Eingebunden in den Übungscluster QUADRIGA 2026 führte das Unterstützungskommando der Bundeswehr vom 16. Februar bis 20. März mit MEDIC QUADRIGA 2026 die größte und komplexeste Übung des Sanitätsdienstes seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine durch. Ziel der Übung war es, die Einsatzbereitschaft und Reaktionsfähigkeit der Bundeswehr im Rahmen der Bündnisverteidigung weiter zu stärken und gleichzeitig die enge Zusammenarbeit mit zivilen Akteuren im Gesundheitswesen zu erproben und zu vertiefen.
Neben der schnellen Verlegefähigkeit der Sanitätskräfte an die NATO-Ostflanke nach Litauen wurde die Funktionsfähigkeit der gesamten medizinischen Rettungskette von der Erstversorgung Verwundeter im Einsatzgebiet bis zur weiterführenden Behandlung in Deutschland trainiert. Schwerpunkt der Übung war der erstmalige Betrieb einer zivil-militärischen medizinischen Taskforce für Steuerung, Transport und Behandlung von Patienten. Rund 1.000 Soldatinnen und Soldaten nahmen an MEDIC QUADRIGA 2026 teil.
Dem Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr in Koblenz kam die Aufgabe zu, ein Sanitätsbataillon als Übungsverband zusammenzuziehen und nach Litauen zu verlegen. Mit Straßenmärschen und Fähre wurden binnen weniger Tage ein Luftlanderettungszentrum, ein Forward Surgical Element und diverse geschützte Rettungsfahrzeuge nach Litauen gebracht. Mit diesen Mitteln ist der Sanitätsdienst in der Lage, dem dynamischen Frontgeschehen der Kampftruppe zu folgen und die Rettungskette jederzeit aufrecht zu erhalten.
„Nur was man in ruhigen Zeiten übt und trainiert, beherrscht man auch im Spannungs- und Verteidigungsfall“, betonte Verteidigungsminister Boris Pistorius am 6. März 2026 bei seinem Besuch der Übung in Berlin. Die medizinische Versorgung Verwundeter im Kriegsfall sei ein Beitrag zur Gesundheitsversorgung als gesamtstaatliche Verantwortung. Dazu gehöre auch die Rehabilitation von Soldatinnen und Soldaten, die in den Einsätzen verwundet werden. „Zurück in den Dienst“ laute das Motto, das zugleich ein Signal an die eingesetzten Kräfte sei.
Medical Task Force übt am Flughafen Berlin Brandenburg
Im Mittelpunkt der Übung stand ein Verteilerpunkt im ExpoCenterAirport am Flughafen Berlin Brandenburg (BER): der Übungshub Berlin. Hier wurden die Aufnahme, die medizinische Priorisierung und die Weiterverteilung von Patientinnen und Patienten in geeignete zivile Behandlungseinrichtungen geübt. Die Verwundeten, dargestellt von rund 200 Soldatinnen und Soldaten, kamen am Übungsgelände neben dem Flughafen BER an. In einem Ernstfall der Landes- und Bündnisverteidigung könnten es bis zu 1.000 Verwundete täglich sein. Neben Lufttransport würden in der Krise auch Busse, Züge und Schiffe nach Deutschland eingesetzt. Am Hub hatten 250 zivile Unterstützerinnen und Unterstützer mit der Bundeswehr eine Medical Task Force (MTF) eingerichtet.
Diese bestand aus ehrenamtlichen Einsatzkräften und Fahrzeugen aus Brandenburg, mit der Unterstützung von Hilfsorganisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz, dem Arbeiter-Samariter-Bund, den Maltesern und den Johannitern. Koordiniert wurde die MTF durch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), das den Zivilschutz in der Bundesrepublik organisiert.
