Das Projektteam am Tag des Feldtests von YARDED am 24.01.2024: Hauptmann Oskar H (l.), Hauptmann Anna T. (2. v.l), Kapitänleutnant Eric L. (r.) vom LogBtl 163 RSOM und Christoph R. (2.v.r.), Product Owner Innovation beim CIHBw; Blauer Bund

YARDED – von der Idee zum Testprodukt

Im Fall der Landes- und Bündnisverteidigung müssen innerhalb von kürzester Zeit umfangreiche Mengen an Personal und Material an die Peripherie der NATO verlegt werden. Das Innovationsvorhaben YARDED ist eine Software, welche hilft, große Fahrzeug- und Materialströme während der Verlegung zu planen und zu steuern. Mithilfe dieser Software werden strategische Anforderungen der NATO taktisch umsetzbar.

Innovation ist kein glücklicher Zufall. Mithilfe eines klaren Prozesses werden Ideen identifiziert, angepasst, entwickelt – und oftmals zugunsten vielversprechenderer Vorschläge verworfen. YARDED durchlief von der Skizzierung einer ersten Idee bis hin zur Entwicklung des heute verfügbaren Produkts unzählige Iterationen.

Das Projektteam am Tag des Feldtests von YARDED am 24.01.2024: Hauptmann Oskar H (l.), Hauptmann Anna T. (2. v.l), Kapitänleutnant Eric L. (r.) vom LogBtl 163 RSOM und Christoph R. (2.v.r.), Product Owner Innovation beim CIHBw; Blauer Bund
Das Projektteam am Tag des Feldtests von YARDED am 24.01.2024: Hauptmann Oskar H (l.), Hauptmann Anna T. (2. v.l), Kapitänleutnant Eric L. (r.) vom LogBtl 163 RSOM und Christoph R. (2.v.r.), Product Owner Innovation beim CIHBw; ©Bundeswehr/PIZLogKdoBw

 

  1. Von der Herausforderung zur Idee

An strategischen Entladeseehäfen und Bahnhöfen werden sogenannte Bereitstellungsräume, im Englischen als Marshalling Areas (MA) bezeichnet, eingerichtet. In einer Marshalling Area werden Fahrzeuge, Container und Material organisiert und für die weitere Verlegung vorbereitet. Die räumlichen Anforderungen werden idealerweise durch eine befestigte und zusammenhängende Fläche mit fester Infrastruktur erfüllt. Der Raum kann sich aber ebenso über diverse kleinere Bereiche erstrecken.

Die Anforderungen der NATO an das RSOM Bataillon fordern die Fähigkeit der Abfertigung von bis zu 500 Fahrzeugen und 2.500 Tonnen Material pro Tag in jeder Marshalling Area.

Als Planungsgrundlage dienen Daten aus LOGFAS – dem logistischen Führungs- und Informationssystem der NATO. Mit dem aktuellen Versionsstand 8.0 besteht im Portfolio der bestehenden LOGFAS-Module eine Lücke. Die für die taktische Umsetzung der Pläne erforderliche Detailtiefe wird nicht ohne weiterführende manuelle Aufbereitung der Daten erreicht. Während für die operative Planung die „Mission“ als kleinste logische Einheit genügt (bspw. ein Eisenbahntransport, oder eine Marschteileinheit), erfordert die taktische Realisation die Betrachtung von „Items“ (bspw. einzelner LKW oder Container).

In der Praxis wurden die operativen Planungsdaten bisher in Exporten der LOGFAS-Daten für die jeweiligen Zwecke händisch aufbereitet und weitergenutzt. So konnten – mit entsprechendem Aufwand – Daten für die erforderliche fahrzeug- und containerspezifische Organisation der Materialströme in den Marshalling Areas generiert werden. Während der Durchführung bestand der Werkzeugkasten des MA-Offiziers aus einem Klemmbrett mit Stift, gedruckten Excel-Tabellen und Lageplänen.

Der analoge Planungsaufwand war mühselig, zeitraubend und fehleranfällig. Weiterhin war diese Art der Organisation unflexibel bei der Reaktion auf Lageänderungen. Unter Umständen wurden Stunden der Vorbereitung aufgrund einer Lageänderung irrelevant und der gesamte Planungsprozess begann von vorne. Mit Durchführungsbeginn wurde der MA-Offizier mit seinen analogen Übersichten zur einzigen validen Informationsquelle im Raum. Ein digitalisiertes Lagebild für die übergeordnete Führung konnte nur mit genügend Freiraum zum folgenden Umschlag verfügbar gemacht werden. Dieses war zum Zeitpunkt der Weitergabe bereits veraltet. Weder Redundanz noch eine nachhaltige Durchhaltefähigkeit waren mit diesem System und Personalansatz unter Einsatzbedingungen umsetzbar.

Der Status Quo war unhaltbar und von den durchführenden Kräften der Marshalling Area bis hin zu dem Bataillonskommandeur herrschte Einigung über den Handlungsbedarf. Es reifte rasch die Absicht, die Prozesse in der Planung und dem Betrieb von MAs zu digitalisieren. In diesem Rahmen wurden beispielsweise Hafenumschläge der amerikanischen Streitkräfte in Bremerhaven und im dänischen Esbjerg beobachtet und die Möglichkeiten der eingesetzten Software im Hinblick auf den eigenen Auftrag analysiert. Doch schnell war klar, dass die Anforderungen des Logistikbataillons 163 RSOM (LogBtl 163 RSOM) mit seinem spezialisierten Auftrag bisher nicht adressiert wurden. Auch die Betrachtung ziviler Anwendungen führte nicht zum Erfolg. Frau Hauptmann Anna T. aus der Einsatzzentrale RSOM des Bataillons zog damals Resümee: „Natürlich gibt es zivile Lösungen zum Parking- und Containermanagement. Anwendungen wie sie beispielsweise in Containerhäfen eingesetzt werden, sind auf unseren Bereich jedoch nicht übertragbar. Ein Tracking, in dem jeder alles weiß, wäre ein Sicherheitsrisiko. Außerdem ist unser Material nicht sortenrein. Vom Kampfpanzer bis zum Kühlcontainer kann alles dabei sein.“

Obwohl diese Erkenntnis offenbarte, dass eine innovative Softwarelösung geschaffen werden musste, blieb der Entschluss, dass Planung und Organisation der Marshalling Areas künftig digital erfolgen müssen.

  1. Von der Idee zum Innovationsvorhaben

Die vom Logistikkommando der Bundeswehr (LogKdoBw) in Verbindung mit dem Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIHBw) organisierte Innovation Challenge Logistik als Ideenwettbewerb im Jahr 2022, bot dem Projektteam schließlich eine einmalige Gelegenheit. Mit ihrem innovativen Ansatz konnten die Projektmitglieder des LogBtl 163 RSOM die Entscheidungsträger im LogKdoBw und im CIHBw von Beginn an überzeugen.

Das war auch die Motivation für Kapitänleutnant L.: „Dieser Spruch, der einem in der Bundeswehr oft begegnet: ‚Warum machen wir das so? – Weil wir das immer so gemacht haben!‘ Damit kommen wir nicht weiter. Gerade wenn man auf die globale sicherheitspolitische Situation schaut. Mit dem CIHBw wird etwas Großes dazu beigetragen, dass Innovation in der Bundeswehr schneller gedacht und umgesetzt werden kann.“

Mithilfe des CIHBw wurden aus den jungen Offizieren des Projektteams Defence Intrapreneure. Intrapreneure bzw. Intrapreneurinnen sind Mitarbeiter in Unternehmen oder öffentlichen Einrichtungen, welche sich unternehmerisch Verhalten. Diese Personen handeln eigenverantwortlich und gestalten die Organisation proaktiv mit.

Am 15. Juni 2022 präsentierten acht Teams aus dem Kommandobereich des LogKdoBw am Ende der Innovation Challenge Logistik ihre Innovationsideen einer Jury aus Experten der Bundeswehr und zivilen Start-up-Unternehmern.

Nur drei Monate nach Beginn der russischen Invasion in der Ukraine war die Relevanz von YARDED für die Verlegung von kampfkräftigen Verbänden im Bündnisfall das entscheidende Argument für die Idee.

Beim sogenannten „Ideation Review Pitch“ des CIHBw in Berlin ging es erneut um alles oder nichts für das Projekt. Nur wenn die überarbeitete Idee dem Urteil aller Mitarbeiter im CIHBw standhält und sich ein Innovation Manager bereiterklärt das Projekt zu betreuen, wird aus einer Idee ein neues Innovationsvorhaben mit eigenem Budget.

Innovationsprozess des Cyber Innovation Hubs der Bundeswehr. Blauer Bund
Innovationsprozess des Cyber Innovation Hubs der Bundeswehr

 

Nachdem die Idee zu YARDED abermals überzeugen konnte entstand das Innovationsvorhaben #142 YARDED. Damit begann der Übergang in die Phase Setup und damit die ersten Schritte in Richtung einer Umsetzung. Zur Vorbereitung der Ausschreibung musste das Projektteam eine Leistungsbeschreibung verfassen. Diese definiert rechtlich bindend, welche Umfänge durch die Anbieter zwingend oder optional zu erfüllen sind.

