Anforderungen an den Einsatz von Drohnen und Loitering Munition im Heer

Aktuelle Konflikte und Kriege werden zunehmend durch Unbemannte Systeme (UxS) sowie Loitering Munition (LM) geprägt (UxS ist eine übergreifende Bezeichnung für unbemannte Plattformen in allen Dimensionen: Land, Luft oder Wasser). Dies zeigt sich vor allem im Krieg Russlands gegen die Ukraine, bei der eine Mehrheit der Ausfälle und aller verwundeten und gefallenen Soldaten durch eben jene Systeme verursacht und taktische Erfolge auf beiden Seiten erzielt werden.

Mit der Operation „Spider Web“, bei der bewaffnete small Unmanned Aircraft Systems (sUAS, ≤ 25kg) durch bemannte Kräfte tief ins russische Hinterland verbracht wurden, errangen die ukrainischen Streitkräfte einen spektakulären Erfolg. Diese spezielle Taktik ist so alt wie das Trojanische Pferd – die hierfür eingesetzten Sensoren und Effektoren sind es jedoch nicht. In den vergangenen zehn Jahren haben unbemannte Dual-use-Produkte eine enorme technologische Entwicklung vollzogen. Hierdurch können beispielsweise einfache wie günstige bewaffnete sUAS mittlerweile strategische Langstreckenbomber mit einem erheblichen finanziellen Wert und langen Entwicklungs- wie Bauzeiten zerstören, noch bevor diese zum Einsatz kommen.

Diese nicht mehr ganz so neuen unbemannten Mittel der Kriegsführung haben also eine deutliche Relevanz. Jedoch haben weder UxS noch LM die Kriegsführung von Landstreitkräften revolutioniert. Vielmehr wird diese vor allem technologisch getriebene Entwicklung als Evolution verstanden, bei der UxS/LM als ein unterstützendes Mittel einen zusätzlichen Baustein in der Operation verbundener (bemannter) Kräfte darstellen.

Für die Beantwortung der zentralen Frage dieses Artikels – Welche Anforderungen werden an den Einsatz von UxS/LM im Heer gestellt? – ist es wichtig, einen begrenzenden Rahmen aufzustellen. Auch wenn die technologische Innovation bei UxS/LM rasant ist, wird für die Beantwortung der zentralen Frage davon ausgegangen, dass UxS/LM weder heute, noch in den kommenden 15 Jahren in der Lage sein werden, ganz ohne bemannte Kräfte vor Ort Raum zu nehmen und zu halten und damit die Kernkompetenz von Landstreitkräften abzubilden.

Bevor die Anforderungen an UxS/LM dargestellt werden, wird zunächst der Gefechtsraum der Zukunft (bis 2040) umschrieben. Dies soll dem Leser einen Eindruck vermitteln wie Landstreitkräfte in den kommenden 15 Jahren kämpfen werden und welche Rolle UxS/LM hierbei einnehmen. Diesem Gefechtsbild folgend werden anschließend entlang der Trends der Heeresentwicklung die Anforderungen für den Einsatz von UxS/LM hergeleitet. Abschließend werden hieraus wesentliche Folgerungen in einem Fazit zusammengefasst.

Gefechtsraum der Zukunft (bis 2040)

Bereits heute werden Operationen von Landstreitkräften durch Fähigkeiten dominiert, welche eine hohe Abstandsfähigkeit als gemeinsames Element aufweisen. Dies sind in der Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) vor allem Sensoren und Effektoren der Luftverteidigung, des elektromagnetischen Kampfes sowie Aufklärungs- und Wirkungsverbünde (AWV) großer Reichweite, wie sie durch die Heeresaufklärungstruppe, die Artillerietruppe oder die Heeresflieger auf Divisions- und Korpsebene abgebildet werden.

Zusammenfassend tragen diese Fähigkeiten unter dem Begriff Anti-Access/Area-Denial (A2AD) zu einem operativen Effekt bei, der dem Gegner den Zugang zu einem Raum verwehrt beziehungsweise erschwert, indem eine Konzentration von Kräften ohne frühzeitige Aufklärung und Bekämpfung nicht mehr möglich ist. Der Gefechtsraum der Zukunft wird demzufolge nahezu transparent. Zukünftig wird das Ringen um diesen operativen Effekt die Operationen von Landstreitkräften bestimmen. Wer als erstes die A2AD-Fähigkeiten des jeweils anderen anhaltend niederringen kann, wird erfolgreich die Voraussetzungen für eine hochbewegliche Operation verbundener Kräfte auf der Ebene von Großverbänden schaffen.

Bild 1: Der Gefechtsraum der Zukunft ist nahezu transparent. © Bundeswehr/Terberger

Landstreitkräfte bringen hierbei ihre oben genannten Fähigkeiten auf der Divisions- und Korpsebene mittels des Targeting Prozesses auf der operativen und damit multidimensionalen Ebene ein. Zukünftig wird der AWV auf Divisions- und Korpsebene durch neue unbemannte Sensoren und Effektoren deutlich mehr Fähigkeiten in den Targeting-Prozess einbringen können und die Geometrie des Gefechtsfeldes auf allen taktischen Führungsebenen verändern, indem sie zu einer deutlich erweiterten Abstandsfähigkeit beitragen.

Auch auf der Ebene der Kampfbrigaden und darunter werden UxS/LM künftig dazu beitragen, einen gleichwertigen Gegner bereits auf Abstand und ohne Sichtkontakt abzunutzen, um das direkte Duell weitestgehend zu vermeiden bzw. hinauszuzögern. Zusammenfassend kann hieraus abgeleitet werden, dass der Erstkontakt mit einem gleichwertigen Gegner zukünftig weitestgehend unbemannt erfolgen wird.

Die eingesetzten bemannten Kräfte sollen von der Ausführung einfacher, monotoner und gefährlicher Aufträge („dull, dirty and dangerous jobs“) durch den Einsatz von Unmanned Ground Systems (UGS) und UAS entlastet werden. Darüber hinaus sollen sie bei der Versorgung mit Gütern (Munition, Betriebsstoff, Verpflegung und Materialtransport) sowie beim Transport von Verwundeten auf dem Gefechtsfeld eingesetzt werden.

Anforderungen von UxS und LM

Im folgenden Abschnitt werden entlang der Trends der Heeresentwicklung die Anforderungen an UxS/LM hergeleitet.

Robustheit: Durch den Einsatz von Mitteln des elektromagnetischen Kampfes durch gegnerische Kräfte kann die Verbindung zwischen Bediener und UxS/LM gestört oder unterbrochen werden. In Abhängigkeit von der Fähigkeit des Gegners, das elektromagnetische Umfeld (EMU) zu seinen Gunsten zu formen und damit eigenen Kräften die Nutzung des EMU zu verwehren oder einzuschränken, steigt der Bedarf an hochautomatisierten Funktionalitäten der UxS/LM.

Die Erhöhung des Schutzes bedeutet eine Erhöhung der Durchsetzungsfähigkeit eigener Systeme, gerade im Hinblick auf gegnerische A2/AD Maßnahmen. UxS/LM müssen in Abhängigkeit zum Auftrag bzw. zur Größe des Systems skalierbar geschützt sowie gegen einen elektromagnetischen Puls (EMP) gehärtet, die Navigations-Systeme resilient sowie GNSS (Global Navigation Satellite System) unabhängig ausgelegt, die Führungsanbindung verschlüsselt und störungsresilient ausgeplant sein.

Einfachheit (Betrieb, Wartung und Instandsetzung): In Bezug auf die Bedienung von UxS/LM muss auf die Standardisierung einer einheitlichen Ergonomie sowie der Benutzeroberfläche der Bodenkontrollstation hingewirkt werden. Die Bedienung muss intuitiv sein, um den Ausbildungsaufwand so gering wie möglich zu halten. Umfangreiche Nachschulungen bei Systemupdates oder separate Lehrgänge für die Erstausbildung an verschiedenen Systemen sind möglichst zu vermeiden. Vielmehr muss eine Typeneinweisung möglichst dezentral im Verband erfolgen.

Um die logistischen Anforderungen möglichst gering zu halten, gilt es, die Bandbreite der in die Streitkräfte eingeführten Plattformen möglichst gering zu halten, um so eine zu große Vielfalt und Komplexität an instand zuhaltenden UxS zu verhindern und die Versorgbarkeit einzelner Module bzw. Instandhaltung auch unter Gefechtsbedingungen sicher gewährleisten zu können. Nur so kann gewährleistet werden, dass bereits beschaffte Systeme den Innovationszyklen im Gefechtsraum folgen können und damit effektiv und für Truppe verfügbar bleiben.

Autarkie: Die Bundeswehr muss Eigentümer der Systeme sein. Bei Innovation von Hard- sowie Software und in Bezug auf die anfallenden Daten muss die Bundeswehr unabhängig von den ursprünglichen Herstellern den Weiterentwicklungszyklen schnell folgen können. Hierfür bedarf es maximaler Flexibilität und der Vermeidung von herstellergebundenen Insellösungen. Die Bundeswehr muss bspw. selbst bestimmen dürfen, welche Anwendungen im Rahmen einer offenen Systemarchitektur auf UxS/LM aufgespielt werden oder welche Gefechtsköpfe samt Zünder verwendet werden, ohne dafür gleich ein komplett neues System beschaffen zu müssen.

Abstandsfähigkeit: Wie bereits bei der Umschreibung des Gefechtsfelds der Zukunft dargestellt, kommt der Abstandsfähigkeit zukünftig eine Schlüsselrolle zu. Mit dem Einsatz von UxS/LM im Rahmen eines AWV muss es grundsätzlich möglich sein, die Aufklärungsreichweiten und -dichten zu vergrößern und die Präzision und Wirkungsreichweite, insbesondere gegen bewegliche Ziele, zu erhöhen, um den Kampf auf Abstand zu führen und damit Wirkung in der Tiefe (WidT) zu ermöglichen.

Bild 2: Gesamtsystem PD-100 Black Hornet: zwei UAS, eine Bodenkontrollstation sowie ein Auswertemonitor. © Bundeswehr/Neumann

Hierbei entstehen auf den unterschiedlichen taktischen Führungsebenen in Bezug auf zu erzielende Reichweiten (Siehe Grafik 1) ungleiche Anforderungen für Sicht- und Datenverbindungen. Je größer die Reichweite, desto häufiger wird es keine direkte Sicht- oder Datenverbindung (Line of Sight (LOS)) geben können. Teilweise kann die Sicht- und Datenverbindung durch Hindernisse temporär unterbrochen werden (Non-Line-of-Sight, NLOS). Hier müssen UxS/LM durch Automatisierung einsatzfähig bleiben. Bei großen Reichweiten außerhalb einer dauerhaften direkten Sicht- und Datenverbindung wird indirekte Funkkommunikation mittels Repeater, Satellit oder ähnlichem sichergestellt (Beyond Line of Sight, BLOS).

Automatisierung: Der Einsatz von UxS/LM bedingt sowohl in der Steuerung der Systeme als auch in der Verarbeitung der Sensordaten den vermehrten Einsatz spezialisierter und effizienter Softwareunterstützung zur Automatisierung. Ob die Automatisierung durch den Einsatz von klassischen Algorithmen und Verfahren der Datenanalyse erfolgt oder durch die Implementierung von Künstlicher Intelligenz (KI), deren Modell zum Beispiel durch maschinelles Lernen erstellt wurde, ist in Abhängigkeit von den Eingangsdaten und den benötigten Ausgangsdaten zu entscheiden.

Um dem erhöhten Datenaufkommen Rechnung tragen zu können und den Einsatz von UxS/LM auch in einem umkämpften EMU zu gewährleisten, muss die Datenreduktion bzw. Auswertung/Klassifizierung von Sensordatensätzen bereits auf dem UxS/LM, also nah an der Datenquelle, erfolgen (Edge-Computing). Es sind nur Daten oder Informationen zu übertragen, die für die Weiterverarbeitung beziehungsweise für die Bewertung des Lagebildes zwingend erforderlich sind (zum Beispiel vorausgewertetes Standbild/Videosequenz).

Gleiches gilt für die Steuerung und Überwachung der UxS/LM. Hier sind soweit möglich standardisierte Schnittstellen und Datenformate zu nutzen. Um zukünftig mehrere UxS/LM durch einen Bediener gleichzeitig im Schwarmeinsatz bedienen beziehungsweise kontrollieren zu lassen, um beispielsweise die A2AD-Fähigkeiten eines gleichwertigen Gegners zu übersättigen, bedarf es insgesamt hochautomatisierter Systeme. Jedoch bleibt der Mensch auch zukünftig verantwortlich, einzelne Systeme oder einen Schwarm von UxS/LM in bestimmten rechtlichen sowie operativen Grenzen zum Einsatz zu bringen.

Virtualisierung: Um den Einsatz von Algorithmen oder KI verantworten zu können, bedarf es einer digitalen Simulation. Eingesetzte KI-Software muss den Anforderungen an Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Erklärbarkeit genügen sowie für den Einsatz zertifiziert und freigegeben sein. Ein selbstständiges Weiterlernen auf dem UxS/LM ist somit ausgeschlossen und aufgrund der beschränkten Rechenleistung sowie der verfügbaren Energie nicht effizient. Entwicklung, Anlernen, Überprüfung und Zertifizierung von KI-Software sind zeit-, daten- und rechenintensiv. Daher ist ein möglichst breiter Einsatz einer KI-Software auf den genutzten UxS/LM anzustreben. Zudem sollten umfangreiche Teile der praktischen Ausbildung der Bediener von UxS/LM digital simuliert werden.

Vernetzung: Jedes UxS/LM muss in der Lage sein, sich aufwandsarm und „on demand“ in den Informations- und Kommunikationsverbund Land (IuKVbuLa) zu integrieren. UxS tragen als Relais dazu bei, den IuKVbuLa flächendeckender und resilienter auszubringen (Netzverdichtung und Reichweitenerhöhung).

Bild 3: Subsysteme einer Loitering Munition. © AMDC/Seitschek

Agilität: UxS müssen mit der operativen Geschwindigkeit der Truppengattungen, die sie zum Einsatz bringen, schritthalten können. Daher werden bisher vorwiegend UAS und LM im bodennahen Luftraum zum Einsatz gebracht. UGS zur unmittelbaren Kampfunterstützung müssen so konzipiert sein, dass sie bspw. den Panzertruppen selbstständig in der geforderten Geschwindigkeit und Geländegängigkeit folgen können.

Interoperabilität: Bereits bei Beschaffung von UxS/LM ist auf eine internationale Standardisierung zu achten, um den Einsatz dieser Systeme im Rahmen von LV/BV aber auch im Internationalen Krisenmanagement (IKM) zusammen mit Bündnispartnern handhabbar zu machen. Eine isolierte Integration in ein nationales Mesh-Netzwerk führt schnell zu einer unklaren Lage und ggf. zum Abschuss durch bspw. Counter-UAS/Counter-LM Systeme verbündeter Partner. Standardisierte Schnittstellen und Datenformate sind international abzustimmen.

Kaltstartfähigkeit: Die Ukraine setzt derzeit weit mehr als 1.000 UAS/LM verschiedener Kategorien pro Tag ein. Nicht alle Systeme sind Hightech-Systeme zur Durchführung komplexer Missionen, die Wirkung in der Tiefe des Gegners erzielen. Quantität und damit Masse wird vor allem durch Lowtech und damit auch Lowcost Systeme erzielt. Hieraus lässt sich ableiten, dass es einer Mischung aus High- und Lowtech-Systemen bedarf.

Nimmt man den täglichen Verbrauch der ukrainischen Streitkräfte als Maß, wird schnell klar, dass selbst bei einem Vorrat für nur 30 Gefechtstage eine niedrige fünfstellige Anzahl an sUAS/LM ständig in den Beständen der Bundeswehr allein für das Heer vorgehalten werden muss. Darüber hinaus muss die Industrie in der Lage sein, die Produktion im Sinne einer Kaltstartfähigkeit ebenso schnell auszuweiten.

Da im Verteidigungsfall zu erwarten ist, dass es zu Engpässen bei dem Zukauf von zum Beispiel Batterien oder Motoren für LMS seitens der Industrie kommt, müssen diese über entsprechende Vorräte im Vorhinein verfügen. Hierfür bedarf es entsprechender Vorhalteverträge mit der Bundeswehr, um Sicherheiten für die Industrie zu schaffen. Fest verbunden mit der Forderung zu Quantität ist eine Grundbefähigung zum Fliegen von sUAS/LM aller Soldaten des Feldheeres. Andernfalls kann das Feldheer die Masse der Systeme in einem Verteidigungsfall gar nicht zum Einsatz bringen.

