Kampf in der Zukunft – Wie das Heer zukünftig kämpft

Wie kämpft das Heer in der Zukunft? Wie stellt es sich dem Gefecht, um zu gewinnen? Das zeigt die Lehr- und Versuchsübung in der „Hauptstadt des Heeres“. In Munster führen Soldatinnen und Soldaten verschiedener Verbände vor, wie das Gefecht zukünftig aussehen wird und wie sie kämpfen, um zu gewinnen.

Die Lehr- und Versuchsübung in Munster, der „Hauptstadt des Heeres“ zeigt, wie die Soldatinnen und Soldaten des Heeres in Zukunft kämpfen werden

Das Gefecht auf der Schießbahn 3 in Munster beginnt mit einem Surren. Dieses unverkennbare Geräusch ist ein bestimmendes Merkmal der „neuen“ Art zu kämpfen. Drohnen sind dabei längst nicht mehr nur Aufklärungsmittel, auch findet der Erstkontakt zum Gegner zukünftig meist unbemannt statt.

Eine Stimme aus dem Off erklärt zu Beginn der Übung die Phasen der Operationsführung.
„Erstens: Aufbau und dauerhafter Erhalt des eigenen Schutzschirmes durch vernetzte Sensorik, weitreichendes Feuer, Flugabwehr, Elektromagnetischen Kampf sowie KI-gestützte Datenverarbeitung.
Zweitens: Stören, Sättigen oder zeitweises Niederhalten des gegnerischen Schutzschirmes durch koordinierte Effekte aus allen Dimensionen.
Drittens: Die bewegliche Operationsführung, geprägt durch Feuer und Bewegung. In dieser Phase entscheiden Mobilität, Abstandsfähigkeit Duellfähigkeit und präzise Wirkung über den Erfolg des Gefechtes.“

Diese Anmoderation benennt das neue Strukturmerkmal auf dem Gefechtsfeld, den Schutzschirm und die sich überlagernden Schutzschirme der Konfliktparteien.

Neues Kriegsbild

Die Lehr- und Versuchsübung in Munster verfolgen an mehreren Tagen der Bundeskanzler, der Verteidigungsminister und der Generalinspekteur, die Mitglieder des Verteidigungsausschusses, die Heeresführung und Schulkommandeure. Angereist sind auch Vertreter verschiedener Organisationsbereiche, forschender und testender Einheiten, des Cyber Innovation Hub und der Rüstungsindustrie.

Um die Sicherheit der NATO, Europas und somit auch Deutschlands stand es noch nie so ernst. Russland ist die Hauptbedrohung für den euro-atlantischen Raum. Es rüstet auf, in einem Tempo, das es so, noch nie gab. Mit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine wurden die russischen Streitkräfte massiv ausgebaut. Damit sind ebenfalls neue Militärstrukturen entstanden, die strikt gegen den Westen ausgerichtet sind. Zahlen wie 1,5 Millionen aktive russische Soldaten oder etwa 400.000 zum Einsatz gebrachte Drohnen im letzten Jahr in der Ukraine kennzeichnen diese Entwicklung.

Der Krieg in der Ukraine hat ein Kriegsbild gezeigt, auf das sich die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr einstellen. Es wurden Technologiesprünge und folgend Entwicklungen sichtbar, denen das Heer folgt und die es vorantreibt. Zukünftig entscheidet in Kriegen die Beherrschung sehr großer Datenmengen auch über Sieg oder Niederlage. Künstliche Intelligenz nimmt dabei einen immer größer werdenden Raum ein.

Der Auftrag bleibt, der Kampf ändert sich

Der Auftrag bleibt, aber zukünftige Gefechte werden anders aussehen

Raum halten und Raum nehmen, auch gegen feindlichen Widerstand ist der unveränderte Kernauftrag der Streitkräfte. Doch wie dies geschieht, unterliegt einem strikten Wandel. Das Gefechtsfeld wird transparent. Lückenlos erfassen Aufklärungsmittel und Sensoren Bewegungen. Diese Informationen werden nahezu in Echtzeit verarbeitet. Somit erfolgt unmittelbar nach der Aufklärung der Waffeneinsatz. Die Zeit zwischen Erkennen und Bekämpfen schrumpft auf ein Minimum. Auch der massenweise Einsatz kostengünstiger vernetzter und häufig unbemannter Systeme verändert die Gefährdung der Soldatinnen und Soldaten signifikant. Zudem wirken Drohnen nicht mehr isoliert, sondern im Verbund. Mit dem Ergebnis, dass Sichtbarkeit zur Verwundbarkeit wird.