Auch die Lieferantenauswahl erfolgte keineswegs Top-Down, wie es in den strikt hierarchisch organisierten Streitkräften üblich ist. Die Intrapreneure des LogBtl 163 RSOM wählten anhand der Anbieterpräsentationen, gemeinsam mit dem CIHBw die Lieferanten aus: Ein Bieterzusammenschluss aus der MVPF Technologies GmbH aus Berlin und der VisiTrans GmbH aus Paderborn. Nach Vertragsschluss zwischen dem CIHBw und den Anbietern ging das Projekt in die Entwicklungsphase der Software über.

  1. Die Entwicklung von YARDED – Co-Entwickler statt bloßer Kunde

Da YARDED nicht einfach durch den Kauf und die Inbetriebnahme eines marktverfügbaren Produkts gelöst werden konnte, sondern eine Entwicklungsleistung beinhaltete, mussten die Auftragnehmer im Detail verstehen, vor welchen Herausforderungen das Bataillon steht. Jeder Arbeitsschritt, jeder Handgriff und jeder Kommunikationsweg wurde erfasst und darauf untersucht, wie er mit YARDED effizienter abgebildet werden könnte.

Zu diesem Zwecke wurden Workshops im LogBtl 163 RSOM und beim CIHBw in Berlin durchgeführt, um den Ist-Prozess zu erfassen und anschließend den Soll-Prozess zu modellieren. Effiziente Digitalisierung bedeutet nämlich nicht, analoge Prozesse digital zu kopieren. Nur wer unter Beachtung der zusätzlichen Möglichkeiten Arbeitsschritte völlig neu denkt, kann die Effizienz- und Fähigkeitsgewinne digitaler Lösungen ausschöpfen.

Die Software YARDED digitalisiert und automatisiert die Phase Reception im RSOM Prozess der NATO während der Planung, Durchführung und Auswertung. Die Datengrundlage dafür liefert das NATO Tool LOGFAS. Blauer Bund
Die Software YARDED digitalisiert und automatisiert die Phase Reception im RSOM Prozess der NATO während der Planung, Durchführung und Auswertung. Die Datengrundlage dafür liefert das NATO Tool LOGFAS. ©CIHBw

 

Die permanente Bereitstellung der Entwicklungsumgebung durch die VisiTrans GmbH erlaubte es den Intrapreneuren jeden Entwicklungsschritt und jedes Update live im System zu verfolgen und unmittelbar zu testen. Mit dem so generierten Feedback wurde permanent sichergestellt, dass die Entwicklung von YARDED eng auf die Bedürfnisse des Bataillons ausgerichtet blieb.

Als im September 2023 die Softwareanwendung YARDED – nach Erfüllung aller Anforderungen der Leistungsbeschreibung – übergeben wurde, begann die Phase Build & Experiment. Diese trägt dem Faktum Rechnung, dass viele Details des eigenen Bedarfs erst dann deutlich werden, wenn man ein testbares Produkt in den Händen hält. So war es auch bei YARDED. Am Reißbrett entworfene Designs, wie etwa Anordnung von Informationen und Schaltflächen wurden angepasst und sogar neue Funktionen ins Lastenheft aufgenommen.

— Die YARDED Exercise – Test as you fight —

Im niedersächsischen Delmenhorst führte das LogBtl 163 RSOM Ende Januar 2024 einen dreitägigen Feldtest mit dem Testprodukt der YARDED Software durch. „Ziel der Übung ist es, Schwachstellen der Software sichtbar zu machen, die Anwendung mit Soldatinnen und Soldaten unter realen Einsatzbedingungen zu testen und sie dadurch zu verbessern“, so Bundeswehr-Intrapreneur Kapitänleutnant Eric L. Die Erwartungen für den Feldtest in Delmenhorst waren hoch. Das Innovationsvorhaben des CIHBw hat das Potenzial, die logistischen Abläufe im RSOM-Prozess weiterzuentwickeln und zu verbessern. Eine Übertragung der für die Marshalling Area entwickelten Software auf Staging Area und Convoy Support Center ist naheliegend. Andere logistische Einrichtungen könnten folgen. Aufgrund der offenen Konzeption der Software haben auch andere Truppengattungen und Organisationsbereiche der Bundeswehr die Möglichkeit, sich am Projekt zu beteiligen. Darüber hinaus ist das Innovationsvorhaben auch für alle NATO-Partner interessant, welche wie Deutschland vor ähnlichen logistischen Herausforderungen im Bündnisfall oder bei Großübungen stehen. Oberstleutnant Julian H., Kommandeur des Logistikbataillons 163 RSOM, zeigte sich optimistisch: „Wir hatten kleine Startschwierigkeiten, aber das, was ich bis jetzt erlebe, ist ein großer Erfolg und ein gewaltiger zeitlicher Vorteil.“

In der Durchführung stellt YARDED nicht weniger als einen Paradigmenwechsel dar. Durch die Umstellung des Prozesses wird jedem Soldaten der Umschlagkräfte mehr Verantwortung übertragen. Das stellte natürlich zunächst eine Umstellung dar. Aber bereits 2 Stunden nach Übungsbeginn konnte in der Marshalling Area dieselbe Arbeitsgeschwindigkeit erreicht werden, wie zuvor nach 2 Jahren Praxiserfahrung im Altsystem. Dabei wurden während der Übung auch Anpassungsbedarfe erkannt und sogar live im laufenden Übungsbetrieb in das System eingearbeitet. Nach einer ohnehin eingeplanten kurzen Pause, konnte dann mit dem neuen Update weitergearbeitet werden. Hier zeigte sich beispielhaft die enorme Entwicklungsgeschwindigkeit und Flexibilität der Anwendung.

Am Ende konnten auch die Bundeswehr-Intrapreneure zufrieden mit ihrem Feldtest sein: „Mit den bisherigen Testergebnissen sind wir derzeit sehr zufrieden“, erklärt Hauptmann Oskar H. im Namen des Projektteams. Die Daten zeigten einen deutlichen Vorteil von YARDED: „Unsere Planung ist schneller, präziser und durch die Standardisierung deutlich verständlicher und übersichtlicher in der Visualisierung. In der Durchführung herrscht nun endlich ein einheitliches Lagebild!“

  1. Vom erfolgreichen Test zur Einführung in die Truppe

Im Abschlussbericht werden alle relevanten Erkenntnisse des Innovationsvorhabens zusammengefasst und nachgehalten. Er bildet die Grundlage für eine Umsetzungsempfehlung durch das Zentrum für Digitalisierung der Bundeswehr als zentraler Bedarfsträger für die Streitkräfte im Teilportfolio Cyber/IT und damit die Überführung in den regulären Beschaffungsprozess.

Neben der bestehenden nationalen Erfolgsgeschichte konnte sich das Projektteam zusammen mit dem CIHBw im November 2023 in der finalen Runde der jüngsten NATO Innovation Challenge nicht nur behaupten, sondern belegte darüber hinaus den ersten Platz! Im Rahmen des Wettbewerbs war die NATO, unter dem Vorsitz des Supreme Allied Commander Transformation, auf der Suche nach zukunftsfähigen Lösungen für die militärische Transportplanung im transeuropäischen Verkehrsnetz. Unter dem Motto „Military Mobility“ hat sich das Innovationsvorhaben YARDED gegen 39 anderen Ideen von NATO-Staaten durchgesetzt. Die finale Runde des Wettbewerbs fand am Dienstag, den 14. November 2023, in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana statt. Dort kämpften elf zuvor ausgewählte Ideen um den Sieg. Im Finale waren mit Estland, Frankreich, Deutschland, Kanada, Polen und den USA Bewerber aus insgesamt sechs NATO-Ländern vertreten.

Eine Weiterentwicklung des Projekts durch Institutionen der NATO erscheint im weiteren Verlauf mehr als vorstellbar.

Fazit

Die Geschichte von YARDED zeigt beispielhaft, dass Innovationen „aus der Truppe, mit der Truppe, für die Truppe“ allen Beteiligten viel Kreativität, Engagement und Durchhaltewillen abverlangt. Der Weg von der ersten Idee bis zum abgeschlossenen Innovationsvorhaben erfordert die Unterstützung aufstrebender Intrapreneure durch ihre Vorgesetzten. Die Vielzahl der zu durchlaufenden Etappen ist ohne Verständnis für den erforderlichen Arbeitsumfang und entstehende Kosten (Stichwort Dienstreisen) nur schwierig zu bewältigen. Doch diese Kraftanstrengung bedeutet gelebte Zeitenwende und leistet einen wertvollen Beitrag zur Transformation in Richtung einer bedrohungsangepassten Landes- und Bündnisverteidigung.

YARDED fügt sich in die bestehende LOGFAS Softwarefamilie ein und ergänzt diese um Funktionen zur taktischen Umsetzung operativer Pläne während der Phase RSOM. Es ermöglicht eine transparentere Kommunikation, kürzere Reaktionszeiten auf Lageänderungen und eine erhöhte logistische Leistungserbringung durch Optimierung der Fahrzeug- und Materialströme. Mit dem Innovationsvorhaben YARDED erhält die Bundeswehrlogistik die Chance einen neuen Standard in der NATO zu setzen und zum Vorreiter in der Weiterentwicklung bündnisgemeinsamer Logistikprozesse zu avancieren. Es gilt nun das aufgebaute Momentum aufrechtzuerhalten und die zügige Verstetigung voranzutreiben.

