Boris Pistorius bei der Bundeswehrtagung 2025: Verteidigung ist Teamarbeit

„Einsatzbereitschaft stärken. Aufwuchs beschleunigen. Sicherheit garantieren“ – so das Motto der Bundeswehrtagung 2025. Minister Boris Pistorius hielt bei dem Spitzentreffen am 7. November 2025 in Berlin eine programmatische Rede zur Ausrichtung der Truppe. Dabei mahnte er die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für die Sicherheit Deutschlands an.

Der rasche personelle und materielle Aufwuchs der Bundeswehr sei entscheidend für die weitere Umstellung auf die Landes- und Bündnisverteidigung, so Minister Pistorius auf der Bundeswehrtagung

Bei dem zweitägigen Treffen ging es um die programmatische Ausrichtung der Bundeswehr und um die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen. Die politische und militärische Führung der Bundeswehr nahm bei der Bundeswehrtagung 2025 eine Bestandsaufnahme vor und richtete den Blick in die Zukunft. Das Spitzenpersonal der Bundeswehr, dazu Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verbänden, Industrie und Think Tanks sowie Forschung und Kommunen waren gekommen – insgesamt rund 450 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Videobotschaft des Bundeskanzlers

Nach dem bundeswehrinternen Teil der Tagung am ersten Tag standen am zweiten Tag die gesamtstaatlichen Aufgaben der Verteidigung im Fokus. Nach der Begrüßung durch Verteidigungsminister Boris Pistorius wurde eine Videobotschaft von Bundeskanzler Friedrich Merz eingespielt, der bei der Weltklimakonferenz COP 30 im brasilianischen Belém weilte. Minister Pistorius betonte vorab, die Grußbotschaft des Kanzlers unterstreiche einmal mehr die Bedeutung dieser Tagung und die starke Unterstützung der gesamten Bundesregierung für das Thema Sicherheit.
Bundeskanzler Merz sagte, seit dem völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine sei Frieden in Europa keine Selbstverständlichkeit mehr. „Wir wollen die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee in Europa machen“, erklärte der Kanzler. „Wichtige Vorhaben hat die Bundesregierung bereits auf den Weg gebracht. Eine verlässliche Finanzierung für die Bundeswehr, beschleunigte Beschaffungsverfahren, die Einrichtung eines nationalen Sicherheitsrates“, zählte der Kanzler auf. Das alles sei auch Verdienst von Verteidigungsminister Boris Pistorius, so Merz weiter. An die Führungskräfte der Bundeswehr gab er die Devise aus: „Möglich machen lautet das Gebot der Stunde.“

Zeitenwende hat sehr vieles angestoßen

Verteidigungsminister Pistorius betonte, mit der Zeitenwende sei sehr vieles angestoßen worden – Strukturen seien verändert, Prozesse beschleunigt und Fähigkeiten ausgebaut worden. „Wir sind mitten dabei, die Bundeswehr konsequent auf Landes- und Bündnisverteidigung auszurichten“, stellte Pistorius fest. Jedoch sei auch klar, dass dieses Ziel noch nicht erreicht sei. Der materielle und personelle Aufwuchs der Bundeswehr müsse rasch umgesetzt werden, so der Minister.

Aufträge und Reorganisation

Der Aufwuchs der Truppe mit Material und Personal – Neuer Wehrdienst, Reserve und aktive Soldatinnen und Soldaten – stehen unter anderem ganz oben auf der Prioritätenliste des Ministers. Dazu erteilte Pistorius konkrete Aufträge an das Leitungspersonal seines Hauses:

– Ausarbeitung einer „Strategie der Reserve“ bis Ostern 2026
– Ausarbeitung eines Aufwuchsplans für die aktive Truppe bis Ostern 2026. Dieser solle konkrete Maßnahmen und quantifizierbare Meilensteine enthalten.
– Für einen schnelleren Aufwuchs beim Material soll die Struktur des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) überarbeitet werden.
– Vorstellung der Militärstrategie der Bundeswehr bis zum Frühjahr 2026
– Überarbeitung des Fähigkeitsprofils der Bundeswehr auf Grundlage der Militärstrategie
– Erstellung eines Vorschlagspapiers zur Überarbeitung des Planungsprozesses zur Beschaffung von Rüstungsgütern. Schnelligkeit und Innovation bei der Beschaffung sollen gefördert werden.
– Den Anteil für Forschung und Entwicklung in zukünftigen Verteidigungsetats angemessen und signifikant zu erhöhen.

Zudem beabsichtigt Pistorius aktive Soldatinnen und Soldaten, die kurz vor dem Ausscheiden aus der Truppe stehen, per Brief anzuschreiben und sie dafür zu gewinnen, länger zu bleiben.

Sicherheit ist mehr als nur Aufgabe der Bundeswehr

Boris Pistorius machte klar, worum es ihm vor allem geht: Verteidigung in Deutschland sei mehr als nur eine Aufgabe der Bundeswehr. Sicherheit entstehe nur dann, wenn Staat, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zusammenarbeiteten.

Sie alle seien Teil der Gesamtverteidigung und trügen Verantwortung dafür, dass Deutschland und Europa verteidigungsfähig blieben. Dafür liege mit dem Operationsplan Deutschland der Bundeswehr eine Agenda vor. Es gelte, den Gedanken der Gesamtverteidigung wirklich zu leben.

In diesem Kontext begrüßte der Minister ausdrücklich die Einsetzung des Nationalen Sicherheitsrats, der erst kürzlich seine erste Sitzung hatte.

„Entbürokratisierungsagenda 2.0“

Verteidigungsminister Pistorius erteilte auf der Bundeswehrtagung konkrete Aufträge an seine Staatssekretäre sowie den Generalinspekteur, um die Bundeswehr weiter zügig zu ertüchtigen

Für die Bundeswehr machte Boris Pistorius klar, er sei fest entschlossen, den Auftrag der Bundeswehr im Rahmen der Gesamtverteidigung weiter auszuführen. Er wandte sich ausdrücklich an die Vorgesetzen der Soldatinnen und Soldaten. Es gehe darum, nicht mehr zu verwalten, sondern zu führen. Dazu gehöre auch eine neue Fehlerkultur in der Truppe. Vorschriften müssten der Bewältigung des Auftrags dienen. Deshalb hat Verteidigungsminister Boris Pistorius Staatssekretär Jan Stöß damit beauftragt, bis Ostern 2026 eine „Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda 2.0“ für den Geschäftsbereich des Verteidigungsministeriums zu erstellen.

Truppe braucht den Rückhalt der Gesellschaft

Minister Pistorius unterstrich, die Bundeswehr könne ihre Aufgaben nur erfüllen, wenn sie Rückhalt, Verständnis und Unterstützung in der Gesellschaft habe. Er zitierte die Worte eines Soldaten, der gesagt hatte: „Ich kann nur kämpfen, wenn eine resiliente Gesellschaft hinter mir steht.“ Pistorius zeigte sich überzeugt davon, dass die Streitkräfte diese Unterstützung bekämen. Das dokumentierten die steigenden Bewerbungszahlen und das zeigten die vielen positiven persönlichen Erlebnisse von Bundeswehrangehörigen in den vergangenen Monaten – so etwa beim Tag der Bundeswehr, bei öffentlichen Gelöbnissen, am Bahnsteig oder auch an der Autobahnraststätte.

Verteidigungsfähigkeit beginnt in den Köpfen

„Verteidigungsfähigkeit beginnt nicht erst auf dem Gefechtsfeld“, unterstrich Pistorius. Sie beginne in den Köpfen und mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Es gelte, diese Haltung zu fördern – durch Klarheit in der Politik, durch Verlässlichkeit in der Führung, durch Transparenz im Handeln. Es gehe um umfassende Gesamtverteidigung, die alle Bereiche des Landes einbinde und keinen der wichtigen Player zurücklasse.

Insgesamt, so resümierte Pistorius, sei der Reformprozess der Bundeswehr schon sehr erfolgreich. Der Pulsschlag der Truppe sei schon jetzt kraftvoller als in den vergangenen Jahren. Finanziell gesehen habe die Bundeswehr jetzt „volle Akkus.“ Bedrohungslage gehe vor Kassenlage. Und bei der Unterstützung der Ukraine liege Deutschland mittlerweile nicht nur in Europa klar auf Platz eins, sondern auch weltweit.

„Wir brauchen in vielen Bereichen neue, tragfähige Lösungen“, so der Minister. „Wir müssen schneller werden.“ Auf diesem Weg gebe es aber bereits jetzt historische Meilensteine, so etwa die voranschreitende Aufstellung der „Brigade Litauen“ und den beschleunigten Bau neuer Infrastruktur für die Bundesehr im Inland – so sollen in kürzester Zeit 297 neue Gebäude erstellt werden.

„Es ist jetzt die Zeit, die Bundeswehr neu auszurichten“, betonte der Minister. „Wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Es gehe nicht mehr nur um abstrakte Bedrohungsszenarien, so Boris Pistorius. Russland rüste für einen weiteren Krieg.

Krieg muss wieder gedacht werden

Bei allen Planungen und Konzeptionen müsse immer die Einsatzbereitschaft der Soldatinnen und Soldaten im Mittelpunkt stehen, betonte Generalinspekteur Carsten Breuer

Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer, unterstrich in seinem Impulsvortrag: Krieg müsse wieder gedacht werden. Das sei in Deutschland zu lange nicht gemacht worden – und es sei zu häufig anderen überlassen worden. Es sei eine Zeit, in der über Sicherheit nicht mehr nur geredet werden könne. Sicherheit müsse neu gedacht, neu organisiert und immer wieder neu verteidigt werden. Die größte Bedrohung gehe von Russland aus. Im Hinblick auf Russlands völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine und Moskaus Annahme, diesen Krieg gewinnen zu können, sagte Breuer: „Wir müssen verhindern, dass Russland erneut zu einer solchen Fehleinschätzung kommt. Russland darf niemals annehmen, dass es einen Krieg mit der NATO gewinnen kann.“

Frieden und Stabilität in Deutschland seien nicht mehr sicher, so der oberste Soldat der Bundeswehr. An ihre Stelle getreten sei eine Welt kaum noch verschleierter Konkurrenzen, dazu kämen Klimawandel und Ressourcenknappheit. Neben der Hauptbedrohung durch Russland kooperierten China, Russland, Iran und Nordkorea umfassend. Ihr Ziel sei, die Handlungsfähigkeit des Westens, und damit Deutschlands, einzuschränken und politische Entscheidungen zu beeinflussen.

In strategischen Räumen planen und handeln

Angesichts dieser Lage genüge es nicht mehr, in Einsatzgebieten zu denken, so der Generalinspekteur. Es müsse in strategischen Räumen geplant und gehandelt werden, in denen alle Instrumente staatlicher Machtentfaltung zusammenkämen: „All Instruments of Power“. Breuer sagte: „Die Frontlinien verlaufen nicht mehr entlang von Grenzen, sondern entlang von Systemen – Energie, Kommunikation, Daten und Transport. Aber eben auch zwischen Werten und Vorstellungen.“

Das alles verlange von der Bundeswehr nach einem Denken in Zusammenhängen, nicht in Zuständigkeiten. Das gelte aber nicht nur für die Streitkräfte, betonte General Breuer.