Fazit

Die Rolle von UxS/LM auf dem Gefechtsfeld der Zukunft und die daran geknüpften Anforderungen zeigen ein vielfältiges und komplexes Bild. Um diesem umfangreichen wie auch vielfältigen Bedarf Herr zu werden, bedarf es einer Familie verschiedener UxS/LM für unterschiedliche Zwecke in allen Dimensionen. Hierbei ist dem modularen Plattformgedanken verstärkt Rechnung zu tragen, vergleichbar mit dem MOSA (Modular Open System Approach) Prinzip der U.S. Army. Zwar gilt es nun schnell zu sein und markverfügbares Material zu beschaffen.

Jedoch ist im gleichen Maße auch darauf zu achten, dass das Feldheer nicht mit einer Vielzahl unterschiedlicher Systeme überlastet wird: Ausbildung, Betrieb, Wartung und Instandhaltung sowie Integration in den IuKVbuLa sind an Standards auszurichten. Wesentlich für das Erreichen dieses übergeordneten Ziels ist die Definition von Schnittstellen und Datenformaten im Rahmen einer offenen Architektur, um eine modulare Konzeption von UxS/LM entlang einzelner Subsysteme des UxS/LM zu entwickeln (Bild 3).

Erstveröffentlichung im Hardthöhenkurier, 13.01.2026, www.hardthoehenkurier.de

Autor: Oberstleutnant Bernd Terberger

 

Taktische Mobilität in allen drei Dimensionen

Taktische Beweglichkeit im militärischen Kontext bezieht sich auf die Fähigkeit der Truppe, sich schnell, flexibel und effektiv zu bewegen und zu operieren, um sich im Sinne des Eigenschutzes gegnerischen Bedrohungen zu entziehen oder selbst vorteilhafte Positionen einzunehmen. Dies umfasst sowohl die individuelle Beweglichkeit des Einzelschützen als auch die der Trupps, Gruppen oder Einheiten.

Der Mammoth von Defenture bildet die Basis für das neue Aufklärungs- und Gefechtsfahrzeug 2 (AGF2) des Kommando Spezialkräfte. Hier als Herstellerfahrzeug auf den DALO Days 2025, ausgestattet mit einer Version der Dillon Aero Minigun sowie am Heck dem System ROSY und Schützendetektionssystem PILAR V. ©AF

Die taktische Beweglichkeit wird durch eine Kombination aus (Kraftfahr-)Ausbildung, taktischer Planung sowie Ausrüstung – hier vor allem durch wendige und noch bemannte Fahrzeuge – sichergestellt. Für bestimmte Einheiten weisen diese Fahrzeuge neben der Wendigkeit auch eine entsprechende Schnelligkeit und/oder Luftverladbarkeit/Luftverlastbarkeit auf. Bei der taktischen Beweglichkeit wird zwischen der leichten Infanterie/Spezialkräften, den Mittleren Kräften sowie den Schweren Kräften unterschieden.

Eine Rolle bei den Fahrzeugen spielen neben der Geländegängigkeit und Geschwindigkeit auch die Fähigkeitsforderungen nach Schutz, Nutzlast, Größe und Gewicht. Diese stehen oft in Konkurrenz zueinander. Über allem steht die Forderung der Auftragserfüllung: Sie ermöglicht es der Truppe, ihre taktischen Aufgaben effektiv zu erfüllen, indem sie sich schnell anpassen und reagieren kann. Dazu sollen die Plattformen eine möglichst hohe Flexibilität bieten.

Taktische Landbeweglichkeit

Die deutschen Spezialkräfte, hier vor allem das Kommando Spezialkräfte, warten auf den Zulauf des Aufklärungs- und Gefechtsfahrzeuges 2 (AGF2). Hersteller ist der niederländische Off-Road- und Spezialkräftefahrzeughersteller Defenture. Im April 2024 erfolgte die Übergabe der vier Nachweismuster zur sogenannten integrierten Nachweisführung (Erprobung). Das AGF2 basiert auf dem Mammoth von Defenture. Es wird das AGF Serval von Rheinmetall ersetzen und die zukünftige Mobilitäts- und Feuerunterstützungsplattform für die Kommandosoldaten sein. Mit dem Unterstützungsfahrzeug Kommando Spezialkräfte (UFK) wird es eine Unterstützungsvariante geben.

Laut dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) bietet die Neun-Tonnen-Plattform des AGF2 eine Nutzlast von 3,5 Tonnen. Bis zu 80 Fahrzeuge sind angedacht. Laut BAAINBw handelt es sich um ein „offen gestaltetes Fahrzeugsystem mit integriertem Minenschutz, welches je nach Bedrohungslage mit ballistischen Schutzkomponenten ergänzt werden kann“.

Mitte 2025 gab es eine durch Defenture auf dem Truppenübungsplatz Wildflecken durchgeführte Veranstaltung zur abschließenden Integration der Ausstattung. Dazu gehören unter anderem eine multifunktionale Tarnbeleuchtung von Diederich Engineering Systems (DES). Neben IR-Scheinwerfern umfasst diese auch die Tarn-Brems- und Schlussleuchten. Die motorisierte Drehringlafette von Sima Innovation kann unterschiedlichste Maschinengewehre (bis Kaliber .50 BMG) sowie Granatmaschinenwaffen aufnehmen. Angedacht ist zudem die Nutzung der Maschinenkanone P20 (M621) im Kaliber 20 x 102 mm von KNDS France. Neben dieser Hauptbewaffnung verfügt das Fahrzeug über eine Kommandanten- und Hecklafette, die MG5s aufnehmen können.

Zum Eigenschutz verfügt das AGF2 über das Schnellnebelsystem ROSY (Rapid Obscuring System) 40 mm von Rheinmetall. Es nutzt drei einreihige Werfer, die in Richtung drei, sechs und neun Uhr zeigen sowie kleinere Varianten mit Frontausrichtung. Dieses wird ergänzt durch das akustische Schützendetektionssystem PILAR V von Metravib Defence. Zuletzt gab es eine Anpassung beim modularen Mastsystem. Der bisher vorgesehene Zippermast ZM_10-060 der Zippermast GmbH soll durch einen etwas schwereren, größeren, aber auch stabileren Mast der Firma Will-Burt ersetzt werden. Dieser kann sowohl die leichten als auch schweren Sensorlasten sicher tragen.

Das Mastsystem soll ein breites Portfolio an Aufklärungs- und Beobachtungssensoren, Effektoren und anderen Nutzlasten aufnehmen können. So wurde in der Vergangenheit die Nutzung des Wirkmittels 90 von Dynamit Nobel Defence (DND) vom Mast aus in Betracht gezogen. Zur Kommunikation werden neben einer Intercom-Anlage diverse Funkgeräte eingerüstet. Die auf Fotos zu erkennende UHF-Tacsat-Antenne AV2091 Egg Beater lässt das L3Harris AN/PRC-117G vermuten. Ein weiteres Funkgerät an Bord dürfte das AN/PRC-160 sein, ebenfalls von L3Harris.

Aktueller Designstand des leichten Luftlandefahrzeugs Tahr in der Frontansicht. ©FTS

Neben dem AGF2 werden die Spezialkräfte die Fahrzeugfamilie leichter, luftlandefähiger Einsatz-/Gefechtsfahrzeuge (le LL EGF) sowie luftlandefähiger Unterstützungsfahrzeuge (le LL UstgFzg) erhalten. Diese wurden im Oktober 2025 durch den Haushaltsausschuss gebilligt, und Ende Oktober wurde ein mehrjähriger Rahmenvertrag für bis zu 200 Fahrzeuge unterschrieben. In der Bundeswehr werden die Fahrzeuge den Namen Tahr tragen. Dieser bezieht sich auf den Himalaya-Tahr, ein ziegenartiges Tier aus dem Himalaya. Bei den Fahrzeugen handelt es sich um hochmobile, geländegängige, ungeschützte 4×4-Fahrzeuge in der 3,2-Tonnen-Klasse mit offenem Aufbau. Der Tahr stellt eine neu eingeführte Fahrzeugklasse innerhalb der Bundeswehr dar.

Das EGF soll drei Soldaten Platz bieten und per Lafette Waffen bis zum Kaliber .50 BMG nutzen können, unter anderem das bereits auf dem AGF Serval und Airbus H145M LUH SOF genutzte Maschinengewehr hohe Kadenz MG6 (Dillon Aero M134D Minigun). Das UstgFzg ist vor allem für den Materialtransport vorgesehen und bietet nur zwei Sitzplätze. Außerdem wird es leichter bewaffnet sein. Über einen Rahmenvertrag mit einer Laufzeit von sieben Jahren können bis zu 150 EGF und 50 UstgFzg abgerufen werden. Lieferant ist die FTS Flensburg Technology Systems GmbH (FTS). Dabei handelt es sich um ein Joint Venture zwischen Israel Aerospace Industries (IAI) und der Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft mbH (FFG).

Als Basis der Fahrzeuge dient die IAI ELTA All-Terrain-Fahrzeug-Z-Familie – genauer die ZD-Version mit einer entsprechenden neuen Käfig-Variante. Die Nutzlast soll bei 1,5 Tonnen liegen. Entwickelt, um den spezifischen operativen Anforderungen des Kommandos Spezialkräfte (KSK) gerecht zu werden, ist der Tahr eine leichte 4×4-Plattform, die extreme Geländegängigkeit, schnelle Beschleunigung und außergewöhnliche Stabilität vereint, so FTS bei der Vorstellung. Das Fahrzeugsystem habe sich bereits im Einsatz bei der IDF (Israel Defense Forces) bewährt und biete überlegene Mobilität und Vielseitigkeit für unterschiedliche Einsatzprofile.

Im Rahmen dieses strategischen Projekts wird FTS vom Standort Flensburg aus die langfristige logistische Versorgung sicherstellen und so ein Höchstmaß an Einsatzbereitschaft gewährleisten. Über Deutschland hinaus wird der Tahr auch weiteren internationalen Partnern angeboten, die ein robustes, kampferprobtes Spezialfahrzeug suchen. Die kompletten Fahrzeuge werden im neuen Werk 3 von FFG in Flensburg hergestellt. Erstmals in Deutschland wurde das Konzept auf dem NATO MilEng (Military Engineering) Industry Day 2025 an der Pionierschule in Ingolstadt der Öffentlichkeit gezeigt. Auch auf der Enforce Tac 2026 wird es durch FTS ausgestellt.

Für die Luftlandekräfte sowie anteilig auch für die Spezialkräfte ist der offene Caracal 4×4 von Rheinmetall im Zulauf. Das Fahrzeug basiert auf dem Mercedes-Benz G-Modell mit einem modularen Aufbausystem von  Armoured Car Systems (ACS), das nach dem Lego-Prinzip funktioniert, um eine hohe Flexibilität zu ermöglichen und die Anwendbarkeit des Fahrzeugs zu maximieren. Diese Modularität erlaubt den schnellen Austausch von Aufbauten und die Anpassung an unterschiedliche Rollen wie Transport, Sanitätsdienst oder Führungsunterstützung. Der Aufbau basiert auf einem Gitterrohrrahmen aus Aluminium.

Offen ist noch die Nachfolgeregelung für den Waffenträger Wiesel. Mit dem potenziellen Nachfolger beschäftigen sich die zuständigen Stellen mittlerweile bereits zehn Jahre. Mit dem Abbruch oder der Unterbrechung des Programms Luftbeweglicher Waffenträger (LuWa) auf der Zielgerade scheint der Ausgang offen. Es war beabsichtigt, 89 Fahrzeuge zu beschaffen. Diese teilten sich in 56 LuWa Maschinenkanone, 24 LuWa Panzerabwehr sowie neun LuWa Fahrschule auf. Hinzu kamen die Vorserienfahrzeuge. Die Maschinenkanone sollte ursprünglich das Kaliber 25 mm haben und die Version Panzerabwehr mit MELLS (Mehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörpersystem) ausgestattet sein. Später wurde die Bordkanone Mauser BK 27 mm vorgegeben.

Mögliches Konzept für einen Nachfolger des Waffenträgers Wiesel: der LuWa-Turm auf einer 6×6-Mobilitätsplattform. ©ACS

Zunächst wurde ein Gesamtsystemdemonstrator Luftbeweglicher Waffenträger (GSD LuWa) durch die IABG entwickelt. Maßgeblich an der Entwicklung beteiligt waren die Firmen ACS sowie Valhalla Turrets aus Slowenien. Am Ende sollte eine abgespeckte Version, ohne geteiltes Kettenlaufwerk, Hybridantrieb etc. beschafft werden. Doch das Angebot der Rheinmetall Electronics GmbH (RME) als Original Equipment Manufacturer (OEM) lag wohl deutlich über dem, was das Heer bereit war zu zahlen. Es wurde vom Abbruch des Projektes berichtet.

Ein Sprecher des BAAINBw stellt jedoch klar, dass das Projekt LuWa nicht abgebrochen wurde und es sich um ein laufendes Vergabeverfahren handele. Aus dem Amt für Heeresentwicklung ist zu hören, man würde das Projekt aufgrund der zu hohen Kosten gerne abrechen, liegt hier aber nicht auf einer Linie mit dem BAAINBw. Wie es letztendlich ausgeht, ist völlig offen, da nach dem Sondervermögen in einigen Bereichen die Kosten ja kein Hindernis mehr darzustellen scheinen. Aber es gäbe auch Alternativen.

So zeichnete sich die Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft mbH bereits bei der letzten Nutzungsdauerverlängerung (NDV) des Wiesel 1 bis 2030 aus. Die Studie von FFG hat weitaus umfassender in den bestehenden Konstruktionsstand eingegriffen, als die aktuelle NDV umfasst. So wurde zum Beispiel das Laufwerk auf fünf Laufrollen verlängert und das Schutzniveau gesteigert. Auch Länge und Dach wurden erhöht und ein neuer Motor geplant. Aber dies war damals nur ein Konzept, nicht bis zu Ende entwickelt und getestet. Zudem ist die Bewaffnung, zumindest beim Wiesel 1 MK, nicht mehr zeitgemäß.

Dennoch wäre wohl die naheliegendste Lösung, dieses FFG-Konzept wieder aufzunehmen und mit dem entwickelten LuWa-Turm zu verbinden. Eine andere Alternative wäre eine Radlösung, zum Beispiel auf Basis des ACS Enok oder Rheinmetall Serval als 4×4 oder 6×6-Plattform. Die Integration der Panzerabwehrbewaffnung MELLS ist bereits mehrfach auf leichten 4×4-Fahrzeugen realisiert und gezeigt worden. Der unbemannte Valhalla-Turm benötigt sicherlich eher ein 6×6-Fahrzeug, aber auch hier gibt es entsprechende Optionen.

Auch ein völlig unbemanntes System – Umnanned Ground Vehicle (UGV) – wäre denkbar. Damit könnte zudem die Größe reduziert und den ohnehin bestehenden Nachwuchs- und Personalproblemen der Streitkräfte Rechnung getragen werden. Optionen unterschiedlichster Natur gibt es auf dem Weltmarkt ausreichend, man muss nur einmal ergebnisoffen nach rechts und links schauen. Oder bereit sein, einfach mehr Geld auszugeben.

Das Combat Boat 90 Next Generation von Saab führt mehrere Detailverbesserungen ein. Es soll wendiger als der Vorgänger sein und Stealth-Eigenschaften haben. ©Saab

Zu Wasser

Für die Fortbewegung auf oder über Wasser laufen derzeit parallel eine ganze Reihe an Projekten. Dazu gehören die neuen Schlauch- oder Einsatzboote mittlerer Reichweite – auch RHIB (Rigid Hull Inflatable Boat) genannt – für das Kommando Spezialkräfte Marine (KSM), die sogenannten Combat Boats für KSM und Seebataillon, die Einsatzboote für die neuen Fregatten F126, der Wunsch nach River-Rhine-Booten und weitere Vorhaben. Ebenfalls Mitte Oktober 2025 billigte der Haushaltsausschuss die Beschaffung der Einsatzboote mittlerer Reichweite.  Es werden zunächst neun Boote als Festbestellung sowie zwei Optionen mit insgesamt 17 Boote beauftragt.

Die Auslieferung soll 2027 beginnen. Lieferant wird die Yachtwerft Meyer GmbH beziehungsweise deren Mutterfirma sein, der französische Spezialist Zodiac. Damit werden die bisherigen RHIB 1010 ersetzt, die 2026 ihr Nutzungsende erreichen. Um die entstehende Lücke zu schließen, werden zudem vier Elf-Meter-NSWRIB-Boote des US-amerikanischen Herstellers United States Marine Inc. als Übergangslösung beschafft. Diese Boote werden vollständig über Foreign Military Sales (FMS) erworben und entsprechen exakt den Booten, die auch bei den U.S. Navy SEALs im Einsatz sind.