Autor: Autorenteam YARDED

Zuverlässigkeit und Materialerhaltbarkeit von Landsystemen - Treiber der Lebenswegkosten (LCC) und Leitthema des Symposiums. Bild: BiZBw Biemann Blauer Bund

Symposium „Zuverlässigkeit und Materialerhaltbarkeit von Landsystemen“ – eine Rückschau

Vom 14. bis 16. November 2023 jährte sich zum vieten Mal das Symposium „Zuverlässigkeit und Materialerhaltbarkeit von Landsystemen“ am Bildungszentrum der Bundeswehr in Mannheim. Dazu luden wie schon im Vorjahr der Abteilungsleiter Kampf im BAAINBw, Brigadegeneral Schmidt, und der Leiter der WTD 41, DirWTD Simon, ein. Jährlich steigt die Zahl der Interessenten, so dass dieses Mal 134 Teilnehmer und Vortragende aus verschiedenen Bereichen der Bundeswehr (BMVg, PlgABw, BAAINBw, Wehrtechnische Dienststellen, Wehrwissenschaftliche Institute, BAIUDBw, Logistikkommando der Bundeswehr, Kommando des Heeres, Artillerieschule, Technische Schule des Heeres, Truppe des Heeres), Instituten und Partnern aus der Industrie (HIL GmbH, IABG, KNDS, Hutchinson, Diehl Defence, Thales, techcos, RENK, Stratasys GmbH, Paar Logistik GmbH) gezählt werden konnten.

Ein großer Querschnitt an Interessierten zum Thema Logistik in der Bundeswehr. Darunter in der ersten Reihe der Abteilungsleiter Kampf im BAAINBw, Brigadegeneral Schmidt, und der Leiter der WTD 41, DirWTD Simon, Schirmherren der Veranstaltung. Blauer Bund
Ein großer Querschnitt an Interessierten zum Thema Logistik in der Bundeswehr, darunter in der ersten Reihe der Abteilungsleiter Kampf im BAAINBw, Brigadegeneral Schmidt, und der Leiter der WTD 41, DirWTD Simon, Schirmherren der Veranstaltung. ©Bundeswehr/Susanne Braun

Die Zeitenwende war das bei diesem Symposium bestimmende Thema. Vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges und der daraus resultierenden Unterstützung durch Deutschland wurden Konsequenzen für die Zuverlässigkeit und Materialerhaltbarkeit deutscher Landsysteme angesprochen. Auch wenn der Abteilungsleiter Ausrüstung im BMVg einräumt, die Sorgen nachvollziehen zu können, dass unsere eigene Einsatzbereitschaft durch Materialabgaben geschwächt werden könnte[1], so könnte aus dieser Unterstützung auch relevanter Erkenntnisgewinn für die Bundeswehr und die Industrie gezogen werden, der dazu dient, unsere eigene Verteidigungsfähigkeit zu erhalten oder gar auszubauen.

Brigadegeneral Schmidt hat in seiner Begrüßungsrede darauf hingewiesen, dass die Ukrainekrise in Verbindung mit dem 100-Milliarden-Euro Sondervermögen erhebliche Auswirkungen auf viele Stellen der Bundeswehr, insbesondere der Landsysteme hat. Das an die Ukraine abgegebene Material muss nachbeschafft werden, während das Tagesgeschäft, gemeint sind bestehende Projekte und die Nutzungssteuerung, weiterbetrieben werden muss. Die Anzahl der laufenden Projekte hat seit 2021 bis jetzt um fast 50% zugenommen.

Parallel bestehen die altbekannten Herausforderungen im Zusammenhang mit der Zuverlässigkeit von Landsystemen fort. Und zwar

  • zunehmende Komplexität der Systeme,
  • Zielkonflikte zwischen handelsüblich und bundeswehrtauglich,
  • Forderung nach immer kompakteren Erprobungszeiten und Standard-Untersuchungsverfahren,
  • ein gefühlt immer enger werdendes Korsett an juristischen Forderungen,
  • teilweise auch zu „weiche Forderungen“, als dass sie am Produkt quantitativ evaluiert werden können.

Die Neubeschaffung marktverfügbarer Produkte ist ein Schlüssel für das Gelingen der Zeitenwende. Sie erlaubt die kurzfristige Bereitstellung dringend benötigter militärischer Fähigkeiten im Bereich der Landsysteme; auch in den anderen Dimensionen. Dieser Ansatz bringt jedoch Herausforderungen mit sich, wie die Sicherstellung und Einhaltung gesetzlicher Vorgaben aus den Bereichen Arbeitsschutz und Zulassung und erfordert zur Umsetzung die Bereitschaft aller Beteiligten zu Abstrichen.[2]

Aus dem Einsatz deutscher Waffensysteme in der Ukraine können aber auch Erfahrungen und Ergebnisse gewonnen werden, die wertvoll für den Bereich der Systemlogistik im Rahmen LV/BV sind. Es wurden Projekte zur Diskussion gestellt, die geeignet sind, entsprechende logistische Unterstützungsleistungen umzusetzen.[3] Am Beispiel der Panzerhaubitze 2000, die in der Ukraine aktuell stark beansprucht wird, konnten bereits Ergebnisse gewonnen werden, die nicht nur Einfluss auf die Ausbildung des Technischen Dienstes an den Geschützen, sondern auch auf Anpassungen der Vorschriften im Umgang mit dem System haben können.[4] Beispielsweise sind in der Ukraine Systeme wegen extrem hoher Schussbelastung ausgefallen und mussten einer längeren Instandsetzung unterzogen werden. Predictive Maintenance hat bereits gezeigt, dass es möglich ist, Schwachstellen von Bauteilen und Baugruppen frühzeitig zu erkennen, noch bevor es zum Versagen kommt.[5] Der Abteilungsleiter IV des Planungsamtes zeigte, wie die materielle Einsatzbereitschaft von Waffensystemen ziemlich genau prognostiziert werden kann, wenn ein genügend großer Datenbestand vorliegt. Dass das sogar über Jahre im Voraus funktioniert, wurde an drei Beispielen bereits nachgewiesen und dargestellt.

Mit der Rückbesinnung der deutschen Streitkräfte auf die Landes- und Bündnisverteidigung muss auch die HIL GmbH den Fokus auf die bedarfsorientierte Bereitstellung einsatzfähigen Materials für einen störungsfreien Üb- und Einsatzbetrieb legen. Als integraler Bestandteil des logistischen Systems der Bundeswehr verantwortet die HIL GmbH die Planung, Steuerung und Durchführung von Instandhaltungsmaßnahmen für zahlreiche Landsysteme. Die Neuausrichtung der HIL GmbH fokussiert sich auf eine Erhöhung der tatsächlichen Verfügbarkeit sowie auf eine resiliente stärkere Einbindung in das Logistische System der Bundeswehr.

Das CPM ist zentraler Bestandteil der Rüstung und nahm deswegen den zweiten Themenkomplex dieses Symposiums ein. Damit im Beschaffungsprozess die Zuverlässigkeit keine reine Zufallsgröße bleibt, existiert seit September die Arbeitsgruppe „Zuverlässigkeit von Landsystemen“, in welcher bereichsübergreifend ein Handlungsleitfaden für alle Beteiligten entworfen wird.[6]

Die Sicherstellung der Versorgungsreife erfordert das frühzeitige Einbringen von technisch–logistischen Forderungen, so dass diese im Rüstungsprozess berücksichtigt und Vertragsgegenstand werden. Versorgungsreife Produkte tragen zur Verringerung der Projektkosten dort bei, wo der Effekt am größten ist: In der Nutzung.[7]

Brigadegeneral Fennel stellte dar, dass der Wunsch nach moderner Technik, die im Gefecht eine Überlegenheit verspricht, und einer robusten feldmäßigen Instandsetzbarkeit kein Widerspruch ist. Vielmehr sind beides wesentliche Vorbedingungen für durchsetzungs- und zugleich durchhaltefähige Streitkräfte. Der Schlüssel zum Erfolg ist das Mitdenken bei der Instandsetzung im Felde von Anfang an. Schlagworte können unter anderem

  • Normung,
  • Modularität und
  • Baugruppentausch

sein. Voraussetzung sei die Bereitschaft, Ziele gegeneinander abzuwägen und das Optimieren des einen zu Lasten des andern zu unterlassen.

Am Beispiel der Beschaffung der Ungeschützten Transportfahrzeuge wurde gezeigt, dass ein Projekt auch mustergültig geplant, durchgeführt und abgeschlossen werden kann, wenn alle Parteien engagiert sind.[8]

Das Projekt UTF mil ZLK 5t - 15t liegt bei den Faktoren Leistung, Zeit und Kosten voll innerhalb der Vorgaben. Blauer Bund
Das Projekt UTF mil ZLK 5t – 15t liegt bei den Faktoren Leistung, Zeit und Kosten voll innerhalb der Vorgaben. ©Bundeswehr/TSH

Im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages wurde Anfang des Jahres 2023 der Beschaffung weiterer 50 Schützenpanzer Puma zugestimmt. Nicht nur deswegen, sondern auch aufgrund zahlreicher Wünsche von Teilnehmern des letzten Symposiums, das Thema „Schützenpanzer Puma“ auf die Agenda zu nehmen, und wegen der Berichterstattung in den Medien zu Beginn dieses Jahres, stand der dritte und letzte Tag des Symposiums unter diesem Motto; nicht zuletzt deswegen, um dem interessierten Fachpublikum eine qualifizierte Sicht aus erster Hand darzubieten.

