstehen Sicherheitsnetze, die im Ernstfall entscheidende Wochen oder Monate überbrücken können.
IT-Sicherheit in der Lieferkette
Lieferketten sind nicht nur physisch, sondern zunehmend auch digital gefährdet. Angriffe auf Zulieferer, Manipulation von Software-Updates oder Industriespionage gehören mittlerweile zu den häufigsten Bedrohungen. Verteidigungsprojekte sind dabei besonders attraktiv für Angreifer, da ein einziger erfolgreicher Angriff den Zugriff auf Tausende Komponenten oder vertrauliche Konstruktionsdaten ermöglichen kann.
Eine resiliente Lieferkette braucht daher zwingend ein robustes IT-Sicherheitsökosystem. Das heißt unter anderem eine durchgehende Verschlüsselung, Zero-Trust-Architekturen, kontinuierliche Überprüfung von Drittparteien und Schutzmechanismen für Softwarelieferketten. Denn eine Kette ist immer nur so stark wie ihr schwächstes digitales Glied.
Kooperation statt Insellösungen
Kein Land und kein Unternehmen können die Komplexität moderner Lieferketten allein beherrschen. Resilienz entsteht durch die Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Unternehmen, Forschungseinrichtungen und internationalen Partnern. Gemeinsame Standards, transparentere Kommunikation und abgestimmte Strategien ermöglichen es, Krisen früh zu erkennen und gemeinsam zu reagieren.
Gerade im Verteidigungssektor können starke Kooperationen zum entscheidenden Vorteil werden. Gemeinsame Beschaffungsprogramme, geteilte Produktionskapazitäten und gegenseitige Garantien reduzieren die Risiken einzelner Staaten und stärken gleichzeitig die strategische Unabhängigkeit des gesamten Bündnisses.
Resilienz als Fundament moderner Wehrfähigkeit
Die militärische Überlegenheit von morgen entscheidet sich nicht allein auf dem Gefechtsfeld, sondern auch in Fabrikhallen, Laboren und entlang globaler Handelsrouten. Resiliente Lieferketten sind das Rückgrat jeder funktionierenden Verteidigung. Sie sichern die Verfügbarkeit kritischer Komponenten, ermöglichen schnelle Reaktionsfähigkeit und schützen vor politischer Erpressbarkeit.
Die geopolitische Lage macht deutlich, dass Abhängigkeiten und Risiken zwar nicht vollständig beseitigt werden können, sich aber intelligent managen, streuen und absichern lassen. Diversifizierung, Lokalisierung, Transparenz, IT-Sicherheit und strategische Kooperationen bilden das Fundament einer modernen Sicherheits- und Industriepolitik. Wer diese Elemente konsequent umsetzt, macht seine Lieferketten nicht nur widerstandsfähiger, sondern erhöht die Handlungsfähigkeit seines Landes in Krisenzeiten.
Erstveröffentlichung in Europäische Sicherheit & Technik, 25.02.2026, www.esut.de
Bei der nunmehr omnipräsenten Debatte um unsere Verteidigungsfähigkeit liegt der Fokus oft allein auf der Ausstattung: Über wie viele Panzer, Fregatten, Kampfjets und welche Munitionsbestände verfügen wir?
Militärhistoriker kennen jedoch unzählige Zitate führender Generäle, welche die herausgehobene Bedeutung der Logistik in Konflikten verdeutlichen. „In war, amateurs talk strategy; professionals talk logistics“ (auf Deutsch: „Im Krieg sprechen Amateure über Strategie, Profis über Logistik.“) ist wohl eines der bekanntesten. Insbesondere in Deutschland müssen wir uns immer wieder vor Augen halten, dass unsere Rolle in den Verteidigungsplänen der NATO deutlich über die eines bloßen Truppenstellers hinausgeht.
Vom Appell zur Umsetzung
Deutschland ist die „Drehscheibe“ der NATO im Herzen Europas – und somit der Knotenpunkt, durch den der Großteil der NATO-Truppen im Falle einer Konfrontation an der Ostflanke verlegt und versorgt werden muss. Während die mediale Aufmerksamkeit bereits auf dem logistischen Kraftakt der Verlegung liegt, wird die Komplexität der darauffolgenden Dauerversorgung noch immer weitgehend ausgeblendet.