Trainiert wurden vor allem die Abläufe zwischen den verschiedenen Akteuren: Nach Sichtung der Verwundeten übergab das MTF-Personal diese an die Kolleginnen und Kollegen der Hilfsorganisationen, die in langen Kolonnen vor dem Übungshub bereitstanden. Auch Hubschrauber der deutschen Luftrettung DRF und der ADAC-Luftrettung waren für schwerstverletzte Verwundete im Einsatz. Die letzte Station der Übung war der Transport mit Blaulicht in zivile Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen in Berlin und Brandenburg. Hierfür waren neun Kliniken in das Übungsgeschehen integriert und auf die militärischen Patientinnen und Patienten vorbereitet.
„Gesundheitsversorgung nur gesamtstaatlich“
„Menschen“, sagt der Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes, Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann, „sind das Wertvollste, was wir haben, die wichtigste Ressource der Streitkräfte. Ihre Gesundheit zu sichern, ist im Hinblick auf die Durchhaltefähigkeit Deutschlands in Krise und Krieg unabdingbar.“ Bei MEDIC QUADRIGA 2026 werde zugleich unter Beweis gestellt, dass die Gesundheitsversorgung der Bundeswehr nur gesamtstaatlich bewältigt werden könne. „Wir haben während der Übung festgestellt, wie außergewöhnlich gut das funktioniert“, betont Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann und fährt fort: „Wir haben in dieser Übung bewiesen, wir können es!“
Um die gute Zusammenarbeit weiter zu vertiefen, unterzeichnete er gemeinsam mit dem Bundesvorstand der Johanniter-Unfall-Hilfe, Oliver Meermann, und dem Vizepräsidenten des Malteser Hilfsdienstes, Albrecht Prinz von Croy, eine Kooperationsvereinbarung zur „Privilegierten Partnerschaft“ mit den Johannitern und Maltesern. Ziel dieser Partnerschaft ist es, die mitwirkende Unterstützung der Johanniter und Malteser für den Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr in öffentlich-rechtlichen Verträgen zukünftig konkret auszuformulieren.
Die Übung MEDIC QUADRIGA 2026 wird wichtige Erkenntnisse liefern, um die Schnittstellen der Rettungskette der Bundeswehr zur zivilen Seite für die Landes- und Bündnisverteidigung weiter zu optimieren. Doch auch jetzt schon haben die entscheidenden Prozesse gut funktioniert. Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann ist überzeugt: „Bei einer Verschlechterung der sicherheitspolitischen Lage im Nahen und Mittleren Osten hätten wir sofort vom Übungs- in den Einsatzmodus wechseln können. Wir sind für den scharfen sanitätsdienstlichen Einsatz gerüstet.“
Erstveröffentlichung im Presseportal, 20.03.2026, www.presseportal.de
Autor: Unterstützungskommando der Bundeswehr, Presse- und Informationszentrum
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine investiert Europa verstärkt in Verteidigung. Auch Deutschland beschafft moderne Panzer, Artillerie- und Schützenfahrzeuge. Um sie sicher und schnell an ihren Einsatzort zu verlegen, sind zuverlässige Transportlösungen entscheidend – robust, schnell verfügbar und in angemessener Stückzahl.
Genau auf solche Transportlösungen ist die Firma DOLL Fahrzeugbau u. a. spezialisiert. Das Unternehmen aus dem Schwarzwald ist der führende Anbieter militärischer Schwerlastfahrzeuge für den Transport von Panzern und schweren Kampffahrzeugen in der Klasse 70t plus. Trailer von DOLL sind bei NATO-Streitkräften weltweit im Einsatz, u. a. in Deutschland, Großbritannien, Litauen und Kanada. Ihr Rückgrat: eine hochstabile Rahmenkonstruktion aus langlebigem Feinkornstahl, der klimatischen Extremen von Arktis bis Wüste standhält.