Sowohl für das KSM als auch für das Seebataillon sollen sogenannte Combat Boats beschafft werden. Offiziell gibt es mit Saab aus Schweden und Marine Alutech Oy aus Finnland zwei Anbieter. Saab bietet das Combat Boat 90 (CB90; schwedische Bezeichnung Stridsbåt 90 H) an, Marine Alutech das Watercat M18 AMC. Über beide Boote wurde bereits viel berichtet. Zuletzt hatte 2025 die litauische Marine zwei Watercat-M18-Boote beschafft, und Schweden bestellte in den Jahren 2024 und 2025 insgesamt 23 CB90 Next Generation.

Eine Entscheidung wird in der ersten Jahreshälfte 2026 erwartet. Unklar ist noch, ob es ein gemeinsames Projekt für KSM und Seebataillon geben wird oder jeweils ein eigenes. Sollten es zwei getrennte Projekte werden, wäre es ein Unding, zwei unterschiedliche Bootstypen zu beschaffen – auch wenn die Anforderungen der beiden Nutzergruppen sicherlich nicht zu 100 Prozent identisch sind.

Ein weiteres Projekt sind die Einsatzboote für die neuen Fregatten F126 (Niedersachsen-Klasse). Im Raum stehen sechs Schiffe mit einer entsprechenden Anzahl an Einsatzbooten. Diese dienen allen Missionen, die von den Fregatten aus durchgeführt werden – einschließlich der Einsätze eingeschiffter Spezial- und spezialisierter Kräfte. Auch hier bestehen derzeit einige Unsicherheiten.

Die Fregatten weisen bereits erhebliche Projektverzögerungen auf. Auftragnehmer ist (noch) die niederländische Damen Shipyards Group, die bislang auch für das Projekt der Einsatzboote verantwortlich zeichnet. Im Herbst 2025 wurde jedoch erstmals bekannt, dass der Auftraggeber unzufrieden ist und das Fregattenprogramm von Damen an Naval Vessels Lürssen (NVL) – demnächst wohl Teil von Rheinmetall – übertragen werden soll.

Schon länger besteht zudem ein Bedarf an sogenannten River-Rhine-Booten. Auch hier dienen die Boote der Special Warfare Crews (SWC) als Vorbild. Diese sind die Unterstützungskräfte der U.S. Navy SEALs. Kein deutsches Programm, aber dennoch von Interesse, sind die neuen niederländischen Next Generation Landing Crafts (Landungsboote) für das Korps Mariniers, die spezialisierten Kräfte der niederländischen Marine. Diese Boote werden auch als Littoral Assault Craft (LAC) bezeichnet und ersetzen die bisherigen Landing Craft Vehicle Personnel (LCVPs). Die Indienststellung ist zwischen 2026 und 2028 vorgesehen.

Das LAC wurde von Marine Alutech Oy entwickelt, um die neue Doktrin des Marinekorps – bekannt als Force Design – zu unterstützen. Dieses Konzept konzentriert sich auf die gleichzeitige Landung von Marinesoldaten und deren Ausrüstung von amphibischen Transportschiffen, die weiter vor der Küste positioniert sind. Das neue Boot bietet Schutz in feindlichen Umgebungen, ist schneller, kann größere Entfernungen zurücklegen und länger auf See operieren als die derzeitigen Boote, so das Korps Mariniers. Der Lieferant Marine Alutech Oy steht auch im Rennen um die deutschen Combat Boats.

Das neue LAC für das Korps Mariniers der Niederlande. ©Marine Alutech

In der Luft

Zur der taktischen Luftfortbewegung stehen den deutschen Kräften die Transportflugzeuge Airbus A400M, Lockheed Martin C-130J-30 Super Hercules, die Transporthubschrauber NH90 (NH90 TTH für das Heer und NH90 Sea Lion für die Marine), die CH-53 sowie der H145M LUH SOF (Light Utility Helicopter Special Operations Forces) zur Verfügung. Zukünftig wird die CH-53 durch die Boeing CH-47 Chinook Block II ersetzt. Diese wird das neue Arbeitstier sein und von der Luftwaffe betrieben, wobei das Heer als Hauptnutzer gilt — dabei vor allem die Spezialkräfte.

Die taktische Feuerunterstützung erfolgt derzeit durch den Kampfhubschrauber Tiger, zukünftig durch den H145M LKH (Leichter Kampfhubschrauber) beziehungsweise bereits jetzt den H145M LUH SOF mit dem MG6 als Bewaffnung. Der H145M LKH soll den auslaufenden Kampfhubschrauber Tiger als Übergangslösung unterstützen beziehungsweise ersetzen. Es sollen bis zu 82 Exemplare geliefert werden. Diese Brückenlösung soll dem Heer mehr Zeit verschaffen, um eine vollwertige Ersatzlösung für den Tiger zu finden. Ob diese dann künftig bemannt oder unbemannt sein wird, ist ein anderes Thema. Auf jeden Fall hat sich die Bundeswehr gegen den Tiger Mk3 ausgesprochen.

Der H145M LKH ist kein vollwertiger Kampfhubschrauber und damit nicht mit einem Tiger oder dem Boeing AH-64 Apache zu vergleichen. Er wird jedoch eine hochmobile taktische Feuerunterstützung bieten, mit den logischen Einschränkungen bei Reichweite, (Waffen)-Nutzlast und Durchsetzungsfähigkeit. Alle bestellten Hubschrauber werden mit dem Waffen-Managementsystem HForce von Airbus ausgestattet. Dies ermöglicht eine flexible und schnelle Einbindung von Sensoren und Effektoren. HForce ist auf dem H145M bereits in anderen Ländern im Einsatz.

Als mögliche Bewaffnung nennt die Bundeswehr 70-mm-Raketen (gelenkt/ungelenkt), Spike-Panzerabwehrlenkflugkörper, Maschinengewehre und Kanonen. Zukünftig sollen auch Luft-Luft-Lenkflugkörper integriert werden. Der H145M LKH soll in unterschiedlichsten Rollen einsetzbar sein, unter anderem als Kampfhubschrauber, zur Ausbildung sowie für Spezialkräfte (SOF). Der Hubschrauber wird sowohl beim Heer als auch bei der Luftwaffe zum Einsatz kommen. Das Abfluggewicht beträgt etwa 3,8 Tonnen, die Einsatzdauer wird mit 3:54 Stunden angegeben, und der H145M LKH kann zwei plus acht Personen aufnehmen.

Acht Passagiere sind jedoch nur realisierbar, wenn keine weiteren Waffen oder Sensoren integriert sind. Zum Vergleich: Der H145M LUH SOF kann maximal vier vollständig ausgerüstete Kommandosoldaten aufnehmen, zusätzlich zur Zweimannbesatzung. Wird ein MG6 zur Feuerunterstützung eingebaut, reduziert sich die Anzahl der Passagiere im „hinteren Kampfraum“ auf einen Doorgunner. Bei der Vorstellung wurde der Hubschrauber mit den Worten gepriesen: „Seine Vorzüge sind eine größere Waffenwirkung, verbesserte Optronik und vor allem eine hochtechnisierte Digitalisierung sowie die Fähigkeit zur Vernetzung mit Drohnen (Manned-Unmanned Teaming).“ Der Zulauf soll bereits 2026 beginnen.

Neben dem H145M LKH zur taktischen Feuerunterstützung haben mehrere europäische Spezialkräfte unbestätigten Informationen zufolge großes Interesse an einem leichten Kampfflugzeug, auch in Deutschland. Schaut man sich innerhalb der NATO um, stechen vor allem zwei Kandidaten hervor. So wird die portugiesische Luftwaffe (FAP) Erstkunde für die Embraer A-29N Super Tucano nach NATO-Standard. Die erste Auslieferung des leichten Kampfflugzeugs ist ab Ende 2025 geplant. Das auf der Paris Air Show 2025 gezeigte Flugzeug erregt auch bei europäischen Streitkräften großes Interesse.

Ein Embraer A-29N Super Tucano auf der Paris Air Show 2025. ©AF

Die Embraer EMB 314 Super Tucano – auch als ALX oder A-29 bezeichnet – ist ein leichtes Aufstandsbekämpfungsflugzeug (Counterinsurgency, COIN) und Luftnahunterstützungsflugzeug (Close Air Support, CAS) des brasilianischen Herstellers Embraer. Es gibt mittlerweile zahlreiche Varianten und Nutzerstaaten. Unter anderem wird die A-29 bei US-amerikanischen Spezialkräften genutzt. Neben dem Kampfeinsatz kann sie auch als Ausbildungs- und Trainingsflugzeug eingesetzt werden. Sie ist als Ein- und Zweisitzer verfügbar.

Als Zweisitzer kann die Arbeitsbelastung des Piloten verringert werden, indem der hintere Sitz einen Waffenoffizier aufnimmt. Dieser bedient dann den EO/IR-Aufklärungspod sowie Laser-Entfernungsmesser und -Designator. Die A-29 hat eine Länge von 11,38 und eine Spannweite von 11,14 Metern. In der bewaffneten Variante sind zwei Maschinengewehre Kaliber .50 BMG fest in den Flügeln verbaut. Hinzu kommen insgesamt fünf Hardpoints zur Aufnahme weiterer Pods oder Waffen.

Laut Hersteller sind in die Super Tucano bereits folgende Systeme/Waffen integriert: SUU-25-Flare-Launcher, ein Siebenfach-Werfer für 70-mm-Raketen, die 500-lb-Bombe Mk 82, die 250-lb-Bombe Mk 81 und die lasergelenkte Bombe GBU-58, 750-lb-Bombe M117, konventionelle und lasergelenkte APKWS-Raketen (Advanced Precision Kill Weapon System), 500-lb-INS/GPS-Bomben GBU-12/Griffin/Lizard IV, SUU-20 Übungsbomben-Dispenser, ein 320-Liter-Zusatztank, ein logistischer Pod zum Nachversorgen der Truppe am Boden sowie unter der Nase ein EO/IR-HD-Sensor und Designator (zum Beispel MX-10/15 von L3Harris Wescam).

Das Konzept Sky Warden basiert auf einem Agrarflugzeug, ist für raue Einsatzumgebungen konzipiert, benötigt wenig Personal und Infrastruktur und kann bis an die Zähne bewaffnet werden. ©L3H

Ein Konkurrent ist die OA-1K Skyraider II, auch Sky Warden genannt — ein ISR/Strike-Flugzeug. Es wird unter anderem vom U.S. Air Force Special Operations Command (AFSOC) und vom U.S. Special Operations Command (USSOCOM) eingesetzt. Dort wird es als sehr kosteneffizientes, bemanntes Flugzeug mit zuverlässiger Leistung, unabhängig vom Einsatzort, bezeichnet. Lieferant ist L3Harris. Zudem passen L3Harris und Israel Aerospace Industries (IAI) die Plattform an israelische Anforderungen an. Das Flugzeug wird dann als Blue Sky Warden bezeichnet. IAI wird das Missionssystem und weitere Software beisteuern und zudem als Sensorintegrator fungieren.

Die Maschine basiert auf der robusten und zuverlässigen Air Tractor AT-802U-Plattform, einem Agrarflugzeug. Diese Plattform ermöglicht kurze Start- und Landestrecken sowie einen äußerst geringen Platzbedarf. Der Air Tractor AT-802U wurde für den Einsatz unter rauen Bedingungen entwickelt und gebaut. Sky Warden wurde für ISR-Einsätze konzipiert. Die einsatzerprobte, offene Systemarchitektur sorgt für hohe Flexibilität. Laut Anbieter überzeugt es zudem mit hoher Ausdauer und Nutzlast: sechs Stunden Verweildauer bei einem Kampfradius von 200 nautischen Meilen und einer flexiblen Kampfbeladung von 6.000 Pfund.

Eine entsprechende nationalisierte und NATO-übergreifende, robuste Suite von Funkgeräten und Datenverbindungen bietet eine flexible und sichere Kommunikation innerhalb (LOS) und außerhalb der Sichtlinie (BLOS). Dank der Einbindung unterschiedlicher EO/IR-, ISR- und weiterer Sensoren hat die Crew stets ein umfassendes Situationsbewusstsein über die Umgebung und das Gefechtsgeschehen. Aufgrund der Basis einer Agrarplattform ist diese Lösung laut Herstellerangaben erschwinglich und nachhaltig; sie bietet niedrige Produktions- und Betriebskosten, unterstützt durch ein etabliertes globales Wartungsnetzwerk.

Mögliche Bestückung des Sky Warden. ©L3H

Laut USSOCOM hat das System bereits mehr als 1,3 Millionen Stunden ISR- und Strike-Unterstützung für Spezialkräfte erbracht. Sky Warden kann in weniger als sechs Stunden zerlegt und innerhalb von zwölf Stunden wieder einsatzbereit gemacht werden, was einen schnellen Transport für Kriseneinsätze und andere Missionen ermöglicht. Das Bodenpersonal kann an abgelegenen Orten die benötigte Unterstützung zu einem Bruchteil der Kosten und mit geringerem logistischem Aufwand als bei anderen Plattformen anbieten. Auch der Material- und Personalaufwand für den Betrieb ist deutlich geringer als bei anderen Flugzeugen oder Hubschraubern.

Verglichen mit der Embraer EMB 314 Super Tucano bietet Sky Warden bis zu zehn Hardpoints zur Aufnahme von Pods, Sensoren oder Waffen: zwei unter der Rumpfunterseite und je vier unter den Flügeln. Zum Waffenarsenal gehören unter anderem AGM-114 Hellfire-Raketen, GBU-12 Paveway II-Bomben, AGM-176 Griffin-Standoff-Raketen, GBU-39 Small Diameter Bombs sowie gelenkte AGR-20-70-mm-Raketen und APKWS-Varianten. Neben APKWS können auch Hydra-70-Raketen und eine Vielzahl weiterer gelenkter und ungelenkter 70-mm-Raketen eingesetzt werden.

Beide zuvor beschriebenen Flugzeuge bieten eine kostengünstige Feuerunterstützung aus der Luft. Gerade auch an geografisch isolierten Orten, bei denen die Spezialeinheiten an schwierigen Einsatzorten ansonsten auf sich gestellt sind. Hinzu kommen die langen Verweildauern von bis zu acht Stunden. Hubschrauber und Kampfflugzeuge müssen schneller und häufiger zum Tanken das Einsatzgebiet verlassen und stehen dann nicht mehr zur Verfügung. Zudem können die Plattformen mit einem sehr geringen Fußabdruck an Material und Personal betrieben werden, benötigen weniger technische und raumtechnische Voraussetzungen. Gerade im Vergleich zu einem Kampfhubschrauber Tiger, NH90 oder sogar Eurofighter.

Erstveröffentlichung in Soldat & Technik, 24.01.2026, www.soldat-und-technik.de

Autor: André Forkert

Wehrfähigkeit: Wie mehr Resilienz in den Lieferketten entsteht

Seltene Erden, Halbleiter, Hightech-Komponenten: Militärische Leistungsfähigkeit hängt heute stärker denn je von internationalen Lieferketten ab. Ein Ausfall oder politisch motivierter Lieferstopp kann die Einsatzfähigkeit massiv gefährden. Welche Strategien zur Absicherung, Diversifizierung und Lokalisierung von Lieferketten sind zu identifizieren, trifft genau den Nerv der aktuellen geopolitischen Debatte.

Noch vor zwei Jahrzehnten galt die Globalisierung als Garant für Effizienz, niedrige Preise und vor allem für eine stabile Versorgung. Heute hat sich das Bild grundlegend gewandelt.

Lieferketten als Sicherheitsrisiko

In globalen Lieferketten treten zunehmend strategische Abhängigkeiten zutage, die selbst starke Volkswirtschaften verletzlich erscheinen lassen. Der Ukraine-Krieg, Spannungen in der Taiwanstraße, Embargos gegen Hightech-Exporte und die wachsende Rivalität zwischen China und dem Westen zeigen, wie schnell zivile und militärische Lieferketten politisiert werden können.

Für die Verteidigungsindustrie hat diese Entwicklung dramatische Folgen. Moderne Waffensysteme basieren auf Komponenten, deren Wertschöpfung über zahlreiche Länder verteilt ist: Mikroelektronik aus Taiwan, Spezialmetalle aus China, optische Präzisionsteile aus Japan, Hochleistungssoftware aus den USA. Die Liste ist lang. Fällt nur ein Glied dieser Kette aus, drohen Produktionsstopps, Verzögerungen oder teure Neuentwicklungen. Und anders als in zivilen Branchen ist der Schaden nicht nur wirtschaftlicher, sondern vor allem auch sicherheitspolitischer Art.