Die Bundeswehr solle zur stärksten konventionellen Armee in Europa werden. Keinen geringeren Anspruch formulierte Bundeskanzler Merz in seiner Videobotschaft.

Der Mensch bleibt zentral für die Kriegsführung

Die Bundeswehr kann laut Breuer in dieser Zeit nur bestehen, wenn sie rasch aufwächst. An einem Neuen Wehrdienst werde gearbeitet. 460.000 Soldatinnen und Soldaten seien für den Aufwuchs der Streitkräfte insgesamt die Zielvorgabe.

Das Verteidigungsministerium sei im Hinblick auf die strategischen militärischen Fragen neu aufgestellt worden – mit dem neuen Element „Gesamtkonzeption und Planung militärische Verteidigung“, wo militärstrategische Themen durchdacht und verknüpft werden.

Breuer unterstrich nachdrücklich: Für ihn stehe die Einsatzbereitschaft der Soldatinnen und Soldaten im Mittelpunkt. Der Mensch bleibe zentral für die Kriegsführung.

„Es geht um die Soldaten, die an vorderster Front kämpfen“, so Breuer. Die Truppe brauche Mittel und Fähigkeiten. Diese seien auf den Weg gebracht worden. „Für eine Bundeswehr, die erfolgreich kämpft und die strategisch denkt und handelt.“ Fight Tonight laute die Devise, und zwar nicht erst 2029 sondern schon jetzt. Die aktuelle Lage sei eine dämmerige Übergangszeit, in der nicht Krieg aber auch nicht mehr ganz Frieden sei, so der Generalinspekteur.

Erstveröffentlichung auf der Internetseite der Bundeswehr, 07.11.2025, www.bundeswehr.de

Autor: Jörg Fleischer

Bilder: ©Bundeswehr/Christian Vierfuß

Lieferketten – der unterschätzte Engpass der deutschen Rüstungsindustrie

Die europäische Rüstungsindustrie erlebt gerade einen historischen Boom. Milliarden fließen in neue Systeme, Fertigungslinien und Programme – die Auftragsbücher sind prall gefüllt. Doch während überall über Kapazitäten, Technologien und Fachkräfte gesprochen wird, bleibt ein kritischer Erfolgsfaktor erstaunlich leise: die Lieferkette.

Wer heute über Produktionssteigerung redet, sollte nicht nur auf Maschinenparks und die eigenen Kapazitäten schauen. Sondern auf Fähigkeiten der Lieferanten. Denn Geschwindigkeit entsteht nicht nur an der eigenen Werkbank – sondern in der Art, wie Unternehmen in der Lieferkette zusammenarbeiten.

Der Engpass sitzt tiefer, als viele denken. Nicht OEMs oder die großen Systemhäuser bremsen den Hochlauf. Sie haben oft ausreichende Ressourcen, stabile Prozesse und das notwendige Wissen. Der Flaschenhals liegt tiefer – bei den hochspezialisierten Betrieben in den unteren Lieferstufen.

Diese kleinen, oft familiengeführten Betriebe sind das Rückgrat der Industrie. Sie fertigen Anbauteile wie Halterungen, Verbindungselemente oder hochpräzise optische Komponenten – unersetzlich, aber oft unsichtbar.  Was früher unkritisch war – bspw. eine Dichtung für den Antrieb – wird plötzlich zum Engpass. Hinzu kommt, dass viele dieser kleinen Betriebe über Jahrzehnte gewachsenes Spezialwissen und individuelle Fertigungsprozesse besitzen, die sich nicht kurzfristig replizieren lassen. Der Aufbau einer „Second Source“ – also eines alternativen Lieferanten – ist oft weder technisch noch wirtschaftlich kurzfristig möglich. Die Kombination aus Abhängigkeit, Know-how-Monopol und fehlender Skalierbarkeit macht diese Unternehmen zu kritischen, aber schwer ersetzbaren Gliedern der industriellen Kette. Wenn ein einziges dieser Betriebe seine Kapazität nicht erweitern kann oder an Qualitätsgrenzen stößt, steht die Fertigung still.

Bergepanzer Büffel zieht MB873 Triebwerk des Leopard 2 Kampfpanzers, ©Bundeswehr/Marco Dorow

Das ist kein Vorwurf, sondern Realität. Jahrzehntelang waren diese Strukturen auf Kleinserien und Prototypen ausgelegt. Niemand musste an Skalierung oder Massenproduktion denken. Doch jetzt steht die Branche an einem Wendepunkt – und genau diese Unternehmen entscheiden, ob aus Tempoansagen auch tatsächlich Lieferung wird.

Kooperation statt Kettenreaktion. Noch immer wird Lieferanten-Management vielerorts als reine Einkaufsdisziplin verstanden. Dabei geht es längst um etwas anderes, um Transparenz und um klare Führung in komplexen Netzwerken.

Die entscheidende Frage lautet: Arbeiten wir mit unseren Partnern – oder nur über sie?

Damit wird deutlich, das eigentliche Problem liegt weniger in der industriellen Leistungsbereitschaft, sondern in der fehlenden systematischen Steuerung und Entwicklung der Lieferantenstrukturen – insbesondere in den unteren Ebenen der Wertschöpfungskette.

Wer seine Lieferkette nur verwaltet, verliert Geschwindigkeit. Wer sie aktiv gestaltet, gewinnt Handlungsfreiheit.
Denn Lieferfähigkeit entsteht nicht durch Druck, sondern durch Kooperation – durch gemeinsames Denken in Kapazitäten, Prozessen und Innovationen.

Modernes Lieferanten-Management ist kein bürokratisches Kontrollsystem, sondern ein Wachstums- und Befähigungsprogramm der gesamten Lieferkette. Fünf Handlungsfelder zeigen, wie das gelingen kann:

  • Kapazitätsaufbau und Redundanzmanagement: Ausbau zusätzlicher Produktionskapazitäten gemeinsam mit Schlüsselzulieferern über alle Stufen hinweg. Gleichzeitig müssen Redundanzen geschaffen werden, um Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten zu verringern.
  • Qualifizierung und Entwicklungsprogramme: Besonders die unteren Lieferstufen benötigen gezielte Unterstützung. Technische Schulungen, Reifegradmodelle, Co-Investitionen und langfristige Entwicklungsvereinbarungen helfen, hochspezialisierte Kleinstunternehmen auf das notwendige Qualitäts- und Prozessniveau zu heben. Die Automobilindustrie hat mit ähnlichen Programmen beim Übergang zur Elektromobilität entscheidende Erfolge erzielt.
  • Transparenz und Echtzeitsteuerung: Aufbau digitaler Plattformen zur Erfassung und Überwachung von Lieferständen, Risiken, Qualitätskennzahlen und Kapazitäten entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Nur wer seine Lieferantenlandschaft datenbasiert kennt, kann sie effektiv steuern.
  • Kooperative Wertschöpfung und Anreizsysteme: Entwicklung langfristiger Partnerschaften durch gemeinsame Entwicklungsinitiativen, Technologie-Partnerschaften und leistungsorientierte Anreizmodelle (z. B. Bonus-Malus-Systeme). Kooperation ersetzt kurzfristiges Einkaufsdenken.
  • Institutionalisierte Governance: Verankerung des Lieferanten-Managements, nicht nur in der Einkaufsstrategie, sondern auch in der strategischen Unternehmensführung – mit klaren Rollen, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten, regelmäßigen Audits und Berichtspflichten über alle Hierarchien hinweg.
Überprüfung des Ausstattungssatzes eines Fahrzeugs auf Vollzähligkeit in einer Halle auf dem Gelände des Materiallagers Zeithain, ©Bundeswehr/Jana Neumann

Die Rüstungsindustrie steht an einem entscheidenden Punkt. Sie kann weiter im Modus der Einzeloptimierung verharren – oder sie nutzt die Zeitenwende, um ihre industrielle Basis gemeinsam neu zu gestalten. Das bedeutet: weniger Silodenken, mehr Zusammenarbeit. Weniger Absicherung, mehr Transparenz und Klarheit.
Die größten Potenziale liegen nicht in neuen Technologien, sondern in neuen Verbindungen.

Wer Kooperation als strategische Fähigkeit versteht, wird Tempo, Qualität und Zuverlässigkeit dauerhaft sichern.
Denn am Ende entscheidet sich die Wettbewerbsfähigkeit nicht an der Spitze der Lieferkette – sondern an ihrem Fundament. Lieferfähigkeit ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis von Transparenz und gemeinsamem Gestaltungswillen.

Erstveröffentlichung in hartpunkt – Monitor für Defence und Sicherheitspolitik, 16. Oktober 2025, www.hartpunkt.de

Autor: Tobias Bock

 

Fähigkeiten der Reserve ausbauen – Sturm über der Heide

Im niedersächsischen Ostenholz auf dem Truppenübungsplatz Bergen sind mehr als 100 Reservistinnen und Reservisten zusammengekommen, um bei der Übung Hanseatic Defender ihre Fähigkeiten auszubauen. An vier Ausbildungswochenenden über das ganze Jahr verteilt, bereitet sich das nicht-aktive Panzergrenadierbataillon 908 auf diese zweiwöchige Übung vor.

Dank der tatkräftigen Unterstützung durch aktive Verbände kann das Panzergrenadierbataillon 908 immer wieder auch mit Großgerät üben. Bei der Übung Hanseatic Defender kommen beim Ergänzungstruppenteil auch Schützenpanzer Marder zum Einsatz.

Schießbahn 21: Der Sturm fegt über die Heide, Bäume und Büsche biegen sich. Das Rauschen des Blätterdachs ist fast ohrenbetäubend. Starkregen scheint waagerecht im Wind zu stehen. Den Grenadieren tropft das Wasser von der Helmkante und der Regen peitscht ihnen unaufhaltsam ins Gesicht.

Alle sind angespannt – der Alarmposten hat im Vorfeld auftretenden Feind ausgemacht. Die Waffen sind klar zum Gefecht. Endlich klappen vor den Stellungen dutzende Schützenscheiben hoch – der Gegner. Die kräftige Stimme des Zugführers durchbricht das Toben des Wetters. Jetzt brechen unzählige Schüsse, lange Salven des Maschinengewehrs fügen sich ein, gefolgt vom dumpfen Donnern ihrer Schützenpanzer. Die 20-Millimeter-Bordmaschinenkanonen unterstützen das Feuer: Das Sturmabwehrschießen hat begonnen. Es ist Teil des Gefechtsschießens der 4. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 908.

Reservisten von 18 bis 60 Jahren

Unbedingtes Teamwork, überdurchschnittlicher Leistungswille, angestrebte Professionalität und gelebte Loyalität und Kameradschaft zeichnen die Reservistinnen und Reservisten des Panzergrenadierbataillons 908 aus.