Der DOLL 4-Achs-Sattelanhänger 30t ist teleskopierbar und kann so eine Vielzahl verschiedener Geräte und Fahrzeuge transportieren
Eine Stärke des Spezialfahrzeugbauers sind besonders robuste Achstechnologien. „Wir entwickeln unsere Achsen selbst, weil wir wissen, dass im Einsatz selbst kleine Details über Sicherheit und Ausfall entscheiden“, betont DOLL-Geschäftsführer Markus Ehl. Im harten militärischen Offroad-Einsatz hat sich DOLLs robuste Pendelachse bewährt. Diese gleicht Geländeunebenheiten hydraulisch aus. Ein maximaler Federweg von 600 Millimetern erlaubt es, selbst tiefe Bodenwellen zu überfahren. Zusätzlich misst ein spezieller Sensor die Querbeschleunigung in Kurvenfahrten. Droht ein Übersteuern oder Kippen, bremst das System automatisch ab.
„Wir entwickeln unsere Produkte ständig weiter, um den sich verändernden Anforderungen moderner Streitkräfte gerecht zu werden“, sagt Ehl. 35 Ingenieure arbeiten kontinuierlich an neuen Lösungen, auch basierend auf Einsatzerfahrungen. In Afghanistan beispielsweise rissen improvisierte Sprengsätze (IEDs) teils ganze Pendelarme ab. Austretendes Hydrauliköl führte zu Druckverlust im gesamten Hydrauliksystem und beeinträchtigte somit die Lenkung. Heute lassen sich die Achsen bei Bedarf einzeln vom Hydrauliksystem entkoppeln. So bleiben die Trailer auch nach schweren Treffern einsatzfähig.
Zuverlässigkeit im Einsatz bedeutet auch, dass Soldaten ihre Fahrzeuge in jeder Situation sicher bedienen können, ob bei Dunkelheit oder im Gefecht. DOLL stattet seine Schwerlastfahrzeuge deshalb mit intuitiv bedienbaren Assistenzsystemen aus. Das hochmoderne Steuerungssystem „DOLL control“ ermöglicht die Überwachung und Steuerung sämtlicher Trailerfunktionen. Ein 7-Zoll-Farbdisplay zeigt alle wichtigen Daten zu Reifendruck, Gewicht und Lastverteilung an. Zudem lassen sich alle Auflieger-Funktionen über die Funkfernbedienung „DOLL connect“ steuern. Der Fahrer kann vom Fahrersitz aus in die Lenkung eingreifen oder das Fahrniveau einstellen. Nach dem manuellen Nachlenken reicht ebenfalls ein Knopfdruck auf der Fernbedienung, um die Achsen wieder einzuspuren. Das automatische Einspursystem „DOLL EEP“ passt die Spur des Anhängers eigenständig an die Zugmaschine an. Und schließlich reguliert ein hydraulisch gesteuerter Schwanenhals den Druck auf die Zugmaschine beim Überfahren von Kuppen oder Steigungen. So behält die Zugmaschine stets eine gleichmäßige Traktion.
Der Sattelanhänger 70 t DOLL tera S8P im Gebirge
Weil viele Streitkräfte ihre Beschaffungsprozesse beschleunigen, gewinnt neben Qualität auch schnelle Verfügbarkeit an Bedeutung. DOLL kann liefern: „Dank unseres starken Partnernetzwerks in Deutschland und Europa können wir die Produktion bei Bedarf schnell hochfahren“, erläutert Ehl. „Und durch Simultaneous Engineering gelingt uns ein besonders schneller Übergang von der Entwicklung in die Fertigung.“ Ein Beweis für die Liefertreue: der im Juni 2022 unterzeichnete Rahmenvertrag mit dem BAAINBw über 249 Sattelanhänger mit 70 Tonnen Nutzlast (SaAnh 70t mil). Das erste Los von 31 Fahrzeugen wurde schon im Oktober 2023 an die Bundeswehr übergeben – drei Monate früher als vereinbart.