Streitkräfte müssen ihre Lieferketten resilienter und transparenter gestalten, um für den Ernstfall wehrfähig zu sein. ©Pixabay

Kritische Abhängigkeiten

Kaum ein Bereich zeigt beispielsweise die Verwundbarkeit der Verteidigungsindustrie so deutlich wie der Markt für „Seltene Erden“. Rund 90 Prozent der weltweiten Raffinierungskapazitäten liegen in China. Ohne diese Stoffe funktionieren keine Hochleistungsmagnete in Radar- oder Antriebssystemen, keine Sensoren, keine präzisen Steuerungseinheiten. Halbleiter sind ein weiterer neuralgischer Punkt. Ein Großteil der modernsten Chips kommt aus Taiwan, einer Region, die geopolitisch im Zentrum globaler Spannungen steht.

Besonders kritisch ist, dass viele militärische Hightech-Komponenten aus Nischenmärkten stammen, in denen nur wenige Unternehmen weltweit über entsprechende Expertise verfügen. Dadurch genügt oft ein einzelnes Ereignis – eine Naturkatastrophe, ein Brand oder eine politische Krise –, um die komplette Versorgung lahmzulegen. Solche Engpässe führen dazu, dass Streitkräfte ihre Einsatzfähigkeit nur eingeschränkt oder verzögert herstellen können, weil sie auf die Lieferung von Ersatzteilen, Modernisierungskomponenten oder neuen Systemen warten müssen.

Regeln militärischer Lieferketten

Während zivile Märkte in Engpässen häufig auf Alternativen ausweichen können, ist diese Option im militärischen Umfeld stark begrenzt. Die Zertifizierung neuer Lieferanten dauert oft Monate bis Jahre. Spezielle Bauteile lassen sich nicht einfach substituieren, da Sicherheit, Zuverlässigkeit und Interoperabilität höchste Priorität haben. Zudem müssen Produktionskapazitäten im Ernstfall schnell skalierbar sein.

Dies ist ein Anspruch, der in globalen, Just-in-Time-orientierten Lieferketten häufig nicht erfüllt wird. Militärische Versorgungsketten benötigen deshalb ein anderes Sicherheitsniveau: Redundanzen statt Minimalbestände, strategische Vorräte statt Lean-Logistik, langfristige Verträge statt kurzfristiger Ausschreibungen. Die Erkenntnis setzt sich zunehmend durch, dass Resilienz kein Kostenfaktor ist, sondern eine Voraussetzung für Verteidigungsfähigkeit. Dafür bieten sich folgende Strategien an:

Strategische Diversifizierung

Eine zentrale Maßnahme zur Erhöhung der Lieferkettenresilienz ist die Diversifizierung von Bezugsquellen. Gerade bei kritischen Rohstoffen bedeutet das, alternative Partner auch außerhalb geopolitischer Risikozonen zu erschließen. Staaten wie Australien, Kanada oder skandinavische Länder investieren massiv in den Ausbau ihrer Förder- und Raffineriekapazitäten für „Seltene Erden“ und andere strategische Materialien.

Diversifizierung bedeutet jedoch nicht nur geografische Streuung. Sie umfasst auch technologische Alternativen. So arbeiten Industrie, Hochschulen und außeruniversitäre Institute intensiv an Ersatzmaterialien oder daran, den Einsatz seltener Rohstoffe zu minimieren. Halbleiterindustrie, Wehrtechnik und Maschinenbau arbeiten gemeinsam an neuen Designs, die weniger anfällig für einzelne Lieferantenengpässe sind.

Lokalisierung und Re-Shoring

Ein entscheidender Trend der letzten Jahre ist die Rückverlagerung kritischer Produktion in die eigenen Wirtschaftsblöcke. Beispielsweise investieren die USA Milliarden in lokale Chipfabriken, Europa folgt mit ambitionierten Programmen wie dem „EU Chips Act“. Ziel ist es, Hochtechnologie wieder kontrollierbar zu machen und Fähigkeiten aufzubauen, die bisher global verteilt waren.

Auch in der Verteidigungsindustrie steigt der Druck, zentrale Komponenten national oder zumindest im Verbund mit verlässlichen Partnern zu produzieren. Lokalisierung ermöglicht nicht nur kürzere Lieferwege und bessere Qualitätskontrolle, sondern reduziert auch die Gefahr politischer Erpressbarkeit. Für Unternehmen bedeutet das massive Investitionen, aber auch langfristige Planungssicherheit und technologische Souveränität.

Redundanzen statt Minimalbestände, strategische Vorräte statt Lean-Logistik, langfristige Verträge statt kurzfristiger Ausschreibungen – Lieferketten-Resilienz ist heute eine entscheidende strategische Ressource. Soldaten vom Luftumschlagzug im Lufttransportgeschwader 61, in Penzing schlagen Material um. Stabsunteroffizier Vanessa K. überwacht im Luftumschlagzug des LTG 61, dass auch die richtige Fracht an den richtigen Bestimmungsort gelangt. ©Bundeswehr/Andrea Bienert

Transparenz als Schlüsselfaktor

Zu den größten Herausforderungen bei der Etablierung moderner Lieferketten gehört der Mangel an Transparenz. Viele Unternehmen wissen zwar, von wem sie ihre Waren beziehen, aber nicht, wo deren Zulieferer einkaufen. Spätestens auf der dritten oder vierten Wertschöpfungsstufe endet die Sichtbarkeit. Genau dort verstecken sich jedoch häufig die größten Risiken.

Digitale Tools wie Supply-Chain-Monitoring, blockchain-gestützte Dokumentation und automatisierte Risikoanalysen schaffen erstmals die Möglichkeit, Lieferketten bis in die tiefste Ebene zu verfolgen. Diese Transparenz ist entscheidend, um Schwachstellen zu erkennen, bevor sie sich in kritische Ausfälle verwandeln. Echtzeitdaten ermöglichen Prognosen, Szenarien und schnelle Gegenmaßnahmen – ein Vorteil, der im militärischen Kontext über Einsatzfähigkeit oder Stillstand entscheidet.

Lagerhaltung neu gedacht

Die jahrzehntelange Fixierung auf Just-in-Time-Produktion hat zwar Kosten eingespart, aber gleichzeitig die Verwundbarkeit erhöht. Für sicherheitsrelevante Bereiche ist dieser Ansatz überholt. Viele Staaten kehren deshalb zu strategischen Vorräten zurück. Dies betrifft nicht nur Rohstoffe, sondern auch Elektronikkomponenten, Ersatzteile und Softwarelizenzen.

Moderne Lagerhaltung ist jedoch nicht mit ineffizienter Überbevorratung zu verwechseln. Intelligente Bestandsplanung nutzt Modelle, die politische Risiken, Nachfragevolatilität und Lieferzeiten integrieren. Dadurch entstehen Sicherheitsnetze, die im Ernstfall entscheidende Wochen oder Monate überbrücken können.

IT-Sicherheit in der Lieferkette

Lieferketten sind nicht nur physisch, sondern zunehmend auch digital gefährdet. Angriffe auf Zulieferer, Manipulation von Software-Updates oder Industriespionage gehören mittlerweile zu den häufigsten Bedrohungen. Verteidigungsprojekte sind dabei besonders attraktiv für Angreifer, da ein einziger erfolgreicher Angriff den Zugriff auf Tausende Komponenten oder vertrauliche Konstruktionsdaten ermöglichen kann.

Eine resiliente Lieferkette braucht daher zwingend ein robustes IT-Sicherheitsökosystem. Das heißt unter anderem eine durchgehende Verschlüsselung, Zero-Trust-Architekturen, kontinuierliche Überprüfung von Drittparteien und Schutzmechanismen für Softwarelieferketten. Denn eine Kette ist immer nur so stark wie ihr schwächstes digitales Glied.

Kooperation statt Insellösungen

Kein Land und kein Unternehmen können die Komplexität moderner Lieferketten allein beherrschen. Resilienz entsteht durch die Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Unternehmen, Forschungseinrichtungen und internationalen Partnern. Gemeinsame Standards, transparentere Kommunikation und abgestimmte Strategien ermöglichen es, Krisen früh zu erkennen und gemeinsam zu reagieren.

Gerade im Verteidigungssektor können starke Kooperationen zum entscheidenden Vorteil werden. Gemeinsame Beschaffungsprogramme, geteilte Produktionskapazitäten und gegenseitige Garantien reduzieren die Risiken einzelner Staaten und stärken gleichzeitig die strategische Unabhängigkeit des gesamten Bündnisses.

Resilienz als Fundament moderner Wehrfähigkeit

Die militärische Überlegenheit von morgen entscheidet sich nicht allein auf dem Gefechtsfeld, sondern auch in Fabrikhallen, Laboren und entlang globaler Handelsrouten. Resiliente Lieferketten sind das Rückgrat jeder funktionierenden Verteidigung. Sie sichern die Verfügbarkeit kritischer Komponenten, ermöglichen schnelle Reaktionsfähigkeit und schützen vor politischer Erpressbarkeit.

Die geopolitische Lage macht deutlich, dass Abhängigkeiten und Risiken zwar nicht vollständig beseitigt werden können, sich aber intelligent managen, streuen und absichern lassen. Diversifizierung, Lokalisierung, Transparenz, IT-Sicherheit und strategische Kooperationen bilden das Fundament einer modernen Sicherheits- und Industriepolitik. Wer diese Elemente konsequent umsetzt, macht seine Lieferketten nicht nur widerstandsfähiger, sondern erhöht die Handlungsfähigkeit seines Landes in Krisenzeiten.

Erstveröffentlichung in Europäische Sicherheit & Technik, 25.02.2026, www.esut.de

Autor: Otto Geißler

Ohne Vorhalteverträge keine Verlässlichkeit – Erst Logistik macht Abschreckung glaubwürdig

Bei der nunmehr omnipräsenten Debatte um unsere Verteidigungsfähigkeit liegt der Fokus oft allein auf der Ausstattung: Über wie viele Panzer, Fregatten, Kampfjets und welche Munitionsbestände verfügen wir?

Militärhistoriker kennen jedoch unzählige Zitate führender Generäle, welche die herausgehobene Bedeutung der Logistik in Konflikten verdeutlichen. „In war, amateurs talk strategy; professionals talk logistics“ (auf Deutsch: „Im Krieg sprechen Amateure über Strategie, Profis über Logistik.“) ist wohl eines der bekanntesten. Insbesondere in Deutschland müssen wir uns immer wieder vor Augen halten, dass unsere Rolle in den Verteidigungsplänen der NATO deutlich über die eines bloßen Truppenstellers hinausgeht.

 Vom Appell zur Umsetzung

Deutschland ist die „Drehscheibe“ der NATO im Herzen Europas – und somit der Knotenpunkt, durch den der Großteil der NATO-Truppen im Falle einer Konfrontation an der Ostflanke verlegt und versorgt werden muss. Während die mediale Aufmerksamkeit bereits auf dem logistischen Kraftakt der Verlegung liegt, wird die Komplexität der darauffolgenden Dauerversorgung noch immer weitgehend ausgeblendet.

Das ist fatal, denn die härteste Währung der Abschreckung ist nicht allein der einsatzbereite Großverband an der richtigen Stelle zum richtigen Zeitpunkt, sondern die Fähigkeit, diese einzelnen Verbände über Wochen und Monate hinweg zu versorgen, Verwundete und Gefallene zurückzuführen, ausgefallenes Material abzuschieben, sowie personelle und materielle Ausfälle aufzufüllen.

Der Operationsplan Deutschland ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

 Was jetzt zu tun ist

Während die Logistik zu Zeiten des Internationalen Krisenmanagements (IKM) größtenteils planbar war und zyklisch verlief, haben wir diesen Luxus im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung nicht mehr. Hier zählen Masse, Geschwindigkeit und die unerbittliche Logik der Geografie.

Deutschland muss in die Lage versetzt werden, auch dieser logistischen Schlüsselrolle gerecht zu werden. Und dies nicht nur im formellen „Friedenszustand“, sondern auch im Spannungs-, Krisen- und Verteidigungsfall. Angesichts der offensichtlichen Bedeutung Deutschlands für die NATO sind wir bereits jetzt Ziel hybrider Angriffe auf kritische Infrastruktur, Rüstungsindustrie und Schienenwege. Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass im Ernstfall die gesamte logistische Kette „Factory to Foxhole“ Ziel intensivierter hybrider sowie kinetischer Angriffe sein wird – obwohl Deutschland Hunderte Kilometer vom potenziellen Frontverlauf entfernt liegt.

 Arbeitsagenda für die Allianz

Genau diese „Tyrannei der Entfernung“ erfordert für die Bundeswehr neue Ansätze: nämlich die Skalierung und vollumfassende Integration der zivilgewerblichen Leistungserbringung in den militärlogistischen Wirkverbund bis in das Einsatzgebiet hinein. Dies ist zwingend, da die verfügbaren logistischen Kräfte der Bundeswehr auf den letzten 100 Kilometern bis zur Front konzentriert sein werden, um die Versorgung im direkten Einsatzgebiet zu gewährleisten.

Der Operationsplan Deutschland (OPLAN DE) sieht explizit einen integrierten logistischen Wirkverbund aus fünf Säulen vor: den eigenen Fähigkeiten der Bundeswehr, gesamtstaatlichen Leistungen, gewerblichen Leistungen, multinationaler Kooperation (NATO) und den Vorsorge- und Arbeitssicherstellungsgesetzen.

 Säulen des logistischen Wirkverbunds

Der Weg hin zur zwingend notwendigen zivilgewerblichen Leistungserbringung bereitet mir derzeit am meisten Sorgen.

Es ist mitnichten so, als hätte die Bundeswehr keine Erfahrung in der Integration zivilgewerblicher Partner. Jedoch sind die Größenordnungen, für die wir nun planen müssen, gänzlich andere. Es wäre geboten, von einer neuen Dimension der zivil-militärischen Lastenteilung zu sprechen, die es zu finanzieren, zu etablieren und – zu guter Letzt – zu beüben gilt. Hier gibt es eine Vielzahl von Problemfeldern:

Erstens hat die Bundeswehr in den vergangenen Jahrzehnten der „Friedensdividende“ aus Kostengründen davon abgesehen, Verträge für haushaltsmittelbindende Leistungen zu schließen, die „nur eventuell“ abgerufen werden müssten. Spätestens 2026 müssen wir hier eine fundamentale Kehrtwende vollziehen. Alles, was wir nicht vertraglich festgehalten und umfassend geübt haben, wird am „Tag X“ entweder nicht verfügbar sein oder nicht funktionieren.

Zweitens sind die derzeitigen vertragsrechtlichen Voraussetzungen für „Vorhalteleistungen“ in einem wettbewerbsorientierten Markt unternehmerisch unattraktiv. Das geltende Vergaberecht erweist sich oft als Hindernis, da es primär den niedrigsten Preis belohnt. Hinzu kommt das Zögern der öffentlichen Hand, marktübliche Gegebenheiten wie Leerfahrten auch tatsächlich zu vergüten. Sie wirken sich negativ auf die Attraktivität der Bundeswehr als Vertragspartner für zivile Speditionen aus – und damit auf deren Verlässlichkeit im Ernstfall. Da Planbarkeit und die verlässliche Leistungserbringung oberste Priorität für den Erfolg der „Drehscheibe Deutschland“ darstellen, sollten diese Faktoren bei Ausschreibungsausgestaltung entsprechend gewichtet werden.

Drittens fand in den letzten Jahrzehnten eine erhebliche Verlagerung von Kapazitäten ins europäische Ausland statt – sowohl als Folge als auch zur Kompensation des innerdeutschen Fahrermangels. Bereits 2022 waren rund ein Viertel der in Deutschland tätigen Berufskraftfahrer Ausländer ohne deutschen Pass. Im Bündnisfall bedeutet dies, dass potenziell 25 Prozent unserer logistischen Kapazitäten wegfallen könnten, da diese Fahrer in ihren Heimatländern (oft NATO-Staaten wie Polen, Bulgarien und Rumänien) der dortigen Wehrpflicht unterliegen.

Diese Probleme sind zwar erkannt, nun aber müssen sie zwingend adressiert werden. Das BMVg sowie das Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr (BAIUDBW) stehen vor einer kulturellen und kommunikativen Herkulesaufgabe. Die deutsche Logistikbranche ist bereit, ihren Beitrag zu leisten, fordert aber verständlicherweise ein Entgegenkommen der Amtsseite sowie verbindliche Vorgaben und finanzielle Planungssicherheit.