Der Schutzschirm ist zentral für die Operationsführung und vernetzt alle Ebenen, Aufklärung und Wirkung, vom Einzelsystem bis zum großen Gefechtsverbund. Er wird gespeist aus einer Vielzahl von Sensoren und arbeitet KI-gestützt. Aus allen Richtungen entsteht ein nahezu lückenloses Echtzeit-Lagebild. Bedrohungen werden sofort erkannt und die Soldaten reagieren. Allerdings hängt seine Schutzwirkung davon ab, wie schnell und korrekt riesige Datenmengen gewonnen und verarbeitet werden können. Es gilt der Grundsatz: Wer Informationen schneller gewinnt, verarbeitet und präzise in Wirkung umsetzt, gewinnt.

Der Schutzschirm wird Voraussetzung für das Gefecht

Sensorik und Schutzschirme sind die Grundlage für den Einsatz der Kampftruppe. Wer schneller Daten verarbeitet, transportiert und auswertet, gewinnt.

Dieser Grundsatz gilt aber auch für den Gegner, sodass ohne einen eigenen Schutzschirm auf dem Gefechtsfeld kaum Bewegungen oder Durchhaltefähigkeit möglich sind. Erst wenn der eigene Schutzschirm steht und der gegnerische Schutzschirm gestört oder zerstört ist, entsteht die Möglichkeit dem Gegner ernsthafte Verluste zuzuführen.

Das kleine Heidedorf inmitten der Schießbahn ist das strategische Ziel der Operation. Zum Aufbau des Schutzschirmes sind das Luftverteidigungssystem IRIS-T SLM sowie das Flugabwehrsystem Skyranger 30 in Stellung gegangen. Die Uranos KI-Ausstattung nutzt Drohnen, Bodenkontrollstationen und Künstliche Intelligenz. Sie sammelt Daten, die in der Luft und am Boden aufgezeichnet werden und erstellt ein Echtzeit-Lagebild. Die Aufklärungssysteme FALKE und Twister, die bodengebundene Drohne Gereon oder das unbemannte Kettenfahrzeug Themis tragen mit ihren Daten zum Schutzschirm bei. Parallel geht in Heidedorf der Roboter Ziesel mit dem adaptiertem Mehrrollenfähigen Leichten Lenkflugkörpersystem MELLS in Stellung und bekämpft unbemannt die ersten gegnerischen Ziele.

Es gelten selbstverständlich die bisherigen Einsatzgrundsätze. So tragen auch weit vor Operationsbeginn eingesetzte Fernspähkräfte nach wie vor mit ihren Informationen dazu bei, den Schutzschirm des Gegners zu schwächen oder gar zu stören.

Feuer und Bewegung zur Entscheidung

Die Loitering Munition Systeme, sogenannte Kamikazedrohnen, ändern das Gefecht grundlegend. Vergleichsweise kostengünstig bekämpfen sie präzise gegnerischer Ziele auf sehr große Entfernung.
Wenn der Schutzschirm steht, schlägt die Zeit für die hochbewegliche Operationsführung. Angriffsschwung ist die Grundlage des Erfolges.

Die Entscheidung bringt nach wie vor der Kampf: Doch es gilt, den eigenen Schutzschirm aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Dieser Schutz wird zur Voraussetzung jeder Operation. Zusätzlich muss der gegnerische Schutzschirm gestört, niedergehalten, abgenutzt und schließlich durchdrungen werden. Aus „die letzten 100 Meter gehören dem Heer“ wird „die letzten 5.000 Meter gehören dem Heer“. Die gegnerischen Sensorsysteme sind gesättigt und der Schutzschirm des Gegners wird geschwächt – gute Voraussetzungen, um die Entscheidung im Kampf zu suchen.