Brigadegeneral Fennel konstatierte, dass die Situation vor Ort zu keinem Zeitpunkt so dramatisch war, wie sie medial wahrgenommen wurde. Sie ist auch nicht allein in der Übung entstanden, sondern hat sich in Wochen und Monaten davor vorbereitet. Darüber hinaus wurde sie durch die mediale Aufmerksamkeit und in Folge emotionaler Betroffenheit der Beteiligten unnötig erschwert. In der Rückschau sei es aber gut gewesen, dass es passiert ist, denn in den Wochen und Monaten danach konnte eine Zusammenarbeit Aller etabliert werden: Von der Industrie über die HIL GmbH bis zur Truppe, die den Puma, aber auch den Umgang mit dem Gerät nachhaltig verbessert habe. Wir seien zwar noch nicht am Ziel, aber einen wichtigen Schritt weiter als letztes Jahr.[9]

Die enge Zusammenarbeit mit der Industrie sei beizubehalten, um weitere Schritte zur Verbesserung der Systemstabilität gemeinsam zu gehen.

Ein erhöhter Ansatz an Instandsetzungskräften habe sich bewährt und sei mit dem PUMA VJTF im aktuellen Stand notwendig, um eine zufriedenstellende Einsatzbereitschaft zu erreichen.[10]

Die überraschend zahlreichen Wortbeiträge aus dem Auditorium nach den Vorträgen, aber auch in den Pausen führten zu anregenden und fruchtbaren Diskussionen. Das hat gezeigt, dass mit der Auswahl der Themen und der Vortragenden ein Nerv getroffen werden konnte. Auch dieses Jahr konnte dieses Symposium wieder einen wertvollen Beitrag für den Austausch zwischen Bundeswehr und den Partnern aus der Industrie liefern.

Das nächste Symposium wird vom 5. bis 7. November 2024 stattfinden. Während die Teilnahme am ersten Tag des Symposiums wieder ausschließlich Bundeswehrangehörigen möglich ist, werden am 6. und 7. November auch Bundeswehrexterne und Industriev

[1] VAdm Stawitzki im InfoBrief HEER, Ausg. 3/2023

[2] Vortrag BMVg A III 2

[3] Vortrag Fa. KNDS

[4] Vortrag ArtS

[5] Vortrag Fa. Hutchinson

[6] Vortrag BAAINBw T

[7] Vortrag TSH Aachen

[8] Vortrag BAAINBw ZtQ3

[9] Vortrag Kdo H

[10] Vortrag PzGrenBtl 112

 

Text: Jörg Biemann, Wissenschaftlicher Direktor am BiZBw

Prüfstand aixACCT mechatronics Blauer Bund

Besuch der Firma aixACCT Mechatronics GmbH

Drehmoment, Nm, MEM, Drehzahldynamik, rpm/s, Vorspannleistung, Gelenktemperierung, Realtime-Fähigkeit – Wenn einer diese Begrifflichkeiten für Böhmische Dörfer hält, dann hätte er mal mit der Kameradschaft Aachen/Eschweiler unter der Führung von Oberst a.D. Günter Selbert die Firma aixACCT mechatronics GmbH besuchen sollen. So machten sich 20 Teilnehmer der Kameradschaft am 22. Febr. 2024 auf den Weg, um Näheres über diese Firma zu erfahren.

Besuchergruppe der Kameradschaft Aachen/Eschweiler ©J. Steibel Blauer Bund
Besuchergruppe der Kameradschaft Aachen/Eschweiler ©J. Steibel

Begrüßt wurde unsere Gruppe zuerst durch Herrn Dr. Stephan Tiedke, dem CEO und Geschäftsführer aixACCT systems und aixACCT charging solutions. Er stellte uns in einem ersten Schritt den „familiären“ Verbund der aixACCT systems GmbH, Klotz & Gangloff GmbH und der aixACCT charging solutions dar, der in Aachen und unter anderem auch in der Nähe zur Donnerberg-Kaserne zu einem international erfolgreichen Unternehmen herangewachsen ist. In enger Zusammenarbeit auch mit Forschungseinrichtungen der RWTH entstehen praxisnahe fortschrittliche industrielle Ergebnisse, die in den Jahren 2015 und 2022 bereits mit dem Wissenschaftspreis „TOP 100 – Siegel“ für ihre besondere Innovationskraft ausgezeichnet wurden.

aixACCT systems ist in der Welt der ferro- und piezoelektrischen Materialien zu Hause. Sie forschen, entwickeln und produzieren seit 1995 modulare Systeme zur Materialcharakterisierung und für Tests an Bauteilen aus piezoelektrischen Materialien. Diese sind gesucht bei Hochschulen, in der Forschung & Entwicklung und in der Produktion. Wesentliche Ziele sind ein kürzeres Time-to-Market, mehr Effizienz, zuverlässige Qualitätssicherung und höhere Produktivität bei minimierten Kosten.

aixACCT systems ist in vielen Branchen zu Hause, wie in der:

  • Sensortechnik,
  • Medizintechnik,
  • Luft- und Raumfahrttechnik,
  • Consumer-Electronics,
  • Automotive.

In einem zweiten Schritt stellte Herr Dr. Tiedke das Unternehmen elexon vor, das Ladeinfrastruktur als ganzheitlichen Lösungsansatz entwickelt. D.h., je nach Kundenwunsch wird nicht nur das Produkt geliefert, sondern alle Services, wie Planung, Aufbau, Ausbildung, Dokumentation, Wartung usw.

Europaweit wurden bisher ca. 35.000 Ladepunkte bereits für ihre Kunden, im Schwerpunkt für den Logistiksektor realisiert. Damit sind sie nicht nur Branchenführer, sondern auch die Experten, gerade wenn es um spezielle Anforderungen von Logistikern unter Beachtung von Klimafreundlichkeit und Kosteneffizienz auf dem Weg zum grünen Logistiker geht. Bei elexon findet man alle Dienstleistungen aus einer Hand – angefangen bei der Planung und Konzeption einer perfekten Ladelösung unter Beachtung eines kostenminimierenden Lademanagements, über die Installation und Inbetriebnahme sowie bei Bedarf auch Übernahme der Wartungsarbeiten und etwaige Nachrüstungen.

Im Anschluss stellte uns Herr Tom Bungenberg, Geschäftsführer der aixACCT mechatronics GmbH seine Firma vor.

Logo aixACCT mechatronics Blauer Bund
Logo aixACCT mechatronics ©aixACCT mechatronics

Als Maxime gab er gleich vor: „Individuelle Lösungen für automatisierte und in die Prozesse unserer Kunden integrierte Maschinen und Anlagen zu entwickeln, zu konstruieren, zu fertigen und zu implementieren – das ist unser Ding“.

Durch die Partnerschaft mit aixACCT systems und Klotz & Gangloff werden Kompetenzen in den Bereichen Maschinen- und Anlagenbau, Messen und Programmieren gebündelt. Schwerpunkt in der Firma ist die Entwicklung und der Bau von Prüfständen, dafür haben sie die Spezialisten mit besonderem Know-how in der Automatisierung, verfügen über gute Markt- und Fachkenntnis, kennen den aktuellen Stand bei Komponenten und Bauteilen.

Entscheidend für jeden Prüfstand sind die verwendete Steuerungstechnologie und die dort eingesetzte Software, sie bestimmen maßgeblich über die Qualität der Messung. Auch hier ist die Firma durch eigene fähige Mitarbeiter gut aufgestellt.

So entwickelt die Firma Prüfstände passend für die geforderten Aufgaben. Ob ein neues Testverfahren durchgeführt werden soll oder ein weitgehend standardisierter Gelenkwellenprüfstand benötigen wird, all das gibt es. aixACCT mechatronics Prüfstände messen Weg, Winkel, Kraft und Moment, sie charakterisieren Bauteileigenschaften oder messen Verschleiß, Festigkeit, Wirkungsgrad, Lebensdauer, Temparatureinfluss, Medieneinfluss (Wasser, Öl, Gas) oder NVH (Noise, Vibration, Harshness, dt.„Geräusch, Vibration, Rauhigkeit“)- und andere Funktionalitäten.

Bei einem Rundgang durch die Halle wurde an einem Verspannprüfstand, wie er in der Automobilindustrie im Einsatz ist, unter anderem zur Lebensdauerprüfung von Gelenkwellen, die Arbeit der Firma nochmals verdeutlicht.

Prüfstand aixACCT mechatronics Blauer Bund
Prüfstand aixACCT mechatronics ©aixACCT mechatronics

Leider war die für diesen Besuch vorgesehene Zeit schnell verflogen, obwohl noch viele interessante Fragen zu stellen gewesen wären. Oberst a.D. Selbert bedankte sich für die sehr informative Darstellung der Firmen und besonders bemerkenswert stellte er heraus, dass beide Geschäftsführer die Zeit fanden, uns zu begleiten. Als Dank und zur Erinnerung überreichte er das Wappen der Kameradschaft an beide Geschäftsführer.