Uns muss klar sein: Die Ausweitung der zivilgewerblichen-militärischen Lastenteilung im Bereich der Logistik ist alternativlos. Wir können nicht erst in der Krise an die Tür der Transportunternehmen klopfen. Vorhalteverträge sind derzeit der einzige Weg, den Drahtseilakt zwischen finanzieller Sicherheit für die Unternehmen, Verlässlichkeit für die Streitkräfte und der Möglichkeit des gemeinsamen Übens zu meistern.

Dies erfordert eine neue Art von Pragmatismus aller Beteiligten – um sicherzustellen, dass Deutschland seiner wohl wichtigsten Verpflichtung in der Verteidigungsplanung der NATO, nämlich der, als logistische Drehscheibe im Herzen Europas auch vollumfänglich nachkommen kann.

 Vom Appell zur Umsetzung

Damit diese Allianz mehr ist als ein Appell, braucht sie eine klare Arbeitsagenda: standardisierte Vorhalteverträge, wiederkehrende Übungen in realistischen Größenordnungen und vor allem belastbare Schnittstellen zwischen militärischer Planung und ziviler Disposition. Ein gemeinsames Lagebild über verfügbare Transportmittel, kritische Engpässe und Prioritäten – digital, aktuell und krisenfest – ist dabei kein „nice to have“, sondern die Voraussetzung, um Geschwindigkeit und Masse im Ernstfall überhaupt organisieren zu können.

Abschreckung wirkt nur, wenn sie glaubwürdig durchgehalten werden kann. Genau daran entscheidet sich die „Drehscheibe Deutschland“: nicht am ersten Tag der Verlegung, sondern an Tag 30, Tag 60 und Tag 120 der Dauerversorgung. Wer diese Durchhaltefähigkeit vertraglich vorbereitet, praktisch beübt und politisch absichert, stärkt nicht nur die Bundeswehr, sondern die Handlungsfähigkeit des gesamten Bündnisses. Logistik ist damit keine Unterstützungsfunktion – sie ist ein zentraler Teil der Abschreckung.

Natürlich lässt sich die Komplexität dieses Systems nicht auf wenigen Seiten erschöpfend behandeln. Doch dieser Text soll ein Weckruf sein: Amtsseite und Industrie müssen aufeinander zugehen. Nur durch eine pragmatische Allianz zwischen Bundeswehr und Logistikwirtschaft erreichen wir die nötige Kriegstauglichkeit und Aufwuchsfähigkeit. Sie ist die Basis, um unsere Freiheit und Demokratie im Ernstfall erfolgreich zu verteidigen.

Erstveröffentlichung in Europäische Sicherheit und Technik, 06.02.2026, www.esut.de

Autor: Kerstin Vieregge, MdB, Vizepräsidentin GSP und Obfrau der CDU/CSU Fraktion im Verteidigungsausschuss und Berichterstatterin für das Operative Führungskommando & OPLAN Deutschland

Bild: ©Bundeswehr/Sauder

Verteidigungsfähigkeit Deutschlands – Leitthema der Informationsveranstaltung des „blauer Bund e.V.“

Wie steht es um die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands unter neuen sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen? Dieser Leitfrage widmete sich die Informationsveranstaltung des blauen Bundes (bB) in der Lucius-D.-Clay-Kaserne in Osterholz-Scharmbeck.

Der Präsident des bB, GenMaj Jochen Deuer, begrüßte die Anwesenden der Veranstaltung zu einem außergewöhnlichen Zeitpunkt, findet die Veranstaltung doch traditionell im November eines Jahres statt. Der Ruf des Herrn Ministers Boris Pistorius im Herbst 2025 hatte die Verschiebung verursacht, erklärte der Präsident. Und trotz Verschiebung ließen sich rund 170 Besucher aller TSK/OrgBer aus Logistik und Rüstung sowie Vertreter der zivilen Logistik und Wehrindustrie, diese Gelegenheit nicht entgehen.

Der Präsident des Blauer Bund e.V., GenMaj Jochen Deuer, begrüßt die Teilnehmenden der Informationsveranstaltung in Garlstedt. ©Bundeswehr/Jana Grünberg
Rund 170 Besucher nutzten die Informationsveranstaltung des blauer Bund e.V. um sich weiterzubilden und zu informieren. ©Bundeswehr/Jana Grünberg

Mitgliederversammlung bB

Zuvor wurde jedoch in der Mitgliederversammlung des bB ein Blick auf die zurückliegende Zeit im Verein seit November 2024 geworfen und über die Pläne für die Zukunft berichtet.

Der Präsident: „Mit rund 1.100 Mitgliedern stagniert unsere Mitgliederzahl auf hohem Niveau.“

GenMaj Deuer führte die Attraktivität des bB auf die ansprechenden Vereinspublikationen, den attraktiven Webauftritt und die Informationsveranstaltung – als Zugpferd – zurück. Besonders das ansprechende Corporate Design und das MAGAZIN bB seien hervorzuheben. Auch die Mitarbeit des bB innerhalb des „Beirat für Reservistenangelegenheiten“ sehe er als wichtig an, um im Sinne der Reservisten im Verein mitgestalten zu können.

Während die Suche nach einem Redakteur/Redakteurin erfolgreich war, und Frau Dr. Melanie Rohe vom Vorstand bereits mit dieser Aufgabe betraut wurde und nun von der Versammlung bestätigt wurde, gilt es, den unerwarteten Wegfall des Schatzmeisters noch zu kompensieren.

Hier sendet der Vorstand den Appell an jedes einzelne Mitglied: „Ein Verein lebt davon, sich einzubringen!“

 Die Informationsveranstaltung

Die folgenden sieben Einzelvorträge mit der Leitfrage „Wie steht es um die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands unter neuen sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen?“ waren geprägt von erfreulicher Offenheit und höchst aktuell. An der Vielzahl der gestellten Fragen konnte man das große Interesse des Publikums an den Inhalten gut ablesen.

Den Aufschlag machte Vizeadmiral Carsten Stawitzki, Rüstungsdirektor und AL Rü im BMVg, zu einer strategischen Standortbestimmung zur Nationalen Sicherheit und Verteidigung.

Vizeadmiral Carsten Stawitzki, Rüstungsdirektor und AL Rü im BMVg zu einer strategischen Standortbestimmung zur Nationalen Sicherheit und Verteidigung. ©Bundeswehr/Jana Grünberg

„Rüsten (wir uns) in einer Welt des Umbruchs. Nur wer glaubhaft kriegstüchtig ist, kann auch abschrecken.“ Dies überschrieb den ersten Teil seiner Ausführungen, in denen er den ungewohnten Blick von der Arktis auf den Globus warf. Dort träfen Interessengebiete Russlands und der NATO überlappend aufeinander. Wer seinen Blick auf die nationale eigene Scholle beschränke, mache sich angreifbar, orderte er ein. Mit dem Blick auf Europa, als Sammlung von Mittelmächten, forderte er mehr Einigkeit. Auch zeitlich ordnete er das Geschehen ein, von den IKM Einsätzen, wie aus seinem eigenen Erleben in Afghanistan, bis zum heutigen Krieg in der Ukraine.

Als Rüstungsdirektor frage ich mich: „Rüsten wir das Richtige richtig?“

Mit dem Schwerpunkt auf der Bündnisverteidigung müssten – vom Einsatz her gedacht – die Pläne zur Verteidigung die erforderlichen Kräfte bestimmen und die Streitkräfteplanung und Strukturen folgen. Dabei gelte es keine Zeit zu verlieren und die bereitgestellten Finanzen in Kriegstüchtigkeit zu verwandeln.

„So gelingt glaubhafte Abschreckung. Wir sind da auf einem guten Weg!“ endete er.

Im Anschluss erläuterte Oberst i.G. Dirk Harder, Branch Head Logistics and Medical im International Military Staff NATO, Logistics and Resources Division, die aktuelle Entwicklung bei der NATO.

Oberst i.G. Dirk Harder, International Military Staff NATO, ©Bundeswehr/Jana Grünberg

Er zeigte auf, dass Logistik ein gewichtiges Thema in der NATO sei, über das aktuell auch der Generalsekretär mit den Regierungschefs spreche. Dies sei nicht verwunderlich, da logistische Fähigkeiten einen entscheidenden Teil zur Abschreckung beitrügen. Der „Logistics Aktions Plan“ der NATO zu Reinforcement and Sustainment (RSN) sei erstellt.

„Das Tempo der Logistik ist entscheidend. Für die Länder ist Host Nation Support für einen Aufmarsch keine Frage des ob, sondern des wie?“ machte Oberst Harder klar. 

Die Vorbereitung auf dem Sektor der Gesundheitsversorgung würden in ähnlicher Weise folgen, gab er bekannt.

Danach trug Oberstleutnant Christian Pingel, von der NSPA, zu den Möglichkeiten der logistischen Unterstützung durch die Rüstungsagentur der NATO vor.

Oberstleutnant Christian Pingel, von der NSPA, ©Bundeswehr/Jana Grünberg

Er stellte dar, dass die NSPA mit bis zu 70.000 Vertragspartnern die Lücken in der militärischen Logistik schließen könne und dies in vielen Ländern Europas aktuell so sattfinde. Die Leistungen orientierten sich stark nach den Anforderungen der Kunden und umfassten eine große Bandbreite.

Das Spektrum des zeitlichen Vorlaufs reiche von: „Start nächste Woche bis, dafür brauchen wir dann schon ein Jahr, zum Beispiel für ein komplettes Feldlager“.

Die „Contractors“ der NSPA würden zur notwendigen Unterstützung der Logistik jedoch eher in der 3. und 4. Ebene eingesetzt, also nicht am „scharfen Ende“.

Gesellschaftsabend

Netzwerke festigen und erweitern ist ein wichtiges Ziel des bB, welches während des Gesellschaftsabends mühelos erreichbar war. Die traditionelle Sammlung für das Soldatenhilfswerk ergab die Summe von 1.290 Euro, die vom bB auf 1.500 Euro aufgestockt wurde. Zehn Mitglieder wurden für ihre 25-jährige Treue zum bB vor Ort geehrt. Weitere Jubilare werden die Urkunde von den Vorsitzenden ihrer Kameradschaft erhalten.

    Die Ehrung für 25jährige Treue zum bB durch den Präsidenten, (oben v.l.n.r.) Oberst i.G. Mario Karnstedt, Oberst i.G. Boris Junk, Oberst d.R. Ulrich Otto, Oberstleutnant Michael Rudolf Koch, Oberst Christoph Hermann Schladt, (unten v.l.n.r.) Oberstleutnant Thomas Altmann, Oberstleutnant Hendrik Hilgendorff, Oberstleutnant Daniel Ridderbusch, Oberstleutnant Ralf Kauthe, Oberstleutnant a.D. Matthias Weigmann, ©Bundeswehr/Roman Schlosser

Die Informationsveranstaltung Tag 2

Den Start in den zweiten Tag vollzog Oberst i.G. Boris Junk, Referatsleitern im BMVg SK V 2, zum militärischen Anteil der Gesamtverteidigung, also dem Operationsplan (OPLAN) Deutschland.

Den OPLAN Deutschland stellte Oberst i.G. Boris Junk, Referatsleiter SK V 2 im BMVg, vor, ©Bundeswehr/Jana Grünberg

Der Experte aus dem Ministerium machte deutlich, dass eine Bedrohung für die NATO gegeben sei, selbst wenn keine Indikatoren für konkrete Vorbereitungen vorlägen. Das Potential sei vorhanden. Der Nationale Sicherheitsrat sei eine Stärkung der Verteidigung gegen die existierende hybride Bedrohung. Der Kernauftrag der Bundeswehr zur Landes- und Bündnisverteidigung sei nur gesamtstaatlich (gesamtgesellschaftlich) umsetzbar.

Der vorgestellte OPLAN Deutschland dürfe nicht als allumfassender Plan zur Gesamtverteidigung verstanden werden, sondern umfasse den militärischen Anteil in Deutschland und die Unterstützung der Streitkräfte von ziviler Seite. Beispielsweise wäre der Schutz kritischer Infrastruktur durch militärische Kräfte nur dann berücksichtigt, wenn diese militärisch bedeutsam sein.
Die komplementäre Planung der zivilen Seite zur Gesamtverteidigung wachse gerade auf.

„Rechnen sie mit verstärkter Übungstätigkeit im Land, besonders für den Aufmarsch in der Rolle Deutschlands als logistische Drehscheibe!“

Darauffolgend führte Oberst i.G. Stefan Frankenberger, Chef des Stabes der HSchDiv, zur Lage der Heimatschutzdivision aus.

Oberst i.G. Stefan Frankenberger, Chef des Stabes der HSchDiv, zur Heimatschutzdivision, ©Bundeswehr/Jana Grünberg

Die Heimatschutzdivision mit ihren 6 Regimentern, in denen jeweils eine Kompanie als Ausbildungskompanie aktiv ist, leiste einen wichtigen Beitrag für den OPLAN Deutschland, erklärte Oberst Frankenberger.

Dieser Beitrag gliedere sich in Schutz und Sicherung, Unterstützung des Aufmarschs durch Deutschland und Amts-/Katastrophenhilfe.

Im Fokus der Division bei Ausbildung und Ausstattung stünden derzeit die Fähigkeit zur Wahrnehmung von Wach- und Sicherungsaufgaben, Drohnenaufklärung und -abwehr (C-sUAS) und die Führungsfähigkeit.

Es sei vorgesehen, die Ausbildung von Wehrpflichtigen durchzuführen und verbunden damit auch die Ausbildung zum Offizier der Reserve als ROA SaZ02 mit Qualifikation Sicherungszugführer zu ermöglichen.

Weiterhin sei ein schnelles Reaktionselement (SRE C-sUAS) zur Drohnenabwehr aktuell in Vorbereitung. Der Wirkbetrieb solle noch in diesem Jahr liegen.

BrigGen Stephan Kurjahn, Kommandeur der TSH, erläuterte die Ideen für Logistische Ausbildungseinrichtungen in Krise und Krieg.

BrigGen Stephan Kurjahn, Kommandeur der TSH, zur Schule in Krise und Krieg, ©Bundeswehr/Jana Grünberg

Der Kommandeur aus Aachen zeigte zunächst die vorherrschenden Rahmenbedingungen an der TSH auf. Zum einen bestimmten die Zuläufe neuer Systeme – beim gleichzeitigen Verbleib des bereits eingeführten Geräts – zum anderen der höhere Bedarf an Ausbildung durch den Aufwuchs der Streitkräfte – und damit auch der Instandhaltungskräfte – die künftige Auftragslage.

Auch sei das Lehrgangsgebäude in seiner Vielfalt und die Diversität der fachlich zuständigen Stellen außergewöhnlich.

Die Überprüfung des aktuellen Auftrags und dessen Durchführung, an den Bedarfen von LV/BV böten jedoch Möglichkeiten der Verbesserung.

„Wir haben rund 270 Lehrgänge untersucht. Davon bleiben in Krise und Krieg noch weniger als 170 relevant. Die Pläne haben wir im Schreibtisch!“

Durch das Reduzieren auf das Nötigste sowie der Bündelung von Kräften könne aus eigenen Ressourcen die Kapazität dafür um den Faktor 4 gesteigert werden, erklärte der Kommandeur.

Logistische Ausbildungseinrichtungen in Krise und Krieg, darüber berichtete BrigGen Holger Draber, Kommandeur der Logistikschule der Bundeswehr.

BrigGen Holger Draber, Kommandeur der Logistikschule der Bundeswehr zur Schule in Krise und Krieg, ©Bundeswehr/Jana Grünberg

Der Gastgeber ordnete die möglichen Umstellungen an seiner Schule zunächst im allgemein militärischen Kontext ein.

„Eine Anpassung, die wir bereits angestoßen haben, ist es ein War Gaming Logistics aufzusetzen.“, gab er bekannt.

Bei der stärkeren Digitalisierung in der Ausbildung seien der Einsatz von Drohnen, die Anwendung von KI und der 3D-Druck voranzutreiben. Mit moderner Ausbildungstechnologie sei ein ortsunabhängiges Ausbilden in virtuellen Trainingsumgebungen möglich, so General Draber.

Die Teilhabe an und das Auswerten von Übungen – beispielsweise Steadfast Dart 2026 – habe großen Wert, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Trotz multinationaler Einbindung im Rahmen des Bündnisses habe ein Nationales Element zur Unterstützung (NSE) seine Berechtigung. Die Ausbildung des Personals eines solchen NSE HQ (Hauptquartier) sei am Anteil JSTC der LogSchBw sinnvoll durchzuführen.