Nach Ende des Übungsdurchganges zeigen sich die Ausbilder zufrieden. Die auf den vorangegangenen Ausbildungswochenenden durchgeführte Ausbildung der Reservistinnen und Reservisten trägt Früchte. Das stetige Üben der soldatischen Fähigkeiten, das Festigen aller Grundlagen und das fortlaufende Steigern der Anforderungen in der Vergangenheit zahlen sich jetzt aus.

Das Panzergrenadierbataillon 908 ist ein sehr aktiver nicht-aktiver Truppenteil. Die Soldatinnen und Soldaten des Ergänzungstruppenteils der Panzergrenadierbrigade 41 kommen aus dem ganzen Bundesgebiet. Der Jüngste ist 18 Jahre jung, der Älteste über 60. Sie alle sind Reservisten und opfern einen Teil ihrer zivilen Freizeit für ihren Dienst beim Panzergrenadierbataillon 908.

Viele kommen aufgrund der sicherheitspolitischen Lage in Europa und der Welt, wollen ihren Beitrag leisten, ihrem Land etwas zurückgeben. Andere suchen eine militärische Heimat oder Abwechslung von ihren zivilen Berufen. Sie sind Studenten, Handwerker, Beamte oder Kaufleute, ehemalige Soldaten. Manche kommen direkt nach dem Ausscheiden aus der aktiven Truppe, andere hatten seit Jahren keinen Kontakt mehr zur Bundeswehr. Viele üben regelmäßig, andere sind zum ersten Mal beim Panzergrenadierbataillon 908. Egal ob ehemaliger Logistiker, Panzermänner, Sanitäter oder Aufklärer – sie alle erhalten die Dienstpostenausbildung zum Panzergrenadier.

In Kolonne über das Weserbergland

Während des Verlegemarschs der 1. Kompanie geht es für die Kolonnen über den Mittelgebirgszug. Immer wieder werden fiktive Situationen eingespielt, auch welche die Soldaten reagieren müssen.

Nach dem Starkregen scheint nun die Sonne über dem Truppenübungsplatz Bergen, auch der Sturm hat sich gelegt. Das Wetter bleibt aber in diesen beiden Septemberwochen sehr wechselhaft. Im Technischen Bereich des Truppenlagers Ostenholz starten unterdessen die Motoren. Die 1. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 908 übt den Verlegemarsch. Immer und immer wieder haben sie die Abläufe im Vorfeld geübt und besprochen. Auch eine Premiere: Die bataillonseigene Bergebereitschaft ist mit aufgefahren. Mercedes Greenliner, 5-Tonner, Pritschenwagen, Lkw und Feldkräne stehen aufgereiht auf dem Asphalt. „Noch nie wurden beim Panzergrenadierbataillon 908 so viele Fahrzeuge eingesetzt“, erklärt der Marschgruppenführer. In drei Kolonnen rollt das Marschband zeitlich versetzt los. „Der Aufklärungs- und Verbindungszug eilt den Marschgruppen voraus“, beschreibt er weiter.

Es geht in Richtung Autobahn, die blauen Fahnen flattern an den Fahrzeugen und markieren so die Kolonne. Schließlich bewegen sich die Kolonnen durchs Weserbergland bis hin zum markanten Mittelgebirgszug Ith. Immer wieder müssen die Soldatinnen und Soldaten auf eingespielte Lagen reagieren. Kurze technische Stopps in verschiedenen Bundeswehreinrichtungen unterbrechen die Fahrt, dann geht es weiter. Die Übungsleitung achtet exakt auf die Einhaltung des Zeitplans.

Erst gegen Abend wird das Ziel in Münster erreicht. Die bataillonseigene Feldküche versorgt vor Ort, es wird eine kurze Nacht. Bevor die Kolonnen am nächsten Morgen wieder zurückmarschieren.

Realer Einsatz – keine Übung

Der Aufklärungs- und Verbindungszug stößt auf eine reale Gefahrensituation. Ein ziviles Fahrzeug steht brennend auf der Straße. Dies ist keine Übung. Die Soldaten reagieren sofort und eilen der Fahrerin zur Hilfe. Das Feuer wird gelöscht, der Verkehr umgeleitet und die zivilen Rettungskräfte alarmiert. Mit dem Dank der Zivilistin und der eintreffenden Einsatzkräfte setzen die Reservistinnen und Reservisten ihren Weg fort und erreichen schließlich das Truppenlager Ostenholz in Bergen.

Doch zum Verschnaufen bleibt keine Zeit. Schon wird der Gefechtsstand aufgebaut. Leben im Felde für weitere 72 Stunden steht auf dem Plan. Auch hier kommt es zu fingierten Übungssituationen, die bewältigt werden müssen: Saboteure treten auf den Plan, ein 5-Tonner verunglückt, Feindpropaganda und Fakenews werden verbreitet.

Während die Kompanien ihren Aufträgen nachgehen, ist die Feldküche des Panzergrenadierbataillons 908 in einem Waldstück untergezogen, die Kessel dampfen. Der verantwortliche Unteroffizier und seine Gehilfen versorgen das Bataillon, rund um die Uhr, auch während der laufenden 72-Stunden-Übung.

Gestärkt für das kommende Jahr

Auf der Schießbahn 21 des Truppenübungsplatzes Bergen trainieren auch die Richtschützen des Panzergrenadierbataillons 908. Bei verschiedenen Wertungsschießen beweisen sie ihr Können.

Derweil bereitet man sich im Stabsgebäude im Truppenlager Ostenholz auf die Ankunft neuer Bewerberinnen und Bewerber vor. Seit Beginn eines ehrgeizigen Personalgewinnungsprojekts vor zwei Jahren wächst der Ergänzungstruppenteil stetig an. Zwar hat das Bataillon seine volle Personalstärke noch nicht erreicht, doch werden verschiedene Dienstposten mittlerweile knapp.

Unter den jetzigen Interessierten sind auch die Anwärter für den in Aufstellung befindlichen Scharfschützenzug des Panzergrenadierbataillons 908. Um dazuzugehören, sind besondere Vorkenntnisse und Fähigkeiten ein Muss, da die Vorausbildung in Hagenow und der darauffolgende Scharfschützenlehrgang in Hammelburg herausfordernd sind.

Wie bei jedem Übungsvorhaben des Panzergrenadierbataillons 908 ist die Unterstützung durch die aktive Truppe groß – sowohl materiell als auch personell. Als Ergänzungstruppenteil verfügt das Bataillon über kein eigenes Material, sodass alles, vom Schützenpanzer bis zum Mündungsfeuerdämpfer, bei den Couleur- und anderen Verbänden beantragt werden muss. Und auch in der laufenden Übung ist die fachmännische Unterstützung der aktiven Soldatinnen und Soldaten nicht wegzudenken. Immer wieder sind sie begeistert und beeindruckt von der gelebten Kameradschaft, der überdurchschnittlichen Motivation und dem Wissenshunger der 908er. Es wird angepackt, nachgefragt und immer und immer wieder ausprobiert.

Ein Highlight auf der Übung Hanseatic Defender ist der zweitägige Verlegemarsch der 1. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 908. So viele Fahrzeuge sind in dem Ergänzungstruppenteil noch nie im Einsatz gewesen.

Bataillonskommandeur Torsten Held zeigt sich am Ende der 14-tägigen Übung Hanseatic Defender sehr zufrieden: „Das große Engagement unserer Soldaten, ihre überdurchschnittliche Motivation und ihre angestrebte Professionalität sind in der deutschen Reserve beispielgebend. Der Ausbildungsstand des Panzergrenadierbataillons 908 ist unterschiedlich hoch, aber zufriedenstellend. Die Ausbildung und die damit verbundenen Anstrengungen der vorangegangenen Monate haben sich gelohnt. Der Ausbildungsbefehl für das kommende Jahr steht bereits.“

Erstveröffentlichung in YNSIDE, 10.10.2025

Titel: Sturm über der Heide

Autor: Marco Linke

Bilder: ©Bundeswehr/Marco Linke

Logistische Einsatzunterstützung aus Sicht einer multinationalen Einsatzdivision

Im Zuge der Zeitenwende und der damit einhergehenden Neuorientierung auf die Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) werden dauerhaft einsatzbereite Streitkräfte benötigt, welche sich insbesondere quantitativ deutlich von den Kontingenten der Stabilisierungseinsätze unterscheiden.

Ausgerichtet sind die neuen Anforderungen am NATO Force Model als ein Rahmenwerk, das die NATO nutzt, um nationale Streitkräfte für den gemeinsamen Einsatz verfügbar zu machen. Für die 10. Panzerdivision als multinationaler, mechanisierter Großverband des Heeres bedeutet dies eine konsequente Ausrichtung am Auftrag zur Abschreckung und Verteidigung an der NATO-Ostflanke bereits aus der Grundgliederung heraus. „Wir gehen, wenn wir müssen, und zwar so, wie wir sind“, betont Generalmajor Jörg See, Kommandeur der 10. Panzerdivision.

Dies hat auch unmittelbare Auswirkungen auf die Logistik als wesentliche Voraussetzung und zentraler Gestaltungsrahmen für Operationen und Operationsplanung auf Divisionsebene. Der logistische Prozess muss gemessen am möglichen Kriegsbild der LV/BV neu gedacht werden. Kapazitätsberechnungen, Transportraumplanungen und Leistungserprobungen müssen mit Blick auf die Neuorientierung und Interoperabilität geprüft, erprobt und angepasst werden.

Logistik binational

Die 10. Panzerdivision ist, zusätzlich zu der besonderen Gestaltungsform der Deutsch-Französischen Brigade, bereits in ihrer Grundgliederung binational aufgestellt. Mit der Unterstellung der 13. Niederländischen Lichte Brigade im April 2023 wurde die Zusammenarbeit mit den niederländischen Streitkräften weiter intensiviert. Ziel sind umfassend integrierte Großverbände der Landstreitkräfte. Wesentliche Herausforderung für die Logistik sind hierbei jedoch die beiden unterschiedlichen logistischen Systeme der beiden Nationen.

Dies hat unmittelbar zur Folge, dass bei einem Einsatz der 10. Panzerdivision die Einsatz- sowie die Basislogistik den multinationalen Ansprüchen gerecht werden muss. Der Grundsatz „Logistik ist National Business“ wird den Anforderungen an die Logistik im NATO Force Model nicht mehr gerecht und stellt die logistische Leistungserbringung vor neue Herausforderungen.

Binational in der Grundgliederung: Im April 2023 wird die 13. Niederländische Lichte Brigade der 10. Panzerdivision im Rahmen eines Appells in Veitshöchheim offiziell unterstellt. ©Bundeswehr/Mario Bähr

Um diesen angemessen zu begegnen, haben das deutsche und das niederländische Verteidigungsministerium vereinbart, dass im Rahmen der Integration der 13. Lichte Brigade in die 10. Panzerdivision die logistische Interoperabilität gesteigert werden soll. Dabei verantworten jedoch beide Nationen unverändert die jeweilige logistische Unterstützung national, mit dem Ziel, dass die gemeinsamen Anstrengungen den erforderlichen Unterstützungsbedarf decken sollen.