Zum Konzept von DOLL gehört außerdem ein umfassender Service über den gesamten Lebenszyklus der Fahrzeuge. Dazu zählen Training und ein „Train-the-Trainer“-Programm, Ersatzteilversorgung und Obsoleszenzmanagement. DOLL bietet die Materialerhaltungsstufen MES 1 bis 4 – auf Wunsch auch im Ausland oder Krisengebieten.
Über DOLL Fahrzeugbau
Die DOLL Fahrzeugbau GmbH mit Hauptsitz in Oppenau im Schwarzwald ist einer der führenden europäischen Hersteller von Transportfahrzeugen für die Bereiche Defence, Schwertransport, Airport Equipment und Holztransport. Zum Hauptsitz addieren sich die Tochtergesellschaften DOLL Airport Equipment in Oppenau, DOLL America in New Jersey, DOLL TimTech in Mildenau und DOLL France in Paris. Des Weiteren bietet DOLL Schulungen und Trainings, technischen Support, Reparatur- und Refurbishmentarbeiten, mobilen Service sowie 24-Stunden-Ersatzteilservice an. Gebrauchtfahrzeuge runden das Servicespektrum ab. Das im Jahr 1878 gegründete Traditionsunternehmen beschäftigt heute zirka 420 Mitarbeitende und baut rund 1.000 Fahrzeuge pro Jahr.
Der französische Präsident Macron erklärte die NATO im Oktober 2019 in einem Interview mit The Economist für Hirntod. Europa sei nun gefordert, ein geopolitischer Akteur mit eigener strategischer Kultur zu werden. Aus Pariser Sicht kein neuer Befund. Selbst überzeugte Atlantiker mussten allerdings zugeben, dass es im Vorfeld des Londoner NATO-Gipfels im Dezember 2019 kaum Anzeichen gab, sich auf Diskussionen zu einem neuen Strategischen Konzept einzulassen. Der NATO-Generalsekretär Stoltenberg war intensiv, und am Ende erfolgreich darum bemüht, die Volatilität des amerikanischen Präsidenten Trump einzuhegen. An eine Einigung über langfristige strategische Ausrichtung der NATO war nicht zu denken. So blieb es beim Strategischen Konzept von 2010: Darin hieß es:
Im euro-atlantischen Raum herrscht Frieden und die Bedrohung des NATO-Territoriums durch einen konventionellen Angriff ist gering. … Wir streben eine wahre strategische Partnerschaft mit Russland an.
Das dies nicht mehr der Realität entsprach, war spätestens seit 2014 mit der illegalen Annexion der Krim durch Russland und dem Beginn der Auseinandersetzungen in der Ostukraine klar. Insofern hatte Präsident Macron einen Punkt.
Die anderen Partner waren nun gefordert, die präsidentielle Erregung in konstruktive Bahnen zu lenken. Folgerichtig beauftragten die Staats- und Regierungschefs in London den NATO-Generalsekretär, die politische Dimension der NATO durch einen von ihm geleiteten Reflexionsprozess zu stärken. Unter der Überschrift NATO 2030 fanden Konsultationen mit Beteiligung vielfältiger gesellschaftlicher Gruppen statt. Zusätzlich legte eine unabhängige Expertengruppe im November 2020 ihre Empfehlungen vor. Zu ihr gehörte auch Verteidigungsminister a.D. Thomas de Maiziere.
Generalsekretär Stoltenberg behielt sich die Federführung für den endgültigen Entwurf der Agenda NATO 2030 selbst vor. Sie wurde beim Gipfel 2021 in Brüssel verabschiedet. Es wäre möglicherweise bei der Agenda geblieben, wäre Präsident Trump im Amt bestätigt und nicht von Präsident Biden abgelöst worden. So aber war der Weg für die Erarbeitung eines neuen Strategischen Konzepts der NATO frei.
