Verteidigungsfähigkeit Deutschlands – Leitthema der Informationsveranstaltung des „blauer Bund e.V.“

Wie steht es um die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands unter neuen sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen? Dieser Leitfrage widmete sich die Informationsveranstaltung des blauen Bundes (bB) in der Lucius-D.-Clay-Kaserne in Osterholz-Scharmbeck.

Der Präsident des bB, GenMaj Jochen Deuer, begrüßte die Anwesenden der Veranstaltung zu einem außergewöhnlichen Zeitpunkt, findet die Veranstaltung doch traditionell im November eines Jahres statt. Der Ruf des Herrn Ministers Boris Pistorius im Herbst 2025 hatte die Verschiebung verursacht, erklärte der Präsident. Und trotz Verschiebung ließen sich rund 170 Besucher aller TSK/OrgBer aus Logistik und Rüstung sowie Vertreter der zivilen Logistik und Wehrindustrie, diese Gelegenheit nicht entgehen.

Der Präsident des Blauer Bund e.V., GenMaj Jochen Deuer, begrüßt die Teilnehmenden der Informationsveranstaltung in Garlstedt. ©Bundeswehr/Jana Grünberg
Rund 170 Besucher nutzten die Informationsveranstaltung des blauer Bund e.V. um sich weiterzubilden und zu informieren. ©Bundeswehr/Jana Grünberg

Mitgliederversammlung bB

Zuvor wurde jedoch in der Mitgliederversammlung des bB ein Blick auf die zurückliegende Zeit im Verein seit November 2024 geworfen und über die Pläne für die Zukunft berichtet.

Der Präsident: „Mit rund 1.100 Mitgliedern stagniert unsere Mitgliederzahl auf hohem Niveau.“

GenMaj Deuer führte die Attraktivität des bB auf die ansprechenden Vereinspublikationen, den attraktiven Webauftritt und die Informationsveranstaltung – als Zugpferd – zurück. Besonders das ansprechende Corporate Design und das MAGAZIN bB seien hervorzuheben. Auch die Mitarbeit des bB innerhalb des „Beirat für Reservistenangelegenheiten“ sehe er als wichtig an, um im Sinne der Reservisten im Verein mitgestalten zu können.

Während die Suche nach einem Redakteur/Redakteurin erfolgreich war, und Frau Dr. Melanie Rohe vom Vorstand bereits mit dieser Aufgabe betraut wurde und nun von der Versammlung bestätigt wurde, gilt es, den unerwarteten Wegfall des Schatzmeisters noch zu kompensieren.

Hier sendet der Vorstand den Appell an jedes einzelne Mitglied: „Ein Verein lebt davon, sich einzubringen!“

 Die Informationsveranstaltung

Die folgenden sieben Einzelvorträge mit der Leitfrage „Wie steht es um die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands unter neuen sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen?“ waren geprägt von erfreulicher Offenheit und höchst aktuell. An der Vielzahl der gestellten Fragen konnte man das große Interesse des Publikums an den Inhalten gut ablesen.

Den Aufschlag machte Vizeadmiral Carsten Stawitzki, Rüstungsdirektor und AL Rü im BMVg, zu einer strategischen Standortbestimmung zur Nationalen Sicherheit und Verteidigung.

Vizeadmiral Carsten Stawitzki, Rüstungsdirektor und AL Rü im BMVg zu einer strategischen Standortbestimmung zur Nationalen Sicherheit und Verteidigung. ©Bundeswehr/Jana Grünberg

„Rüsten (wir uns) in einer Welt des Umbruchs. Nur wer glaubhaft kriegstüchtig ist, kann auch abschrecken.“ Dies überschrieb den ersten Teil seiner Ausführungen, in denen er den ungewohnten Blick von der Arktis auf den Globus warf. Dort träfen Interessengebiete Russlands und der NATO überlappend aufeinander. Wer seinen Blick auf die nationale eigene Scholle beschränke, mache sich angreifbar, orderte er ein. Mit dem Blick auf Europa, als Sammlung von Mittelmächten, forderte er mehr Einigkeit. Auch zeitlich ordnete er das Geschehen ein, von den IKM Einsätzen, wie aus seinem eigenen Erleben in Afghanistan, bis zum heutigen Krieg in der Ukraine.

Als Rüstungsdirektor frage ich mich: „Rüsten wir das Richtige richtig?“

Mit dem Schwerpunkt auf der Bündnisverteidigung müssten – vom Einsatz her gedacht – die Pläne zur Verteidigung die erforderlichen Kräfte bestimmen und die Streitkräfteplanung und Strukturen folgen. Dabei gelte es keine Zeit zu verlieren und die bereitgestellten Finanzen in Kriegstüchtigkeit zu verwandeln.

„So gelingt glaubhafte Abschreckung. Wir sind da auf einem guten Weg!“ endete er.

