Im niedersächsischen Ostenholz auf dem Truppenübungsplatz Bergen sind mehr als 100 Reservistinnen und Reservisten zusammengekommen, um bei der Übung Hanseatic Defender ihre Fähigkeiten auszubauen. An vier Ausbildungswochenenden über das ganze Jahr verteilt, bereitet sich das nicht-aktive Panzergrenadierbataillon 908 auf diese zweiwöchige Übung vor.

Schießbahn 21: Der Sturm fegt über die Heide, Bäume und Büsche biegen sich. Das Rauschen des Blätterdachs ist fast ohrenbetäubend. Starkregen scheint waagerecht im Wind zu stehen. Den Grenadieren tropft das Wasser von der Helmkante und der Regen peitscht ihnen unaufhaltsam ins Gesicht.
Alle sind angespannt – der Alarmposten hat im Vorfeld auftretenden Feind ausgemacht. Die Waffen sind klar zum Gefecht. Endlich klappen vor den Stellungen dutzende Schützenscheiben hoch – der Gegner. Die kräftige Stimme des Zugführers durchbricht das Toben des Wetters. Jetzt brechen unzählige Schüsse, lange Salven des Maschinengewehrs fügen sich ein, gefolgt vom dumpfen Donnern ihrer Schützenpanzer. Die 20-Millimeter-Bordmaschinenkanonen unterstützen das Feuer: Das Sturmabwehrschießen hat begonnen. Es ist Teil des Gefechtsschießens der 4. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 908.
Reservisten von 18 bis 60 Jahren

Nach Ende des Übungsdurchganges zeigen sich die Ausbilder zufrieden. Die auf den vorangegangenen Ausbildungswochenenden durchgeführte Ausbildung der Reservistinnen und Reservisten trägt Früchte. Das stetige Üben der soldatischen Fähigkeiten, das Festigen aller Grundlagen und das fortlaufende Steigern der Anforderungen in der Vergangenheit zahlen sich jetzt aus.
Das Panzergrenadierbataillon 908 ist ein sehr aktiver nicht-aktiver Truppenteil. Die Soldatinnen und Soldaten des Ergänzungstruppenteils der Panzergrenadierbrigade 41 kommen aus dem ganzen Bundesgebiet. Der Jüngste ist 18 Jahre jung, der Älteste über 60. Sie alle sind Reservisten und opfern einen Teil ihrer zivilen Freizeit für ihren Dienst beim Panzergrenadierbataillon 908.
Viele kommen aufgrund der sicherheitspolitischen Lage in Europa und der Welt, wollen ihren Beitrag leisten, ihrem Land etwas zurückgeben. Andere suchen eine militärische Heimat oder Abwechslung von ihren zivilen Berufen. Sie sind Studenten, Handwerker, Beamte oder Kaufleute, ehemalige Soldaten. Manche kommen direkt nach dem Ausscheiden aus der aktiven Truppe, andere hatten seit Jahren keinen Kontakt mehr zur Bundeswehr. Viele üben regelmäßig, andere sind zum ersten Mal beim Panzergrenadierbataillon 908. Egal ob ehemaliger Logistiker, Panzermänner, Sanitäter oder Aufklärer – sie alle erhalten die Dienstpostenausbildung zum Panzergrenadier.
In Kolonne über das Weserbergland