Die militärische Anpassung der NATO war seit 2014 auch ohne ein neues Strategisches Konzept gut vorangekommen. Die militärische Präsenz in den Baltischen Staaten und Polen war erhöht worden. Es wurden Pläne für die rasche Verlegung einer neu aufgestellten teilstreitkraftübergreifenden Eingreiftruppe in verschiedene Teile des Bündnisgebietes erarbeitet. Der Verteidigungsplanungsprozess bezog kollektive Verteidigungsszenarien bei der Entwicklung der Fähigkeitsforderungen an die Nationen ein. Die Generalstabschefs der NATO verabschiedeten 2019 die erste NATO-Militärstrategie seit mehr als 50 Jahren. In ihrer planerischen Umsetzung entstanden weitere Konzepte, Pläne und Direktiven. Der militärische Beitrag zum neuen Strategischen Konzept baute darauf auf.
Die NATO hat 2022 ein neues Strategisches Konzept beschlossen und reagiert damit auf die veränderte Bedrohung. Bild: NATO
Im Hinblick auf Russland wird das neue Strategische Konzept 2022 deutlich:
„Im euro-atlantischen Raum herrscht kein Frieden … Wir können die Möglichkeit eines Angriffs auf die Souveränität und territoriale Unversehrtheit von Verbündeten nicht ausschließen… Die Russische Föderation ist die größte und unmittelbarste Bedrohung für die Sicherheit der Verbündeten und für Frieden und Stabilität im euro-atlantischen Raum.“
Diese klaren und markanten Passagen im neuen Strategischen Konzept sind Ausdruck der vielzitierten Zeitenwende. Zu der Frage, wann sie eingetreten ist, gab es allerdings schon Jahre vorher im Bündnis unterschiedliche Meinungen. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 zweifelte allerdings niemand mehr an der Zeitenwende.
Die letzte Zeitenwende unter völlig anderen Vorzeichen datiert auf das Jahr 1989. Die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands, das Ende des Warschauer Pakts und die Auflösung der Sowjetunion beendeten den Kalten Krieg. Es gab keine Notwendigkeit mehr, jederzeit die Verteidigung des Landes und der Bündnispartner aufnehmen zu können. Sicherheitspolitische Experten stellten die Notwendigkeit von Militär gänzlich in Frage. Sie glaubten die globale Ausbreitung der Demokratie sei nur noch eine Frage der Zeit.
Die gewaltsamen Auseinandersetzungen auf dem Balkan im Herzen Europas und das Massaker von Srebrenica zeigten, dass militärische Mittel unverzichtbar blieben, um Menschenrechte zu verteidigen und eine friedliche Entwicklung zu gewährleisten. Fast unbemerkt war die Epoche der Landes- und Bündnisverteidigung, von der Periode der Krisenbewältigung abgelöst worden. In ihr wurde aus der Bundeswehr, die „kämpfen konnte, um nicht kämpfen zu müssen“, die „Armee im Einsatz“.
Spätestens seit 2014 steht das militärische Instrument der NATO und damit auch die Bundeswehr vor einer zweidimensionalen Herausforderung. Einerseits laufen die Einsätze zur Krisenbewältigung weiter, anderseits gilt es, sich auf die konventionelle Verteidigung des Bündnisses vorzubereiten. In diesem neuen Koordinatensystem werden sich die Bündnispartner, von ihrer geographischen Lage beeinflusst, unterschiedlich positionieren. Während für die einen die Bedrohung durch Russland handlungsleitend ist, werden sich die anderen auf die Krisenbewältigung konzentrieren. Dies geschieht ungeachtet des ausgebliebenen Erfolgs in Afghanistan. Latente Instabilität, gefördert durch die Folgen des Klimawandels, begünstigt destabilisierende Flüchtlingsströme und gibt dem Terrorismus frischen Nährboden.