In Munster gehen Geschütze der Artillerie in Stellung. Raketenwerfer MARS, Radhaubitze RC 155, Panzerhaubitze 2000 und der Mehrfachraketenwerfer PULS bereiten mit ihrem weitreichenden Feuer den Einsatz der Panzertruppen sowie der schweren Infanterie vor. Die abstandsfähigen Systeme schwächen den gegnerischen Schutzschirm aus sehr großer Distanz. Auch hier kommen neue Systeme zum Einsatz. Über Heidedorf fliegt die Loitering Munition, umgangssprachlich Kamikazedrohne mithilfe eines eigenen Antriebs in den Einsatzraum und kreist dort eine gewisse Zeit in der Luft. Eigene Sensoren und eine intelligente Software erkennen selbstständig Ziele und identifizieren einen feindlichen Kampfpanzer oder Gefechtsstand. Der Bediener entscheidet schließlich, das Flugobjekt samt Sprengladung gegen das Ziel einzusetzen. Auch ganze Drohnenschwärme werden zukünftig eingesetzt, um die Sensorik des Gegners zu stören, zu überlasten oder sogar zu bekämpfen. Der Vorteil liegt klar auf der Hand, eine schnelle Reaktionsfähigkeit sowie eine präzise Bekämpfung mit einer meist höheren Reichweite als Artilleriegranaten.

Mittlere und Schwere Kräfte mit Angriffsschwung

Der schwere Waffenträger Infanterie (gelbe Flagge) und der Radschützenpanzer Schakal (grüne Flagge) werden zukünftig in Gefechten zur Verfügung stehen

Die Ausweitung und Überlagerung der Schutzschirme folgen den Grundsätzen des Verzögerungsgefechtes, mal in Feind- oder die eigene Richtung mit fortwährendem Einsatz von Drohnen zur Aufklärung oder zum Kampf. Die Entscheidung über Sieg oder Niederlage sucht der militärische Führer jedoch im direkten Kampf, dazu werden Mittlere und Schwere Kräfte massiert mit Angriffsschwung und dem Willen zum Sieg eingesetzt: Feuer und Bewegung mit Aufklärung voraus.

Kampfpanzer Leopard und Schützenpanzer Puma stehen für Präzision und Schlagkraft. Panzergrenadiere wechseln in der Ortschaft ihre Kampfweise und bekämpfen den Gegner im urbanen Gelände. Die Leoparden kämpfen darüber hinaus auf große Entfernungen und sichern die Flanken. Weitreichende Feuerunterstützung aus einem gemischten Schwarm Kampfhubschrauber Tiger und dem leichten Kampfhubschrauber H145M zerschlagen auf große Entfernung den feindlichen Gegenstoß.

Das Gefecht um Heidedorf hat vielfältige Waffensysteme gezeigt, solche, die das Heer schon hat und solche, die in den kommenden Jahren in die Truppe kommen sollen. Systeme, die zusammen operieren, mit dem Ziel einen eigenen Schutzschirm aufzubauen, den gegnerischen zu durchdringen und im dynamischen Gefecht die Entscheidung herbeizuführen.

Wie das Heer künftig kämpfen wird, um gewinnen zu können, ist Ausgangspunkt und Triebfeder für den Weg, den es eingeschlagen hat. Mit dem Ziel das Heer neu aufzustellen. „Wir wissen, was wir dazu brauchen, wie wir uns dazu organisieren müssen und was wir dazu ausbilden müssen. Der Campaign Plan Heer 2035+ ist dafür der operative Handlungsrahmen“, so der Inspekteur.