Am Ende der Veranstaltung bedankte sich der Präsident im bB GenMaj Jochen Deuer bei allen Mitwirkenden und warb bereits jetzt für die Informationsveranstaltung im Herbst 2026 in Aachen, die am 19./20.11.26 stattfinden soll.

Impressionen von der Informationsveranstaltung im Februar 2026 (©Bundeswehr/Jana Grünberg)

   

Autor: Oberstleutnant Roman Schlosser

 

Heimatschützer trainieren Sicherung der Infrastruktur

Die Heimatschutzkompanie Sachsen trainiert ein Szenario der Landes- und Bündnisverteidigung. Über einen Bahnhof verlegt die Bundeswehr eigene und alliierte Truppen in Richtung Ostflanke. Die Kompanie erhält den Auftrag, eine Verladerampe für Panzer zu sichern.

Um auf diesen Ernstfall vorbereitet zu sein, üben die Soldatinnen und Soldaten des Heimatschutzregiments 5 regelmäßig, dieses Mal auf dem Truppenübungsplatz Lehnin.

Soldatinnen und Soldaten der Heimatschutzkompanie Sachsen trainieren auf einem Gelände in Lehnin den Gebäudekampf

„Klare Kommunikation“, ruft Oberstleutnant Bernd B. bei der Befehlsausgabe in die Formation. Der Kompaniechef zeigt mit einem Stock auf den Geländesandkasten. Das ist ein Modell des Geländes, nachgebaut aus natürlichen Materialien. Die Truppe ist fokussiert, ihre Motivation ist hoch. Mithilfe des Sandkastens gibt der Chef die Übungslage und den Auftrag durch. Der hat es in sich: Das Gelände ist weitläufig und umfasst mehrere Gebäude, Waggons, eine Verladerampe und ein angrenzendes Waldstück. „Unser Ziel ist es, das Objekt zu sichern und die Sabotage der Verladung zu verhindern“, erläutert der Kompaniechef die Anforderung an seine Einheit. Dabei übt die Kompanie vielseitige Fähigkeiten, etwa Wach- und Sicherungsaufgaben. Zur Ausbildung gehören auch Aufträge im Zusammenhang mit der Rolle Deutschlands als logistische Drehscheibe, über die sich die NATO Bündnistruppen von West nach Ost bewegen. Darüber hinaus soll den Soldaten vermittelt werden, feindbesetzte Gebäude zu nehmen, um sie anschließend zu sichern. Das erfordert intensives Training und Erfahrung.

Hohe Ausbildungsstandards

Zur Heimatschutzkompanie Sachsen gehören Reservistinnen und Reservisten aller Dienstgrade bis zum Oberstleutnant. Die meisten von ihnen wohnen in Sachsen und sind mit Land und Leuten vertraut. Ihr Hauptauftrag ist es, die aktive Truppe im Wach- und Sicherungsdienst für militärische Anlagen und Infrastruktur zu unterstützen und zu stärken. „Wir adaptieren bei den Aufgaben im Heimatschutz die
Ausbildungsstandards des Heeres“, sagt Oberstleutnant B. Die Heimatschützer müssten sich auf Zivilisten, auf Störer, aber auch auf subversive Kräfte, einen militärischen Gegner einstellen. Denkbar seien Agenten, die militärische Objekte ausspähen oder Brandsätze legen. Es könnten aber auch professionelle Sabotagetrupps sein, die mit Handwaffen und Sprengmitteln ausgestattet sind. Um auf solche unterschiedlichen Akteure eingestellt zu sein, sind die Ausbildungsstandards entsprechend hoch. Wie wird das erreicht?

In Sachen Ausbildung hat sich im Heimatschutz seit der Unterstellung unter das Heer viel getan. „Wir haben einen klaren Ausbildungsauftrag“, sagt der Chef. Das sei vorher nicht der Fall gewesen. Personell, materiell und was die Ausrüstung betreffe, sei jetzt eine ganz andere Dynamik im Heimatschutz zu verzeichnen. „Ich habe nun die Ausbilder, um mit drei Zügen ausbilden zu können. Wir können vom Einzelschützen bis zum Offizier weiterbilden. Durch den Neuen Wehrdienst wird Personal hinzukommen. Und wir haben einen Ausbilder, der die Drohnenbedienung unterrichtet. So können wir auch Reservisten aus anderen Kompanien ausbilden“, zählt der Kompaniechef auf.

Im Auge des Sturms

Zurück in der Lage. Nach den Vorbereitungsmaßnahmen beziehen die Kräfte die Ausgangsstellung, um ein feindbesetztes Gebäude zu nehmen. Ein Trupp mit vier Männern positioniert sich hinter einem Waggon. Ein kurzes Signal an ihre Kameraden, die sich wenige Meter hinter ihnen befinden, und sie stürmen mit dem Gewehr G36 aus der Deckung. Mit schnellen Schritten geht es in Richtung Gebäudewand. Ein Soldat sichert nach oben ab, einer richtet sein G36 nach links, ein anderer nach rechts. Der vierte Kamerad konzentriert sich auf das Gebäude  geradeaus. An einem Fenster, der möglichen Einbruchstelle, positioniert sich der Trupp und dringt in das Gebäude ein.

Der erfolgreiche Kampf in und um Gebäude verlangt höchste Konzentration und praktisches Können. In Lehnin lernen die Reservistendienstleistenden auch die Annäherung an ein Gebäude.

Im Haus riegelt ein Soldat einen Flur ab, ein anderer arbeitet sich eine Treppe hoch. Während die Soldaten ins erste Geschoss vordringen, rücken weitere Trupps in das Gebäude nach. An dieser Stelle unterbricht der Leitende die Übung und versammelt die Soldaten um sich. Die unverzügliche
Manöverkritik der Ausbilder ist wertvoll: Sie verdeutlicht den Wert klarer Kommunikation und vermittelt Grundsätze wie die Aufstellung und Bewegung des Trupps im Raum. So gelingt es, Schritt für Schritt die Mängel abzustellen.

Gefährliches Nadelöhr

Schnell wird deutlich: Das richtige Nehmen eines Gebäudes ist die Königsdisziplin – selbst unter anfänglich einfachen Bedingungen. Man merkt: Je besser die Soldatinnen und Soldaten einzeln und in ihrem Zusammenwirken werden, desto komplexer wird das Szenario gestaltet: Wie ist die Lage im Gebäude? Sind unbeteiligte Personen oder ausschließlich Feindkräfte im Haus? Überall könnten Sprengfallen lauern.

An diesem Tag setzen die Soldatinnen und Soldaten nun zum vierten Mal an, um das Gebäude zu nehmen. Aus den Fenstern blitzen die Läufe von Sturmgewehren, das Gebäude ist definitiv feindbesetzt. Ein Trupp nähert sich. Die Reservisten, die sich im Haus gegenüber verschanzt haben, müssen den Feind am Fenster niederhalten, also mit Feuer in die Deckung zwingen. „Handgranate!“, ertönt es. Auf der freien Fläche zwischen Bahnwaggon und Hauswand gibt es keine Deckung. Das Ausbildungsgerät Duellsimulator (AGDUS)  eines Soldaten blinkt. Mit dem System lassen
sich, ähnlich wie beim Spiel Laser Tag, Treffer simulieren. Beintreffer. Die Nebenleute reagieren sofort.

Einer packt den Verwundeten und zieht ihn hinter den Eisenbahnwaggon. Ein anderer feuert auf den Feind am Fenster im ersten Stockwerk. Während ein dritter Kamerad die Erstversorgung vornimmt, rücken weitere Kräfte des Alpha-Zugs nach. Im Haus müssen sie die Treppe überwinden. Dazu riegeln sie zunächst die Gänge ab. Der Treppenaufstieg ist ein gefährliches Nadelöhr. Hier sind gute Kommunikation,  Koordination, schnelles Handeln und vor allem Mut gefragt. Das Gefecht ist kurz, intensiv und erfolgreich für den Alpha-Zug.

Im Gebäude können die Soldatinnen und Soldaten praktisch nachvollziehen, wie anstrengend es ist, sich Raum für Raum und Etage für Etage im feindbesetzten Gebäude vorzuarbeiten

Mit Beharrlichkeit und Motivation

Oberstleutnant B. lässt anschließend am Sandkasten zur Auswertung antreten. „Die Treppe war nicht abgeriegelt. Vorher habt ihr das Erdgeschoss nicht genommen und der Feind muss entwaffnet sein“, lauten die Kritikpunkte. Auch die Gruppen- und Zugführer bekommen ein Feedback. Denn während der Ausbildung auf dem Truppenübungsplatz übt auch das Führungspersonal in seinen Funktionen.

Oberstleutnant B. erinnert an den Dreiklang Kräfte, Raum und Zeit: „Wir sind ein verstärkter Zug, wir kennen unsere Gebäude, haben Raumkenntnis, und sind in einem Verhältnis zum Feind, wo wir angreifen können. Das Gebäude zu nehmen, geht daher schneller. Wenn wir länger brauchen, verzögert sich auch die Verladung. Das darf nicht passieren.“ Die Kritik zeigt, dass die Aufgabe sehr komplex ist. Das Zusammenspiel der Trupps muss funktionieren. Der Zugführer ist wie ein Dirigent, der in einem Orchester die einzelnen Instrumente zum Einsatz bringt. Alle müssen ihr Instrument beherrschen und ihre Rollen kennen.

Ein letzter Durchgang. Der Kompaniechef lässt den Sturm des Gebäudes wiederholen. Dieses Mal leisten die Feinddarsteller größeren Widerstand. Mehr AGDUS-Geräte piepen. „Wenn ich den Schwierigkeitsgrad erhöhe, ist es ein Stück besser als vorher“, freut sich der Kompaniechef abschließend. Tatsächlich brauchen die Reservistinnen und Reservisten diesmal deutlich weniger Zeit, um das Gebäude zu sichern, werden insgesamt flüssiger in ihren Bewegungen.

Das Resümee: Der Ausbildungstag war für alle intensiv und hat deutliche Fortschritte und wertvolle Erkenntnisse mit sich gebracht.

Erstveröffentlichung auf der Webseite der Bundeswehr, www.bundeswehr.de

Datum: 21.01.2026

Bilder: © Bundeswehr/Benjamin Vorhölter

Boris Pistorius bei der Bundeswehrtagung 2025: Verteidigung ist Teamarbeit

„Einsatzbereitschaft stärken. Aufwuchs beschleunigen. Sicherheit garantieren“ – so das Motto der Bundeswehrtagung 2025. Minister Boris Pistorius hielt bei dem Spitzentreffen am 7. November 2025 in Berlin eine programmatische Rede zur Ausrichtung der Truppe. Dabei mahnte er die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für die Sicherheit Deutschlands an.

Der rasche personelle und materielle Aufwuchs der Bundeswehr sei entscheidend für die weitere Umstellung auf die Landes- und Bündnisverteidigung, so Minister Pistorius auf der Bundeswehrtagung

Bei dem zweitägigen Treffen ging es um die programmatische Ausrichtung der Bundeswehr und um die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen. Die politische und militärische Führung der Bundeswehr nahm bei der Bundeswehrtagung 2025 eine Bestandsaufnahme vor und richtete den Blick in die Zukunft. Das Spitzenpersonal der Bundeswehr, dazu Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verbänden, Industrie und Think Tanks sowie Forschung und Kommunen waren gekommen – insgesamt rund 450 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Videobotschaft des Bundeskanzlers

Nach dem bundeswehrinternen Teil der Tagung am ersten Tag standen am zweiten Tag die gesamtstaatlichen Aufgaben der Verteidigung im Fokus. Nach der Begrüßung durch Verteidigungsminister Boris Pistorius wurde eine Videobotschaft von Bundeskanzler Friedrich Merz eingespielt, der bei der Weltklimakonferenz COP 30 im brasilianischen Belém weilte. Minister Pistorius betonte vorab, die Grußbotschaft des Kanzlers unterstreiche einmal mehr die Bedeutung dieser Tagung und die starke Unterstützung der gesamten Bundesregierung für das Thema Sicherheit.
Bundeskanzler Merz sagte, seit dem völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine sei Frieden in Europa keine Selbstverständlichkeit mehr. „Wir wollen die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee in Europa machen“, erklärte der Kanzler. „Wichtige Vorhaben hat die Bundesregierung bereits auf den Weg gebracht. Eine verlässliche Finanzierung für die Bundeswehr, beschleunigte Beschaffungsverfahren, die Einrichtung eines nationalen Sicherheitsrates“, zählte der Kanzler auf. Das alles sei auch Verdienst von Verteidigungsminister Boris Pistorius, so Merz weiter. An die Führungskräfte der Bundeswehr gab er die Devise aus: „Möglich machen lautet das Gebot der Stunde.“

Zeitenwende hat sehr vieles angestoßen

Verteidigungsminister Pistorius betonte, mit der Zeitenwende sei sehr vieles angestoßen worden – Strukturen seien verändert, Prozesse beschleunigt und Fähigkeiten ausgebaut worden. „Wir sind mitten dabei, die Bundeswehr konsequent auf Landes- und Bündnisverteidigung auszurichten“, stellte Pistorius fest. Jedoch sei auch klar, dass dieses Ziel noch nicht erreicht sei. Der materielle und personelle Aufwuchs der Bundeswehr müsse rasch umgesetzt werden, so der Minister.

Aufträge und Reorganisation

Der Aufwuchs der Truppe mit Material und Personal – Neuer Wehrdienst, Reserve und aktive Soldatinnen und Soldaten – stehen unter anderem ganz oben auf der Prioritätenliste des Ministers. Dazu erteilte Pistorius konkrete Aufträge an das Leitungspersonal seines Hauses:

– Ausarbeitung einer „Strategie der Reserve“ bis Ostern 2026
– Ausarbeitung eines Aufwuchsplans für die aktive Truppe bis Ostern 2026. Dieser solle konkrete Maßnahmen und quantifizierbare Meilensteine enthalten.
– Für einen schnelleren Aufwuchs beim Material soll die Struktur des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) überarbeitet werden.
– Vorstellung der Militärstrategie der Bundeswehr bis zum Frühjahr 2026
– Überarbeitung des Fähigkeitsprofils der Bundeswehr auf Grundlage der Militärstrategie
– Erstellung eines Vorschlagspapiers zur Überarbeitung des Planungsprozesses zur Beschaffung von Rüstungsgütern. Schnelligkeit und Innovation bei der Beschaffung sollen gefördert werden.
– Den Anteil für Forschung und Entwicklung in zukünftigen Verteidigungsetats angemessen und signifikant zu erhöhen.

Zudem beabsichtigt Pistorius aktive Soldatinnen und Soldaten, die kurz vor dem Ausscheiden aus der Truppe stehen, per Brief anzuschreiben und sie dafür zu gewinnen, länger zu bleiben.

Sicherheit ist mehr als nur Aufgabe der Bundeswehr

Boris Pistorius machte klar, worum es ihm vor allem geht: Verteidigung in Deutschland sei mehr als nur eine Aufgabe der Bundeswehr. Sicherheit entstehe nur dann, wenn Staat, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zusammenarbeiteten.

Sie alle seien Teil der Gesamtverteidigung und trügen Verantwortung dafür, dass Deutschland und Europa verteidigungsfähig blieben. Dafür liege mit dem Operationsplan Deutschland der Bundeswehr eine Agenda vor. Es gelte, den Gedanken der Gesamtverteidigung wirklich zu leben.

In diesem Kontext begrüßte der Minister ausdrücklich die Einsetzung des Nationalen Sicherheitsrats, der erst kürzlich seine erste Sitzung hatte.

„Entbürokratisierungsagenda 2.0“

Verteidigungsminister Pistorius erteilte auf der Bundeswehrtagung konkrete Aufträge an seine Staatssekretäre sowie den Generalinspekteur, um die Bundeswehr weiter zügig zu ertüchtigen

Für die Bundeswehr machte Boris Pistorius klar, er sei fest entschlossen, den Auftrag der Bundeswehr im Rahmen der Gesamtverteidigung weiter auszuführen. Er wandte sich ausdrücklich an die Vorgesetzen der Soldatinnen und Soldaten. Es gehe darum, nicht mehr zu verwalten, sondern zu führen. Dazu gehöre auch eine neue Fehlerkultur in der Truppe. Vorschriften müssten der Bewältigung des Auftrags dienen. Deshalb hat Verteidigungsminister Boris Pistorius Staatssekretär Jan Stöß damit beauftragt, bis Ostern 2026 eine „Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda 2.0“ für den Geschäftsbereich des Verteidigungsministeriums zu erstellen.