Einsatzlogistik

Die deutsche Einsatzlogistik zeichnet sich durch jeweils ein Versorgungsbataillon auf der Brigadeebene sowie ein Versorgungsbataillon auf der Divisionsebene zur Versorgung der Divisionstruppen aus. Die nationale Folgeversorgung der Division wird durch die mobilen Logistiktruppen der Basislogistik unter Einsatz eines Logistikregiments sichergestellt.

Das niederländische logistische System sieht auf der Ebene der Brigade nur ein logistisches Element in Kompaniestärke vor. Zur logistischen Unterstützung stellt das niederländische Versorgungs- und Transportkommando logistische Kräfte bereit, die spezifisch für den konkreten Einsatz zugeschnitten sind. Die Durchhaltefähigkeit der Brigade wird dabei durch die Einrichtung mehrerer Supply Center gewährleistet.

Damit ist die Bewertung der Folgeversorgung durch den G4 der Division nur unter Einbeziehung von Verbindungselementen deutscher Basislogistik sowie des niederländischen Versorgungs- und Transportkommandos innerhalb der G4-Abteilung möglich. Für die Zusammenführung der jeweiligen logistischen Versorgungsketten und eine Minimierung von Friktionen ist die einheitliche Nutzung standardisierter, IT-basierter logistischer Führungssysteme eine zentrale Grundlage. Daher greift die 10. Panzerdivision bereits im Grundbetrieb sowie für Übungen auf das NATO-standardisierte Führungsinformationssystem „Logistic Functional Area Services“, kurz LogFAS zurück.

Binational Üben: Auf der Übung „Warfighter“ planen deutsche und niederländische Soldaten die Logistik der 10. Panzerdivision. ©Bundeswehr/Roberto Valguarnera

Die Teilnahme der Division an der US-amerikanischen Übung „Warfighter 25“ unter dem III. USA Korps bestätigte LogFAS als wesentlichen Eckpfeiler zur Sicherstellung der Interoperabilität in Bezug auf Integration, Verwaltung sowie Darstellung logistischer Informationen in Echtzeit. Weiterhin wird das derzeit geplante, gleichzeitige Ausrollen der Software SAP-S/4 HANA in den deutschen sowie niederländischen Streitkräften unmittelbar zur umfassenden Standardisierung der Logistik innerhalb der 10. Panzerdivision beitragen.

Dadurch werden operationell notwendige binationale Anforderungswege implementiert, so dass ein deutsches Versorgungsbataillon bei Bedarf in der Lage sein wird, Bedarfsforderungen niederländischer Kräfte direkt beim niederländischen Supply Center nachzufordern.  Damit wird ein weiterer, wesentlicher Schritt hin zu einer robusten, durchhaltefähigen und multinational flexiblen Einsatzlogistik gegangen, um für den Einsatz der Division in der LV/BV dem Divisionskommandeur die höchstmögliche Flexibilität in der Operationsführung zu gewährleisten.

Besondere Herausforderungen

Insbesondere bei einer möglichen Anpassung der Truppeneinteilung, beispielsweise im Zuge der Verstärkung der 13. Niederländischen Lichte Brigade mit deutschen Verbänden, ist die logistische Unterstützung derzeit nicht standardisiert geregelt. Die größte Herausforderung ist dabei derzeit, dass ein deutscher Kampftruppenverband nur über seine eigene logistische Ebene 1 verfügt und beim Einsatz in der 13. Lichte Brigade keine deutsche logistische Ebene 2 innerhalb der Brigade vorhanden ist.

Um dennoch eine Versorgung dieses deutschen Kampftruppenverbandes innerhalb der 13. Lichte Brigade sicher zu stellen, bedarf es einer vom konkreten Kriegsszenario abgeleiteten, angepassten Denkweise, aktualisierter Planungen und neuer Regelungen sowie einer flexiblen, pragmatischen und dynamischen Durchführung. Es liegt auf der Hand, dass für eine belastbare Kriegstauglichkeit die unterschiedlichen nationalen Prozesse und Verantwortlichkeiten nicht zu Einschränkungen der Handlungsfreiheit führen dürfen.

Bereits jetzt werden auf Divisionsebene durch die dauerhafte Integration eines niederländischen Stabsoffiziers die möglichen Synergien in den bestehenden logistischen Einsatzgrundsätzen genutzt. Gleichzeitig werden mit Blick auf das wahrscheinlichste Kriegsszenario weitere Interoperationalitätsbedarfe in den logistischen Systemen identifiziert.

 

Strategischer Seetransport: Für die Übung Noble Jump 2023 werden deutsche und niederländische Fahrzeuge logistisch organisiert auf ein Schiff verladen, ©Bundeswehr/Susanne Hähnel

Für eine möglichst friktionsfreie Andockfähigkeit bedarf es einer engen Zusammenarbeit mit Elementen des Unterstützungskommandos der Bundeswehr und dem niederländischen Versorgungs- und Transportkommando. Dazu verfügt das Logistikkommando der Bundeswehr in der Abteilung Planung über ein Dezernat Multinationale Logistik, welches sich mit der Koordinierung der multinationalen Zusammenarbeit befasst.

Dieses nimmt auf Ebene des Unterstützungskommandos an der deutsch/niederländischen Joint Support Steering Group teil, um für den Bereich der Folgeversorgung die Interoperabilität nachhaltig zu erhöhen. Dazu wird in der Arbeitsgruppe Logistik das Themenfeld Versorgungslinien hinter der Division gemeinsam untersucht. Wesentliche Inhalte sind die gemeinsame Nutzung von Transportkapazitäten über unterschiedliche Binnenländer bis in das Einsatzland und vor in die Division sowie der gemeinsame Rückgriff auf Ressourcen im jeweiligen Einsatzland.

Ein weiterer, grundsätzlicher Schritt für eine nachhaltige Steigerung der logistischen Interoperabilität sowie für eine intergierte Versorgung liegt in gemeinsamen Beschaffungsprozessen, insbesondere von Großgerät. Hier bietet die Army Steering Group auf Ebene Kommando Heer und Niederländisches Heereskommando weiteres Potenzial. 

Fazit

Die logistische Versorgung der 10. Panzerdivision im Zuge einer multinationalen Operation ist auch multinational zu denken. Die bestehenden Bemühungen auf den unterschiedlichen Ebenen zeigen, dass der Bedarf erkannt ist, über die aktuellen Grundlagen hinaus weitere Schritte in der multinationalen Logistik einzufordern und voranzutreiben. Der daraus erwachsende logistische Mehrwert, die Nutzung von Synergieeffekten durch gegenseitige Unterstützung sowie die mögliche Schonung eigener Ressourcen leisten im Ergebnis einen wichtigen Beitrag zur Flexibilität in der Sicherstellung der Versorgung in der 10. Panzerdivision.

Erstveröffentlichung in Hardthöhen-Kurier, Ausgabe 5/2025 (Oktober 2025), www.hardthoehenkurier.de

Titel: Logistische Einsatzunterstützung aus Sicht einer multinationalen Einsatzdivision

Autor: Hauptmann Andreas Schaub

Das Technisch-Logistische Management – Dienstleister im Hauptprozess Rüstung/Logistik

Stellt man einem KI-Chatbot die Frage „Was ist Technisch-Logistisches Management (TLM) in der Bundeswehr?“, so erhält man diese oder ähnliche Antworten:

„Das Technisch-Logistische Management (TLM) in der Bundeswehr bezieht sich auf die Planung, Durchführung und Kontrolle von logistischen Prozessen, die für den Betrieb und die Instandhaltung von militärischen Systemen und Ausrüstungen erforderlich sind. Es umfasst die Beschaffung, Lagerung, Wartung und den Transport von Material und Ressourcen. Ein wichtiger Aspekt ist die Integration von technischen und logistischen Anforderungen, um die Effizienz und Effektivität der militärischen Einsätze zu maximieren. Dies beinhaltet auch die Analyse von Daten und die Anwendung moderner Technologien, um logistische Abläufe zu optimieren. Ziel ist es, die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr zu gewährleisten und gleichzeitig Ressourcen effizient zu nutzen.“

Dies ist grundsätzlich bereits sehr nah an der realen Lage. Der im Chatbot aufgeführte Aspekt einer Maximierung von Effektivität und Effizienz militärischer Einsätze – diese Reihenfolge scheint angesichts der geopolitischen Lage angemessener – beschreibt das Ziel sämtlicher Managementtätigkeiten im Management. Für ein besseres Verständnis der Anforderungen an das TLM empfiehlt sich ein Blick in das Prozessmodell der Bundeswehr, in welchem die Aufgaben des Technisch-Logistischen Managements abgebildet sind: Zusammengefasst ist es eine Managementtätigkeit zur Herstellung und Aufrechterhaltung der Einsatz- und Versorgungsreife. Es soll die zuverlässige Verfügbarkeit von Produkten für den operativen Einsatz jederzeit gewährleisten, eine ressourcenoptimierte und wirtschaftliche Nutzung ermöglichen und Informationen für die Weiterentwicklung der Produkte liefern.

Arbeitsvorgänge im Hauptprozessanteil Logistik

Daraus wurden Aufgabenfelder abgeleitet. Diese stellen in ihrer Gesamtheit ein umfassendes Prozessmodell für Daten und Informationen zur Verfügung. Dies belegt den Dienstleistungscharakter von TLM gegenüber den anderen Geschäftsprozessen in den Hauptprozessen Logistik und Rüstung. Technisch-Logistisches Management bezieht Lagebilder über die Einsatzfähigkeit von Produkten mit ein und liefert die Datenbasis für führungsrelevante logistische Entscheidungen. Warum ist das wichtig?

Kriegstauglichkeit

Die Bundeswehr muss einsatzbereit, muss kriegstauglich sein. Alle militärischen Systeme müssen im Fall der Landes- und Bündnisverteidigung effektiv und zuverlässig funktionieren. Das bedeutet, dass sie in einem Zustand sind, der einen sofortigen Einsatz ohne erforderliche umfangreiche Vorbereitungen oder Reparaturen ermöglicht. Vorhersehbare Ausfälle im Einsatz gilt es weitestgehend zu vermeiden. Ebenso entscheidend für die Kriegstauglichkeit ist die Bereitstellung von Informationen über logistische Ressourcen wie Ersatzteile, Treibstoff und Munition. Ein darauf basierendes, gut organisiertes logistisches System stellt sicher, dass diese Ressourcen schnell und effizient an die Einsatzorte gelangen.

Der Einsatz moderner Technologien, wie zum Beispiel digitale Systeme zur Überwachung und Analyse von Ausrüstungszuständen, kann die Kriegstauglichkeit erheblich verbessern. Sie ermöglichen eine prädiktive Wartung und eine bessere Planung der logistischen Unterstützung.