Das ist fatal, denn die härteste Währung der Abschreckung ist nicht allein der einsatzbereite Großverband an der richtigen Stelle zum richtigen Zeitpunkt, sondern die Fähigkeit, diese einzelnen Verbände über Wochen und Monate hinweg zu versorgen, Verwundete und Gefallene zurückzuführen, ausgefallenes Material abzuschieben, sowie personelle und materielle Ausfälle aufzufüllen.
Der Operationsplan Deutschland ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Was jetzt zu tun ist
Während die Logistik zu Zeiten des Internationalen Krisenmanagements (IKM) größtenteils planbar war und zyklisch verlief, haben wir diesen Luxus im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung nicht mehr. Hier zählen Masse, Geschwindigkeit und die unerbittliche Logik der Geografie.
Deutschland muss in die Lage versetzt werden, auch dieser logistischen Schlüsselrolle gerecht zu werden. Und dies nicht nur im formellen „Friedenszustand“, sondern auch im Spannungs-, Krisen- und Verteidigungsfall. Angesichts der offensichtlichen Bedeutung Deutschlands für die NATO sind wir bereits jetzt Ziel hybrider Angriffe auf kritische Infrastruktur, Rüstungsindustrie und Schienenwege. Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass im Ernstfall die gesamte logistische Kette „Factory to Foxhole“ Ziel intensivierter hybrider sowie kinetischer Angriffe sein wird – obwohl Deutschland Hunderte Kilometer vom potenziellen Frontverlauf entfernt liegt.
Arbeitsagenda für die Allianz
Genau diese „Tyrannei der Entfernung“ erfordert für die Bundeswehr neue Ansätze: nämlich die Skalierung und vollumfassende Integration der zivilgewerblichen Leistungserbringung in den militärlogistischen Wirkverbund bis in das Einsatzgebiet hinein. Dies ist zwingend, da die verfügbaren logistischen Kräfte der Bundeswehr auf den letzten 100 Kilometern bis zur Front konzentriert sein werden, um die Versorgung im direkten Einsatzgebiet zu gewährleisten.
Der Operationsplan Deutschland (OPLAN DE) sieht explizit einen integrierten logistischen Wirkverbund aus fünf Säulen vor: den eigenen Fähigkeiten der Bundeswehr, gesamtstaatlichen Leistungen, gewerblichen Leistungen, multinationaler Kooperation (NATO) und den Vorsorge- und Arbeitssicherstellungsgesetzen.
Säulen des logistischen Wirkverbunds
Der Weg hin zur zwingend notwendigen zivilgewerblichen Leistungserbringung bereitet mir derzeit am meisten Sorgen.
Es ist mitnichten so, als hätte die Bundeswehr keine Erfahrung in der Integration zivilgewerblicher Partner. Jedoch sind die Größenordnungen, für die wir nun planen müssen, gänzlich andere. Es wäre geboten, von einer neuen Dimension der zivil-militärischen Lastenteilung zu sprechen, die es zu finanzieren, zu etablieren und – zu guter Letzt – zu beüben gilt. Hier gibt es eine Vielzahl von Problemfeldern:
Erstens hat die Bundeswehr in den vergangenen Jahrzehnten der „Friedensdividende“ aus Kostengründen davon abgesehen, Verträge für haushaltsmittelbindende Leistungen zu schließen, die „nur eventuell“ abgerufen werden müssten. Spätestens 2026 müssen wir hier eine fundamentale Kehrtwende vollziehen. Alles, was wir nicht vertraglich festgehalten und umfassend geübt haben, wird am „Tag X“ entweder nicht verfügbar sein oder nicht funktionieren.
Zweitens sind die derzeitigen vertragsrechtlichen Voraussetzungen für „Vorhalteleistungen“ in einem wettbewerbsorientierten Markt unternehmerisch unattraktiv. Das geltende Vergaberecht erweist sich oft als Hindernis, da es primär den niedrigsten Preis belohnt. Hinzu kommt das Zögern der öffentlichen Hand, marktübliche Gegebenheiten wie Leerfahrten auch tatsächlich zu vergüten. Sie wirken sich negativ auf die Attraktivität der Bundeswehr als Vertragspartner für zivile Speditionen aus – und damit auf deren Verlässlichkeit im Ernstfall. Da Planbarkeit und die verlässliche Leistungserbringung oberste Priorität für den Erfolg der „Drehscheibe Deutschland“ darstellen, sollten diese Faktoren bei Ausschreibungsausgestaltung entsprechend gewichtet werden.