Nach dem Starkregen scheint nun die Sonne über dem Truppenübungsplatz Bergen, auch der Sturm hat sich gelegt. Das Wetter bleibt aber in diesen beiden Septemberwochen sehr wechselhaft. Im Technischen Bereich des Truppenlagers Ostenholz starten unterdessen die Motoren. Die 1. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 908 übt den Verlegemarsch. Immer und immer wieder haben sie die Abläufe im Vorfeld geübt und besprochen. Auch eine Premiere: Die bataillonseigene Bergebereitschaft ist mit aufgefahren. Mercedes Greenliner, 5-Tonner, Pritschenwagen, Lkw und Feldkräne stehen aufgereiht auf dem Asphalt. „Noch nie wurden beim Panzergrenadierbataillon 908 so viele Fahrzeuge eingesetzt“, erklärt der Marschgruppenführer. In drei Kolonnen rollt das Marschband zeitlich versetzt los. „Der Aufklärungs- und Verbindungszug eilt den Marschgruppen voraus“, beschreibt er weiter.
Es geht in Richtung Autobahn, die blauen Fahnen flattern an den Fahrzeugen und markieren so die Kolonne. Schließlich bewegen sich die Kolonnen durchs Weserbergland bis hin zum markanten Mittelgebirgszug Ith. Immer wieder müssen die Soldatinnen und Soldaten auf eingespielte Lagen reagieren. Kurze technische Stopps in verschiedenen Bundeswehreinrichtungen unterbrechen die Fahrt, dann geht es weiter. Die Übungsleitung achtet exakt auf die Einhaltung des Zeitplans.
Erst gegen Abend wird das Ziel in Münster erreicht. Die bataillonseigene Feldküche versorgt vor Ort, es wird eine kurze Nacht. Bevor die Kolonnen am nächsten Morgen wieder zurückmarschieren.
Realer Einsatz – keine Übung
Der Aufklärungs- und Verbindungszug stößt auf eine reale Gefahrensituation. Ein ziviles Fahrzeug steht brennend auf der Straße. Dies ist keine Übung. Die Soldaten reagieren sofort und eilen der Fahrerin zur Hilfe. Das Feuer wird gelöscht, der Verkehr umgeleitet und die zivilen Rettungskräfte alarmiert. Mit dem Dank der Zivilistin und der eintreffenden Einsatzkräfte setzen die Reservistinnen und Reservisten ihren Weg fort und erreichen schließlich das Truppenlager Ostenholz in Bergen.
Doch zum Verschnaufen bleibt keine Zeit. Schon wird der Gefechtsstand aufgebaut. Leben im Felde für weitere 72 Stunden steht auf dem Plan. Auch hier kommt es zu fingierten Übungssituationen, die bewältigt werden müssen: Saboteure treten auf den Plan, ein 5-Tonner verunglückt, Feindpropaganda und Fakenews werden verbreitet.
Während die Kompanien ihren Aufträgen nachgehen, ist die Feldküche des Panzergrenadierbataillons 908 in einem Waldstück untergezogen, die Kessel dampfen. Der verantwortliche Unteroffizier und seine Gehilfen versorgen das Bataillon, rund um die Uhr, auch während der laufenden 72-Stunden-Übung.
Gestärkt für das kommende Jahr

Derweil bereitet man sich im Stabsgebäude im Truppenlager Ostenholz auf die Ankunft neuer Bewerberinnen und Bewerber vor. Seit Beginn eines ehrgeizigen Personalgewinnungsprojekts vor zwei Jahren wächst der Ergänzungstruppenteil stetig an. Zwar hat das Bataillon seine volle Personalstärke noch nicht erreicht, doch werden verschiedene Dienstposten mittlerweile knapp.
Unter den jetzigen Interessierten sind auch die Anwärter für den in Aufstellung befindlichen Scharfschützenzug des Panzergrenadierbataillons 908. Um dazuzugehören, sind besondere Vorkenntnisse und Fähigkeiten ein Muss, da die Vorausbildung in Hagenow und der darauffolgende Scharfschützenlehrgang in Hammelburg herausfordernd sind.
Wie bei jedem Übungsvorhaben des Panzergrenadierbataillons 908 ist die Unterstützung durch die aktive Truppe groß – sowohl materiell als auch personell. Als Ergänzungstruppenteil verfügt das Bataillon über kein eigenes Material, sodass alles, vom Schützenpanzer bis zum Mündungsfeuerdämpfer, bei den Couleur- und anderen Verbänden beantragt werden muss. Und auch in der laufenden Übung ist die fachmännische Unterstützung der aktiven Soldatinnen und Soldaten nicht wegzudenken. Immer wieder sind sie begeistert und beeindruckt von der gelebten Kameradschaft, der überdurchschnittlichen Motivation und dem Wissenshunger der 908er. Es wird angepackt, nachgefragt und immer und immer wieder ausprobiert.

Bataillonskommandeur Torsten Held zeigt sich am Ende der 14-tägigen Übung Hanseatic Defender sehr zufrieden: „Das große Engagement unserer Soldaten, ihre überdurchschnittliche Motivation und ihre angestrebte Professionalität sind in der deutschen Reserve beispielgebend. Der Ausbildungsstand des Panzergrenadierbataillons 908 ist unterschiedlich hoch, aber zufriedenstellend. Die Ausbildung und die damit verbundenen Anstrengungen der vorangegangenen Monate haben sich gelohnt. Der Ausbildungsbefehl für das kommende Jahr steht bereits.“
Erstveröffentlichung in YNSIDE, 10.10.2025
Titel: Sturm über der Heide
Autor: Marco Linke
Bilder: ©Bundeswehr/Marco Linke