Durch Logistic-Support-Analysis über den gesamten Lebensweg des Produktes werden im Technisch-Logistischen Management beeinträchtigende Risiken identifiziert und vermieden, bevor Auswirkungen auf die Kriegstauglichkeit spürbar werden. Dies umfasst auch die Entwicklung von Strategien zur Risikominderung durch ein strukturiertes Obsoleszenz-Management.

Die Gewährleistung der Kriegstauglichkeit ist ein komplexer und fortlaufender Prozess, der insbesondere aus logistischer Sicht eine enge Zusammenarbeit verschiedenster Akteure und eine sorgfältige Planung erfordert. Für diese Sorgfalt liefert das TLM die benötigten Informationen und stellt dazu erforderliche Standards bereit. Doch wie macht Technisch-Logistisches Management das?

Aufgabenfelder im Technisch-Logistischen Management

Stammdatenpflege

Planung, Durchführung und Überwachung von Rüstungsprojekten erfordern Daten. Diese Stammdaten ermöglichen die zweckbestimmte Nutzung der eingeführten Produkte bis zum Ende ihrer Nutzungsdauer. Stammdaten sind essenziell für die Durchführung sämtlicher logistischer Prozesse. Zu diesen Stammdaten gehören technische Dokumentationen, Materialinformationen, Herstellerinformationen, Stücklisten, für die Instandhaltung erforderliche Daten, wie zum Beispiel technische Strukturen, Instandhaltungsanleitungen und vieles mehr. Eine sorgfältige Pflege dieser Stammdaten ist wichtig, um jene Qualität der Informationen sicherzustellen, die zur Erfüllung der logistischen Aufgaben erforderlich ist. Denn ungenaue oder veraltete Daten können zu Fehlentscheidungen, ineffizienten Prozessen und erhöhten Kosten führen. Zentrale Datenbanken erleichtern den Zugriff und die Aktualisierung der Informationen. Dies ermöglicht eine konsistente Datenbasis für alle Produktlebenszyklus, die Single Source of Truth.

Aufgabenfelder TLM

Daten sind das neue Gold. Nur mit guten, also validen und aktuellen Daten können KI-Systeme trainiert und angewendet werden. Dazu müssen Stammdaten regelmäßig überprüft und aktualisiert werden, um Änderungen in den Projekten, neuen Erkenntnissen zu Technologien oder Marktbedingungen Rechnung zu tragen. Die Bundeswehr hat zum Erreichen des Ziels einer hohen Datenqualität eine umfassende Organisation eingeführt, die sich ausschließlich um Datenqualität kümmert: die Data Governance Organisation der Bundeswehr. Diese macht im Rahmen eines reaktiven Datenmanagements Vorgaben zur Überprüfung der Qualität der genutzten Stammdaten. Im Hauptprozess Logistik wird dies mithilfe spezieller Tools und der Umsetzung von Datenqualitätsregeln (DQ-Regeln) praktiziert und lässt sich mit dem Motto „Finde den Fehler“ umschreiben. Mit Einführung der Tools und Workflows eines aktiven Datenmanagements sollen Stammdaten künftig schon vor ihrer Nutzung in Prozessen durch möglichst automatisierte Ableitungen und Validierungen qualitätsgesichert werden. Hier heißt das Motto „Fehler vermeiden“ mit dem Ziel, die Datenqualität signifikant zu steigern. Aufgrund der Bedeutung der Datenpflege ist hierfür besonders geschultes Personal zwingend erforderlich. Nur so können dauerhaft spezifische gesetzliche und regulatorische Anforderungen eingehalten werden. Mit der Data Governance der Bundeswehr wird so für die Nutzung von Waffensystemen ein datenzentrierter Ansatz etabliert (Änderung Mindset). Dessen Komplexität wird anhand der genutzten Datenqualitätsdimensionen für DQ-Regeln deutlich.

Die Arbeitsschritte des Technisch-Logistischen Managements tragen dazu bei, qualitätsgesicherte Daten und Informationen unter anderem für alle logistischen Prozesse bereitzustellen, um deren prozessualen Ablauf zu ermöglichen beziehungsweise zu unterstützen und somit insbesondere Prozessabbrüche sowie Prozesshemmnisse zu verhindern. Dies beschreibt den Dienstleistungscharakter gegenüber anderen Geschäftsprozessen am treffendsten.

Hier die Schritte, die im Technisch-Logistischen Management exemplarisch dazu beitragen, im Produktlebenszyklus aktuelle und gute Daten bereitzustellen.

Katalogisierung

Katalogisierung ermöglicht die Identifizierung eines Produkts nach einheitlichen Standards und die Ansprechbarkeit innerhalb von IT-Systemen. Alle relevanten Informationen über Produkte werden im Rahmen der Katalogisierung systematisch erfasst und in Datenbanken verwaltet. Dabei gilt es, NATO-Standards zu berücksichtigen und einzuhalten. Dies ermöglicht auch, dass Informationen nicht nur für die Bundeswehr, sondern auch für viele internationale Nutzende deutscher militärischer Produkte leicht zugänglich und durchsuchbar sind. Durch eindeutige Identifizierbarkeit von Material können die richtigen Teile zur richtigen Zeit am richtigen Ort bereitgestellt werden. Dies ist entscheidend für die Planung und Durchführung von logistischen Prozessen im internationalen Umfeld, insbesondere in kritischen Situationen. Durch das standardisierte System der NATO-Kodifizierung werden Interoperabilität und Versorgungssicherheit erhöht. Darauf aufbauende Versorgungsartikelkonzepte legen fest, welche Erzeugnisse unterschiedlicher Hersteller in ihren formalen, technischen und stofflichen Merkmalen übereinstimmen und bündeln diese. Die Vorteile liegen auf der Hand: Kosteneinsparungen durch höhere Bestellmengen, Verringerung der Anzahl an tatsächlich zu bewirtschaftendem Material und Beschleunigung der Instandhaltungsprozesse durch schnellere Verfügbarkeit von Ersatz- und Austauschteilen (ET/AT).

Die Integration der Katalogisierungsergebnisse in moderne IT-Systeme ermöglicht eine bedarfsgerechte Bestandsüberwachung und -verwaltung durch automatisierte Systeme auf der Grundlage dieses Ordnungssystems. Katalogisierung trägt also dazu bei, die Effizienz und Transparenz in der Verwaltung logistischer Ressourcen zu erhöhen. Sie bietet eine Basis für fundierte Entscheidungen in der Logistik.

Produktbeobachtung

Die Produktbeobachtung in Rüstungsprojekten erstreckt sich über den gesamten Lebenszyklus von militärischen Waffensystemen und Ausrüstung. Sie umfasst die systematische Überwachung und Analyse von Produkten in der Entwicklung, vor allem aber in der Nutzungsphase, um sicherzustellen, dass sie den definierten Anforderungen und Standards entsprechen.

Dazu wird die Qualität der Produkte regelmäßig überprüft, um Zuverlässigkeit und Langlebigkeit sicherzustellen. Dies ist besonders wichtig in einsatzentscheidenden und sicherheitskritischen Bereichen. Sensordaten und Messwerte werden erhoben und analysiert. Schwächen oder Einschränkungen in der Nutzung werden durch Beanstandungsmeldungen gesammelt, ausgewertet und durch die Projektleitung Produktänderungen und -verbesserungen daraus abgeleitet – zukünftig idealerweise mit KI-Unterstützung.

Datenqualitätsdimension im Datenmanagement Logistik

Produktänderungen/-verbesserungen

Werden aus der Produktbeobachtung heraus Erkenntnisse deutlich, die eine Anpassung des bestehenden Produktes notwendig oder sinnvoll erscheinen lassen, sind diese Forderungen hinsichtlich technischer und wirtschaftlicher Auswirkungen zu bewerten und kostengünstige Lösungen zu verfolgen. Zu den TLM-Aufgaben der Projektleitung im Rahmen einer Produktänderung gehören dann das Erarbeiten von Änderungsforderungen und Änderungsgenehmigungen, das Erfassen und Planen der Leistungen von entwicklungstechnischer Betreuung, die Planung der integrierten Nachweisführung und die Durchführung der Einsatzprüfung. Ziel ist die zeitgerechte und einsatzreife Bereitstellung der geänderten Produkte, einschließlich der zugehörigen geänderten Materialgrundlagen, technischen Objekte und technischen Dokumentationen beziehungsweise Regelungen. Bei Bedarf ist erneut eine Katalogisierung bei der Katalogisierungsstelle für die geänderten Produkte zu erwirken. Im Gegensatz zur Produktänderung hat die Produktverbesserung einen Fähigkeitsaufwuchs und/oder eine technische Verbesserung eines bereits eingeführten Produkts zum Ziel. Sie wird daher wie ein neues Beschaffungsvorhaben bearbeitet. Die Produktverbesserung wirkt sich in operationeller, logistischer, technischer oder wirtschaftlicher Hinsicht aus. Die TLM-Aufgaben sind wie bei einem neuen Produkt von Beginn an zu durchlaufen.

Planung und Steuerung produktbezogener Ressourcen

Der Erhalt der Einsatzfähigkeit und Einsatzbereitschaft des Produktes in der Nutzungsphase ist eine der wesentlichen Aufgaben der Nutzungssteuerung. Dazu sind alle benötigten Maßnahmen so früh und detailliert wie möglich zu planen, um die notwendigen Ressourcen, wie zum Beispiel Ersatz- und Austauschteile, Instandhaltungskapazitäten, Infrastruktur und qualifiziertes Personal zur Verfügung stellen und zielgerichtet nutzen zu können. Zur Planung und Steuerung dieser produktbezogenen Ressourcen nutzt die Bundeswehr im Rahmen der Nutzungssteuerung von Waffensystemen die „produktbezogene Fachplanung”. Diese berücksichtigt die Bedarfshistorie und die zukünftig beabsichtigte Nutzungsintensität, um strategisch den Bedarf an Ersatz- und Austauschteilen, und Dienstleistungen zu ermitteln. Daraus werden Haushaltsmittelbedarfe abgeleitet und die entsprechende Umsetzung initiiert. In diesem Sinne stellt TLM einen Teil der Planungsgrundlage für die Finanzierung von Waffensystemen in der Nutzungsphase zur Verfügung.

Konfigurationsmanagement

Durch Produktänderungen und -verbesserungen können neue Varianten eines Waffensystems entstehen. Im TLM sorgt das Konfigurationsmanagement als systematischer Ablauf dann dafür, dass die Integrität und Konsistenz von Produkten und Systemen während ihres gesamten Lebenszyklus´ gewährleistet sind. Alle Änderungen oder Versionen werden produkt- und stückbezogen dokumentiert. Dies ermöglicht eine klare Nachverfolgbarkeit und hilft, den Überblick über die aktuellen technischen Fähigkeiten der Systeme zu behalten. Sind Änderungen an einem System nötig, werden diese kontrolliert und genehmigt, um sicherzustellen, dass sie den festgelegten Anforderungen. Regelmäßige Überprüfungen bezwecken, dass die Systeme den Qualitätsstandards entsprechen und ordnungsgemäß funktionieren. Durch Änderungen oder durch ungünstige Konfigurationen, zum Beispiel Software-Inkompatibilitäten, erwartbare Risiken werden frühzeitig identifiziert, bewertet und geeignete Maßnahmen zur Risikominimierung ergriffen. Das Konfigurationsmanagement stellt dadurch sicher, dass alle Teile eines Systems zusammenarbeiten und Änderungen in einem Bereich keine unbeabsichtigten Auswirkungen haben.