Drittens fand in den letzten Jahrzehnten eine erhebliche Verlagerung von Kapazitäten ins europäische Ausland statt – sowohl als Folge als auch zur Kompensation des innerdeutschen Fahrermangels. Bereits 2022 waren rund ein Viertel der in Deutschland tätigen Berufskraftfahrer Ausländer ohne deutschen Pass. Im Bündnisfall bedeutet dies, dass potenziell 25 Prozent unserer logistischen Kapazitäten wegfallen könnten, da diese Fahrer in ihren Heimatländern (oft NATO-Staaten wie Polen, Bulgarien und Rumänien) der dortigen Wehrpflicht unterliegen.
Diese Probleme sind zwar erkannt, nun aber müssen sie zwingend adressiert werden. Das BMVg sowie das Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr (BAIUDBW) stehen vor einer kulturellen und kommunikativen Herkulesaufgabe. Die deutsche Logistikbranche ist bereit, ihren Beitrag zu leisten, fordert aber verständlicherweise ein Entgegenkommen der Amtsseite sowie verbindliche Vorgaben und finanzielle Planungssicherheit.
Uns muss klar sein: Die Ausweitung der zivilgewerblichen-militärischen Lastenteilung im Bereich der Logistik ist alternativlos. Wir können nicht erst in der Krise an die Tür der Transportunternehmen klopfen. Vorhalteverträge sind derzeit der einzige Weg, den Drahtseilakt zwischen finanzieller Sicherheit für die Unternehmen, Verlässlichkeit für die Streitkräfte und der Möglichkeit des gemeinsamen Übens zu meistern.
Dies erfordert eine neue Art von Pragmatismus aller Beteiligten – um sicherzustellen, dass Deutschland seiner wohl wichtigsten Verpflichtung in der Verteidigungsplanung der NATO, nämlich der, als logistische Drehscheibe im Herzen Europas auch vollumfänglich nachkommen kann.
Vom Appell zur Umsetzung
Damit diese Allianz mehr ist als ein Appell, braucht sie eine klare Arbeitsagenda: standardisierte Vorhalteverträge, wiederkehrende Übungen in realistischen Größenordnungen und vor allem belastbare Schnittstellen zwischen militärischer Planung und ziviler Disposition. Ein gemeinsames Lagebild über verfügbare Transportmittel, kritische Engpässe und Prioritäten – digital, aktuell und krisenfest – ist dabei kein „nice to have“, sondern die Voraussetzung, um Geschwindigkeit und Masse im Ernstfall überhaupt organisieren zu können.
Abschreckung wirkt nur, wenn sie glaubwürdig durchgehalten werden kann. Genau daran entscheidet sich die „Drehscheibe Deutschland“: nicht am ersten Tag der Verlegung, sondern an Tag 30, Tag 60 und Tag 120 der Dauerversorgung. Wer diese Durchhaltefähigkeit vertraglich vorbereitet, praktisch beübt und politisch absichert, stärkt nicht nur die Bundeswehr, sondern die Handlungsfähigkeit des gesamten Bündnisses. Logistik ist damit keine Unterstützungsfunktion – sie ist ein zentraler Teil der Abschreckung.
Natürlich lässt sich die Komplexität dieses Systems nicht auf wenigen Seiten erschöpfend behandeln. Doch dieser Text soll ein Weckruf sein: Amtsseite und Industrie müssen aufeinander zugehen. Nur durch eine pragmatische Allianz zwischen Bundeswehr und Logistikwirtschaft erreichen wir die nötige Kriegstauglichkeit und Aufwuchsfähigkeit. Sie ist die Basis, um unsere Freiheit und Demokratie im Ernstfall erfolgreich zu verteidigen.
Erstveröffentlichung in Europäische Sicherheit und Technik, 06.02.2026, www.esut.de
Autor: Kerstin Vieregge, MdB, Vizepräsidentin GSP und Obfrau der CDU/CSU Fraktion im Verteidigungsausschuss und Berichterstatterin für das Operative Führungskommando & OPLAN Deutschland