Im Anschluss erläuterte Oberst i.G. Dirk Harder, Branch Head Logistics and Medical im International Military Staff NATO, Logistics and Resources Division, die aktuelle Entwicklung bei der NATO.

Oberst i.G. Dirk Harder, International Military Staff NATO, ©Bundeswehr/Jana Grünberg

Er zeigte auf, dass Logistik ein gewichtiges Thema in der NATO sei, über das aktuell auch der Generalsekretär mit den Regierungschefs spreche. Dies sei nicht verwunderlich, da logistische Fähigkeiten einen entscheidenden Teil zur Abschreckung beitrügen. Der „Logistics Aktions Plan“ der NATO zu Reinforcement and Sustainment (RSN) sei erstellt.

„Das Tempo der Logistik ist entscheidend. Für die Länder ist Host Nation Support für einen Aufmarsch keine Frage des ob, sondern des wie?“ machte Oberst Harder klar. 

Die Vorbereitung auf dem Sektor der Gesundheitsversorgung würden in ähnlicher Weise folgen, gab er bekannt.

Danach trug Oberstleutnant Christian Pingel, von der NSPA, zu den Möglichkeiten der logistischen Unterstützung durch die Rüstungsagentur der NATO vor.

Oberstleutnant Christian Pingel, von der NSPA, ©Bundeswehr/Jana Grünberg

Er stellte dar, dass die NSPA mit bis zu 70.000 Vertragspartnern die Lücken in der militärischen Logistik schließen könne und dies in vielen Ländern Europas aktuell so sattfinde. Die Leistungen orientierten sich stark nach den Anforderungen der Kunden und umfassten eine große Bandbreite.

Das Spektrum des zeitlichen Vorlaufs reiche von: „Start nächste Woche bis, dafür brauchen wir dann schon ein Jahr, zum Beispiel für ein komplettes Feldlager“.

Die „Contractors“ der NSPA würden zur notwendigen Unterstützung der Logistik jedoch eher in der 3. und 4. Ebene eingesetzt, also nicht am „scharfen Ende“.

Gesellschaftsabend

Netzwerke festigen und erweitern ist ein wichtiges Ziel des bB, welches während des Gesellschaftsabends mühelos erreichbar war. Die traditionelle Sammlung für das Soldatenhilfswerk ergab die Summe von 1.290 Euro, die vom bB auf 1.500 Euro aufgestockt wurde. Zehn Mitglieder wurden für ihre 25-jährige Treue zum bB vor Ort geehrt. Weitere Jubilare werden die Urkunde von den Vorsitzenden ihrer Kameradschaft erhalten.

    Die Ehrung für 25jährige Treue zum bB durch den Präsidenten, (oben v.l.n.r.) Oberst i.G. Mario Karnstedt, Oberst i.G. Boris Junk, Oberst d.R. Ulrich Otto, Oberstleutnant Michael Rudolf Koch, Oberst Christoph Hermann Schladt, (unten v.l.n.r.) Oberstleutnant Thomas Altmann, Oberstleutnant Hendrik Hilgendorff, Oberstleutnant Daniel Ridderbusch, Oberstleutnant Ralf Kauthe, Oberstleutnant a.D. Matthias Weigmann, ©Bundeswehr/Roman Schlosser

Die Informationsveranstaltung Tag 2

Den Start in den zweiten Tag vollzog Oberst i.G. Boris Junk, Referatsleitern im BMVg SK V 2, zum militärischen Anteil der Gesamtverteidigung, also dem Operationsplan (OPLAN) Deutschland.

Den OPLAN Deutschland stellte Oberst i.G. Boris Junk, Referatsleiter SK V 2 im BMVg, vor, ©Bundeswehr/Jana Grünberg

Der Experte aus dem Ministerium machte deutlich, dass eine Bedrohung für die NATO gegeben sei, selbst wenn keine Indikatoren für konkrete Vorbereitungen vorlägen. Das Potential sei vorhanden. Der Nationale Sicherheitsrat sei eine Stärkung der Verteidigung gegen die existierende hybride Bedrohung. Der Kernauftrag der Bundeswehr zur Landes- und Bündnisverteidigung sei nur gesamtstaatlich (gesamtgesellschaftlich) umsetzbar.

Der vorgestellte OPLAN Deutschland dürfe nicht als allumfassender Plan zur Gesamtverteidigung verstanden werden, sondern umfasse den militärischen Anteil in Deutschland und die Unterstützung der Streitkräfte von ziviler Seite. Beispielsweise wäre der Schutz kritischer Infrastruktur durch militärische Kräfte nur dann berücksichtigt, wenn diese militärisch bedeutsam sein.
Die komplementäre Planung der zivilen Seite zur Gesamtverteidigung wachse gerade auf.