Ein gemeinsames Mittagessen in den Räumlichkeiten der Betreuungsgesellschaft Donnerberg-Kaserne schloss diesen informativen und auch geselligen Tag ab.

Text: Oberstlt a.D. Joseph Steibel

Symbolbild: Das Bild zeigt ein deutsches PAT-RIOT-System während einer Übung, bei der Neubeschaffung wird auf Sattelzüge zurückgegriffen. Blauer Bund

Bundeswehr erhält neue PATRIOT-Luftverteidigungssysteme

Die Bundeswehr beschafft insgesamt vier neue Flugabwehrraketensysteme des Typs PATRIOT. Ein entsprechender Vertrag wurde gestern im Beschaffungsamt der Bundeswehr mit dem Hersteller Raytheon geschlossen. Zuvor hatte der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages das Vorhaben gebilligt. Der Kauf dieser Waffensysteme dient in Teilen gleichzeitig der Wiederbeschaffung der an die Ukraine abgegebenen Feuereinheiten.

„Es wird nicht nur das an die Ukraine abgegebene Material in kürzester Zeit ersetzt, die neuen PATRIOT-Systeme gehören zur aktuellsten Version des bewährten Luft- und Raketenabwehrsystems“, betont der verantwortliche Projektleiter im Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr, kurz BAAINBw. Vom Angebotseingang im BAAINBw über die parlamentarische Billigung hin zur Unterzeichnung wurden weniger als zehn Monate benötigt.

Symbolbild: Das Bild zeigt ein deutsches PAT-RIOT-System während einer Übung, bei der Neubeschaffung wird auf Sattelzüge zurückgegriffen. Blauer Bund
Symbolbild: Das Bild zeigt ein deutsches PAT-RIOT-System während einer Übung, bei der Neubeschaffung wird auf Sattelzüge zurückgegriffen – ©Bundeswehr/Lars Koch

Jede der Feuereinheiten besteht aus einem Gefechtsstand, den Startgeräten zum Verschuss der PATRIOT-Lenkflugkörper sowie den Radargeräten und weiterem Material. Der Vertrag beinhaltet neben weiteren Unterstützungsleistungen auch die zugehörigen Ersatzteile.

PATRIOT, die Kurzbezeichnung steht für „Phased Array Tracking Radar for Intercept on Target“, zählt zu den modernsten Flugabwehrsystemen der Welt. Das Waffensystem wird derzeit von acht europäischen Staaten zur Abwehr von gegnerischen Marschflugkörpern, ballistischen Raketen sowie feindlichen Drohnen und Flugzeugen eingesetzt. Auf eine Entfernung von etwa 100 Kilometern und bis in Höhen von 30 Kilometern können die Abwehrraketen in einer gedachten Kuppel um die Stellung Ziele treffen – abhängig vom eingesetzten Lenkflugkörper.

Text: PIZ AIN

Australian Defence Force's Boxer Combat Reconnaissance vehicles bilden die Basis fuer den "Schwerer Waffenträger Infanterie" der Bundeswehr. Blauer Bund

Schwerer Waffenträger Infanterie löst Wiesel ab: Beschaffungsvertrag mit Australien unterzeichnet

Koblenz/Berlin/Canberra. In einer digitalen „signing ceremony“ wurde am 21.03.2024 die Beschaffung von insgesamt 123 neuen „Schweren Waffenträgern Infanterie“ (sWaTrg Inf) vereinbart. Nach Billigung durch den Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages am Vortag konnte der sogenannte Government-to-Government-Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der australischen Regierung geschlossen werden.

Zur Lieferung der gepanzerten Fahrzeuge wird Australien einen entsprechenden Produktionsvertrag mit dem Hersteller Rheinmetall Defence Australia (RDA) abschließen. Die Boxer-Fahrzeuge sWaTrg Inf werden von RDA unter Nutzung der Produktionskapazitäten am „Military Vehicle Centre of Excellence“ in Redbank, Queensland, hergestellt.

Einen weiteren Unterstützungsvertrag wird zwischen dem Beschaffungsamt der Bundeswehr und Rheinmetall Landsysteme (RLS) geschlossen, der zur Unterstützung in der Nutzung dient und eine Verfügbarkeitsgarantie beinhaltet.

Das Vertragswerk für den schweren Waffenträger wird eingerahmt durch einen Vier-Parteien-Vertrag, der verschiedene Themen zwischen allen Beteiligten regelt, darunter auch die Gewährleistung. Finanziert wird das Vorhaben aus dem Sondervermögen Bundeswehr.

Diese Initiative verkörpert das beeindruckende Niveau der Zusammenarbeit und Innovation mit der australischen Regierung als engem Sicherheitspartner. Der Government-to-Government-Vertrag ermöglicht Deutschland die schnellstmögliche Beschaffung von marktverfügbarem Material bei voller Forderungserfüllung zum Einstieg in die Mittleren Kräfte des Heeres.

Ein Australian Army Boxer Combat Reconnaissance Vehicle bei der Übung Talisman Sabre 23. © Australian Gouvernment, Department of Defence Blauer Bund
Ein Australian Army Boxer Combat Reconnaissance Vehicle bei der Übung Talisman Sabre 23. © Australian Gouvernment, Department of Defence

Das Vorhaben wird auf Basis der australischen Boxer-Variante „Combat Reconnaissance Vehicle – RECON II“ realisiert, die dort im eigenen Projekt „LAND 400 Phase 2“ entwickelt wurde. Dieses System besteht aus einem Boxer-Fahrmodul und einem spezifischen Missionsmodul mit bemanntem Turm. Die Grundkonfiguration des Fahrzeugs ermöglicht die kurzfristige Bereitstellung einer weiteren Variante in der BOXER Produktfamilie und die mittelfristige Versorgung über das bestehende logistische System der Bundeswehr. Zusätzliche Ausbildungen können außerdem deutlich reduziert werden. Gleichzeitig gewährleistet der Kauf marktverfügbarer Fahrzeuge in Australien die schnellstmögliche Ausrüstung der Mittleren Kräfte des Heeres.

Der Radpanzer dient, als Nachfolgesystem des Waffenträgers Wiesel 1, der direkten taktischen Feuerunterstützung und weitreichenden Panzerabwehr für die Infanterieverbände der Bundeswehr.

Er vereint die Fähigkeiten von bisher zwei Wiesel 1-Varianten sowie der zum Munitionstransport eingesetzten Zusatzfahrzeuge in einer Plattform und stellt einen idealen Mix aus hoher Verfügbarkeit, Schutz und Modularität dar. Das Waffensystem ermöglicht zudem kurzfristig von anderen Nationen unabhängige Schritte in Richtung Mittlerer Kräfte und damit die mittelfristig dringend gebotene Interoperabilität mit Verbündeten.

Australian Defence Force's Boxer Combat Reconnaissance vehicles bilden die Basis fuer den "Schwerer Waffenträger Infanterie" der Bundeswehr. Blauer Bund
Australian Defence Force’s Boxer Combat Reconnaissance vehicles bilden die Basis für den „Schweren Waffenträger Infanterie“ der Bundeswehr. © Australian Gouvernment, Department of Defence

Ein erstes Referenzfahrzeug soll noch in diesem Halbjahr zu Nachweiszwecken zur Verfügung stehen. Insgesamt werden 123 schwere Waffenträger an Deutschland geliefert werden. Die ersten 19 Serienfahrzeuge werden ab 2025 erwartet. Bis 2030 sollen die restlichen 103 Fahrzeuge zulaufen.

Text: PIZ AIN

Für die Bundeswehr wird das Skyranger 30-System mit einem Boxer realisiert. ©Rheinmetall Electronics GmbH Blauer Bund

Mobile Flugabwehr: Bundeswehr beschafft neue „Flak-Panzer“

Mit der Beschaffung des Flugabwehrkanonenpanzers, kurz „Flak-Panzer“, des Typs Skyranger 30 schließt die Bundeswehr eine Fähigkeitslücke im Bereich der mobilen Abwehr unbemannter Luftfahrzeugsysteme (Counter-Unmanned Aircraft System, C-UAS). Ein entsprechender Vertrag wurde Ende Februar 2024 im Beschaffungsamt der Bundeswehr mit der Firma Rheinmetall Electronics GmbH unterzeichnet. In der Vorwoche hatte der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages das Vorhaben gebilligt.

Die Präsidentin des BAAINBw und Vertreter der Firma Rheinmetall Electronics GmbH unterzeichneten am 27. Februar den Beschaffungsvertrag für 19 neue Flak-Panzer. Blauer Bund
Die Präsidentin des BAAINBw und Vertreter der Firma Rheinmetall Electronics GmbH unterzeichneten am 27. Februar den Beschaffungsvertrag für 19 neue
Flak-Panzer. ©Bundeswehr/Dirk Bannert

Der nun geschlossene Vertrag sieht die Beschaffung eines Prototyps sowie von 18 Serienfahrzeugen des neuen Flak-Panzers vor. Die Lieferung des Prototyps soll bereits Ende 2024 erfolgen. Die Seriengeräte werden nach erfolgreicher Qualifikation ab Anfang 2026 erwartet. Zusätzlich besteht die Option für die Beschaffung 30 weiterer Systeme. Basis wird das gepanzerte Transport-Kraftfahrzeug Boxer sein, auf dem die Komponenten zur Flugabwehr installiert werden.