Dynamische Schau neuer Aufklärungs- und Waffensysteme

Gepanzerte Verbände am Boden werden nach wie vor durch fliegende Verbände unterstützt und kämpfen im Verbund
Der GTK Boxer ist die bereits bewährte Plattform für die Mittleren Kräfte. Der Schakal (Hintergrund) vereint die GTK Plattform mit dem Waffenturm des Schützenpanzers Puma.
Der FALKE, ein ferngeführtes Aufklärungssystem, luftgestützt und für kurze Entfernungen trägt mit seinen Informationen zum Ausbau des Schutzschirmes bei
Auch für den Transport von Verwundeten werden bodengebundene Roboter eingesetzt
Waffenmix: Weitreichende Waffen, indirektes Feuer vom Boden oder aus der Luft, also Schlagkraft und Entschlossenheit sind der Schlüssel zum Erfolg
Pioniere unterstützen mit ihrer Panzerschnellbrücke Leguan das Gefecht. So können Gefechtsfahrzeuge Gewässer überqueren.
In zukünftigen Gefechten sind Drohnen in jeder Phase des Gefechts eingebunden. Sie sind geradezu allgegenwärtig.
Drohne, Roboter, Raketenwerfer: Wie das Heer kämpfen wird, steht im Campaign Plan 2035+
Der Boxer-Brückenleger kombiniert die hohe Mobilität und Geländegängigkeit des Boxer-Fahrmoduls mit dem Missionsmodul zur Verlegung von Brücken
Die Radhaubitze RCH 155 kombiniert Feuerkraft und Reichweite des Artillerie-Geschütz-Moduls mit dem Schutz und der Mobilität des Radpanzers Boxer
Die Aufklärungsdrohne Twister ist der Nachfolger des Systems ALADIN. Sie kann senkrecht aus dem Stand starten.
Die fernbedienbare Waffenanlage Midgard 40 hat die Granatmaschinenwaffe 40 Millimeter adaptiert

Erstveröffentlichung in YNSIDE, 30.04.2026

Bilder: ©Bundeswehr/Marco Dorow

Die Troika im Rahmen der Übung Citadel Bonus 2023. Links Generalmajor Georg Klein, Mitte Generalleutnant Emmanuel Gaulin, rechts Generalmajor Jean Bouillaud - Blauer Bund

Die Beteiligung des Heeres am Rapid Reaction Corps France

Die „Zeitenwende“ findet auch bei unserem größten Nachbarn statt, die französischen Landstreitkräfte werden konsequent auf ihre Aufgaben im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung ausgerichtet. Hieran hat auch das Deutsche Heer unmittelbaren Anteil – einige deutsche Offiziere besetzen Schlüsselpositionen im Rapid Reaction Corps France in LILLE.

Nebel liegt über dem Antreteplatz der Zitadelle - Blauer Bund
Nebel liegt über dem Antreteplatz der Zitadelle © Simon Baaske

Das Rapid Reaction Corps France (RRC-FRA) ist, ebenso wie das französische Heeresführungskommando (C.F.O.T.), im äußersten Norden des Landes, unweit der belgischen Grenze beheimatet. Die Indienststellung in 2005 erfolgte zwar um einige Jahre später als die vergleichbarer Korpsstäbe in anderen europäischen Staaten, ging aber der französischen Rückkehr in die integrierte Kommandostruktur der NATO noch um vier Jahre voraus. Nicht nur in zeitlicher Hinsicht fungiert das RRC-FRA somit und bis heute als Bindeglied zwischen der NATO und den französischen Streitkräften: Es ist die höchste verlegefähige Kommandobehörde der französischen Armee, in dieser Rolle federführend in der Beübung der beiden Heeresdivisionen sowie maßgeblich beteiligt an der Umstrukturierung der französischen Landstreitkräfte hin zu einer „Armee der fünften Dimension“ und „Start-Up Army“, wie es der französische Inspekteur des Heeres, General Pierre Schill, im Dezember 2023 betonte. Zugleich reiht es sich ein in die NATO-Streitkräftestruktur (kurz: NFS, engl. NATO Force Structure) als einer von insgesamt zehn verlegefähigen Korps-Stäben, die generisch neuerdings als „NATO Response Corps (NRC)“ bezeichnet werden. Die nun knapp zwanzigjährige Geschichte des Korps ist gekennzeichnet von der Bewährung in häufig wechselnden Rollen. So erfolgte zunächst die Zertifizierung zur High Readiness Force 2007, sodann zum Land Component Command (LCC) der NATO Response Force 2008, 2014 und 2022 – jeweils gefolgt von Phasen erhöhter Bereitschaft; ferner die Entsendung von Personal zu Stabilisierungsoperationen nach Afghanistan (ISAF/RSM) und als European Forces in den Tschad sowie die Zentralafrikanische Republik. Darüber hinaus werden seit 2015 kontinuierlich aus dem Stab heraus Kräfte zu den inländischen Antiterror-Operationen „Vigipirate“ bzw. „Sentinelle“ abgestellt. Im März 2024 wurde die Zertifizierung als NATO Warfighting Corps im Zuge der Übung LOYAL LEDA 24 abgeschlossen. Das Korps ist befähigt, bis zu fünf Divisionen und Korpstruppen, insgesamt rund 100.000 Soldaten, in einem Konflikt mit hoher Intensität zu führen. In die aktuellen Verteidigungsplanungen der NATO ist das RRC-FRA eng eingebunden. Es ist zu erwarten, dass die Rolle des Korps anlässlich des Washingtoner Jubiläumsgipfels der Allianz im Juli 2024 bestätigt werden wird. Bis auf weiteres soll es sodann bei dieser zugewiesenen Rolle bleiben, die erforderlichen Fähigkeiten werden durch geeignete Ausbildungs- und Übungsprogramme auch über Personalwechsel hinweg aufrechterhalten.