„Rechnen sie mit verstärkter Übungstätigkeit im Land, besonders für den Aufmarsch in der Rolle Deutschlands als logistische Drehscheibe!“

Darauffolgend führte Oberst i.G. Stefan Frankenberger, Chef des Stabes der HSchDiv, zur Lage der Heimatschutzdivision aus.

Oberst i.G. Stefan Frankenberger, Chef des Stabes der HSchDiv, zur Heimatschutzdivision, ©Bundeswehr/Jana Grünberg

Die Heimatschutzdivision mit ihren 6 Regimentern, in denen jeweils eine Kompanie als Ausbildungskompanie aktiv ist, leiste einen wichtigen Beitrag für den OPLAN Deutschland, erklärte Oberst Frankenberger.

Dieser Beitrag gliedere sich in Schutz und Sicherung, Unterstützung des Aufmarschs durch Deutschland und Amts-/Katastrophenhilfe.

Im Fokus der Division bei Ausbildung und Ausstattung stünden derzeit die Fähigkeit zur Wahrnehmung von Wach- und Sicherungsaufgaben, Drohnenaufklärung und -abwehr (C-sUAS) und die Führungsfähigkeit.

Es sei vorgesehen, die Ausbildung von Wehrpflichtigen durchzuführen und verbunden damit auch die Ausbildung zum Offizier der Reserve als ROA SaZ02 mit Qualifikation Sicherungszugführer zu ermöglichen.

Weiterhin sei ein schnelles Reaktionselement (SRE C-sUAS) zur Drohnenabwehr aktuell in Vorbereitung. Der Wirkbetrieb solle noch in diesem Jahr liegen.

BrigGen Stephan Kurjahn, Kommandeur der TSH, erläuterte die Ideen für Logistische Ausbildungseinrichtungen in Krise und Krieg.

BrigGen Stephan Kurjahn, Kommandeur der TSH, zur Schule in Krise und Krieg, ©Bundeswehr/Jana Grünberg

Der Kommandeur aus Aachen zeigte zunächst die vorherrschenden Rahmenbedingungen an der TSH auf. Zum einen bestimmten die Zuläufe neuer Systeme – beim gleichzeitigen Verbleib des bereits eingeführten Geräts – zum anderen der höhere Bedarf an Ausbildung durch den Aufwuchs der Streitkräfte – und damit auch der Instandhaltungskräfte – die künftige Auftragslage.

Auch sei das Lehrgangsgebäude in seiner Vielfalt und die Diversität der fachlich zuständigen Stellen außergewöhnlich.

Die Überprüfung des aktuellen Auftrags und dessen Durchführung, an den Bedarfen von LV/BV böten jedoch Möglichkeiten der Verbesserung.

„Wir haben rund 270 Lehrgänge untersucht. Davon bleiben in Krise und Krieg noch weniger als 170 relevant. Die Pläne haben wir im Schreibtisch!“

Durch das Reduzieren auf das Nötigste sowie der Bündelung von Kräften könne aus eigenen Ressourcen die Kapazität dafür um den Faktor 4 gesteigert werden, erklärte der Kommandeur.

Logistische Ausbildungseinrichtungen in Krise und Krieg, darüber berichtete BrigGen Holger Draber, Kommandeur der Logistikschule der Bundeswehr.

BrigGen Holger Draber, Kommandeur der Logistikschule der Bundeswehr zur Schule in Krise und Krieg, ©Bundeswehr/Jana Grünberg

Der Gastgeber ordnete die möglichen Umstellungen an seiner Schule zunächst im allgemein militärischen Kontext ein.

„Eine Anpassung, die wir bereits angestoßen haben, ist es ein War Gaming Logistics aufzusetzen.“, gab er bekannt.

Bei der stärkeren Digitalisierung in der Ausbildung seien der Einsatz von Drohnen, die Anwendung von KI und der 3D-Druck voranzutreiben. Mit moderner Ausbildungstechnologie sei ein ortsunabhängiges Ausbilden in virtuellen Trainingsumgebungen möglich, so General Draber.

Die Teilhabe an und das Auswerten von Übungen – beispielsweise Steadfast Dart 2026 – habe großen Wert, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Trotz multinationaler Einbindung im Rahmen des Bündnisses habe ein Nationales Element zur Unterstützung (NSE) seine Berechtigung. Die Ausbildung des Personals eines solchen NSE HQ (Hauptquartier) sei am Anteil JSTC der LogSchBw sinnvoll durchzuführen.

Am Ende der Veranstaltung bedankte sich der Präsident im bB GenMaj Jochen Deuer bei allen Mitwirkenden und warb bereits jetzt für die Informationsveranstaltung im Herbst 2026 in Aachen, die am 19./20.11.26 stattfinden soll.

Impressionen von der Informationsveranstaltung im Februar 2026 (©Bundeswehr/Jana Grünberg)

   

Autor: Oberstleutnant Roman Schlosser