Das Teilsystem des Luftverteidigungssystems im Nah- und Nächstbereichsschutz wird zunächst mit einer Maschinenkanone im Kaliber 30 Millimeter und dem Lenkflugkörper Stinger ausgestattet. Später soll außerdem ein weiterer Lenkflugkörper ergänzt werden, um die Abwehrfähigkeit gegen Angriffe aus der Luft zu verstärken. Der neue Panzer ist so aufgebaut, dass er ohne großen Aufwand mit bereits bestehenden Komponenten der Luftverteidigung kombiniert und in deren Einheiten komplett integriert werden kann.

Für die Bundeswehr wird das Skyranger 30-System mit einem Boxer realisiert. ©Rheinmetall Electronics GmbH Blauer Bund
Für die Bundeswehr wird das Skyranger 30-System mit einem Boxer realisiert. ©Rheinmetall Electronics GmbH

Mit der Beschaffung des Skyranger 30 wird langfristig die Lücke, die durch die Ausmusterung des Flugabwehrkanonenpanzers Gepard entstanden war, geschlossen.

Text: PIZ AIN

Eine Visualisierung zeigt das geplante Luftverteidigungssystem Nah- und Nächstbereichsschutz. Blauer Bund

Neues Luftverteidigungssystem für mittlere Distanzen

Um eine Fähigkeitslücke in der bodengebundenen Luftverteidigung zu schließen, beauftragte das Beschaffungsamt der Bundeswehr Ende Januar 2024 die Arbeitsgemeinschaft Nah- und Nächstbereichsschutz mit einem entsprechenden Entwicklungsauftrag. Hierbei handelt es sich um einen Zusammenschluss der Unternehmen Rheinmetall Electronics, Diehl Defence und Hensoldt Sensors.

Aufgrund eines Vertragswertes über 25 Millionen Euro wurde das Vorhaben zuvor durch den Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages gebilligt.

Das Vorhaben „Luftverteidigungssystem Nah- und Nächstbereichsschutz“, kurz LVS NNbS, soll den Schutz von bewegten Truppen der Landstreitkräfte gegen Angriffe aus der Luft sicherstellen. Zusätzlich ist es auch für den sogenannten Raumschutz, wie zum Beispiel kritische Infrastruktur geeignet.

Eine Visualisierung zeigt das geplante Luftverteidigungssystem Nah- und Nächstbereichsschutz. Blauer Bund
Eine Visualisierung zeigt das geplante Luftverteidigungssystem Nah- und Nächstbereichsschutz. – ©ARGE NNbS GbR

Kern des nun beauftragten Entwicklungsvorhabens ist die Optimierung der Luftverteidigung bis zu 40 km Reichweite sowie die Entwicklung von hochmobilen Komponenten. Diese sollen die Fähigkeit besitzen, Landstreitkräften im Gefecht folgen zu können um diese vor Angriffen aus der Luft zu schützen. Der Fokus liegt auf der Modularität und der Vernetzung auch zu anderen Luftverteidigungssystemen der NATO.

Neben der Einbindung von bereits in anderen Teilstreitkräften eingesetzter Waffensysteme, sollen später auch schnell verfügbare Einzelkomponenten in das Gesamtsystem NNbS eingebunden werden können. Das erhöht die Wirksamkeit der nationalen und internationalen Luftverteidigung signifikant.

Nach derzeitiger Planung sollen die Prototypen ab 2027 qualifiziert werden, um die Serienproduktion ab 2028 zu ermöglichen.

Text: PIZ AIN

Oberst Klaus Kurjahn, Generalmajor Michael Hochwart, Brigadegeneral Dirk Kipper (v.l.n.r.) Blauer Bund

Kommandowechsel an der Technischen Schule des Heeres

Am 23.01.2024 übergab Generalmajor Michael Hochwart, Kommandeur Ausbildungskommando, das Kommando über die Technische Schule des Heeres an Oberst Stephan Kurjahn.

Im Rahmen eines feierlichen Appells übergab Generalmajor Hochwart das Kommando über die Technische Schule des Heeres (TSH) von Brigadegeneral Dirk Kipper an Oberst Stephan Kurjahn. Nach eineinhalb ereignisreichen Jahren verlässt Brigadegeneral Kipper die TSH zum Joint Support and Enabling Command der NATO nach Ulm.

In seiner Abschiedsrede vor den angetretenen Soldatinnen und Soldaten, zivilen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie zahlreichen Gästen bedankte sich der scheidende Kommandeur bei den Bereichen der Schule für die ausgezeichnete Arbeit. Insbesondere die Menschen, die die TSH ausmachen, stellte er in den Vordergrund. Trotz der aktuellen, herausfordernden sicherheitspolitischen Lage hätten die Bereiche der Schule ihre Kernaufträge professionell erfüllt. Vor allem die Ausbildungsunterstützung der ukrainischen Streitkräfte forderte die Ausbildungseinrichtung neben der Erfüllung ihrer Kernaufträge. Der scheidende Kommandeur bedankte sich für das große Engagement aller Angehörigen der Schule. Die Begriffe „kriegstauglich“ und „kriegstüchtig“ prägen nicht nur das Deutsche Heer, sondern sind auch für den täglichen Dienst an der TSH handlungsleitend. Die Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit sowie die Entwicklung eines robusten demokratischen und freiheitlichen Werteverständnisses seiner Soldatinnen und Soldaten war Brigadegeneral Kipper besonders wichtig. Zum Abschied bedankte er sich bei allen für seine spannende Zeit als Kommandeur: „Es war mir eine Freude und Ehre Ihr Kommandeur gewesen zu sein. Hiermit melde ich mich ab!“

Generalmajor Michael Hochwart und Brigadegeneral Dirk Kipper beim Abschreiten der Front. Blauer Bund
Generalmajor Michael Hochwart und Brigadegeneral Dirk Kipper beim Abschreiten der Front.

Kommandoübergabe

Generalmajor Michael Hochwart übergibt die Truppenfahne der TSH an Oberst Klaus Kurjahn und überträgt ihm damit die Führung der Schule. Blauer Bund
Generalmajor Michael Hochwart übergibt die Truppenfahne der TSH an Oberst Klaus Kurjahn und überträgt ihm damit die Führung der Schule.

Besiegelt wurde die Kommandoübergabe von Brigadegeneral Kipper an Oberst Kurjahn mit der symbolischen Übergabe der Truppenfahne, dem Symbol der Kommandogewalt. Mit der Nationalhymne endete zwar der formelle Übergabeappell, jedoch noch nicht der Abschied des „Alten“.

Oberst Klaus Kurjahn, Generalmajor Michael Hochwart, Brigadegeneral Dirk Kipper (v.l.n.r.) Blauer Bund
Oberst Klaus Kurjahn, Generalmajor Michael Hochwart, Brigadegeneral Dirk Kipper (v.l.n.r.)

Abschied im Schwerlasttransporter

Last but not least wartete eine weitere Überraschung auf Brigadegeneral Kipper. In einem Schwerlasttransporter wurde er an der Paradeaufstellung und den Gästen vorbei zum anschließenden Empfang chauffiert.

Der scheidende Kommandeur wird mit einem Schwerlasttransporter vom Apellplatz gefahren. Blauer Bund
Der scheidende Kommandeur wird mit einem Schwerlasttransporter vom Appellplatz gefahren.

Text: TSH, Presseoffizier

Bilder: TSH, Meeßen

Auswirkungen der aktuellen Weltlage auf die zivile Logistik

Am 03. November 2023 hat Prof. Dr. Frank Giesa im Rahmen einer Informationsveranstaltung des bB, Blauer Bund e.V. in der Logistikschule der Bundeswehr in Garlstedt einen Vortrag gehalten, in dem er nicht nur die aktuelle Weltlage und ihre Auswirkungen auf die zivile Logistik betrachtet, sondern seine Ausführungen um Trends erweitert hat, die den Wirtschaftsbereich bewegen. Im Fokus standen dabei nicht die „modischen“ (kurzfristigen), sondern die langfristigen, die hartnäckigen Trends. Diese wirken auf die zivile, aber auch auf die militärische Logistik.

 

Erst kürzlich durfte die BVL Herrn Generalmajor Gerald Funke zum 40. Deutschen Logistik-Kongress in Berlin willkommen heißen, einem Kongress der Wirtschaft, in dem 2.016 Teilnehmer/innen aus Industrie, Handel, Dienstleistung, Wissenschaft und Gesellschaft zusammenkamen. General Funke hat dort im Plenum einen Live-Podcast absolviert, ein modernes, nach-hörbares Format, das schon bei der Aufzeichnung auf großes Interesse des Auditoriums gestoßen ist. Viele zivile Top-Manager wissen einfach zu wenig über die besonderen Aufgaben, die von der Bundeswehr immer wieder mit Bravour gelöst werden.

Die BVL ist eine Brücke, nicht nur zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, sondern auch zwischen der militärischen und der zivilen Logistik. Als Plattform, als Netzwerk, als Gemeinschaft – als Vordenker und Ausbilder auf beiden Seiten mit über 10.000 Mitgliedern, hohem ehrenamtlichen Engagement und ausgewiesener Expertise – ohne unsere Blicke durch Partikularinteressen oder gar Ideologie zu verstellen.