Insgesamt trägt das Konfigurationsmanagement im Technisch-Logistischen Management also dazu bei, die Effizienz, Zuverlässigkeit und Sicherheit von Produkten und damit die Einsatzfähigkeit für die Streitkräfte zu erhöhen.

Zusammenfassung

Daten sind die Zukunft. Daten ermöglichen innovative Anwendungen. Daten stellen Prozesse sicher. Das Technisch-Logistische Management stellt Prozesse und Tools bereit, um diese Daten umfassend und qualitativ hochwertig zu erzeugen, zu analysieren und zu nutzen. Es bietet die Grundlage für Anwendungen der Künstlichen Intelligenz, des Machine Learning, des Digitalen Zwillings oder einfach nur der Prognose von Material- und Instandhaltungsbedarfen. Technisch-Logistisches Management als Geschäftsprozess ist Dienstleister für die Projektleitungen und Nutzenden bei der Einführung, bei der Nutzung und bei der Ausphasung von Waffensystemen. Auch wenn es prozessbezogen nicht unbedingt im Rampenlicht steht, bereitet es doch die Basis für alle logistischen Prozesse und deren reibungslosen Ablauf. Insofern trägt Technisch-Logistisches Management zur Erhöhung der Verfügbarkeit von Waffensystemen und damit direkt zur Steigerung der Einsatzbereitschaft und Kriegstauglichkeit der Bundeswehr bei. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!

Erstveröffentlichung in Europäische Sicherheit & Technik, 23.09.2025, www.esut.de

Titel: Das Technisch-Logistische Management – Dienstleister im Hauptprozess Rüstung/Logistik

Autor: Oberstleutnant Oliver Erhardt

Bilder: ©Bundeswehr

Neue Technologie – Schießtraining mit einem autonomen Roboter

Es regnet in Strömen auf der Schießbahn in Hammelburg. Während die „Infanteriesonne“ scheint, liegen Scharfschützen konzentriert in Stellung. Etwa 500 Meter entfernt bewegt sich ein Auto – daneben zwei Figuren, die auf den ersten Blick wie Menschen wirken. Doch es sind Roboter. Und sie reagieren, wenn sie getroffen werden.

Ein Blick in die Zukunft. Gemeinsam mit der Industrie testet die Infanterieschule in Hammelburg autonome Roboter. Diese Systeme können, wenn sie richtig eingesetzt werden, das militärische Training realitätsnaher machen als je zuvor.

Was hier passiert, ist kein gewöhnliches Schießtraining. Es ist ein Blick in die Zukunft der Ausbildung. Gemeinsam mit Unternehmen testet die Infanterieschule des Heeres in Hammelburg Technologien, die militärisches Training realitätsnäher machen sollen als je zuvor.
Oberstleutnant N., Inspektionschef der IV. Inspektion an der Infanterieschule, bildet mit seiner Inspektion unter anderem Scharfschützen und Schießlehrer aus. Er sieht dabei große Chancen: „Der Zielbau auf unseren Schießbahnen ist ja oft relativ starr. Hier kann ich Ziele darstellen, die sich frei bewegen, taktische Aufträge abarbeiten und sogar in Deckung gehen.“

Simulation ganzer Feindformationen

Die Scharfschützen mit ihren Spottern beobachten konzentriert das Zielfeld. Mit dem Einsatz von autonomen Robotern können deutlich komplexere Lagen eingespielt werden, die den Schützen einiges mehr abverlangen könnten als bisher.

Die autonomen Zielroboter reagieren auf Treffer, weichen aus und können ganze Feindformationen simulieren – vom einzelnen Schützen bis zum Fahrzeug. Für die Soldatinnen und Soldaten bedeutet das eine neue Dimension des Trainings: „Das ist für die Schützen schon erheblich anspruchsvoller. Ich habe Ziele, die diagonal auf mich zufahren, die stehen bleiben oder Deckung suchen.“
Noch steht der Einsatz solcher Systeme in der Bundeswehr jedoch am Anfang. Der Inspektionschef erkennt das Potenzial – aber auch die Notwendigkeit, die Ausbildung darauf abzustimmen: „Gute Ausbildung bringt die Truppe voran. Aber man muss schon ein gewisses Level erreicht haben.“

Das heißt, die beste Technik bringt nichts, wenn die Ausbilder sie nicht methodisch und didaktisch sinnvoll einbetten können. Im Kern bleibt es daher immer die Aufgabe erfahrenen und motivierten Ausbildungspersonals, die moderne Technik gewinnbringend zu integrieren.

Was die Technik kann

Es ist für die schießende Truppe wichtig, bereits ein gewisses Ausbildungsniveau erreicht zu haben. Erst dann bringt der Einsatz von neuen Technologien und Szenarien die Soldatinnen und Soldaten wirklich voran.

Ein Fachmann erklärt, was die Maschinen so besonders macht: „Die Roboter, die hier in Hammelburg heute getestet werden, verwenden Künstliche Intelligenz, um ‚pattern of life‘ zu replizieren – also typische menschliche Verhaltensmuster. Basierend auf den Absichten der Ausbilder treffen die Roboter Entscheidungen in Echtzeit: Sie weichen aus, gehen flankierend oder überschlagend vor.“

Die Roboter sind nicht an feste Schießstände gebunden. Ein 3D-Scan des Geländes reicht, um innerhalb weniger Stunden ein realistisches Szenario aufzubauen: „Uns reicht im Prinzip eine grüne Wiese oder ein Parkplatz. Wir ,vermappen‘ das Areal, legen Sicherheitsparameter fest und programmieren die Roboter. Danach läuft das Szenario – ob mit einem Fahrzeug oder mit 50 Feinddarstellern gleichzeitig.“
Das System erkennt Treffer – sogar zwischen Fahrzeug und Fahrer – und kann Wärmequellen simulieren. Auf diese Weise können Wärmebildgeräte realistisch eingesetzt werden.

Wenn die Zielscheibe denkt

Das Ziel ist es, militärisches Training künftig von statischen Übungen zu dynamischen Gefechtsszenarien weiterzuentwickeln. Durch intelligente, mobile Zielroboter, die sich autonom bewegen und realistische Verhaltensmuster simulieren, könnte bald genau dies möglich werden. Durch den Einsatz von autonomen Zielsystemen soll es zusätzlich möglich sein, die Ausbildung nach dem Grundsatz „Training as a Service“ zu optimieren. Statt teurer Anschaffungen könnten Streitkräfte oder Behörden ganze Trainingsszenarien buchen. In Deutschland werden Systeme derzeit im Rahmen von Test- und Ausbildungsprojekten mit der Bundeswehr erprobt.

Oberstleutnant N. denkt schon einen Schritt weiter: „Wenn wir in Zukunft Panzerabwehr oder Gefechtsübungen mit autonomen Zielen trainieren könnten – das würde uns taktisch ganz neue Möglichkeiten eröffnen.“ Noch sind die Grenzen des Systems nicht vollständig ausgelotet. Doch die Vorstellung, dass Soldaten bald gegen Ziele üben, die selbstständig reagieren und taktisch handeln, ist längst keine Vision mehr – sie rollt bereits über die Schießbahnen von Hammelburg.

Erstveröffentlichung in YNSIDE, 19.11.2025

Titel: Neue Technologie – Schießtraining mit einem autonomen Roboter

Autor: Hauptmann Simon Hofmann

Bilder: ©Bundeswehr/Benjamin Bendig

Ganz nah an der Truppe: Beschaffungsamt on Tour

Im Rahmen des Projektmanagements muss das BAAINBw weitreichende Entscheidungen bei der Beschaffung und Nutzung von Wehrmaterial fällen. Um einen praktischen Bezug zum System herzustellen und die Nutzerseite mit ihren Herausforderungen – sowohl taktisch als auch logistisch – kennenzulernen, besuchte das Referat K5.2 – Schützenpanzer Anfang Juni 2025 die Truppe.

Zunächst begleitete das Referat eine Ausbildung des Führernachwuchses am Schützenpanzer (SPz) Puma an der Panzertruppenschule in Munster. Bei einem Besuch an der Technischen Schule des Heeres in Aachen stand mit der Technisch-Logistischen Einsatzprüfung (TLEP) ein wichtiger Punkt im Rahmen der Einführung von Landsystemen im Fokus.

Diese gemachten Erfahrungen sollen gewinnbringend in das Beschaffungsvorhaben, insbesondere in Bezug auf die Schnittstellen SPz Puma und SPz Schakal (SPz Rad), eingebracht werden.

Ausbildung Turm- und Bedienstände sowie WA MELLS am SPz Puma an der PzTrS in Munster

Die Panzertruppenschule (PzTrS) in Munster bildet im Schwerpunkt alle Kräfte der Panzer- und Panzergrenadiertruppen aus. Teil dieser Ausbildungen ist die Schießlehrerausbildung in der IX. Inspektion. Ziel ist es, den Führernachwuchs am Ende als Schießlehrer zu befähigen. BAAINBw K5.2, vertreten durch die stellvertretende (stv.) Projektleiterin SPz Schakal, Technische Oberregierungsrätin (TORR’in) Dr. Melanie Rohe, hat in der finalen Ausbildungswoche das Schulschießen mit den abschließenden Prüfungen der Trainingsteilnehmer begleitet.

„Am ersten Tag der Ausbildung begann der Dienst direkt früh um 06:30 Uhr mit der Vorbereitung für den Marsch: dem Technischen Dienst, auch TD genannt.“, erklärt die stv. Projektleiterin. Im Anschluss haben die beiden Ausbilder – Oberstabsfeldwebel Christian  und Oberstabsfeldwebel Andy  – eine Einweisung in den Marsch, den Marschbefehl, gegeben. Ein Teil der Maßnahmen zur Koordinierung sind z.B. Marschgeschwindigkeit, Marschfrequenz (Funk) sowie Fahrzeugkennzeichnung (Marschkredit).

Marschvorbereitung abgeschlossen, die Verlegung der SPz Puma kann beginnen, ©Bundeswehr/Dr. Melanie Rohe

Nach dem Marsch begann die Vorbereitung des Schulschießens. Diese umfasst das Justieren der Waffenanlage (WA) – Maschinenkanone 30 mm (MK30) –, das Anschießen der Schützenpanzer und dabei das Ermitteln der Systemfehlerwerte. „All diese Tätigkeiten wurden den Teilnehmern detailliert erklärt und gezeigt.“, so Rohe.