Die Troika im Rahmen der Übung Citadel Bonus 2023. Links Generalmajor Georg Klein, Mitte Generalleutnant Emmanuel Gaulin, rechts Generalmajor Jean Bouillaud - Blauer Bund
Die Troika im Rahmen der Übung Citadel Bonus 2023. Links Generalmajor Georg Klein, Mitte Generalleutnant Emmanuel Gaulin, rechts Generalmajor Jean Bouillaud
© CRR-FR / Amaury Duthoy

Die insgesamt rund 430 Soldaten stammen aus 14 Nationen, mit Frankreich als Gastgeber- und einziger Rahmennation. Die Nachbarländer Deutschland und Belgien stellen die nächstgrößeren Kontingente und besetzen Schlüsselpositionen. So ist der Stellvertreter des Kommandierenden Generals (Deputy Commander, DCOM) seit 2005 durchgehend ein deutscher Generalmajor, zudem dienen deutsche Offiziere in den Abteilungen G7 und G5 an besonders hervorgehobener Stelle. In den Abteilungen G2, G35, G4, G6 und Feuerunterstützung (JFIT) nehmen weitere deutsche Offiziere maßgeblichen Einfluss vor allem auf die Planungsarbeit. Insgesamt dienen beim RRC-FRA 14 deutsche Heeressoldaten, davon zwei in einem nationalen Unterstützunsgelement. Die vereinbarte Arbeitssprache ist Englisch, die Stabsverfahren orientieren sich an den Vorgaben der NATO – soweit jedenfalls die Theorie. Tatsächlich kann jedoch mit Blick auf die nationalen Anteile des Aufgabenspektrums weder in Gänze auf die Nutzung der französischen Sprache verzichtet werden noch auf die Kenntnis und fallweise Anwendung der nationalen Militärdoktrin. Diese teils widerstreitenden Belange immer wieder in einen sinnfälligen Ausgleich zu bringen, macht u.a. für das entsandte deutsche Personal die Herausforderung, nicht zuletzt aber auch den Reiz einer Verwendung beim RRC-FRA aus.

Der DACOS G5 trägt im Rahmen einer Planübung in Vorbereitung für die Übung Loyal Leda 24 zum Operationsplan vor. - Blauer Bund
Der DACOS G5 trägt im Rahmen einer Planübung in Vorbereitung für die Übung Loyal Leda 24 zum Operationsplan vor. © CRR-FR / ADC EMMANUEL

Die Rückbesinnung auf Landes- und Bündnisverteidigung als Raison d’être des Militärs wurde besonders deutlich im Zuge der letztjährigen, vierteiligen Übungsserie ORION 23 demonstriert. Unter Beteiligung zahlreicher NATO-Partner, darüber hinaus aber auch beispielsweise indischer Truppenteile, wurde über Monate hinweg die Intensivierung konventioneller wie auch hybrider Bedrohungen geschildert, denen durch abgestufte, sich ebenfalls steigernde Gegenmaßnahmen letztlich erfolgreich begegnet wurde. Nicht zuletzt durch die enthaltenen Volltruppenanteile handelte es sich bei ORION 23 um ein Übungsvorhaben, das in Frankreich, aber auch in weiteren Teilen Europas ohne Beispiel seit 1987 war, also seit der Spätphase des Kalten Krieges. Das Rapid Reaction Corps France spielte eine Schlüsselrolle bei der Vorbereitung und ebenfalls in der Durchführungsphase – mit Teilen im Leitungsdienst, aber auch als Teil der Übungstruppe. Das erfolgreiche Großprojekt soll in 2026 eine Wiederholung erfahren, und erneut ist RRC-FRA im vorgenannten Umfang beauftragt worden. Bis dahin liegen die Arbeits- und Übungsbeziehungen zwischen RRC-FRA und den Truppenteilen und Dienststellen des französischen Heeres jedoch keineswegs brach. Vielmehr wird der Übungskalender mit Blick v.a. auf die beiden Heeresdivisionen deutlich verdichtet. Für diese beiden Großverbände ist ein alternierender Rollenwechsel im Rhythmus von jeweils drei Jahren vorgesehen, zwischen dem Verantwortungsbereich „Europa“ und „übrige Welt“. Ersteres zielt v.a. auf den Beitrag Frankreichs zur atlantischen Allianz, letzteres vorrangig auf überseeische französische Territorien sowie die Region Afrika / Naher Osten. Hierdurch ergeben sich für die Soldaten des Deutschen Anteils einmalige Einblicke sowohl hinsichtlich der französischen Positionierung und Mitwirkung im Bündnis wie auch bezüglich der nationalen Interessenverfolgung in aller Welt.