Als größte unabhängige Supply Chain Management und Logistik-Community stehen für die BVL fundierte Fachthemen und Impulse im Vordergrund, die in über 200 verschiedenen Logistik-Berufen einen Nutzwert haben. Denn wenn die Weltwirtschaft nur mit knapp über 2% wächst (statt 4-6% in guten Zeiten) und Deutschland sich (wieder einmal) gefallen lassen muss, eine rote Laterne durch Europa zu tragen, dann hilft es besonders, sich auszutauschen, wie die deutsche und die europäische Wirtschaft trotzdem erfolgreich sein können. Die BVL ist dazu im permanenten Dialog mit ihren Mitgliedern.

Der Early-Bird-Index der Commerzbank zeigte im Oktober erste Anzeichen der konjunkturellen Aufhellung, resultierend aus dem verarbeitenden Gewerbe. Die Deutsche Industrie hat im August Aufträge eingesammelt: Neugeschäft +3,9%  zum Vormonat (doppelt stark wie erwartet). Im Dreimonatsvergleich lag der Auftragseingang von Juni bis August nun um 4,9 Prozent höher als in den drei Monaten zuvor.

Steigende Zinsen und hohe Energiepreise dämpfen die Nachfrage der heimischen Wirtschaft. Bestellungen aus dem Inland stiegen im August dennoch um 4,0% zum Vormonat und auch die Auslandsnachfrage erhöhte sich genauso stark wie die aus der Euro-Zone und die von außerhalb der Währungsunion, während wir für 2023 und 2024 eine Abkühlung der Inflation erwarten. Für das kommende Jahr prognostiziert der IWF eine Inflationsrate von im Schnitt „nur“ 4,4 Prozent – also immer noch deutlich höher als bisher vorhergesagt. Es ist also kein Trost, wenn die aktuellen 4,5 % der niedrigste Stand seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar des vergangenen Jahres sind – da waren es 4,3 % – und irgendetwas um 2% wurde (und wird?) angestrebt.

Welchen weltwirtschaftlichen Einfluss der furchtbare  Krieg im Nahen Osten haben wird, kann heute niemand seriös prognostizieren.

Insgesamt „grummelt“ der Logistikindikator, den das ifo Institut und die BVL regelmäßig erheben, ein wenig – obwohl erste Verbesserungen in den Geschäftserwartungen für die nächsten sechs Monate zu erkennen sind.

Gestützt wird diese Erkenntnis durch die 20 CEOs der Top-Unternehmensberatungen (jeweils zwischen 500 und 5.000 Mitarbeiter). Sie sprechen davon, dass 2024 ein „frühzyklisches“ Jahr sein wird: Konsumgüter und Handel funktionieren, im B2B gab/gibt es Dämpfer für die Industrie, bei Automotive wird es wegen der e-Mobility wohl eher einen Sidestep geben. Und auch der Unternehmer und VDMA-Präsident Karl Haeusgen hält die momentan öffentlich gepflegte und von den Medien beförderte Untergangsstimmung in Deutschland und in der Deutschen Wirtschaft für kontraproduktiv.

Der Wirtschaftsbereich Logistik ist nach Automobilindustrie und Handel die drittgrößte Branche der Deutschen Wirtschaft. Sie erzielt auch in Krisenjahren Rekordumsätze, kann aber aufgrund des all-gegenwärtigen Fachkräftemangels keinen Personalzuwachs verzeichnen. Logistik ist eine junge, eine jugendliche, eine innovative Branche, die keine kulturellen oder sprachlichen Hürden kennt und eine hohe Technikaffinität aufweist.

2020/21 haben im Supply Chain Management Pandemiefolgen im Vordergrund gestanden wie Versorgungsengpässe, Grenzschließungen. Kriegsfolgen kamen hinzu wie Energieknappheit, gestörte Welthandelsströme. Denen haben sich die Logistiker vorrangig und erfolgreich gewidmet. Aber alle langjährigen Trends hatten und haben noch Bestand:

  • Geopolitische Einflüsse und wachsender Protektionismus, Diskussionen um De- oder Re-Globalisierung oder gar Regionalisierung.
  • Digitalisierung im weiten Feld von unternehmensübergreifendem Datenaustausch über Artificial Intelligence bis hin zur Cyber-Security.
  • Resilienz der Wertschöpfungsketten, bei gleichzeitiger Agilität, begleitet von stürmischer Technologieentwicklung.
  • Nachhaltigkeit durch Effizienzverbesserung, Dekarbonisierung von Industrieproduktion und Logistikprozessen, einhergehend mit dem (Fach-) Kräftemangel, der u.a. aus dem demografischen Wandel resultiert.
  • Last not least der Kostendruck einer global agierenden Wirtschaft und der permanente Kampf um die eigene Wettbewerbsfähigkeit.

Diese relevanten Themen stehen bei den BVL-Mitgliedern im Vordergrund. Seit mehr als 35 Jahren gibt es die BVL-Studie „Trends und Strategien in SCM und Logistik“. In den letzten drei Erhebungen ist zu erkennen, dass der Kostendruck zurzeit an Bedeutung verloren hat. In der Pandemie stand Verfügbarkeit im Vordergrund – „koste es was es wolle“. Die Digitalisierung bleibt in all ihrem Ausprägungen oben auf der Agenda. Der Personalmangel ist in der Bedeutung stark angestiegen und das Thema Nachhaltigkeit schaffte es erstmalig in die „Top 7“. Aber quasi „von Null auf 100“ rückte die Cybersicherheit an die Spitze der Charts. Und so haben die BVL und die zivile Wirtschaft dieses Thema in besonderer Weise in den Fokus genommen, übrigens auch in Zusammenarbeit mit Generalleutnant Michael Vetter und seinen Cyber-Abwehr-Spezialisten in Berlin.

Das Top-Management muss die Aufgabe „Cyber-Sicherheit“ als ureigenste Aufgabe begreifen. Es ist gut, wenn Cybersicherheits-Fachwissen im eigenen Unternehmen zur Verfügung steht, aber die Menschen in den Unternehmen müssen mental „mitgenommen“ werden, speziell zu diesem Thema. Und auch wenn Vertrauen das Beste ist, was man Mitarbeitern entgegenbringen kann, zeigt die Erfahrung, dass Supply Chains in Deutschland noch nicht ausreichend abgesichert sind. Denn Cyberkriminelle sind nicht fair – und sie kämpfen als Verbrecher mit harten Bandagen.

Der Fachkräftemangel macht allen Wirtschaftsunternehmen zu schaffen und hat eine hohe Relevanz für die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres schrieben Arbeitgeber deutschlandweit fast 7,3 Millionen Stellen aus. Das entspricht einem Plus von mehr als 11 Prozent im Vergleich zur ersten Jahreshälfte 2022 – ein neuer Höchstwert.

Die Studie „Trends & Strategien in SCM und Logistik“ ist weiterhin den Themen Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Resilienz und natürlich den neuen Technologien gewidmet, insbesondere welche Auswirkungen diese auf Wertschöpfungsketten haben werden. Die aktuellen Schlagworte lauten: Logistics Software Ecosystems, Advanced Analytics in Supply Networks, Artificial Intelligence and ChatGP, Quantencomputing. Bei Supply-Chain-Management-Software gibt es ein wahrliches „Rise of the Machines” als wesentliche Innovation im Wirtschaftsbereich Logistik. Hier entsteht eine neue betriebliche Realität.

Aber natürlich darf es nicht die Software allein sein, sondern es gilt immer noch der Grundsatz, erst die Prozesse in bester Weise zu organisieren und sie dann zu digitalisieren und so das Fulfilment zu verbessern. Und damit den Ressourcenverbrauch zu senken. Nachhaltigkeit durch Effizienz im konstruktives Miteinander.

Das gilt übrigens auch in der Militärlogistik: Oberstleutnant Christian Pingel und seine rd. 1.200 Spezialisten des Versorgungsbataillons 142 schafften es mit ihrem Projekt „Eine Zeitenwende – auch für die Heereslogistik der Bundeswehr“ unter die Top 10 des Deutschen Logistik-Preises 2023 – eines Wettbewerbs der Wirtschaft. Chapeau!

Es gibt vieles, das die militärische und die zivile Wirtschaft verbindet. Wenn die Vernetzung beider Bereiche gewünscht wird – jetzt im aktiven Dienst oder später, wenn ein Wechsel in die zivile Wirtschaft ansteht – steht das das gemeinnützige Netzwerk der Bundevereinigung Logistik zur Weiterbildung und zur Kontaktaufnahme zur Verfügung. Ihr Purpose lautet: „Wir verbinden Menschen in einem einzigartigen Netzwerk. Gemeinsam gestalten wir die Logistik der Zukunft.“ Denn eins ist sicher: Die zivile und die militärische Logistik können gemeinsam mehr bewegen.

Autoren

Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer, Bundesvereinigung Logistik (BVL) e.V., Vorsitzender des Vorstands Blauer Bund

Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer, Bundesvereinigung Logistik (BVL) e.V.,
Vorsitzender des Vorstands

Prof. Dr. Frank Giesa, Bundesvereinigung Logistik (BVL) e.V., Sprecher der Regionalgruppe Weser-Ems Lehrstuhlinhaber für ABWL, insb. Logistik und Controlling, Hochschule Bremen Blauer Bund

Prof. Dr. Frank Giesa, Bundesvereinigung Logistik (BVL) e.V.,
Sprecher der Regionalgruppe Weser-Ems

Lehrstuhlinhaber für ABWL, insb. Logistik und Controlling,
Hochschule Bremen


Links

Die im Beitrag genannten Studien können unter www.bvl.de heruntergeladen werden.