Um die Marschzeiten an den folgenden Ausbildungstagen einzusparen, verbleiben die SPz Puma auf der Schießbahn. „Natürlich sind die SPz nicht alleine geblieben, sondern wurden von einer Ausbildungsgruppe als sogenannte Panzerwache beaufsichtigt.“, ergänzt Rohe. Für den Rest hieß es um 16:30 Uhr Dienstschluss.

An den drei Folgetagen fanden mehrere unterschiedliche Schießübungen mit der MK30 und der Sekundärwaffe, dem Maschinengewehr 4 (MG4), statt. Dabei haben sich die Waffenbediener gegenseitig beobachtet und bewertet. Diese Bewertungen wurden dann durch die Ausbilder benotet, schließlich war es eine Prüfung zum Schießlehrer.

Die Schießausbildung wurde unter verschiedenen Bedingungen und Einsatzszenarien durchgeführt. Es wurden unterschiedliche Ziele, Entfernungen, Munitionssorten und Zeitansätze angewendet. Am Ende des Tages war es wichtig, die geforderten Zielscheiben zu treffen und das Verhalten des Schützen dabei zu bewerten.

Zum Feuerkampf gehört auch das Ausweichen unter Nebel, ©Bundeswehr/Jacqueline Hellenbrecht

Nach den Schießtagen wurde in die PzTrS zurückverlegt sowie der Technische Dienst am Schützenpanzer durchgeführt. Ergänzend erfolgte die schießtechnische Nachbereitung wie z.B. das Reinigen des Rohres, der Ausbau sowie das Zerlegen der Sekundärwaffe MG4.

Der Start eines MELLS-Lenkflugkörpers am SPz Puma, ©Bundeswehr/Jacqueline Hellenbrecht

„Ein weiterer spannender Teil der Ausbildung ist das Schießen mit dem mehrrollenfähigen leichten Lenkflugkörpersystem – kurz MELLS genannt. Das sieht man auch nicht alle Tage.“, beschreibt Rohe mit Begeisterung. Es ist vorgesehen, dass jeder angehende Schießlehrer einmal einen scharfen Schuss MELLS abgegeben hat. Dies bedeutet, 8 Lenkflugkörper bei 8 Teilnehmern. Geschossen wurde auf ausrangierte Panzerwannen auf mehrere Kilometer Entfernung.

Was natürlich am Ende einer Ausbildung nicht fehlen darf, ist das obligatorische Hörsaalfoto als Erinnerung an den Lehrgang, die Kameraden und Ausbilder, ©Bundeswehr/Jacqueline Hellenbrecht

„Da der SPz Schakal mit den gleichen Turm- und Bedienständen wie der SPz Puma ausgestattet sein wird, war es erkenntnisreich zu sehen, wie diese funktionieren, wirken und eingesetzt werden. Diese Erfahrungen nimmt das BAAINBw mit in das Projekt Radschützenpanzer auf Basis des Gepanzerten Transportkraftfahrzeugs (GTK) Boxer auf.“, so das Fazit der stv. Projektleiterin.

Technisch-Logistische Einsatzprüfung an der TSH in Aachen

Ergänzend zur Ausbildung in Munster besuchte TORR’in Rohe ein paar Tage später die Technische Schule des Heeres in Aachen.

Nach einer kurzen Begrüßung durch den Kommandeur der TSH – Oberst Kurjahn – wurde sie durch den Leiter des Bereiches Technik/Logistik – Oberst Engel – in dessen Schwerpunkte der Technisch-Logistischen Einsatzprüfung (TLEP) im Rahmen der integrierten Nachweisführung von Militärfahrzeugen und Waffensystemen eingewiesen. Die an der Erreichung der Einsatz- und Versorgungsreife orientierte Rüstungs- und Nutzungsbegleitung von Landsystemen und Munition – von der Planung bis zur Verwertung – ist DER Kernauftrag der Bereiches Technik/Logistik. Die integrierte Nachweisführung dient unter anderem dazu, die an das Produkt vertraglich gestellten Forderungen in der Realität zu überprüfen. Für die TLEP als ein Anteil dieser Nachweisführung bedeutet dies, die durch den Auftragnehmer für ein Produkt vorgestellten Vorschriften, Dokumentationen, Sonderwerkzeuge, Mess- und Prüfmittel und Ersatzteillisten hinsichtlich ihrer Eignung für die vorgesehene logistische Strategie zu bewerten.

„Danach ging es ans Eingemachte!“, berichtet Rohe. Oberleutnant Andreas, Oberfähnrich Simon und Stabskorporal Patrick wiesen in ihre umfangreichen Tätigkeiten bei der TLEP ein und zeigten die Herausforderungen beim SPz Puma, z.B. bei der WA MELLS.

Als praktisches Beispiel wurde der Vertreterin vom BAAINBw ein Teil des Sonderwerkzeugsatzes (SdWzS) des SPz Puma vorgestellt und eine kurze Einweisung in die Mess- und Prüfmittel gegeben. Dabei wurde insbesondere ein Augenmerk auf das Kabelprüfgerät für die WA MELLS gelegt.

Einweisung in die Anwendung des Kabelprüfgerätes aus dem SdWzS SPz Puma mit Oberleutnant Andreas und Stabskorporal Patrick (Personen von links nach rechts), ©Bundeswehr/Aleksej Evert

„Das wird auch ein wesentlicher Anteil beim zukünftigen System der Mittleren Kräfte sein, dem SPz Schakal. Daher ist es auch wichtig einen Überblick über den Sonderwerkzeugsatz und die TLEP zu erhalten, denn auch die TLEP ist ein elementarer Bestandteil der Nachweisführung.“, betont Rohe.

Mithilfe der technischen Dokumentationen und den Prüfanweisungen konnte TORR’in Rohe z.B. die Sensoren und Kabel an der WA MELLS unter Anleitung auf Funktionalität und Vorschriftsmäßigkeit prüfen.

Durchführung der Kabelprüfung mit Oberfähnrich Simon (links) und Stabskorporal Patrick (rechts) an der WA MELLS, ©Bundeswehr/Aleksej Evert

„Fazit: zwei sehr gelungene Veranstaltungen!“, lobt Rohe die Besuche bei der PzTrS und TSH. „Solche Erfahrungen können in allen Bereichen des Projektmanagements gewinnbringend und zielführend bei der Einführung, insbesondere des SPz Schakal, genutzt werden.“

So ein Austausch hat enorme Vorteile:

  • Verständnis für die Herausforderungen der Nutzer
  • Netzwerken mit den zuständigen Fachverantwortlichen
  • Austausch über die Erfahrungswerte und Schnittstellen anderer Projekte
  • Systemverständnis für das Waffensystem zwecks Entscheidungsfindung im Projektmanagement

„Ein weiterer Vorteil der Truppenbesuche ist es, einen praktischen Bezug zur Nutzerseite herzustellen und den Einsatz des Wehrmaterials in der Nutzung zu erleben.“

Erstveröffentlichung in YNSIDE, 21.10.2025

Titel: Ganz nah an der Truppe: Beschaffungsamt on Tour

Autoren: Dr. Melanie Rohe und Hauptmann Robert Winkler

A400M der Luftwaffe trainieren erstmals binational in Neuseeland

Bereits seit einigen Jahren beteiligt sich das Lufttransportgeschwader 62 für die Luftwaffe mit seinen A400M an Übungen im Indopazifik. 2022 umrundete dabei das erste Mal ein A400M die Welt. Zwei Jahre später folgte der Erstflug nach Neuseeland – der Startpunkt für das nun anstehende binationale Training Tūhono Rangi 2025.

Mit sechs Zwischenstopps sind die beiden A400M vom Lufttransportgeschwader 62 einmal um die halbe Welt geflogen, um in Neuseeland trainieren zu können, ©Bundeswehr/Kristin Mummert

Gemeinsam trainieren die Crews dabei vom 10. bis 21. November 2025 unter anderem Formationsflüge, Tiefflüge und das Absetzen von Fallschirmspringern und Lasten. Dieser  Erfahrungsaustausch zwischen dem Lufttransportgeschwader 62 und der Royal New Zealand Air Force (RNZAF Royal New Zealand Air Force) fördert die Kooperation beider Nationen. Gerade die sichtbare Stärkung der verteidigungspolitischen Zusammenarbeit in der Region ist ein Zeichen des Engagements der Luftwaffe im Indopazifik.

Historische Verlegung für Luftwaffe und Geschwader

Für das Lufttransportgeschwader 62 begann die Übung bereits am 30. Oktober. Eigentlich war am frühen Morgen dieses Tages auf dem Flugfeld des Fliegerhorstes Wunstorf alles so wie immer. Es herrschte ein reges Treiben. Das Technikpersonal und die Besatzungen bereiteten die für den Flugdienst vorgesehen A400M vor. Alles lief wie immer präzise. Dennoch hatte dieser Morgen etwas Historisches für das Geschwader und die gesamte Luftwaffe: Zwei A400M starteten an diesem Tag Richtung Neuseeland, um dort das erste gemeinsame Luftwaffentraining der beiden Nationen durchzuführen.

Früh am Morgen begannen die Vorbereitungen in Wunstorf bei teilweise sehr nassem Herbstwetter, ©Bundeswehr/Sascha Knoll

Nach dem Start absolvierten die Besatzungen in ihren Transportmaschinen eine knapp 20.000 Kilometer lange Flugroute. Immer westwärts ging es über die Azoren, die USA und Fidschi nach Neuseeland, wo die beiden A400M am 6. November zuerst in Ohakea auf der Nordinsel ankamen.

Am Bord war jedoch nur ein kleiner Teil des knapp 50 Personen umfassenden deutschen Trainingskontingents. Die restlichen Soldatinnen und Soldaten werden erst eine Woche später mit einem militärischen Passagierflugzeug von Köln aus nach Ohakea starten. Von dort geht es dann für alle mit den beiden A400M zum Übungsort Blenheim auf der Südinsel Neuseelands. Dies ist das effektivste und kostengünstigste Verfahren, um das Personal und die beiden mit Werkzeug, Ersatzteilen und allen erforderlichen Dingen für ein zweiwöchiges Training beladenen A400M um die halbe Welt zu verlegen.

Trainingsname mit großer Bedeutung: Tūhono Rangi

Für das Lufttransportgeschwader 62 ist das Übungsszenario ein Meilenstein. Dies spiegelt sich auch Trainingsnamen wider, den beide Nationen ausgewählt haben. Tūhono Rangi ist die maorische Übersetzung von Connecting Skies, was in Deutsch in etwa „Die Himmel verbinden“ bedeutet.

Trainingsname mit großer Bedeutung – Tūhono Rangi steht für „Die Himmel verbinden“, ©Bundeswehr/LTG 62

Symbolisiert wird diese enge Zusammenarbeit auf dem Übungspatch, dass die Beteiligten tragen. Es zeigt das Wappentier des Lufttransportgeschwaders 62  – den Raben Hans Huckebein – und den Kiwi als neuseeländisches Nationaltier, die vor den Flaggen der beiden Länder stehen. Zusätzlich sind die maorischen Symbole für Willenskraft, Stärke, Frieden und eine sichere Reise (Hei Matau, l.) sowie für Freundschaft (Pikorua, r.) abgebildet.