Bündnisverteidigung und Krisenbewältigung stellen politische Entscheidungsprozesse und Streitkräfte vor sehr unterschiedliche Herausforderungen. In den letzten 30 Jahren hat die NATO ihre Krisenbewältigungsverfahren optimiert, und es gibt nur geringen Anpassungsbedarf. In der Bündnisverteidigung bestimmt jedoch der Gegner den Beginn des Einsatzes. Dies hat erhebliche Folgen für die Entscheidungsprozesse und die Truppenstrukturen der NATO. Es bleibt keine Zeit für Truppenstellerkonferenzen. Die Erhöhung der Einsatzbereitschaft von Einheiten und Verbänden in der Grundgliederung ist das Gebot der Stunde. Die Entscheidung dazu sollte der Nordatlantikrat so früh wie möglich treffen, um die nutzbare Vorwarnzeit zu maximieren. Die Vorbereitungen des russischen Angriffs auf die Ukraine waren spätestens ab Anfang November 2021 von allen Alliierten anerkannt. Ob Putin den Angriffsbefehl geben würde, blieb jedoch bis zum tatsächlichen Angriffsbeginn unklar. Die maximale Vorwarnzeit hätte also mehr als 120 Tage betragen. Der politische Wille wäre entscheidend dafür gewesen, wie viele dieser Tage bei einem ähnlichen Szenario gegenüber einem Alliierten nutzbar gewesen wären. Das eigentliche Ziel erhöhter Einsatzbereitschaft bedeutet, mit konventionellen Streitkräften zur wirksamen Abschreckung beizutragen.
Die Kräfte des new NATO Force Model mit den Zeiten bis zum Eintreffen am Krisenort. Bild: NATO
Verteidigung und Abschreckung sind Ziele des verstärkten Kräfteansatz der NATO an der Ostflanke. Bild: NATO
Die NATO reagiert auf die Bedrohung an der Ostflanke mit einer starke Präsenz von Luftstreitkräften. Bild: NATO
Es gibt heute aufgrund gewachsener Abhängigkeiten infolge der Globalisierung, der zunehmenden Vernetzung im Informationsraum und der Abhängigkeit kritischer Infrastrukturen von funktionierender Informationstechnologie, vielfältige strategische Risiken. Dies Risiken werden bereits heute sichtbar, unterhalb der Schwelle einer konventionellen militärischen Auseinandersetzung. Hybrider Wettbewerb oder, im Extremfall hybride Kriegsführung, sind allgegenwärtig. Die Verfügbarkeit billiger und leicht zu erwerbender disruptiver Technologien führt zu einer wachsenden Anzahl von Akteuren. Die Antwort der NATO darauf ist die Erhöhung der Resilienz, die weit mehr als die Streitkräfte betrifft. Die Diskussion, ob auch Resilienzziele in der Forderungskatalog der NATO gegenüber den Nationen aufgenommen werden sollen, wird zurzeit geführt. Die Rolle von Streitkräften in hybriden Konflikten wird schon seit längerer Zeit diskutiert. Sie sollten durch wirksame Abschreckung dafür sorgen, dass hybride Konflikte „hybrid“ bleiben, und nicht in einen konventionellen Krieg eskalieren.
Die strategischen Risiken bestehen aber nicht nur für das Bündnis, sondern auch für einen potenziellen Gegner. Es gibt also heute mehr Möglichkeiten als im Kalten Krieg, einem Gegner inakzeptablen Schaden zuzufügen. Dennoch verlangt wirksame Abschreckung auf unabsehbare Zeit die Verfügbarkeit nuklearer Optionen.
Plan A zum Schutz der territorialen Integrität und Souveränität der Bündnispartner ist eine wirksame Abschreckung. Er verlangt eine Wiederbelebung strategischer Debatten über erfolgversprechende Eskalations- und Deeskalationsstrategien.
In der Analyse des sicherheitspolitischen Umfelds ordnen viele den „russischen Angriff auf die Ukraine“ als strategischen Schock und damit in die gleiche Kategorie wie die „COVID 19 Pandemie“ ein. Demgegenüber sprechen sie von Megatrends, wenn es um den „Aufstieg Chinas“, die „Beschleunigung der Entwicklung disruptiver Technologien“ und den „fortschreitenden Klimawandel“ geht.