Das mächtige Haupttor, die Porte Royal mit dem Namen der Liegenschaft: Quartier Boufflers, benannt nach Marschall Louis-François de Boufflers (1644-1711), einstigem Kommandeur der Stadt Lille und der Zitadelle - Blauer Bund
Das mächtige Haupttor, die Porte Royal mit dem Namen der Liegenschaft: Quartier Boufflers, benannt nach Marschall Louis-François de Boufflers (1644-1711), einstigem Kommandeur der Stadt Lille und der Zitadelle © Simon Baaske

Abschließend noch einmal ein Blick auf LILLE, die Heimat des RRC-FRA. Die Stadt, Herzstück des viertgrößten französischen Ballungsraumes und zugleich auch einer grenzüberschreitenden europäischen Metropolregion, hat den Soldaten und deren Familien viel zu bieten. Viel Grün, zahlreiche Gewässer, sehenswerte historische Bausubstanz und ein ausgefeiltes Nahverkehrssystem, zudem meist kurze Wege – viel mehr kann man von seiner Garnison kaum erwarten. Sollte man dennoch einmal auf Reisen gehen wollen oder müssen, so profitiert man vor allem von der exzellenten Anbindung auf dem Schienenweg: Eine Stunde Fahrzeit nach Paris, eine halbe nach Brüssel oder ca. 80 Minuten nach London – auch in dieser Hinsicht wird man es schwerlich besser treffen können. Ein weiteres Highlight dieser Attraktivitätsfaktoren stellt das von RRC-FRA genutzte Stabsquartier dar – die in unmittelbarer Innenstadtnähe gelegene Zitadelle von LILLE. Zwischen 1668 und 1671 wurde sie nach den Plänen des Marschalls Sébastien Le Prestre de Vauban gebaut, eben jenes Großmeisters der Ingenieurskunst, der für den Bau und die Modernisierung von über 100 weiteren Festungen und Verteidigungsanlagen verantwortlich war. Ludwig XIV. hatte den Bau dieses gewaltigen Verteidigungsrings an den damals neuen Grenzen Frankreichs veranlasst, nachdem er diese Gebiete im Frieden von Aachen zulasten der spanischen Niederlande zugesprochen bekommen hatte. Ungeachtet aller zwischenzeitlichen historischen Wechselfälle hat diese Grenzziehung bis heute im Wesentlichen Bestand.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Dienst im RRC-FRA von den Soldaten des Deutschen Anteils als gleichermaßen sinnstiftend wie attraktiv empfunden wird. LILLE ist nicht nur eine Reise wert – wer darüber hinaus als geeignet für eine hiesige Verwendung identifiziert wird und eine solche angeboten bekommt, sollte zugreifen!

Text: Hauptmann Simon Baaske 

INFORMATIONSBROSCHÜRE – Aktuelles aus dem Deutschen Heer

Der Inspekteur Herr Generalleutnant Alfons Mais hat eine neue Informationsbröschüre herausgegeben. Diese Broschüre soll Ihnen in kompakter Form Informationen über die aktuellen Handlungsfelder des Deutschen Heeres bereitstellen. Dabei sind die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen nach 2014, die Refokussierung auf die Landesund Bündnisverteidigung und damit der verstärkte Blick auf die  potentiale möglicher Gegner handlungsleitend.

 

Zum Download der Broschüre…