Monate der Vorbereitung

Für das deutsche Geschwader ist diese Übung etwas ganz Besonderes. In den vergangenen Jahren hatte es in Übungen meist die Aufgabe, andere Verbände bei deren Verlegungen zu unterstützen oder kleinere Anteile an Übungsvorhaben selbst zu übernehmen. Bei Tūhono Rangi ist dies jedoch anders. Bei der ersten gemeinsamen deutsch-neuseeländischen Luftwaffenübung steht auf deutscher Seite allein die taktische Aus- und Weiterbildung der A400M-Besatzungen im Mittelpunkt.

Der Tiefflug – auch in Formation – sowie das Absetzen von Lasten sind nur zwei Beispiele der taktischen Manöver, die in Neuseeland trainiert werden, ©Bundeswehr/Jasmin Schlegel

Das Geschwader hatte zusammen mit den neuseeländischen Partnern das Vorhaben in den letzten Monaten eigenständig geplant. Neben allem Organisatorischen für die Verlegung eines 50 Personen umfassenden Kontingents standen vor allem die fliegerischen Planungen in einem bisher komplett unbekannten Luftraum im Fokus. Hierbei brachten die beteiligten Fluglehrer des Geschwaders ihre langjährigen Erfahrungen ein, um effektive und effiziente Trainingsszenarien zu planen, die nun gemeinsam mit der neuseeländischen Luftwaffe umgesetzt werden.

Vor dem Hintergrund des fortschreitenden Fähigkeitsaufwuchses des A400M und des daraus resultierenden erweiterten Einsatz- und Auftragsspektrums des Geschwaders bietet die Übung außergewöhnliche Möglichkeiten für eine umfassende Aus- und Weiterbildung der fliegenden Besatzungen und dem sonstigem am Flugbetrieb beteiligten Personal. Für den Kommodore des Lufttransportgeschwaders 62, Oberst Markus Knoll, ist daher klar: „Wenn eine Verlegung von Deutschland nach Neuseeland möglich ist, kann auch nahezu jeder andere Ort auf der Welt erreicht werden.“

Erstveröffentlichung auf der Internetseite der Bundeswehr, 10.11.2025, www.bundeswehr.de

Titel: A400M der Luftwaffe trainieren erstmals binational in Neuseeland

Autor: Martin Buschhorn

Spenderehrung Soldatenhilfswerk 2025

Am 28. Oktober wurde die diesjährige Spenderehrung des Soldatenhilfswerk der Bundeswehr e.V. im Gäste-Casino des BMVg im Bendlerblock in Berlin durchgeführt.

Die Moderatorin, Frau Hauptmann Schönemann

In Abwesenheit des Vorsitzenden, General Karsten Breuer, der aufgrund einer wichtigen internationalen Verpflichtung nicht anwesend sein konnte, nahm die Ehrung der Spender in diesem Jahr die stellvertretende Vorsitzende, Frau Generalstabsarzt Dr. Almut Nolte vor. Nach Ihrer Begrüßung wendete sich General Breuer mit einer Videobotschaft an die anwesenden Spender und Gäste. Er dankte den Spendern für Ihren Einsatz und erinnerte an die Gründung und die Aufgaben des Soldatenhilfswerkes. Die Moderation übernahm, wie im letzten Jahr auch, Frau Hauptmann Schönemann von Radio Andernach. Musikalisch wurde die Veranstaltung vom Blechbläserquintett des Stabsmusikkorps der Bundeswehr sowie dem Chor des Bundeswehr-Krankenhauses Berlin, „toninfusion“, untermalt.

Der Chor „toninfusion“ des Bundeswehrkrankenhauses Berlin

Gut 50 Spender nahmen ihre Urkunden aus den Händen von Frau Generalstabsarzt Dr. Nolte entgegen. Zudem wurden den Spendern der besondere Coin, der ausschließlich für diese Spenderehrung erstellt wurde, überreicht.

Oberstleutnant a.D. Wulff, Oberst a.D. Mönninghoff, Generalstabsarzt Dr. Nolte (v.l.n.r.)

Für den „blauer Bund e.V.“, der eine Spende in Höhe von 1500 € an das Soldatenhilfswerk e.V.  nahm Oberst a.D. Thomas Mönninghoff in Vertretung des Präsidenten Generalmajor Jochen Deuer die Ehrung entgegen.

Autor: Oberst a.D. Thomas Mönninghoff

Bilder: Soldatenhilfswerk der Bundeswehr e.V.

QUADRIGA 2025: Größte Übung des Jahres – der Unterstützungsbereich macht es möglich

Die jährlich stattfindende Übung Quadriga ist eine der größten multinationalen Übungen Europas im Jahr 2025. Soldatinnen und Soldaten der Marine, des Heeres, der Luftwaffe, des Cyber- und Informationsraums sowie des Unterstützungsbereichs übten dieses Jahr gemeinsam in Deutschland, Litauen, Finnland und auf der Ostsee.

Über 2.000 der rund 8.000 deutschen Kräfte stammten aus dem Unterstützungsbereich der Bundeswehr. Mit Logistik, Sanitätsdienst, Pipelinepionieren, ABC-Abwehrkräften und Feldjägern schufen sie die Grundlagen, die eine solche Großübung überhaupt erst ermöglichten. Die Gesamtunterstützung des Bereichs zeigte sich dabei in quasi allen Teilübungen von Quadriga 2025. Denn ohne die Unterstützer geht nichts.

Unterstützer in Aktion – Beitrag zu einer erfolgreichen Großübung 

Jede vierte Soldatin oder Soldat bei Quadriga 2025 stammte aus dem Unterstützungsbereich. Dabei trainierten sie vor allem in den kombinierten Logistikübungen Brave Blue und Safety Fuel, unterstützten aber auch Teilübungen des Heeres und der Marine.

Absolut zentral am Erfolg von Quadriga war das Logistikzentrum des Unterstützungsbereich: Es plante und koordinierte alle Märsche über Land, See und Luft und war somit der „Taktgeber“ für die Verlegung aller Kräfte in den Übungsraum. Knotenpunkt war dabei der vom Logistikbataillon 163 RSOM („Reception, Staging, Onward Movement“) betriebene Hafenumschlag in Rostock und Klaipėda. Eine in der NATO einzigartige Fähigkeit, welche den Unterstützungsbereich der Bundeswehr auszeichnet.

Rein personell leistete das Logistikregiment 1 mit rund 1.750 Soldatinnen und Soldaten, 850 Fahrzeugen und 350 Anhängern den größten Beitrag aus dem Unterstützungsbereich. Während der Teilübung Brave Blue setzen seine Bataillone 161 und 171 ein sogenanntes „Logistisches Netzwerk im Einsatzland“ in Litauen auf, welches die Heereskräfte der Teilübung Grand Eagle mit Munition, Verpflegung, Ersatzteilen und Betriebsstoffen versorgte.

Drohnenaufnahme. Im Vordergrund zwei Spähwagen Fennek vor einem Tanklaster. Zwei Soldaten knien auf den Fenneks und betanken sie. Im Hintergrund warten weitere Fahrzeuge.  ©Bundeswehr/PIZ Ustg

Über Litauen hinaus waren die Logistikbataillone 172 und 472 mit Erkundungskommandos in die Übung Brave Blue eingebunden. Ihr Auftrag war, alternative Einsatzräume zu erkunden, die genutzt werden könnten, wenn der Verlauf eines heißen Konflikts dies fordert. Auch Litauens Nachbarland Lettland steuerten die Erkundungstrupps an, denn für die Bundeswehrlogistik ist das gesamte Baltikum mögliches Einsatzgebiet.

Bei der Teilübung Safety Fuel sorgte das Spezialpionierregiment 164 mit ungarischen Alliierten für die Spritversorgung, indem sie gemeinsam ein mobiles Feldtanklager aufbauten und betrieben. Darüber hinaus übten sie die Wasseraufbereitung.

Pipelinepioniere des Spezialpionierregiments 164 beim Aufbau des Feldtanklagers, ©Bundeswehr/Katharina Waier

ABC-Abwehrkräfte und Feldjäger leisteten Brandschutz und militärpolizeiliche Unterstützung und fungierten als Überteilnehmer.

Sanitätsdienst übt auf hoher See

Doch nicht nur die Logistiker, sondern auch der Sanitätsdienst macht die jährliche Großübung möglich. Gemeinsam mit der Marine führte er die Übung Role2Sea 2025 durch. Dabei übten Ärztinnen, Notfallsanitäter und anderes Fachpersonal der Bundeswehrkrankenhäuser die durchgängige Rettungskette von Verwundeten an Bord auf See bis an Land in zivile Krankenhäuser. Simuliert wurde ein Unfall auf dem Minenjagdboot „Pegnitz“ mit rund 30 Verwundeten.

An einer Übungspuppe nehmen Soldatinnen und Soldaten des Sanitätswesens im Schockraum eine Operation vor. Bei Quadriga 2025 üben sie unter anderem die Role 1 und Role 2 in der Rettungskette. ©Bundeswehr/Susanne Hähnel

Im iMERZ (integriertes Marineeinsatzrettungszentrum) einer Behandlungseinrichtung der Role 2 erfolgte die chirurgische Akutversorgung, die intensivmedizinische Überwachung sowie die Überwachung und Pflege der Patientinnen und Patienten nach Operationen. Danach wurden „verwundete“ Personen mit dem Medevac zur weiteren medizinischen Versorgung von See aufs Land in zivile Krankenhäuser gebracht. Das erfolgt teils auch per Lufttransport mit Hubschraubern.

Aber auch auf sandigem Boden trainierten Role 2-Kräfte des Sanitätsregiments 1 – ebenfalls verstärkt durch Ergänzungspersonal aus den Kliniken der Bundeswehr – in Litauen Seite an Seite mit Einsatzstaffeln der Sanitätszentren Erfurt und Köln die Abläufe in der Rettungskette. Dabei unterstützten sie die Heeresübung Grand Eagle auch mit Real Life Support.

Die Möglichmacher der Bundeswehr

Die Unterstützerinnen und Unterstützer stellen mit ihren hochspezialisierten Fähigkeiten sicher, dass die kämpfende Truppe verlegen, kämpfen und durchhalten kann. Ob es darum geht die schnelle und reibungslose Verlegung zu planen, Verwundete zu versorgen, oder den Nachschub an Treibstoff, Material oder Trinkwasser sicherzustellen: Funktionierende Unterstützung legt die Grundlage für glaubhafte Abschreckung – gerade im Bündnisgebiet und in Zusammenarbeit mit multinationalen Partnern der NATO und EU.

Dass Deutschland damit die NATO-Ostflanke stärkt, die Einsatzbereitschaft seiner Streitkräfte erhöht und die gesamtstaatliche Abschreckung nachhaltig unterstützt, ist daher auch dem essentiellen Beitrag des Unterstützungsbereichs zu verdanken.

Erstveröffentlichung in YNSIDE, 22.09.2025

Autor: Jonas Kellner