Truppe braucht den Rückhalt der Gesellschaft

Minister Pistorius unterstrich, die Bundeswehr könne ihre Aufgaben nur erfüllen, wenn sie Rückhalt, Verständnis und Unterstützung in der Gesellschaft habe. Er zitierte die Worte eines Soldaten, der gesagt hatte: „Ich kann nur kämpfen, wenn eine resiliente Gesellschaft hinter mir steht.“ Pistorius zeigte sich überzeugt davon, dass die Streitkräfte diese Unterstützung bekämen. Das dokumentierten die steigenden Bewerbungszahlen und das zeigten die vielen positiven persönlichen Erlebnisse von Bundeswehrangehörigen in den vergangenen Monaten – so etwa beim Tag der Bundeswehr, bei öffentlichen Gelöbnissen, am Bahnsteig oder auch an der Autobahnraststätte.

Verteidigungsfähigkeit beginnt in den Köpfen

„Verteidigungsfähigkeit beginnt nicht erst auf dem Gefechtsfeld“, unterstrich Pistorius. Sie beginne in den Köpfen und mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Es gelte, diese Haltung zu fördern – durch Klarheit in der Politik, durch Verlässlichkeit in der Führung, durch Transparenz im Handeln. Es gehe um umfassende Gesamtverteidigung, die alle Bereiche des Landes einbinde und keinen der wichtigen Player zurücklasse.

Insgesamt, so resümierte Pistorius, sei der Reformprozess der Bundeswehr schon sehr erfolgreich. Der Pulsschlag der Truppe sei schon jetzt kraftvoller als in den vergangenen Jahren. Finanziell gesehen habe die Bundeswehr jetzt „volle Akkus.“ Bedrohungslage gehe vor Kassenlage. Und bei der Unterstützung der Ukraine liege Deutschland mittlerweile nicht nur in Europa klar auf Platz eins, sondern auch weltweit.

„Wir brauchen in vielen Bereichen neue, tragfähige Lösungen“, so der Minister. „Wir müssen schneller werden.“ Auf diesem Weg gebe es aber bereits jetzt historische Meilensteine, so etwa die voranschreitende Aufstellung der „Brigade Litauen“ und den beschleunigten Bau neuer Infrastruktur für die Bundesehr im Inland – so sollen in kürzester Zeit 297 neue Gebäude erstellt werden.

„Es ist jetzt die Zeit, die Bundeswehr neu auszurichten“, betonte der Minister. „Wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Es gehe nicht mehr nur um abstrakte Bedrohungsszenarien, so Boris Pistorius. Russland rüste für einen weiteren Krieg.

Krieg muss wieder gedacht werden

Bei allen Planungen und Konzeptionen müsse immer die Einsatzbereitschaft der Soldatinnen und Soldaten im Mittelpunkt stehen, betonte Generalinspekteur Carsten Breuer

Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer, unterstrich in seinem Impulsvortrag: Krieg müsse wieder gedacht werden. Das sei in Deutschland zu lange nicht gemacht worden – und es sei zu häufig anderen überlassen worden. Es sei eine Zeit, in der über Sicherheit nicht mehr nur geredet werden könne. Sicherheit müsse neu gedacht, neu organisiert und immer wieder neu verteidigt werden. Die größte Bedrohung gehe von Russland aus. Im Hinblick auf Russlands völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine und Moskaus Annahme, diesen Krieg gewinnen zu können, sagte Breuer: „Wir müssen verhindern, dass Russland erneut zu einer solchen Fehleinschätzung kommt. Russland darf niemals annehmen, dass es einen Krieg mit der NATO gewinnen kann.“

Frieden und Stabilität in Deutschland seien nicht mehr sicher, so der oberste Soldat der Bundeswehr. An ihre Stelle getreten sei eine Welt kaum noch verschleierter Konkurrenzen, dazu kämen Klimawandel und Ressourcenknappheit. Neben der Hauptbedrohung durch Russland kooperierten China, Russland, Iran und Nordkorea umfassend. Ihr Ziel sei, die Handlungsfähigkeit des Westens, und damit Deutschlands, einzuschränken und politische Entscheidungen zu beeinflussen.

In strategischen Räumen planen und handeln

Angesichts dieser Lage genüge es nicht mehr, in Einsatzgebieten zu denken, so der Generalinspekteur. Es müsse in strategischen Räumen geplant und gehandelt werden, in denen alle Instrumente staatlicher Machtentfaltung zusammenkämen: „All Instruments of Power“. Breuer sagte: „Die Frontlinien verlaufen nicht mehr entlang von Grenzen, sondern entlang von Systemen – Energie, Kommunikation, Daten und Transport. Aber eben auch zwischen Werten und Vorstellungen.“

Das alles verlange von der Bundeswehr nach einem Denken in Zusammenhängen, nicht in Zuständigkeiten. Das gelte aber nicht nur für die Streitkräfte, betonte General Breuer.

Die Bundeswehr solle zur stärksten konventionellen Armee in Europa werden. Keinen geringeren Anspruch formulierte Bundeskanzler Merz in seiner Videobotschaft.

Der Mensch bleibt zentral für die Kriegsführung

Die Bundeswehr kann laut Breuer in dieser Zeit nur bestehen, wenn sie rasch aufwächst. An einem Neuen Wehrdienst werde gearbeitet. 460.000 Soldatinnen und Soldaten seien für den Aufwuchs der Streitkräfte insgesamt die Zielvorgabe.

Das Verteidigungsministerium sei im Hinblick auf die strategischen militärischen Fragen neu aufgestellt worden – mit dem neuen Element „Gesamtkonzeption und Planung militärische Verteidigung“, wo militärstrategische Themen durchdacht und verknüpft werden.

Breuer unterstrich nachdrücklich: Für ihn stehe die Einsatzbereitschaft der Soldatinnen und Soldaten im Mittelpunkt. Der Mensch bleibe zentral für die Kriegsführung.

„Es geht um die Soldaten, die an vorderster Front kämpfen“, so Breuer. Die Truppe brauche Mittel und Fähigkeiten. Diese seien auf den Weg gebracht worden. „Für eine Bundeswehr, die erfolgreich kämpft und die strategisch denkt und handelt.“ Fight Tonight laute die Devise, und zwar nicht erst 2029 sondern schon jetzt. Die aktuelle Lage sei eine dämmerige Übergangszeit, in der nicht Krieg aber auch nicht mehr ganz Frieden sei, so der Generalinspekteur.

Erstveröffentlichung auf der Internetseite der Bundeswehr, 07.11.2025, www.bundeswehr.de

Autor: Jörg Fleischer

Bilder: ©Bundeswehr/Christian Vierfuß

Lieferketten – der unterschätzte Engpass der deutschen Rüstungsindustrie

Die europäische Rüstungsindustrie erlebt gerade einen historischen Boom. Milliarden fließen in neue Systeme, Fertigungslinien und Programme – die Auftragsbücher sind prall gefüllt. Doch während überall über Kapazitäten, Technologien und Fachkräfte gesprochen wird, bleibt ein kritischer Erfolgsfaktor erstaunlich leise: die Lieferkette.

Wer heute über Produktionssteigerung redet, sollte nicht nur auf Maschinenparks und die eigenen Kapazitäten schauen. Sondern auf Fähigkeiten der Lieferanten. Denn Geschwindigkeit entsteht nicht nur an der eigenen Werkbank – sondern in der Art, wie Unternehmen in der Lieferkette zusammenarbeiten.

Der Engpass sitzt tiefer, als viele denken. Nicht OEMs oder die großen Systemhäuser bremsen den Hochlauf. Sie haben oft ausreichende Ressourcen, stabile Prozesse und das notwendige Wissen. Der Flaschenhals liegt tiefer – bei den hochspezialisierten Betrieben in den unteren Lieferstufen.

Diese kleinen, oft familiengeführten Betriebe sind das Rückgrat der Industrie. Sie fertigen Anbauteile wie Halterungen, Verbindungselemente oder hochpräzise optische Komponenten – unersetzlich, aber oft unsichtbar.  Was früher unkritisch war – bspw. eine Dichtung für den Antrieb – wird plötzlich zum Engpass. Hinzu kommt, dass viele dieser kleinen Betriebe über Jahrzehnte gewachsenes Spezialwissen und individuelle Fertigungsprozesse besitzen, die sich nicht kurzfristig replizieren lassen. Der Aufbau einer „Second Source“ – also eines alternativen Lieferanten – ist oft weder technisch noch wirtschaftlich kurzfristig möglich. Die Kombination aus Abhängigkeit, Know-how-Monopol und fehlender Skalierbarkeit macht diese Unternehmen zu kritischen, aber schwer ersetzbaren Gliedern der industriellen Kette. Wenn ein einziges dieser Betriebe seine Kapazität nicht erweitern kann oder an Qualitätsgrenzen stößt, steht die Fertigung still.

Bergepanzer Büffel zieht MB873 Triebwerk des Leopard 2 Kampfpanzers, ©Bundeswehr/Marco Dorow

Das ist kein Vorwurf, sondern Realität. Jahrzehntelang waren diese Strukturen auf Kleinserien und Prototypen ausgelegt. Niemand musste an Skalierung oder Massenproduktion denken. Doch jetzt steht die Branche an einem Wendepunkt – und genau diese Unternehmen entscheiden, ob aus Tempoansagen auch tatsächlich Lieferung wird.

Kooperation statt Kettenreaktion. Noch immer wird Lieferanten-Management vielerorts als reine Einkaufsdisziplin verstanden. Dabei geht es längst um etwas anderes, um Transparenz und um klare Führung in komplexen Netzwerken.

Die entscheidende Frage lautet: Arbeiten wir mit unseren Partnern – oder nur über sie?

Damit wird deutlich, das eigentliche Problem liegt weniger in der industriellen Leistungsbereitschaft, sondern in der fehlenden systematischen Steuerung und Entwicklung der Lieferantenstrukturen – insbesondere in den unteren Ebenen der Wertschöpfungskette.

Wer seine Lieferkette nur verwaltet, verliert Geschwindigkeit. Wer sie aktiv gestaltet, gewinnt Handlungsfreiheit.
Denn Lieferfähigkeit entsteht nicht durch Druck, sondern durch Kooperation – durch gemeinsames Denken in Kapazitäten, Prozessen und Innovationen.

Modernes Lieferanten-Management ist kein bürokratisches Kontrollsystem, sondern ein Wachstums- und Befähigungsprogramm der gesamten Lieferkette. Fünf Handlungsfelder zeigen, wie das gelingen kann:

  • Kapazitätsaufbau und Redundanzmanagement: Ausbau zusätzlicher Produktionskapazitäten gemeinsam mit Schlüsselzulieferern über alle Stufen hinweg. Gleichzeitig müssen Redundanzen geschaffen werden, um Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten zu verringern.
  • Qualifizierung und Entwicklungsprogramme: Besonders die unteren Lieferstufen benötigen gezielte Unterstützung. Technische Schulungen, Reifegradmodelle, Co-Investitionen und langfristige Entwicklungsvereinbarungen helfen, hochspezialisierte Kleinstunternehmen auf das notwendige Qualitäts- und Prozessniveau zu heben. Die Automobilindustrie hat mit ähnlichen Programmen beim Übergang zur Elektromobilität entscheidende Erfolge erzielt.
  • Transparenz und Echtzeitsteuerung: Aufbau digitaler Plattformen zur Erfassung und Überwachung von Lieferständen, Risiken, Qualitätskennzahlen und Kapazitäten entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Nur wer seine Lieferantenlandschaft datenbasiert kennt, kann sie effektiv steuern.
  • Kooperative Wertschöpfung und Anreizsysteme: Entwicklung langfristiger Partnerschaften durch gemeinsame Entwicklungsinitiativen, Technologie-Partnerschaften und leistungsorientierte Anreizmodelle (z. B. Bonus-Malus-Systeme). Kooperation ersetzt kurzfristiges Einkaufsdenken.
  • Institutionalisierte Governance: Verankerung des Lieferanten-Managements, nicht nur in der Einkaufsstrategie, sondern auch in der strategischen Unternehmensführung – mit klaren Rollen, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten, regelmäßigen Audits und Berichtspflichten über alle Hierarchien hinweg.
Überprüfung des Ausstattungssatzes eines Fahrzeugs auf Vollzähligkeit in einer Halle auf dem Gelände des Materiallagers Zeithain, ©Bundeswehr/Jana Neumann

Die Rüstungsindustrie steht an einem entscheidenden Punkt. Sie kann weiter im Modus der Einzeloptimierung verharren – oder sie nutzt die Zeitenwende, um ihre industrielle Basis gemeinsam neu zu gestalten. Das bedeutet: weniger Silodenken, mehr Zusammenarbeit. Weniger Absicherung, mehr Transparenz und Klarheit.
Die größten Potenziale liegen nicht in neuen Technologien, sondern in neuen Verbindungen.

Wer Kooperation als strategische Fähigkeit versteht, wird Tempo, Qualität und Zuverlässigkeit dauerhaft sichern.
Denn am Ende entscheidet sich die Wettbewerbsfähigkeit nicht an der Spitze der Lieferkette – sondern an ihrem Fundament. Lieferfähigkeit ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis von Transparenz und gemeinsamem Gestaltungswillen.

Erstveröffentlichung in hartpunkt – Monitor für Defence und Sicherheitspolitik, 16. Oktober 2025, www.hartpunkt.de

Autor: Tobias Bock

 

Fähigkeiten der Reserve ausbauen – Sturm über der Heide

Im niedersächsischen Ostenholz auf dem Truppenübungsplatz Bergen sind mehr als 100 Reservistinnen und Reservisten zusammengekommen, um bei der Übung Hanseatic Defender ihre Fähigkeiten auszubauen. An vier Ausbildungswochenenden über das ganze Jahr verteilt, bereitet sich das nicht-aktive Panzergrenadierbataillon 908 auf diese zweiwöchige Übung vor.

Dank der tatkräftigen Unterstützung durch aktive Verbände kann das Panzergrenadierbataillon 908 immer wieder auch mit Großgerät üben. Bei der Übung Hanseatic Defender kommen beim Ergänzungstruppenteil auch Schützenpanzer Marder zum Einsatz.

Schießbahn 21: Der Sturm fegt über die Heide, Bäume und Büsche biegen sich. Das Rauschen des Blätterdachs ist fast ohrenbetäubend. Starkregen scheint waagerecht im Wind zu stehen. Den Grenadieren tropft das Wasser von der Helmkante und der Regen peitscht ihnen unaufhaltsam ins Gesicht.

Alle sind angespannt – der Alarmposten hat im Vorfeld auftretenden Feind ausgemacht. Die Waffen sind klar zum Gefecht. Endlich klappen vor den Stellungen dutzende Schützenscheiben hoch – der Gegner. Die kräftige Stimme des Zugführers durchbricht das Toben des Wetters. Jetzt brechen unzählige Schüsse, lange Salven des Maschinengewehrs fügen sich ein, gefolgt vom dumpfen Donnern ihrer Schützenpanzer. Die 20-Millimeter-Bordmaschinenkanonen unterstützen das Feuer: Das Sturmabwehrschießen hat begonnen. Es ist Teil des Gefechtsschießens der 4. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 908.

Reservisten von 18 bis 60 Jahren

Unbedingtes Teamwork, überdurchschnittlicher Leistungswille, angestrebte Professionalität und gelebte Loyalität und Kameradschaft zeichnen die Reservistinnen und Reservisten des Panzergrenadierbataillons 908 aus.

Nach Ende des Übungsdurchganges zeigen sich die Ausbilder zufrieden. Die auf den vorangegangenen Ausbildungswochenenden durchgeführte Ausbildung der Reservistinnen und Reservisten trägt Früchte. Das stetige Üben der soldatischen Fähigkeiten, das Festigen aller Grundlagen und das fortlaufende Steigern der Anforderungen in der Vergangenheit zahlen sich jetzt aus.

Das Panzergrenadierbataillon 908 ist ein sehr aktiver nicht-aktiver Truppenteil. Die Soldatinnen und Soldaten des Ergänzungstruppenteils der Panzergrenadierbrigade 41 kommen aus dem ganzen Bundesgebiet. Der Jüngste ist 18 Jahre jung, der Älteste über 60. Sie alle sind Reservisten und opfern einen Teil ihrer zivilen Freizeit für ihren Dienst beim Panzergrenadierbataillon 908.

Viele kommen aufgrund der sicherheitspolitischen Lage in Europa und der Welt, wollen ihren Beitrag leisten, ihrem Land etwas zurückgeben. Andere suchen eine militärische Heimat oder Abwechslung von ihren zivilen Berufen. Sie sind Studenten, Handwerker, Beamte oder Kaufleute, ehemalige Soldaten. Manche kommen direkt nach dem Ausscheiden aus der aktiven Truppe, andere hatten seit Jahren keinen Kontakt mehr zur Bundeswehr. Viele üben regelmäßig, andere sind zum ersten Mal beim Panzergrenadierbataillon 908. Egal ob ehemaliger Logistiker, Panzermänner, Sanitäter oder Aufklärer – sie alle erhalten die Dienstpostenausbildung zum Panzergrenadier.