Strategische Schocks und Megatrends werden sich auf die im Strategischen Konzept 2022 genannten drei Kernaufgaben des Bündnisses in unterschiedlicher und zum Teil gegenseitig komplizierender Weise aus. Sie betreffen sowohl (1) „Abschreckung und Verteidigung“, (2) „Krisenprävention und -bewältigung“ als auch (3) „Kooperative Sicherheit“.
Die „COVID 19 Pandemie“ hat der Welt die Verletzlichkeit globaler Lieferketten und die Abhängigkeit von wenigen Produzenten medizinischer Artikel vor Augen geführt. Investitionen in die Resilienz der Versorgungswege sind die Konsequenz. Keinesfalls zufällig besteht eine Verbindung mit dem Megatrend „Aufstieg Chinas“. China ist ein potenter systemischer Wettbewerber, der wiederum Erwerb und die „Beschleunigung der Entwicklung disruptiver Technologien“ mit strategischer Weitsicht innerhalb zentralisierter Strukturen vorantreibt. Deshalb beschreitet die NATO Neuland mit der Förderung disruptiver Technologien, die nicht unbedingt einen sofortigen wirtschaftlichen Gewinn versprechen. Die Ausweitung partnerschaftlicher Beziehungen im Rahmen der Kernaufgabe „Kooperative Sicherheit“ in den pazifischen Raum ist eine logische Konsequenz, auch wenn die NATO ein regionales Bündnis bleibt. Der „fortschreitende Klimawandel“ wird bestehende Instabilitäten verstärken und neue schaffen. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf die Kernaufgabe „Krisenprävention und -bewältigung“. Daher kann sich die NATO, trotz des strategisches Schocks durch den „russischen Angriffs auf die Ukraine“, nicht einseitig auf die Kernaufgabe „Abschreckung und Verteidigung“ konzentrieren. Die NATO strebt an, zum weltweit führenden Forum politischer Diskussionen über die sicherheitspolitischen Folgen des „fortschreitenden Klimawandels“ zu werden. Dies wiederum verlangt nach Einbeziehung Chinas trotz bestehender systemischer Konkurrenz.
Beim Gipfel von MADRID haben die Staatschefs unter anderem das new NATO Force Model beschlossen. Bild: NATO
Die im Rahmen der Arbeiten zum Strategischen Konzept 2022 vorgenommenen Analysen, die in diesem Artikel nur in Teilen skizziert werden konnten, zeichnen das Bild eines äußerst komplexen und dynamischen sicherheitspolitischen Umfelds mit neuen und sich teilweise vergrößernden Risiken. Die Alliierten haben sich mit dem Strategischen Konzept 2022 eine solide Grundlage geschaffen, um diesen Risiken erfolgreich zu begegnen und unsere Wertegemeinschaft umfassend zu schützen. Ende Juni 2022 stimmte auch Präsident Macron in Madrid dem neuen Strategischen Konzept der NATO zu. Darin heißt es:
„Die NATO ist entschlossen, die Freiheit und Sicherheit der Verbündeten zu wahren Ihre zentrale Aufgabe und wichtigste Funktion ist es, unsere kollektive Verteidigung gegen jede Bedrohung aus jeder Richtung sicherzustellen.“
Auch in den Augen der Kritiker wurde aus dem vermeintlich hirntoten Bündnis in nur drei Jahren der Garant unserer kollektiven Sicherheit.
GenLt a.D. Hans-Werner Wiermann, ehem. deutscher militärischer Vertreter bei NATO und EU, zur Neuausrichtung der NATO.
Text: Generalleutnant a.D. Hans-Werner Wiermann, ehem. DMV MC/ NATO und EU
Anm. Red.: Dieser Artikel steht im Zusammenhang mit dem Vortrag des Autors bei der Informationsveranstaltung des Blauer Bund e.V. im November 2022