Der Podcast von General Funke kann auf https://www.bvl.de/podcast abgerufen werden.

Das Wappen des BAAINBw. Blauer Bund

Bedarfsdeckung vor dem Hintergrund der Zeitenwende

Dieser Bericht steht im Zusammenhang mit dem Vortrag des Autors anlässlich der Informationsveranstaltung Blauer Bund e.V. im November 2023.

Die Hauptaufgabe des BAAINBw ist es, die Bundeswehr mit modernem und sicherem Gerät sowie zeitgemäßer Ausstattung einsatzfähig zu halten und das angestrebte Fähigkeitsprofil in materieller Hinsicht schnell zu erreichen. Die aus dem russischen Angriffskrieg resultierende Zeitenwende erfordert insbesondere, dass im Hinblick auf die Prozesse und Verfahren für die Beschaffung alle Beschleunigungspotenziale genutzt werden. In der Umsetzung verlangt dies ein effizienteres und gleichzeitig rechtssicheres Handeln, um schnell sichtbare Ergebnisse im Hinblick auf Qualität und Quantität der Ausrüstung zu erreichen. Dabei gibt das Vergaberecht den Rahmen vor.

Das BAAINBw ist allerdings nur ein Rad im Getriebe. Die Beschaffung in der Bundeswehr ist ein komplexer Prozess und alle in der Bundeswehr beteiligten Bereiche wirken an der Beschleunigung mit. Darüber hinaus spielt auch die leistungsfähige wehrtechnische Industrie eine zentrale Rolle, die mit hochwertiger, zuverlässiger sowie zeitgerechter Lieferung einen wesentlichen Beitrag leistet.

Das BAAINBw hat alleine im vergangenen Jahr rund 12.000 Beschaffungsverträge geschlossen. Die Anzahl der laufenden Projekte, inkl. der Nutzung, steigt jährlich um rund fünf Prozent und bis Ende 2023 auf knapp 1.700. Auch die Anzahl der 25 Millionen-Euro-Vorlagen an das Parlament zu unseren Großverträgen wächst kontinuierlich und wird im Jahr 2023 mit rund 50 einen Höchststand erreichen.  Im kommenden Jahr könnten es sogar doppelt so viele werden.

Die Mittel, die in den Ausgabenbereichen Rüstungsinvestitionen, Materialerhaltung und Betrieb kassenwirksam umgesetzt werden konnten, sind von rund neun Milliarden im Jahr 2015 bis auf rund 20 Milliarden Euro im Jahr 2022 angestiegen. Dies entspricht bereits einer Steigerung um rund 120 Prozent.

Aufgrund des Sondervermögens wachsen diese Werte weiter an. In diesem Jahr um etwa 40 Prozent und im Folgejahr um rund 30 Prozent. Dies entspricht für 2024 einer Ausgabenerwartung in Höhe von rund 35 Milliarden Euro.

Die eingeleiteten Maßnahmen wirken im Wesentlichen in den Bereichen, Beschleunigung der Prozesse, Beschleunigung der Projektarbeit und der Ausnutzung des rechtlichen Rahmens.

Ein wichtiger Baustein ist die Straffung der Arbeits- und Abstimmungsschritte im Prozess. Hier fassen wir Projektphasen und zu erstellende bedarfs- und haushaltsbegründe Dokumenten mit einem Lösungsvorschlag zusammen. Wir arbeiten dabei mit knappen Zeitvorgaben: Das zentrale Dokument innerhalb von maximal sechs Monaten zu erstellen. Dabei werden im Regelverfahren grundsätzlich marktverfügbare Lösungen vorgesehen. Ein weiteres Handlungsfeld ist die konsequente Deregulierung. Mit der Außerkraftsetzung von über der Hälfte der im BAAINBw genutzten rund 160 Regelungen werden den Mitarbeitenden bewusst Handlungsspielräume geschaffen. So kann im konkreten Einzelfall dem Faktor Zeit höchstmögliche Priorität eingeräumt werden. Dazu zählt auch, dass Ausnahmen von Gesetzen und Abweichungen von Regelungen konsequent genutzt werden.

Ein weiterer Optimierungsaspekt ist die Dezentralisierung. Durch Verlagerung der Zuständigkeiten für die Beschaffung nicht-komplexer Materialsegmente ohne Waffensystembezug zum BAIUDBw oder durch das „Handgeld Kommandeure“ zur Truppe wird das BAAINBw entlastet. Durch das Handgeld kann die Truppe beispielsweise in begrenztem Umfang Sachgüter unmittelbar vor Ort schnell und selbständig beschaffen. Durch diese Maßnahme kann sich das BAAINBw auf die Realisierung komplexer Projekte fokussieren.

Parallel dazu haben wir bei der Vertragsgestaltung Handlungsspielräume geschaffen. Durch das konsequente schließen von Rahmenvereinbarungen mit der Industrie entfällt bei später identifizierten weiteren Bedarfen ein neuerlicher Vergabeprozess. Ein plakatives Beispiel sind hier die Verträge zur Munitionsbeschaffung. Falls finale Finanzierungszusagen noch nicht vorliegen, zeigen wir Risikobereitschaft und nutzen die Möglichkeit, trotzdem zum Angebot aufzufordern. Abgesichert wird das durch entsprechenden Ausschreibungsklauseln.

Beschleunigung der Prozesse und der Projektarbeit durch ausnutzen der rechtlichen Handlungsspielräume ist eine Aufgabe an der das BAAINBw derzeit arbeitet. Eine Veränderung, die auch eine Anpassung im Mindset der Führung und Zusammenarbeit verlangt. Blauer Bund
Die Beschleunigung der Prozesse und der Projektarbeit durch Ausnutzen der rechtlichen Handlungsspielräume und Forderungscontrolling ist eine Aufgabe an der das BAAINBw derzeit arbeitet. Eine Veränderung, die auch eine Anpassung im Mindset zur Führung und Zusammenarbeit verlangt. ©Bundeswehr/BAAINBw

Ein weiterer wichtiger Baustein der Projektarbeit ist das Forderungscontrolling. Es werden komplexe, kostenintensive Entwicklungen vermieden und sich stattdessen auf rasch marktverfügbare Lösungen fokussiert. Als Beispiel dient das System Weltraumüberwachung, wo sich auf frühere Verfügbarkeit durch bewussten Verzicht auf eine Leistungssteigerung verständigt wurde. Zeit ist der bestimmende Faktor! Sofern der Bedarf es erfordert, führt dies auch zu konkreten Produktvorgaben wie bei der Beschaffung der F-35. Forderungscontrolling ist ein scharfes Schwert und ein zentraler Baustein für schnelle Verfügbarkeit in der Truppe. Selbstverständlich sind Entwicklungen weiterhin möglich und notwendig. Und zwar überall dort, wo eine Wirküberlegenheit gegenüber einem potentiellen Gegner essentiell ist.

Natürlich nutzen wir auch rechtliche Handlungsspielräume. Unter Anwendung des Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetzes wurde rund ein Viertel der verteidigungs- und sicherheitsspezifischen Aufträge als Gesamtvergaben vorgenommen und so, wo möglich, von losweiser Beauftragung abgesehen. Dies reduziert den Aufwand signifikant und beschleunigt die Vergabe. Eine andere Verbesserung wird durch die Anhebung der Wertgrenzen zur Direktvergabe auf 5.000 Euro erreicht. Sie ermöglicht es der Bundeswehr jährlich rund 60.000 Verträge einfacher und schneller zu schließen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen bleiben dabei weiterhin bestehen.

Das BAAINBw hat die Schwerpunkte verstanden und das Material kommt bei der Truppe an. Seien es die kontinuierlichen Zuläufe an Luftfahrzeugen (2021 bis 2024 zwölf A400M) und Schiffen (jährlich eine Fregatte), die mehr als tausend LKW 15to und zehn Brückenlegepanzer oder aber die Ausstattung im Bereich der IT und Bekleidung/ persönliche Ausrüstung.

Text: GenMaj Thorsten Puschmann, Vizepräsident mil. BAAINBw


Das Wappen des BAAINBw. Blauer Bund
Das Wappen des BAAINBw

Das BAAINBw

Der Organisationsbereich Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung besteht aus dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr, kurz BAAINBw, mit Hauptsitz in Koblenz und seinen Dienststellen in Deutschland und in den USA.

Das BAAINBw ist der Abteilung Rüstung im Bundesministerium der Verteidigung unterstellt und untergliedert sich in Abteilungen und Stäbe. Es wird durch sechs Wehrtechnische sowie zwei Wehrwissenschaftliche Dienststellen unterstützt. Das Marinearsenal stellt als weitere Dienststelle die Einsatzbereitschaft der Deutschen Flotte sicher. Die Verbindungsstelle in Reston vertritt die wehrtechnischen und rüstungswirtschaftlichen Interessen gegenüber amerikanischen und kanadischen Stellen des Amts- und Industriebereichs.