In Kolonne über das Weserbergland

Während des Verlegemarschs der 1. Kompanie geht es für die Kolonnen über den Mittelgebirgszug. Immer wieder werden fiktive Situationen eingespielt, auch welche die Soldaten reagieren müssen.

Nach dem Starkregen scheint nun die Sonne über dem Truppenübungsplatz Bergen, auch der Sturm hat sich gelegt. Das Wetter bleibt aber in diesen beiden Septemberwochen sehr wechselhaft. Im Technischen Bereich des Truppenlagers Ostenholz starten unterdessen die Motoren. Die 1. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 908 übt den Verlegemarsch. Immer und immer wieder haben sie die Abläufe im Vorfeld geübt und besprochen. Auch eine Premiere: Die bataillonseigene Bergebereitschaft ist mit aufgefahren. Mercedes Greenliner, 5-Tonner, Pritschenwagen, Lkw und Feldkräne stehen aufgereiht auf dem Asphalt. „Noch nie wurden beim Panzergrenadierbataillon 908 so viele Fahrzeuge eingesetzt“, erklärt der Marschgruppenführer. In drei Kolonnen rollt das Marschband zeitlich versetzt los. „Der Aufklärungs- und Verbindungszug eilt den Marschgruppen voraus“, beschreibt er weiter.

Es geht in Richtung Autobahn, die blauen Fahnen flattern an den Fahrzeugen und markieren so die Kolonne. Schließlich bewegen sich die Kolonnen durchs Weserbergland bis hin zum markanten Mittelgebirgszug Ith. Immer wieder müssen die Soldatinnen und Soldaten auf eingespielte Lagen reagieren. Kurze technische Stopps in verschiedenen Bundeswehreinrichtungen unterbrechen die Fahrt, dann geht es weiter. Die Übungsleitung achtet exakt auf die Einhaltung des Zeitplans.

Erst gegen Abend wird das Ziel in Münster erreicht. Die bataillonseigene Feldküche versorgt vor Ort, es wird eine kurze Nacht. Bevor die Kolonnen am nächsten Morgen wieder zurückmarschieren.

Realer Einsatz – keine Übung

Der Aufklärungs- und Verbindungszug stößt auf eine reale Gefahrensituation. Ein ziviles Fahrzeug steht brennend auf der Straße. Dies ist keine Übung. Die Soldaten reagieren sofort und eilen der Fahrerin zur Hilfe. Das Feuer wird gelöscht, der Verkehr umgeleitet und die zivilen Rettungskräfte alarmiert. Mit dem Dank der Zivilistin und der eintreffenden Einsatzkräfte setzen die Reservistinnen und Reservisten ihren Weg fort und erreichen schließlich das Truppenlager Ostenholz in Bergen.

Doch zum Verschnaufen bleibt keine Zeit. Schon wird der Gefechtsstand aufgebaut. Leben im Felde für weitere 72 Stunden steht auf dem Plan. Auch hier kommt es zu fingierten Übungssituationen, die bewältigt werden müssen: Saboteure treten auf den Plan, ein 5-Tonner verunglückt, Feindpropaganda und Fakenews werden verbreitet.

Während die Kompanien ihren Aufträgen nachgehen, ist die Feldküche des Panzergrenadierbataillons 908 in einem Waldstück untergezogen, die Kessel dampfen. Der verantwortliche Unteroffizier und seine Gehilfen versorgen das Bataillon, rund um die Uhr, auch während der laufenden 72-Stunden-Übung.

Gestärkt für das kommende Jahr

Auf der Schießbahn 21 des Truppenübungsplatzes Bergen trainieren auch die Richtschützen des Panzergrenadierbataillons 908. Bei verschiedenen Wertungsschießen beweisen sie ihr Können.

Derweil bereitet man sich im Stabsgebäude im Truppenlager Ostenholz auf die Ankunft neuer Bewerberinnen und Bewerber vor. Seit Beginn eines ehrgeizigen Personalgewinnungsprojekts vor zwei Jahren wächst der Ergänzungstruppenteil stetig an. Zwar hat das Bataillon seine volle Personalstärke noch nicht erreicht, doch werden verschiedene Dienstposten mittlerweile knapp.

Unter den jetzigen Interessierten sind auch die Anwärter für den in Aufstellung befindlichen Scharfschützenzug des Panzergrenadierbataillons 908. Um dazuzugehören, sind besondere Vorkenntnisse und Fähigkeiten ein Muss, da die Vorausbildung in Hagenow und der darauffolgende Scharfschützenlehrgang in Hammelburg herausfordernd sind.

Wie bei jedem Übungsvorhaben des Panzergrenadierbataillons 908 ist die Unterstützung durch die aktive Truppe groß – sowohl materiell als auch personell. Als Ergänzungstruppenteil verfügt das Bataillon über kein eigenes Material, sodass alles, vom Schützenpanzer bis zum Mündungsfeuerdämpfer, bei den Couleur- und anderen Verbänden beantragt werden muss. Und auch in der laufenden Übung ist die fachmännische Unterstützung der aktiven Soldatinnen und Soldaten nicht wegzudenken. Immer wieder sind sie begeistert und beeindruckt von der gelebten Kameradschaft, der überdurchschnittlichen Motivation und dem Wissenshunger der 908er. Es wird angepackt, nachgefragt und immer und immer wieder ausprobiert.

Ein Highlight auf der Übung Hanseatic Defender ist der zweitägige Verlegemarsch der 1. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 908. So viele Fahrzeuge sind in dem Ergänzungstruppenteil noch nie im Einsatz gewesen.

Bataillonskommandeur Torsten Held zeigt sich am Ende der 14-tägigen Übung Hanseatic Defender sehr zufrieden: „Das große Engagement unserer Soldaten, ihre überdurchschnittliche Motivation und ihre angestrebte Professionalität sind in der deutschen Reserve beispielgebend. Der Ausbildungsstand des Panzergrenadierbataillons 908 ist unterschiedlich hoch, aber zufriedenstellend. Die Ausbildung und die damit verbundenen Anstrengungen der vorangegangenen Monate haben sich gelohnt. Der Ausbildungsbefehl für das kommende Jahr steht bereits.“

Erstveröffentlichung in YNSIDE, 10.10.2025

Titel: Sturm über der Heide

Autor: Marco Linke

Bilder: ©Bundeswehr/Marco Linke

Logistische Einsatzunterstützung aus Sicht einer multinationalen Einsatzdivision

Im Zuge der Zeitenwende und der damit einhergehenden Neuorientierung auf die Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) werden dauerhaft einsatzbereite Streitkräfte benötigt, welche sich insbesondere quantitativ deutlich von den Kontingenten der Stabilisierungseinsätze unterscheiden.

Ausgerichtet sind die neuen Anforderungen am NATO Force Model als ein Rahmenwerk, das die NATO nutzt, um nationale Streitkräfte für den gemeinsamen Einsatz verfügbar zu machen. Für die 10. Panzerdivision als multinationaler, mechanisierter Großverband des Heeres bedeutet dies eine konsequente Ausrichtung am Auftrag zur Abschreckung und Verteidigung an der NATO-Ostflanke bereits aus der Grundgliederung heraus. „Wir gehen, wenn wir müssen, und zwar so, wie wir sind“, betont Generalmajor Jörg See, Kommandeur der 10. Panzerdivision.

Dies hat auch unmittelbare Auswirkungen auf die Logistik als wesentliche Voraussetzung und zentraler Gestaltungsrahmen für Operationen und Operationsplanung auf Divisionsebene. Der logistische Prozess muss gemessen am möglichen Kriegsbild der LV/BV neu gedacht werden. Kapazitätsberechnungen, Transportraumplanungen und Leistungserprobungen müssen mit Blick auf die Neuorientierung und Interoperabilität geprüft, erprobt und angepasst werden.

Logistik binational

Die 10. Panzerdivision ist, zusätzlich zu der besonderen Gestaltungsform der Deutsch-Französischen Brigade, bereits in ihrer Grundgliederung binational aufgestellt. Mit der Unterstellung der 13. Niederländischen Lichte Brigade im April 2023 wurde die Zusammenarbeit mit den niederländischen Streitkräften weiter intensiviert. Ziel sind umfassend integrierte Großverbände der Landstreitkräfte. Wesentliche Herausforderung für die Logistik sind hierbei jedoch die beiden unterschiedlichen logistischen Systeme der beiden Nationen.

Dies hat unmittelbar zur Folge, dass bei einem Einsatz der 10. Panzerdivision die Einsatz- sowie die Basislogistik den multinationalen Ansprüchen gerecht werden muss. Der Grundsatz „Logistik ist National Business“ wird den Anforderungen an die Logistik im NATO Force Model nicht mehr gerecht und stellt die logistische Leistungserbringung vor neue Herausforderungen.

Binational in der Grundgliederung: Im April 2023 wird die 13. Niederländische Lichte Brigade der 10. Panzerdivision im Rahmen eines Appells in Veitshöchheim offiziell unterstellt. ©Bundeswehr/Mario Bähr

Um diesen angemessen zu begegnen, haben das deutsche und das niederländische Verteidigungsministerium vereinbart, dass im Rahmen der Integration der 13. Lichte Brigade in die 10. Panzerdivision die logistische Interoperabilität gesteigert werden soll. Dabei verantworten jedoch beide Nationen unverändert die jeweilige logistische Unterstützung national, mit dem Ziel, dass die gemeinsamen Anstrengungen den erforderlichen Unterstützungsbedarf decken sollen.

Einsatzlogistik

Die deutsche Einsatzlogistik zeichnet sich durch jeweils ein Versorgungsbataillon auf der Brigadeebene sowie ein Versorgungsbataillon auf der Divisionsebene zur Versorgung der Divisionstruppen aus. Die nationale Folgeversorgung der Division wird durch die mobilen Logistiktruppen der Basislogistik unter Einsatz eines Logistikregiments sichergestellt.

Das niederländische logistische System sieht auf der Ebene der Brigade nur ein logistisches Element in Kompaniestärke vor. Zur logistischen Unterstützung stellt das niederländische Versorgungs- und Transportkommando logistische Kräfte bereit, die spezifisch für den konkreten Einsatz zugeschnitten sind. Die Durchhaltefähigkeit der Brigade wird dabei durch die Einrichtung mehrerer Supply Center gewährleistet.

Damit ist die Bewertung der Folgeversorgung durch den G4 der Division nur unter Einbeziehung von Verbindungselementen deutscher Basislogistik sowie des niederländischen Versorgungs- und Transportkommandos innerhalb der G4-Abteilung möglich. Für die Zusammenführung der jeweiligen logistischen Versorgungsketten und eine Minimierung von Friktionen ist die einheitliche Nutzung standardisierter, IT-basierter logistischer Führungssysteme eine zentrale Grundlage. Daher greift die 10. Panzerdivision bereits im Grundbetrieb sowie für Übungen auf das NATO-standardisierte Führungsinformationssystem „Logistic Functional Area Services“, kurz LogFAS zurück.

Binational Üben: Auf der Übung „Warfighter“ planen deutsche und niederländische Soldaten die Logistik der 10. Panzerdivision. ©Bundeswehr/Roberto Valguarnera

Die Teilnahme der Division an der US-amerikanischen Übung „Warfighter 25“ unter dem III. USA Korps bestätigte LogFAS als wesentlichen Eckpfeiler zur Sicherstellung der Interoperabilität in Bezug auf Integration, Verwaltung sowie Darstellung logistischer Informationen in Echtzeit. Weiterhin wird das derzeit geplante, gleichzeitige Ausrollen der Software SAP-S/4 HANA in den deutschen sowie niederländischen Streitkräften unmittelbar zur umfassenden Standardisierung der Logistik innerhalb der 10. Panzerdivision beitragen.

Dadurch werden operationell notwendige binationale Anforderungswege implementiert, so dass ein deutsches Versorgungsbataillon bei Bedarf in der Lage sein wird, Bedarfsforderungen niederländischer Kräfte direkt beim niederländischen Supply Center nachzufordern.  Damit wird ein weiterer, wesentlicher Schritt hin zu einer robusten, durchhaltefähigen und multinational flexiblen Einsatzlogistik gegangen, um für den Einsatz der Division in der LV/BV dem Divisionskommandeur die höchstmögliche Flexibilität in der Operationsführung zu gewährleisten.

Besondere Herausforderungen

Insbesondere bei einer möglichen Anpassung der Truppeneinteilung, beispielsweise im Zuge der Verstärkung der 13. Niederländischen Lichte Brigade mit deutschen Verbänden, ist die logistische Unterstützung derzeit nicht standardisiert geregelt. Die größte Herausforderung ist dabei derzeit, dass ein deutscher Kampftruppenverband nur über seine eigene logistische Ebene 1 verfügt und beim Einsatz in der 13. Lichte Brigade keine deutsche logistische Ebene 2 innerhalb der Brigade vorhanden ist.

Um dennoch eine Versorgung dieses deutschen Kampftruppenverbandes innerhalb der 13. Lichte Brigade sicher zu stellen, bedarf es einer vom konkreten Kriegsszenario abgeleiteten, angepassten Denkweise, aktualisierter Planungen und neuer Regelungen sowie einer flexiblen, pragmatischen und dynamischen Durchführung. Es liegt auf der Hand, dass für eine belastbare Kriegstauglichkeit die unterschiedlichen nationalen Prozesse und Verantwortlichkeiten nicht zu Einschränkungen der Handlungsfreiheit führen dürfen.

Bereits jetzt werden auf Divisionsebene durch die dauerhafte Integration eines niederländischen Stabsoffiziers die möglichen Synergien in den bestehenden logistischen Einsatzgrundsätzen genutzt. Gleichzeitig werden mit Blick auf das wahrscheinlichste Kriegsszenario weitere Interoperationalitätsbedarfe in den logistischen Systemen identifiziert.

 

Strategischer Seetransport: Für die Übung Noble Jump 2023 werden deutsche und niederländische Fahrzeuge logistisch organisiert auf ein Schiff verladen, ©Bundeswehr/Susanne Hähnel

Für eine möglichst friktionsfreie Andockfähigkeit bedarf es einer engen Zusammenarbeit mit Elementen des Unterstützungskommandos der Bundeswehr und dem niederländischen Versorgungs- und Transportkommando. Dazu verfügt das Logistikkommando der Bundeswehr in der Abteilung Planung über ein Dezernat Multinationale Logistik, welches sich mit der Koordinierung der multinationalen Zusammenarbeit befasst.

Dieses nimmt auf Ebene des Unterstützungskommandos an der deutsch/niederländischen Joint Support Steering Group teil, um für den Bereich der Folgeversorgung die Interoperabilität nachhaltig zu erhöhen. Dazu wird in der Arbeitsgruppe Logistik das Themenfeld Versorgungslinien hinter der Division gemeinsam untersucht. Wesentliche Inhalte sind die gemeinsame Nutzung von Transportkapazitäten über unterschiedliche Binnenländer bis in das Einsatzland und vor in die Division sowie der gemeinsame Rückgriff auf Ressourcen im jeweiligen Einsatzland.

Ein weiterer, grundsätzlicher Schritt für eine nachhaltige Steigerung der logistischen Interoperabilität sowie für eine intergierte Versorgung liegt in gemeinsamen Beschaffungsprozessen, insbesondere von Großgerät. Hier bietet die Army Steering Group auf Ebene Kommando Heer und Niederländisches Heereskommando weiteres Potenzial. 

Fazit

Die logistische Versorgung der 10. Panzerdivision im Zuge einer multinationalen Operation ist auch multinational zu denken. Die bestehenden Bemühungen auf den unterschiedlichen Ebenen zeigen, dass der Bedarf erkannt ist, über die aktuellen Grundlagen hinaus weitere Schritte in der multinationalen Logistik einzufordern und voranzutreiben. Der daraus erwachsende logistische Mehrwert, die Nutzung von Synergieeffekten durch gegenseitige Unterstützung sowie die mögliche Schonung eigener Ressourcen leisten im Ergebnis einen wichtigen Beitrag zur Flexibilität in der Sicherstellung der Versorgung in der 10. Panzerdivision.

Erstveröffentlichung in Hardthöhen-Kurier, Ausgabe 5/2025 (Oktober 2025), www.hardthoehenkurier.de

Titel: Logistische Einsatzunterstützung aus Sicht einer multinationalen Einsatzdivision

Autor: Hauptmann Andreas Schaub